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Full text of "Ueber künstliche Bildung des Harnstoffs"

253 



V. Ueber künstliche Bildung des Harnstoffs; 
von F. Wohl er. 



n einer früheren kleinen Notiz, die in dem III. Bande 
dieser Annalen abgedruckt ist, habe ich angegeben, dafs 
beim Einwirken von Cyan auf flüssiges Ammoniak, aufser 
mehreren anderen Producten, auch Oxalsäure und eine 
krjstallisirbare weifse Substanz entstehe, welche letztere 
bestimmt kein cyansaures Ammoniak sey, welche man aber 
dessen ungeachtet immer erhalte, so oft man versuche, z. B. 
durch sogenannte doppelte Zersetzung, Cyansäure mit Am- 
moniak zu verbinden. Der Umstand, dafs bei der Verei- 
nigung dieser Stoffe dieselben ihre Natur zu verändern 
schienen imd dadurch ein neuer Körper entstände, lenkte 
von Neuem meine Aufmerksamkeit auf diesen Gegenstand, 
undldiese Untersuchimg hat das unerwartete Resultat gege- 
ben, dafs bei der Vereinigung von Cyansäure mit Ammoniak 
Harnstoff entsteht, eine auch in sofern merkwürdige That- 
sache, als sie ein Beispiel von der künstlichen Erzeugung 
eines organischen, und zw r ar sogenannten animalischen, 
Stoffes aus unorganischen Stoffen darbietet. 

Ich habe schon früher angegeben, dafs man die oben 
erwähnte krystallisirte, weifse Substanz am besten erhält, 
wenn man cyansaures Silberoxyd durch Salmiak -Auflö- 
sung, oder cyansaures Bleioxyd durch flüssiges Ammo- 
niak zersetzt. Auf die letztere Art habe ich mir die, zu 
dieser Untersuchung angewendete, nicht unbedeutende 
Menge davon bereitet. Ich bekam sie in farblosen, kla- 
ren, oft mehr als zolllangen Krystallen angeschossen, 
die schmale rechtwinklige, vierseitige Säulen, ohne be- 
stimmte Zuspitzung, bildeten. 

Mit kaustischem Kali oder mit Kalk entwickelte die- 
ser Körper keine Spur von Ammoniak, mit Säuren zeigte 
er durchaus nicht die so leicht eintretenden Zersetzungs- 



254 

Erscheinungen der cyansauren Salze, nämlich Entwick- 
lung von Kohlensäure und Cyansäure, und eben so wenig 
fällte er, wie es ein wirkliches cyansaures Salz thut, die 
Blei- und Silbersalze ; er konnte also weder Cyansäure 
noch Ammoniak als solche enthalten. Da ich fand, dafs 
bei der letztgenannten Entstehungsart desselben kein an 
deres Product mitgebildet und das Bleioxyd rein abge- 
schieden wurde, so stellte ich mir vor, es könne bei der 
Vereinigung von Cyansäure mit Ammoniak eine organi- 
sche Substanz, und zunächst vielleicht ein den vegetabi- 
lischen Salzbasen ähnlicher Stoff entstehen; ich stellte 
daher aus diesem Gesichtspunkte einige Versuche über 
das Verhalten der Säuren zu dem krystallisirten Körper 
an. Er verhielt sich aber indifferent gegen dieselben, 
die Salpetersäure ausgenommen, welche in der concen- 
trirten Auflösung dieses Stoffes sogleich einen, aus glän- 
zenden Krystallschuppen bestehenden Niederschlag bil- 
dete. Diese Krystalle zeigten, nachdem sie durch mehr- 
maliges Umkrystallisiren gereinigt worden waren, sehr 
saure Charactere, und ich war schon geneigt, sie für 
eine eigenthümliche Säure zu halten, als ich fand, dafs 
sie, bei der Neutralisation mit Basen, salpetersaure Salze 
gaben, von denen sich durch Alkohol der krystallisir- 
bare Stoff mit allen Characteren, die er vor der Ein- 
wirkung der Salpetersäure hatte, wieder ausziehen liefs. 
Diese Aehnlichkeit im Verhalten mit dem Harnstoff ver- 
anlafste mich, vergleichende Versuche mit vollkommen 
reinem, aus Urin abgeschiedenem Harnstoff anzustellen, 
aus denen ganz unzweideutig hervorging, dafs Harnstoff 
und jener krystallisirte Körper oder das cyansäure Am- 
moniak, wenn man es so nennen könnte, vollkommen 
identische Stoffe sind. 

Ich führe das Verhalten dieses künstlichen Harnstoffs 
nicht weiter an, da es vollkommen mit dem übereinkommt, 
wie es, nach den Angaben von Proust, Prout u. A., 
von dem Urin -Harnstoff in den Schriften zu finden ist, 



255 

und bemerke nur den von ihnen nicht angegebenen Um- 
stand, dafs der Urin -Harnstoff, gleich wie der künstli- 
che, bei der Destillation, aufser der grofsen Menge von 
kohlensaurem Ammoniak, zuletzt auch in einem ganz 
auffallenden Grade den stechenden, Essigsäure ähnlichen 
Geruch der Cyansäure entwickelt, gerade so, wie ich es 
bei der Destillation von cyansaurem Quecksilber oder 
auch der Harnsäure und besonders des harnsauren Queck- 
silberoxyds gefunden habe. Bei dieser Destillation des 
Harnstoffs entsteht zugleich noch eine weifse, wie es 
scheint, eigentümliche Substanz, mit deren Untersuchung 
ich noch beschäftigt bin. 

Aber wenn beim Zusammentreten von Cyansäure 
und Ammoniak wirklich blofs Harnstoff entsteht, so mufs 
der Harnstoff vollkommen dieselbe Zusammensetzung ha- 
ben, die man durch Rechnung für das cyansäure Ammo- 
niak, nach der von mir für die cyansauren Salze ange- 
gebenen Zusammensetzungsformel, findet; und diefs ist in 
der That der Fall, wenn man im cyansauren Ammoniak, 
gleich wie alle Ammoniaksalze Wasser enthalten, 1 At. 
Wasser annimmt, imd Prout's Analyse vom Harnstoff 
als die richtigste betrachtet. Nach ihm *) besteht der 
Harnstoff aus: 







Atome, 


Stickstoff 


46,650 


4 


Kohlenstoff 


19,975 


2 


Wasserstoff 


6,670 


8 


Sauerstoff 


26,650 


2 



99,875 

Das cyansäure Ammoniak würde aber aus 56,92 
Cyansäure, 28,14 Ammoniak und 11,74 Wasser beste- 
hen, was für seine entfernten Elemente ausmacht: 

*) Annais of Philosoph. T. XL p. 354. 



256 

Atom. 
Stickstoff 46,78 4 

Kohlenstoff 20,19 2 

Wasserstoff 6,59 8 

Sauerstoff 26,24 2 

99,80 *). 

Man hätte also, ohne die Bildung des Harnstoffs 
aus Cyansäure und Ammoniak durch den Versuch ge- 
funden zu haben, im Voraus berechnen können, dafs 
cyansaures Ammoniak mit 1 Atom Wasser dieselbe Zu- 
sammensetzung hat, wie der Harnstoff. Bei der Ver- 
brennung der Cyansäure durch Kupferoxyd erhält man 
2 Volum Kohlensäuregas und 1 Volum Stickgas, aber 
bei der Verbrennung des cyansauren Ammoniaks müfste 
man gleiche Volumina von diesen Gasen erhalten, also 
auch dasselbe Verhältnifs bei der Verbrennung des Harn- 
stoffs, und so hat es in der That auch Prout gefunden. 

Ich enthalte mich aller der Betrachtungen, die sich 
in Folge dieser Thatsache so natürlich darbieten, beson- 
ders in Beziehung auf die Zusammensetzungs-Verhältnisse 
organischer Stoffe, in Beziehimg auf gleiche elementare 
und quantitative Zusammensetzung bei Verbindungen von 
sehr verschiedenen Eigenschaften, wie es unter anderen 
von der Knallsäure und Cyansäure, von einem flüssigen 
Kohlenwasserstoff imd dem ölbildenden Gase, angenom- 
men wird, und es mufs erweiterten Erfahrungen über 
mehrere ähnliche Fälle überlassen bleiben, welche allge- 
meine Gesetze sich davon ableiten lassen. 

*) Es sind hiebe! die neuen Atomengewichte vonBerzelius zum 
Grunde gelegt; also Ist N = 88,518, C = 76,437, H = 6,2398, 
= 100,000, Wasser (H)rz: 112,479, cyansaures Ammoniak 
= &tP+€&0 und Harnstoff =Pffl 3 +€PfO+H. 



257 



VI. Versuche über einige Stickstoff oxydsaure Sähe; 
von Dr. Herr mann Hejs in Jrkutzk. 



D 



ie Verbindungen des Stickstoffoxyds mit den Basen 
sind, obgleich seit längerer Zeit bekannt, wenig studirt 
worden. Einige Chemiker zweifeln an ihrem Daseyn; 
der Gegenstand verdiente durch Versuche näher beleuch- 
tet zu werden, ich theile daher meine Erfahrungen über 
diese Verbindungen mit. 

Stickstoff oxydkali. Erhitzt man salpetersaures Kali 
in einem silbernen Tiegel bis zur Piothglühhitze, so kocht 
das Salz unter Entwickelung von Sauerstoffgas, wobei die 
Salpetersäure zu Sticksioffoxyd reducirt wird, welches mit 
Kali in Verbindung bleibt. Man erkennt, dafs die Masse 
hinlänglich geglüht hat, daran, dafs sich aus der Mün- 
dung des Tiegels kein Rauch mehr entwickelt, und dafs 
ein glimmender Holzspahn darin verlischt. Das geflos- 
sene Salz wird auf ein blankes Eisen ausgegossen, wo 
es sogleich erstarrt. Es hat einen strahligcn Bruch, ist 
luftbeständig. Es ist im Wasser auflöslich; kochendes 
Wasser nimmt viel mehr davon auf als kaltes, so dafs 
es beim Erkalten krystallisirt; es gleicht dem Salpeter 
so sehr, dafs man beide Salze dem Ansehen nach nicht 
von einander unterscheiden kann. In Alkohol ist es un- 
auflöslich. Ob es frei von salpetrichter Säure sey, wird 
auf die Weise *) geprüft, dafs etwas von dem Salze 
über Quecksilber in einer Proberöhre durch Salzsäure 
zersetzt wird. Ist das Gas farblos, so war das Salz frei 
von salpetrichter Säure. Hier mufs ich bemerken, dafs 
ich bei dieser Prüfung [nie ein gefärbtes Gas erhalten 
habe, welches zu zeigen scheint, dafs die salpetersauren 
Salze durch Glühen nicht in salpetrichtsaure verwandelt 
werden können, wie man es geglaubt hat, sondern in 

•) Berzel. Lehrbuch, Th. II. pag. 472. 
Annal. d. Physik. B. 88. St. 2. J. 1828. St. 2- R 



258 

Stickstoffoxyd -Salze; hat man das Glühen nicht lange 
genug fortgesetzt, so bekommt man ein Gemenge eines 
Salpetersäuren und eines stickstoffoxydsauren Salzes. Da- 
mit stimmt auch die Erfahrung überein, dafs die salpe- 
trichtsauren *) Salze am besten durch doppelte Zersetzung 
erhalten werden. Das Stickstoffoxyd -Kali schmilzt in der 
Hitze eben so leicht wie der Salpeter. Das Salz durch 
Chlorwasserstoffsäure zerlegt, gab folgende Resultate: 
100 Th. Stickstoffoxyd -Kali gaben 

Chlorkalium. Kali. Sauerstoff. 

Versuch I. 95,03 entspricht 60,11 enthält 10,18 
— II. 95,19 — 60,21 — 10,20. 

Indem wir nun annehmen, dafs die Menge des Stickstoff- 
oxyds, welche nöthig war, um das Kali zu sättigen, dop- 
pelt so viel Sauerstoff enthielt als das letzte, so erhalten 
wir für den ersten Versuch 38,24, für den zweiten 38,31. 
Wir haben also 

60,11 + 38,24=98,35 Stickstoffoxyd -Kali, 1,65 Verl. 
und 60,21+38,31=98,52 — — 1,48 — 

In beiden Fällen mufste der Verlust entweder von einem 
Wassergehalte oder von einer höheren Oxydationsstufe 
eines Antheils Stickstoff, als in der Berechnung ange- 
nommen worden ist, herrühren. Ich versetzte eine Auf- 
lösung desselben Salzes mit Chlorwasserstoffsäure, und 
kochte damit metallisches Gold. Es wurde etwas Gold 
aufgelöst; die Flüssigkeit hatte also etwas Salpetersäure 
enthalten. Ich wiederholte die Analyse mit einem sorg- 
fältig bereitetem Salze. 

100 Th. gaben 95,76 Chlorkalium, welche 99,06 
Stickslolfoxyd-Kali entsprechen, woraus man sieht, dafs 
es schwer ist das Salz vollkommen rein zu erhalten. 
100 Th. Stickstoffoxyd -Kali enthalten also 

Kali. Stickstoffoxyd. 

61,14 38,86. 

Die Krystalle enthalten kein Wasser. 

*) Berzel Lehrbuch, Th. I. p. 481. 



259 

Versetzt man eine Auflösung dieses Salzes mit Wein- 
säure, so entsteht ein Niederschlag, der saures weinstein- 
saures Kali ist, und die Flüssigkeit entwickelt Stickoxyd- 
gas. Wird sie gelinde abgedampft, so erhält man sei- 
denglänzende Krjstalle, welche sauer reagiren und ein 
Doppelsalz mit Weinsäure zu seyn scheinen. 

Stickstoff oxyd- Natron. Wird aus dem salpeter- 
sauren Natron wie das vorhergehende erhalten. Man 
bekommt dieses Salz leichter frei von Salpetersäure als 
das Kalisalz. Es krystallisirt aus der wäfsrigen Auflö- 
sung in schönen Rhomboedern. In Alkohol ist es nicht 
auflöslich. Es enthält Krystallwasser, welches durch 
Schmelzen nicht vertrieben werden kann. 

Zur Analyse wandte ich ein Salz an, welches über 
Quecksilber ein farbloses Gas gegeben hatte, und mit 
Salzsäure kein Gold aufzulösen vermochte. Im ersten 
Versuch gaben 101 Th. Stickstoffoxyd -Natron 84 Th. 
Chlornatrium, und im zweiten gaben 133 Th. des ge- 
schmolzenen Salzes 111 Th. Chlormetall. 84 entspre- 
chen 44,76 Natron und 111 = 59,15 Natron. Rechnet 
man nun das entsprechende Stickstoffoxyd zu und nimmt 
den Verlust als Wasser an, so erhält man folgende Zu- 
sammensetzung: 



I. Versuch. 




II. Versuch. 




Oxygen. 


Oxygen. Berechnet. 


Natron 44,32: 


= 11,34 


44,47 = 11,38 44,52 


Stickstoffoxyd 42,37 = 


= 22,68 


42,62=22,76 42,67 


Wasser 13,31 = 


= 11,75 


12,91 = 11,39 12,81 



100,00 100,00 100,00 

Stickstoff oxyd- Ammoniak. Habe ich in isolirter 
Gestalt nichts erhalten können, vermuthe aber, dafs es 
existirt, weil das Kalisalz mit Salmiak versetzt noch vor 
dem Sieden ein Gas entwickelt, welches das Brennen 
nicht unterhält, und ein mit Salzsäure befeuchteter Glas- 
stab vor der Mündung des Kolben etwas raucht, Nun 

R 2 



260 

ist es aber wahrscheinlich, dafs wenn das Salz existirt, 
die Prodücte der Zersetzung,- Wasser, Stickstoff und 
freies Ammoniak seyn müssen. 

Stickstoffoxyd-Baryt. Wird aus dem salpetersauren 
Salze durch Glühen erhalten. Es bedarf keiner starken 
und anhaltenden Hitze; je mehr man es glüht desto mehr 
Baryterde erhält man. Die geglühete Masse wird in 
Wasser aufgelöst imd abgedampft; es krystallisirt wie das 
salpetersaure Salz. Man mufs es abermals auflösen, um 
es von anhängendem kohlensauren Baryt zu trennen. 

201 Th. dieses Salzes durch Salzsäure zersetzt ga- 
ben 193 krystallisirtes Chlorbaryum, welche = 167,95 
Chlorbaryum. 

Das Salz bestand also aus: 

Baryt 123,66 enthält Oxygen 12,96 

Stickstoffoxyd 48,43 — — — 

Verlust als Wasser 28,91 — — 25,52 

201,00. 

Man sieht also, dafs das Salz eine Menge Krystalli- 
sationswasser enthält, deren Sauerstoff das Doppelte von 
dem Sauerstoff der Base ist. 

Berechnet ist seine Zusammensetzimg folgende: 

Baryt 61,47 

Stickstoffoxyd 24,07 
Wasser 14,46 

100,00 

Das Wasser kann durch Hitze nicht vertrieben werden. 

Stickstqffoxyd-Kalk. Wird wie die vorhergehen- 
den Salze erhalten. Ich untersuchte bei dieser Gelegen- 
heit die Menge des Wassers, welche der krystallisirte sal- 
petersaure Kalk enthielt. Ihr Sauerstoff beträgt vier 
Mal so viel als die der Base. Der Stickstoffoxyd -Kalk 
verhält sich, den äufsern Eigenschaften nach, ganz wie 
das salpetersaure Salz, und zerfliefst eben so leicht. 



261 

200 Th. Salz durch kohlensaures Ammoniak zersetzt 
gaben 97 kohlensauren Kalk =54,69 Kalk. Dieser ent- 
hält 15,31 Sauerstoff. 

54,69 Kalk erfordern 57,76 Stickstoffoxyd. Der Ver- 
lust betrug also 200 — (54,69 + 57,76) =87,52, der als 
"Wasser angenommen 77,26 Sauerstoff anzeigt. Er be- 
trägt also fünf Mal so viel als der der Base. 

Das Salz ist zusammengesetzt: 

Versuch. Berechnet. 

Kalk 27,35 27,58 

Stickstoffoxyd 28,89 28,94 

Wasser 43,76 43,48 

100,00 100,00 

(Das Salz hatte eine Spur von Salpetersäure ent- 
halten. ) 

Stickstoffoxyd-Silber. Wird erhalten durch Zersetzung 
des Stickstoffoxyd -Baryt mit schwefelsaurem Silber. Die 
Flüssigkeit setzte bei dem Abdampfen lange nadeiförmige 
Krystalle von strohgelber Farbe ab. Sie hatten folgende 
Eigenschaften. Vom Sonnenlichte wurden sie geschwärzt, 
in Wasser waren sie nicht mehr auflöslich, sondern wur- 
den davon so zersetzt, dafs sich ein Salz in Flocken nie- 
derschlug, so lange ein anderes in geringer Menge sich 
auflöste. Ich wollte das gelbe Salz analysiren, und über- 
gofs eine gewisse Menge mit Chlorwasserstoffsäure. Die 
Krystalle überzogen sich an der Oberfläche mit Chlor- 
silber, indem sie etwas Gas entwickelten, und blieben dann 
unverändert. In Ammoniak lösten sie sich auf. Die Schale, 
worin ich die Analyse machte, wurde zerschlagen und der 
Versuch vereitelt. Ich würde einen so geringfügigen Um- 
stand nicht anführen, wenn ich das Salz später hätte er- 
halten können. Gelinde in einer Glasröhre erhitzt, zer- 
fiel das Salz in metallisches Silber und salpetrichte Säure. 
Ich versuchte mehreremal ohne Erfolg, dasselbe Salz her 
vorzubringen. Man mufs dabei den überschüssigen Baryt 



262 

nicht durch Schwefelwassersäiire entfernen wollen, wie 
ich es ein Paar Mal machte, denn in diesem Fall erhält 
man neutrales salpetrichtsaures Silberoxyd, welches nicht 
krystallisirt erhalten werden kann. Mit Stickstoffoxyd- 
Natron erhielt ich das Salz zum zweiten Mal, aber in 
zu geringer Menge, um analysirt zu werden; beim Ab- 
dampfen der Flüssigkeit oxydirt es sich schnell und geht 
allmählig in salpetersaures Salz über. Ich hatte keine 
Luftpumpe, um das Salz bei Ausschlufs der Atmosphäre 
zu erhalten. 

Stickstoffoxyd- Blei. Obgleich ich dieses Salz nicht 
erhalten konnte, und meinen Zweck nicht erreichte, in- 
dem ich basische Stickstoffoxyd -Bieisalze hervorzubrin- 
gen beabsichtigte, so führe ich einige Versuche an, weil 
sie zu zeigen scheinen, dafs das Salz erzeugt werden 
kann. Salpetersaures Blei wurde in einem silbernen Tie- 
gel geglüht. Es entwickelte sich Sauerstoff und salpe- 
trichte Säure. Da sich die Flüssigkeit mit einer metalli- 
schen Haut überzog, so wurde der Versuch unterbrochen. 
Die erstarrte Masse wurde mit Wasser ausgekocht und 
filtrirt. Beim Erkalten setzte die Flüssigkeit eine grofse 
Menge eines weifsen Salzes ab, welches scharf getrock- 
net durch Hitze zerlegt wurde. 

71 Th. gaben 57 Th. gelbes Oxyd, die 4,08 Sauerstoff 
enthalten. 14 Th. Salpetersäure enthalten aber 10,36 Sauer- 
stoff, woraus erhellt, dafs es halb -salpetersaures Bleioxyd 
war. Die Flüssigkeit, die kein Salz mehr absetzte, wurde 
abgedampft, wobei sie so zersetzt wurde, dafs sich sal- 
petersaures Blei bildete und metallisches Blei ausschied. 

Zersetzt man Stickstoffoxyd -Kalk mit salpetersaurem 
Blei, so wird die Salpetersäure zerlegt, und es bilden sich 
salpetrichtsaure Salze. Beim Erkalten schlägt sich das 
neutrale salpetrichtsaure Bleioxyd in Gestalt eines wei- 
fsen krystallinischen Pulvers aus der gelben Auflösung 
nieder. Dieses Salz kann durch gelindes Erhitzen über 
einer kleinen Weingeistlampe so zerlegt werden, dafs der 



263 

Rückstand drittel -salpetrichtsaures Bleioxyd ist. Versetzt 
man die Auflösung, die das neutrale Salz abgesetzt hatte, 
mit Alkohol, so wird ein weifses Pulver niedergeschla- 
gen, welches beim Glühen genau 80 Proc. Bleioxyd hin- 
terläfst, woraus ich schliefse, dafs es halb-salpetrichtsaures 
Bleioxyd ist. Die mit Alkohol gefällte Flüssigkeit bleibt 
gelb, und enthält also noch ein aufiösliches Bleisalz. 



VII. Ueber die Zusammensetzung einiger organi- 
schen Substanzen; von William Prout, 

(Aus dem in den Ann. de chim, et de phys. XXXVI. p. 366. mit- 
getheilten Auszug aus der Philosoph. Transact. für 1827.) 



as zur Zerlegung dieser Substanzen angewandte Ver- 
fahren bestand in der gleichzeitigen Anwendung von Ku- 
pferoxyd und Sauerstoffgas. Die mit dem Kupferoxyde 
gemischte Substanz wurde in ein Rohr gebracht, welches 
an jedem seiner Enden mit einem umgekehrten Heber in 
Verbindung stand, der das Sauerstoffgas enthielt und als 
Gasometer diente. Dadurch, dafs man Quecksilber in 
den offenen Schenkel des einen Hebers gofs, und gleich- 
zeitig das Quecksilber in dem andern Heber, durch einen 
an seiner Krümmung befindlichen Hahn, ausfliefsen liefs, 
trieb man das Sauerstoffgas von einem Heber in den an- 
dern. Die in den Apparat gebrachte Sauerstoffmenge 
wurde vor dem Versuch mittelst graduirter Gasometer 
gemessen; aus der Volumensänderung, welche das Sauer- 
stoffgas nach dem Versuch erlitten hatte, ergab sich die 
Wasserstoffmenge in der zerlegten Substanz. 

Der Apparat wurde durch eine Reihe kleiner Wein- 
geistlampen erhitzt, und nachdem die Wirkung des Ku- 
pferoxyds vorüber war, liefs man das Sauerstoffgas hin- 
und herströmen , um das Kupfer wieder vollständig zu 



264 

oxydiren und jeden etwa noch nicht verbrannten Theil 
der Substanz vollends zu verbrennen. 

Durch dieses Verfahren umgeht man die dem Ku- 
pferoxyde vorgeworfenen Uebelstände, dafs es Luft und 
Feuchtigkeit condensire, und erhält den Wasserstoff ge- 
nauer, als durch die bisher angewandten Verfahren. 

Rohrzucker. Der reinste Zucker, den ich kenne, 
ist der aus Rohrzucker bereitete Kandiszucker. Dieser 
Zucker, nachdem er durch wiederholte Krystallisation aus 
Wasser und Alkohol gereinigt, und durch mehrstündige 
Aussetzung einer Temperatur von 100° vom hygrometri- 
schen Wasser befreit war, fand sich folgendermafsen zu- 
sammengesetzt: 

Kohlenstoff 42,85 
Wasser 57,15 *). 

Die schönsten und reinsten Sorten des im Handel 
vorkommenden Hutzuckers, welche ich untersuchte, ga- 
ben bei gleicher Behandlung genau dieselben Resultate. 
Man darf also annehmen, dafs ihre Zusammensetzimg die- 
selbe ist, wie die des Hutzuckers. Der Rohrzucker scheint 
durch die Siedhitze des Wassers keine Zersetzung zu er- 
leiden; allein bei 150° C. fängt er an zu schmelzen und 
eine dunkelbraune Flüssigkeit zu bilden. Als er bei einem 
Versuche sieben Stunden lang dieser Temperatur ausge- 
setzt war, hatte er nur 0,6 Procent seines Gewichts ver- 
loren; aber seine Eigenschaften schienen beträchtlich (dune 
moniere permanente) geändert zu seyn. Berzelius hat 
indefs gezeigt, dafs der Zucker bei der Verbindimg mit 
Bleioxyd 5,3 Proc. Wasser verliert. Ich habe das zucker- 

) Diese Zusammensetzung würde ziemlich mit der Formel: 
12C-}-22H-}-llO oder mit der ihr gleichwertigen: 12C-f-llH 
(worin C = 76,437 und H = 112,479) übereinstimmen, denn 
diese giebt: 42,573 Kohlenstoff und 57,427 Wasser. Nach Ber- 
zelius enthält bekanntlich dieser Zucker 1 Atom Wasserstoff 
mehr, und, in Verbindung mit Bleioxyd, 1 At. Wasser weniger. 

P. 



265 

saure Bleioxyd oft dargestellt, und habe es zufällig ein- 
mal in schönen Krystallen erhalten. 

Honig zucker. Der von mir untersuchte Zucker war 
aus Honig von Narbonne bereitet. Nach Beraubung sei- 
nes hygrometrischen Wassers durch mehrtägiges Aufbe- 
wahren unter einem Recipienten neben Schwefelsäure, 
zeigte er sich zusammengesetzt aus: 
Kohlenstoff 36,36 
Wasser 63,63 *). 

Bei gewöhnlicher Beschaffenheit der Atmosphäre ent- 
hält dieser Zucker gewöhnlich mehr Wasser, als es diese 
Analyse angiebt, nämlich ungefähr 64 Procent. Ander- 
seits verliert er bei einer Temperatur, die weit unter der 
Siedhitze des Wassers liegt, schnell ungefähr 3 Procent 
Wasser und fängt an flüssig zu werden. In einem Ver- 
suche, worin er 30 Stunden lang der Siedhitze des Was- 
sers ausgesetzt wurde, verlor er mehr als 10 Proc. sei- 
nes Gewichts an Wasser, nahm eine dunkelbraune Farbe 
an und schien theilweise zersetzt zu seyn. 

Der Stärkemehlzucker gehört offenbar zu dieser 
Varietät, eben so wie der diabetische Zucker, und wahr- 
scheinlich der Traubenzucker, Feigenzucker u. s. w. Alle 
diese Zuckerarten sind im Zustande der Reinheit von einem 
schönen Weifs, krystallisiren in Warzen, und sind bei ge- 
wöhnlicher Beschaffenheit der Atmosphäre luftbeständig. 

Stärkemehlzucker. Diabetischer Zucker. 

Kohlenstoff 36,2 36 bis 40? 

Wasser 63,8 64—60 

Weizenstärke. Diese Substanz ist von mehreren 
Chemikern mit sehr verschiedenen Resultaten analysirt. 

•) Diese Zusammensetzung würde ziemlich mit der Formel: 

12C-J-14H übereinstimmen, denn diese giebt: 36,808 Kohlen- 
stoff und 63,192 "Wasser. Danach würde der Honigzucker 3 At. 
"Wasser mehr enthalten als der Rohrzucker. Doch stimmt für 
erstem auch eben so gut die Formel: 5C-f-6H; sie giebt 36,156 
Kohlenstoff und 63,844 Wasser. P. 



266 

Gay-Lussac und The'nard fanden darin 43,55 Froc. 
Kohle, Ure dagegen nur 38,55 Procent. Die folgenden 
Bemerkungen werden diese Verschiedenheit genügend er- 
klären. 

Eine sehr schöne Sorte Stärkemehl, die auf mein Ge- 
such ohne Zusatz des Farbstoffs, welchen man gewöhn- 
lich in dem käuflichen Stärkemehl zurückläfst, eigens be- 
reitet und mehrere Monate lang an einem trocknen Orte 
aufbewahrt worden war, gab, abgesehen von den frem- 
den Stoffen: 

Kohlenstoff 37,5 

Wasser 62,5. 

Hundert Theile derselben Sorte, fein gepulvert und 
20 Stunden lang einer Temperatur von 95 bis 100° C. 
ausgesetzt, verloren, ira Mittel aus zweien Versuchen, 
12,5 Theile, und gaben bei der x\nalyse: 

Kohlenstoff 42,8 

Wasser 57,2. 

In diesem Zustande enthält das Stärkemehl jedoch 
noch Wasser, von dem man es zum Theil durch Aus- 
setzung einer höheren Temperatur befreien kann. Als 
es nämlich nach 24 stündiger Erwärmung bis zu 100° C. 
sechs Stunden lang einer Temperatur von 150° bis 180° C 
ausgesetzt wurde, verlor es noch 2,3 Procent mehr, und 
in diesem Zustande analysirt gab es: 

Kohlenstoff 44 

Wasser 56. 

Es hatte jetzt eine schwach gelbe Farbe und schien 
in seinen Eigenschaften etwas geändert zu seyn. Die 
zuletzt gefundene Wassermenge ist also nahe die gröfste, 
die das Stärkemehl ohne Zersetzung verlieren kann *). 

*) Von den drei liier angeführten Zusammensetzungen der VVci- 
zenstärke stimmt die erste mit der Formel: 12L-f-14M, die 
zweite Formel mit der Formel: 12C-J-11H, und die dritte 
mit der Formel: 12C + 10H. P. 



267 

Arrow -root (Stärkemehl aus der Wurzel der Ma- 
ranta indicä). Diefs ist eine andere Art von Stärkemehl, 
von dem es, wie vom Zucker, eine grofse Zahl von Ab- 
arten zu geben scheint. Nachdem es 20 Stunden lang 
bei einer Temperatur von 92° bis 100° getrocknet wor- 
den war, gab es, abgesehen von den fremden Substan- 
zen, bei der Analyse: 

Kohlenstoff 42,8 
Wasser 57,2 

Als es aber noch sechs Stunden länger in einer Tem- 
peratur von 100° C. gehalten wurde, verlor es noch 3,2 
Procent mehr> und dann war es von ähnlicher Beschaf- 
fenheit wie die bei 150° und 180° C. getrocknete Wei- 
zenstärke. Es gab sehr nahe: 

Kohlenstoff 44,4 
Wasser 55,6 

Durch eine abermalige sechsstündige Erwärmung bis 
auf 150° und 180° C. verlor es noch 1,38 Proc; allein 
es wurde dabei weit dunkler braun , als die bei gleicher 
Temperatur getrocknete Weizenstärke, und zeigte sich be- 
deutend mehr zersetzt. Diese Art von Stärkemehl scheint, 
wie der erwähnte Honigzucker, alles zu seiner Zusam- 
mensetzung nicht wesentliche Wasser zu verlieren, wenn 
es einer Temperatur von 100°, und vielleicht selbst einer 
geringeren, hinlänglich lange ausgesetzt gewesen ist. 

Holzfaser. Die HH. The'nard und Gay-Lussac 
haben zuerst gezeigt, dafs die Holzfaser den Sauerstoff 
und Wasserstoff in dem zur Wasserbildung nöthigen Ver- 
hältnisse enthalten; ein Pvesultat, das durch meine Ver- 
suche vollkommen bestätigt wird. Ich habe Buchsbaum 
und Weidenholz untersucht. Nachdem ich diese Holz- 
arten fein gepulvert hatte, kochte ich sie so lange mit 
Wasser, bis dieses ihnen nichts mehr entzog, darauf mit 
Alkohol und nun wiederum mit Wasser. Nach diesen 
Auskochungen liefs ich den Faserstoff so lange an der 



268 

Luft liegen, bis er nichts mehr am Gewicht verlor, und 
dann wurde er analysirt. Die Resultate waren: 

Buchsbauraholz. VVeidenholz. 

Kohlenstoff 42,7 42,6 

Wasser 57,3 57,4*). 

Durch 24 stündiges Trocknen bei einer Temperatur 
von 100° C. , und ferneres 6 stündiges Trocknen bei einer 
Temperatur von 150° bis 165° C. , verlor das Buchs- 
baumholz 14,6 Proc. , und das Weidenholz 14,4 Proc. 
In diesem Zustande analysirt, gaben sie: 

Buclisbaumholz. "Weidenholz. 

Kohlenstoff 50,0 49,8 

Wasser 50,0 50,2**). 

Resultate, die fast mit denen von Gay-Lussac 
und Thenard beim Eichen- und Buchenholz erhalte- 
nen übereinstimmen. Man darf also annehmen, dafs alle 
Holzarten aus gleichen Theilen von Kohlenstoff und Was- 
ser zusammengesetzt sind. 

Der Holzstoff ist unzweifelhaft unter andern Gestal- 
ten als die Pflanzenfaser vorhanden, und wirklich scheint 
er das Gerippe auszumachen, auf welchem die meisten 
Vegetationsprocesse vor sich gehen. Um seine nähren- 
den Eigenschaften, mit denen allein wir es hier zu thun 
haben, zu erweisen, will ich nur erwähnen, dafs Hr. 
Professor Autenrieth in Tübingen vor einigen Jahren 
gezeigt hat, dafs man diese Substanz durch eine zweck- 
mäfsige Behandlung zur Brodbackimg geschickt machen 
kann. Seine Methode hiezu ist folgende. Man zieht zu- 
nächst alles in Wasser Lösliche durch wiederholtes Ein- 
weichen und Auskochen aus. Dann bringt man es in 
einen Zustand von grol'ser Zertheilung, d. h. man zer- 



*) Beide Resultate kommen nahe mit der Formel: 12C-J-11H 
überein. P. 

**) Ungefähr übereinstimmend mit der Formel: 12C-f-8H. P. 



269 

theilt es nicht blofs in Fasern, sondern macht ein wirk- 
liches Pulver daraus, und nachdem man es mehrmals der 
Hitze eines Backofens ausgesetzt hat, mahlt man es auf 
ähnliche Art wie Getreide. So zubereitet erhält es, nach 
dem Verfasser, den Geruch und den Geschmack des Wei- 
zenmehls. Es ist indefs niemals ganz weifs, sondern 
etwas gelblich. Es ist auch darin dem Mehle ähnlich, 
dafs es ohne Sauerteig nicht gährt, und zwar gährt es 
am besten mit Sauerteig von Weizenmehl. Es giebt als- 
dann ein völlig homogenes und lockeres Brod, welches, 
wenn es wohl ausgebacken ist, viel Kruste hat, und bes- 
ser schmeckt als das Brod, welches man zur Zeit der 
Noth aus Kleve bäckt. Das Holzmehl, mit Wasser ge- 
kocht, giebt auch eine steife, zitternde Gallerte, wie das 
Stärkemehl, und ist sehr nahrhaft. 

Essigsäure oder Essig. Biese Substanz scheint zu 
allen Zeiten und allen Orten, entweder zufällig oder ab- 
sichtlich, als Nahrungsmittel gebraucht zu seyn. Mehrere 
Chemiker haben Analysen derselben bekannt gemacht; 
aber, obgleich einige die wahre Zusammensetzimg gege- 
ben haben, hat, sonderbar genug, keiner von ihnen den 
merkwürdigsten Umstand in ihrer Zusammensetzung be- 
merkt, nämlich den, dafs Sauerstoff und Wasser darin 
in dem Verhältnisse der Wasserbildung enthalten sind *). 
Einige Versuche, die ich vor mehreren Jahren angestellt 
habe, schienen diese Meinung sehr wahrscheinlich zu 
machen; aber nur durch mehrmalige Verbrennung von 
essigsaurem Kupferoxyd in meinem Apparat, habe ich 
gefunden, dafs das Sauerstoffvolumen sich nicht ändert, 
wodurch ich dann von der Richtigkeit meiner Meinung 
vollkommen überzeugt worden bin. 

Die Essigsäure, welche das zu ihrer Zusammensetzung 
nÖthige Wasser enthält, hat mir gegeben: 
Kohlenstoff 47,05 
Wasser 52,95 

*) Der Hr. Verf. schliefst vielleicht Hrn. Gay-Lussa c vonihnenaus. 
**) Uebereinstimmend mit der Formel: 12C-f~9H. Ä 



270 

ein Resultat, das fast genau mit denen anderer Chemi- 
ker übereinstimmt. 

Milchzucker. Durch wiederholte Krystallisation ge- 
reinigt, habe ich folgende Zusammensetzung für ihn ge- 
funden: 

Kohlenstoff 40 
Wasser 60 

welches Resultat fast genau mit dem von Berzelius 
gegebenen übereinkommt. 

Mannazucker. Durch die bekannten Methoden ge- 
reinigt, gab er mir: 

Kohlenstoff 38,7 
Wasser 61,3 

ein Resultat, das von denen Th. Saussure's sehr ab- 
weicht. Der Mannazucker scheint sein hygrometrisches 
Wasser erst bei der Temperatur 100° G. zu verlieren» 
aber einige Grade darüber, fängt er an sich zu zersetzen, 
und bei 120° C. nimmt er, ohne zu schmelzen, die Form 
eines braunen Pulvers an, und stöfst einen starken brenz- 
lichen Geruch aus. 

Mimosengummi. Im Zustande seines gewöhnlichen 
Vorkommens zerlegt, gab er, abgesehen von den fremd- 
artigen Beimischungen: 

Kohlenstoff 36,3 
Wasser 63,7. 

Hundert Theile desselben Gummi's 24 Stunden lang 
einer Temperatur von 95° bis 100° C. ausgesetzt, ver- 
loren 12,4 Proc. Wasser. Seine Zusammensetzung, nach 
diesem Ergebnifs berichtigt, würde seyn: 
Kohlenstoff 41,4 
Wasser 58,6. 

Diefs Resultat ist durch die Analyse fast genau be- 
stätigt worden. Dasselbe Gummi, noch 6 Stunden län- 
ger einer Temperatur von 150° bis ISO ausgesetzt, nahm 
eine braune Farbe an, und schien eine Zersetzung erlit- 
ten zu haben, obgleich sein Gewichtsverlust nur 2,6 Proc. 



271 

betrug. Kienach ist es wahrscheinlich, dafs das Gummi 
alles zu seiner Zusammensetzung nicht wesentliche Was- 
ser bei der Temperatur von 100° C. verliert, vorausge- 
setzt, dafs er derselben hinlänglich lange ausgesetzt ge- 
wesen ist: 

Vegetabilische Säur e n. 

Oxalsäure. Vor mehreren Jahren habe ich bewie- 
sen, dafs diese Säure im krystallisirten Zustande, zusam- 
mengesetzt ist aus: 

Kohlenstoff 19,04 

Sauerstoff 38,11 

Wasser 42,85 

welche Zusammensetzung schon vor langer Zeit von an- 
dern Chemikern für diese Säure angegeben, und, wie ich 
glaube, auch allgemein angenommen ist, nur nicht vom 
Dr. Thomson, welcher uns lehrt, dafs er eine Oxal- 
säure angetroffen, die die Hälfte ihres Gewichts an Was- 
ser enthalten habe. Ich habe eine grofse Menge Proben 
dieser Säure untersucht, allein bis jetzt ohne irgend einen 
Erfolg zu Gunsten dieser Angabe. 

Citronejisäure. Diese und die folgenden Säuren, mit 
Ausnahme der Apfelsäure, wurden zu gleicher Zeit mit 
der Oxalsäure untersucht, und neuerlich habe ich die 
damals erhaltenen Resultate bestätigt gefunden. Die kry- 
stallisirte Citronensäure finde ich zusammengesetzt aus: 

Kohlenstoff 34,28 

Sauerstoff 22,87 

Wasser 42,85 

Mehrere Chemiker sind dieser Zusammensetzung sehr 
nahe gekommen, aber keiner hat sie meines Wissens ge- 
nau gegeben. 

Weinsteinsäure. In Krystallen ist sie zusammenge- 
setzt aus: 

Kohlenstoff 32,0 

Wasser 36,0 

Sauerstoff 32,0 



272 

Eine ähnliche Zusammensetzung hat der Dr. Thom- 
son in seinem Werke über die Proportionen gegeben. 

Apfelsäure. Sie wurde nicht für sich, sondern in 
Verbindung mit Bleioxyd, Kalk und Kupferoxyd unter- 
sucht. Abgesehen von dem Wasser, welches zu ihrer 
Zusammensetzung nicht wesentlich ist, gab sie: 
Kohlenstoff 40,68*) 
Wasser 45,76 

Sauerstoff 13,56. 

Diese Säure kann unter gewissen Gesichtspunkten 
als eine der wichtigsten von allen Pflanzensäuren angese- 
hen werden. 

Schleimsäure. Die unerwartete Zusammensetzung 
dieser Säure bestimmte mich, ihre Eigenschaften vollstän- 
diger zu untersuchen, als es sonst geschehen seyn würde. 
Die, welche ich zuerst anwandte, war aus Milchzucker 
bereitet und ziemlich rein, obwohl nicht vollständig. Zu- 
letzt zog ich die aus Gummi bereitete vor, welche sich, 
obgleich man sie in einem ungemeinen unreinen Zustande 
erhält, durch folgendes Verfahren leicht und vollständig 
reinigen läfst. 

Man 

•) Diese Analyse würde nahe mit der Formel: 4C-J-3 H J -Q 
übereinstimmen, denn diese giebt: 41,140 Kohlenstoff, 45,404 
Wasser und 13,456 Sauerstoff. Dieselbe Formel nimmt übri- 
gens, wie leicht zu ersehen, auch die Form 4C-j-6H-{-40 an. 
Sehr abweichend von dieser Analyse ist die, welche neuerlich 
Hr. Prof. Frommherz (in Schweigg. Journ. Bd. 47. S. 1.) 
bekannt gemacht hat. Derselbe findet nach dem Mittel aus zwei 
Versuchen in 100 Th. Apfelsäure: 29,297 Kohlenstoff, 65,947 
Sauerstoff und 4,756 "Wasserstoff, welche Zusammensetzung 
nach den neuen Atomgewichten von Berzelius der Formel: 
7Li-j-14H— J-12 entsprechen würde. Was der Grund dieser 
bedeutenden Abweichung ist, kann wohl nur durch eine neue 
Untersuchung entschieden -werden. Bemerken will ich nur, dafs 
Prof. H. Rose vor mehrern Jahren eine Analyse der Aepfelsäure 
unternommen hat, die er selbst, als eine seiner ersten Arbeiten, 
zwar nicht für ganz genau hält, die aber der vom Dr. Prout 
gegebenen sehr nahe kommt. P. 



273 

Man übersättigt die unreine Säure ein wenig mit 
Ammoniak und löst das Salz in siedendem Wasser auf. 
Die Lösung filtrirt man noch siedend, und dampft sie 
langsam fast zur Trockne ab. Das schlcimsaure Ammoniak 
setzt sich in Krystallen ab, und diese werden nun mit 
kaltem Wasser gewaschen, bis sie weifs und rein sind. 
Man löst sie nun in möglichst wenig siedenden Wassers, 
filtrirt die Flüssigkeit, und läfst sie in verdünnte Salpe- 
tersäure tröpfeln. Die letztere zersetzt das schleimsaure 
Ammoniak und fällt die Schleimsäure im Zustande völli- 
ger Reinheit. Die so erhaltene Säure gab: 

Kohlenstoff 33,33 

Wasser 44,44 

Sauerstoff 22,22 

welches Resultat von denen anderer Chemiker etwas ab- 
weicht, die sich wahrscheinlich nicht die Mühe gegeben 
haben, die Säure ganz rein darzustellen. 

Es wird nicht überflüssig seyn, hier einiger Um- 
stände zu erwähnen, deren Wichtigkeit, in Retreff der 
vorhergehenden Analysen, künftig noch einleuchtender 
seyn wird. 

Zunächst scheint die Gleichheit der Zusammensetzung 
des Honigzuckers und des Arrow -root *), bei gewöhnli- 
cher Reschaffenheit der Atmosphäre, zu beweisen, dafs 
die Unterschiede zwischen den verschiedenen Stärkemehl- 
arten denen analog sind, welche sich zwischen den Zuk- 
kerarten finden. 

Dann scheint aus der gleichen Zusammensetzung der 
Weizenstärke und des Rohrzuckers, des Honigzuckers 
und des Arrow-root hervorzugehen, dafs obgleich die zum 
Theil organisirten {merorganized , von fi^OQ, partim) 
Körper wirklich der Krystallisation nicht fähig sind, den- 
noch die ursprüngliche Tendenz ihrer wesentlichen Ele- 

*) Sollte hier nicht ein Irrthum obwalten? Die vorhin gegebenen 
Zusammensetzungen des Honigzuckers und des Arrow-root's sind 
wenigstens nicht identisch. P, 

Annal. d. Physik. B. 88 .St. 2. J. 1828. St. 2. S 



274 

mente, sich in gewissen Verhältnissen zu verbinden (viel- 
leicht auch gewisse Formen anzunehmen) zu wirken fort- 
fährt, wenn gleich im geringeren Grade, und dahin trach- 
tet, gewisse Arten emer bestimmten Existenz aufrecht zu 
erhalten. Endlich verlieren die krystallisirten Körper ihr 
Krystallwasser nur schwierig, und wenn sie es verlieren 
geschieht es sprungweise oder in bestimmten Verhältnis- 
sen. Die merorganisirten Körper dagegen halten bei 
allen Graden das Wasser so schwach zurück, dafs das- 
selbe, innerhalb gewisser Gränzen, schnell abgeschie- 
den werden oder sich mit ihnen in allen Verhältnissen 
verbinden kann; diefs gilt nicht blofs vom Wasser, 
sondern von jeder andern Substanz, die fähig ist, sich 
mit den merorganisirten Körpern zu verbinden. 

Ich enthalte mich für jetzt weitere Betrachtungen an- 
zustellen, und bemerke nur für diejenigen, die meine Ver- 
suche wiederholen wollen, dafs die Atomgewichte von Was- 
serstoff, Kohlenstoff und Sauerstoff bei den obigen Be- 
rechnungen zu 1:6:8 angenommen sind ; und dafs die von 
mir gegebenen Resultate die mittleren aus mehreren Ver- 
suchen sind, bei denen die Unterschiede 0,01 bis 0,03 
Kubikzoll auf 5 bis 8 Kubikzoll Kohlensäure - und Sauer- 
stoffgas betrugen. 



VIII. lieber einen besonderen Fall von dauern- 
der Einwirkung, welche die chemischen Eigen- 
schaften eines Metalls noch lange nach des- 
sen Berührung mit einem andern Metalle er- 
leiden. 

Von A. van Beek. 

Mitglied des Königl. Niederländischen Instituts. 



I 



n einer der ersten Klasse des K. Niederl. Instituts über- 
reichten und in den zweiten Theil der neuen Denkschrif- 



275 

ten desselben eingerückten Abhandlung „Ueber die Er- 
haltung des Kupferbeschlags der Schiffe im Meerwasser 
mittelst Contactelektricität," habe ich mich vorzüglich da- 
mit beschäftigt, alle Combinationen , durch welche diese 
Erhaltung möglich ist, so wie alle Umstände, welche die- 
selbe begleiten, durch genaue Versuche auszumitteln. 

Ich habe mich dabei von dem mächtigen Einflüsse 
der Berührung heterogener Metalle auf deren chemische 
Eigenschaften überzeugt, so wie auch von der Unzuläng- 
lichkeit der blofsen Lehre von den chemischen Verwandt- 
schaften, wie man sie vormals zur Erklärung dieser Er- 
scheinimg aufgestellt hat. 

1. In ein mit Meerwasser gefülltes Gefäfs stellte 
ich eine Kupferplatte ; sie winde bald oxydirt und das 
Wasser nahm in kurzer Zeit eine dunkelgrüne Farbe an. 

2. Unter denselben Umständen wurde eine Kupfer- 
platte, an welche eine kleine Platte von Eisen, Zinn oder 
Zink befestigt war, vollkommen geschützt. Das Kupfer 
behielt seinen Glanz, während das Eisen, Zinn oder Zink 
stark oxydirt wurde. 

3. Ein einziges sehr dünnes Glimmerblättchen, zwi- 
schen das Kupfer und Eisen des vorigen Versuchs ge- 
schoben, hob völlig die Schutzkraft des Eisens auf. Das 
Kupfer wurde oxjdirt. 

4. Als Kupfer und Eisen durch ein Glimmerblätt- 
chen an unmittelbarer Berührung gehindert, aber durch 
einen metallischen Leiter, einen Platindraht, im Bogen 
verbunden waren, wurde das Kupfer vollkommen ge- 
schützt, und es liefs sich keine Spur von Kupferoxyd 
in der Flüssigkeit wahrnehmen. 

Dieser Fall von schützender Wirkung von Eisen, 
welches das Kupfer nicht unmittelbar berührte, sondern 
nur mittelst eines zweiten Metalles (des Platins) mit ihm 
in Verbindung stand, wurde vollends durch den nachste- 
henden Versuch bestätigt. 

5. Eine Kupferplatte wurde mittelst eines Platin- 

S * 



276 

drahtes mit einer Eisenplalte verbunden. Hierauf stellte 
man die so vereinigten Metalle getrennt in zwei mit Meer- 
wasser gefüllte Gefäfse und verband das Wasser in bei- 
den durch einen Streifen benetzter Baumwolle oder durch 
einen gleichfalls mit Meerwasser gefüllten Heber. 

Bas Kupfer wurde nicht im mindesten angegriffen, 
und in dem Gefäfse, worin dasselbe sich befand, blieb 
das Wasser vollkommen durchsichtig, während in dem 
andern Gefäfse das Eisen sich stark oxjdirte. 

Bei dieser Gelegenheit habe ich die sonderbare That- 
saehe entdeckt, welche den Hauptgegenstand dieses Auf- 
satzes ausmacht. 

Nachdem ich den zum fünften Versuch gebrauchten 
Apparat 47 Tage lang in Wirksamkeit gehalten hatte, fiel 
mir ein, den Platindraht, welcher das Eisen und Kupfer 
verband, durchzuschneiden, in der Erwartung, dafs sich 
das Kupfer bald oxydiren würde, wie es, bei blofser 
Eintauchung in Meerwasser, gewöhnlich vom ersten Tage 
ab geschieht. Allein ich sah mich getäuscht. Zu meinem 
grofsen Erstaunen behielt nämlich das Kupfer seinen Glanz 
und das Wasser seine farblose Durchsichtigkeit vollkom- 
men bei. — Am vierten Tage hob ich die Gemeinschaft 
zwischen dem Wasser in beiden Gefäfsen auf, indem ich 
die Baumwolle fortnahm. Allein diefs hatte keinen Ein- 
flufs auf die Beschützimg des Kupfers; sie blieb voll- 
kommen. 

In der anfänglichen Meinung, dafs das Meerwasser 
durch die stattgehabte chemische Wirkung seine oxydi- 
rcnde Kraft auf das Kupfer verloren hätte, nahm ich eine 
kleine Portion desselben Wassers und stellte einen an- 
dern Kupferstreifen hinein; allein dieser wurde schon am 
ersten Tage oxydirt. Das Meerwasser, welches bei dem 
vorhergehenden Versuch in dem Gefäfse enthalten war, 
halte also die oxydirende Kraft auf das Kupfer keines- 
weges verloren, und folglich liefs sich dadurch die beob- 
achtete Erscheinung nicht erklären. 



277 

Anderseits hatte das angewandte Kupfer eben so 
wenig seine Oxydirbarkeit im Meerwasser verloren. Diefs 
ergab sich daraus, dafs dasselbe Kupfer schnell angegrif- 
fen wurde, als man es in ein anderes ^Gefäfs mit Meer- 
wasser stellte. 

Die sonderbare Thatsaehe, dafs das Kupfer, noch 
lange Zeit nach Aufhebung der die Beschützung veran- 
lassenden Berührung mit einem andern Metalle, fortdauernd 
geschützt bleibt, scheint also nach diesen Versuchen von 
einer vereinten und wechselseitigen Eigenschaft des Ku- 
pfers und des Meerwassers im Gefäfse herzurühren. 

Es scheint, dafs die elektrische und schützende Wir- 
kung des Eisens und des Meerwassers mit dem Kupfer, 
nachdem sie eine gewisse Zeit gedauert hat, zwischen 
den Elementen des Kupfers und des Meerwassers eine 
gewisse bleibende elektrische Spannung hervorruft, wel- 
che sich der, unter den gewöhnlichen Umständen so 
starken, Verwandtschaft des Sauerstoffs mit diesem Metalle 
kräftig widersetzt. 

Ich habe mich überzeugt, dafs die Berührung der 
Metalle eine gewisse Dauer haben mufs, wenn das Ku- 
pfer die Eigenschaft erlangen soll, nach aufgehobener 
Berührung beschützt zu bleiben. Denn als ich in einem 
Apparate dieser Art, welcher nur wenige Tage thätig ge- 
wesen war, die Berührung unterbrach, wurde das Kupfer 
schnell oxydirt. 

Gegenwärtig bin ich mit neuen Versuchen beschäf- 
tigt, um die erforderliche Dauer der galvanischen Action 
zur Beschützung des Kupfers, so wie auch um die Glän- 
zen dieser Beschützung selbst, kennen zu lernen. 

Das Kupfer, dessen Berührung nach 47tägiger Wir- 
kung in dem erwähnten Apparate unterbrochen wurde, 
bleibt nun schon 20 Tage lang nach jenem Zeitpunkte 
vollkommen geschützt, und es zeigt sich bis jetzt keine 
Anzeige von Oxydation in dem Gefäfse. 

Als ich mit diesen Untersuchungen beschäftigt war, 



278 

erhielt ich das Septemberheft der Annales de chimie et 
de phisique von 1827. Es befindet sich darin eine sehr 
interessante Abhandlung von Hrn. Prof. A. de la Rive 
über die besonderen Eigenschaften der metallischen Elek- 
tricitätsleiter, welche mehr oder weniger lange in dem 
Kreise einer, durch einen flüssigen Leiter geschlossenen 
Voltaschen Säule befindlich gewesen sind. Namentlich 
hat Hr. de la Rive gefunden, dafs diese Leiter (Pla- 
tindrähte), nachdem sie von der Säule genommen und 
in einen flüssigen Leiter getaucht worden, auf eine ge- 
wisse Zeit einen elektrischen Strom erzeugen, der im 
Stande ist die Nadel des Galvanometers abzulenken *). 

Die Aehnlichkeit zwischen seinen und meinen Ver- 
suchen scheint mir entschieden zu seyn, und eben so 
glaube ich, sind wir uns in sofern begegnet, als die 
Thatsache einer elektrischen Action, die nach Wegnahme 
ihrer Ursache (der Berührung der Metalle) fortdauert, 
gleichmäfsig aus Hrn. de la Rive 's Versuchen wie aus 
meinen hervorgeht ; nur zeigt sich die ungewöhnliche Er- 
scheinung, welche in Hrn. Rive's Versuchen nur eine 
kurze Dauer besafs und nur mittelst des Galvanometers 
zu erkennen war, in dem erwähnten Versuche im vollen 
Lichte und auf eine deutliche Art, da hier die Körper 
in ihren innigsten Eigenschaften angegriffen sind. 

Dafs metallische Leiter, welche zu einer Voltaschen 
Kette gehört haben, in einen bleibenden elektrischen Zu- 
stand gerathen, durch welche ihre chemischen Eigenschaf- 
ten nicht blofs theilweise, sondern gänzlich umgeändert 
werden, ist in meinen Augen eine merkwürdige Thatsa- 
che, welche die volle Aufmerksamkeit der Physiker ver- 
dient ! 

Zusatz. Im Laufe meiner Versuche über die 
Beschützung der Metalle, habe ich einen grofsen Feh- 
ler entdeckt, welchen der berühmte englische Chemiker 

*) Hrn. de la Piive's Versuche sind den Lesern 'in dies. Ann. 
Bd. 86. S. 425. mitgetheilt worden. P. 



279 

Sir Humpliry Davy begangen hat. In der Bak ein- 
sehen Vorlesung vom 8. Juni 1826, welche unter dem 
Titel: „On the electrica! and chemical changes" im 
3. Theil der Philosophical Transactions von 1826 be- 
kannt gemacht ist, räth derselbe nämlich zur Beschützung 
der Dampfkessel, besonders der auf Dampfböten, bei 
denen man häufig Meerwasser gebraucht, Zink oder Zinn 
anzuwenden. 

Entscheidende Versuche haben mich aber gelehrt, 
dafs Zinn, weit entfernt das Eisen zu schützen, vielmehr 
von diesem geschützt wird, und dafs demnach ein Stück 
Zinn, welches man in den Kessel bringt, um das Eisen 
vor der Oxydation zu bewahren und dadurch die Gefahr 
vor Explosionen zu verringern, gerade sehr viel zu des- 
sen baldiger Zerstörung beiträgt. 

Will man von dem Principe der wechselseitigen Be- 
schützung der Metalle hier eine nützliche Anwendung 
machen, so ist Zink das einzige Metall, welches man 
anwenden darf. 

A. v. JB. 



IX. JJeber das Leitvermögen verschiedener Me- 
talle für die Elektricität; von VF. Harris. 

(Aus dem Bullet, univers. des Sciences, Sect. I. T. VIII. p. 33. *).) 



1\ T 

liimmt man an, dafs die Metalldrähte, welche ein elek- 
trischer Schlag durchläuft, sich um so weniger erhitzen, 

*) Das Original findet sich in den Philosoph Transact. für 1827. 
Ich hahe indefs geglaubt mich einstweilen blofs mit diesem Aus- 
zuge begnügen zu dürfen, weil mir scheint, dafs sich gegen diese 
Untersuchung manche nicht unwichtige Einwürfe machen lassen. 
So z. B. ist der Satz, dafs die Erwärmung der Metalle durch 
den elektrischen Schlag sich geradezu umgekehrt wie das Lei- 
tungsvermögen derselben für Elektricität verhalte, doch lediglich 



280 



je besser sie die Elektricität leiten, so kann man durch 
die entwickelte Wärme die Leitungsfähigkeit dieser Me- 
talle für die Elektricität bestimmen. Der Verfasser nahm 
Metalldrähte von gleichem Durchmesser und gleicher Länge, 
spannte sie nach einander horizontal in einem Glasballon 
von 3" Durchmesser aus, und verband sie an ihren Enden 
mit einer elektrischen Batterie. Der mit Luft gefüllte 
(und luftdicht verschlossene) Ballon ruhte mit seinem 
Halse auf einem kleinen Behälter, welcher Weingeist ent- 
hielt und mit einem Haarröhrchen in Verbindung stand, 
dessen längerer Arm senkrecht in die Höhe ging. Im 
Augenblick, wenn der elektrische Schlag den im Ballon 
ausgespannten Draht durchlief, theilte dieser Draht seine 
Wärme der Luft im Ballon mit, und diese eingeschlos- 
sene Luft trieb, indem sie sich ausdehnte, die Flüssigkeit 
in dem Rohre in die Höhe. Die nachstehende Tafel ent- 
hält sämmtliche auf diesem Wege erhaltene Resultate. 

nur Annahme. Und wenn man bedenkt, -welchen Einflufs die 
Wärmeleitung und Wärmecapacität der Metalle auf deren Er- 
wärmung möglicherweise haben kann, und welchen Einflufs die 
Temperatur auf die Elektricitätsleitung erwiesenermafsen wirk- 
lich hat, so ist man gewifs berechtigt, einen thatsächlichen Be- 
weis von jenem Satz zu verlangen. Vergleicht man die Resultate 
in obiger Tafel mit denen des Hrn Becquerel (in dies. Ann. 
Bd. 84. S. 358. ), so findet man neben mancher Uebereinstim- 
mung auch mehrere beträchtliche Abweichungen. Um sie mit 
einem Blicke zu übersehen, stehe hier die Tafel des Hrn. Becque- 
rcl zusammen mit den aus Hrn. Harris Versuchen sich erge- 
benden Resultaten. 





Harr. 


Becq. 




Harr. 


Becq. 


Kupfer 


100 


100 


Platin 


20 


16,40 


Gold 


66,6 


93,60 


Eisen 


20 


15,80 


Silber 


100 


73,60 


Blei 


8,3 


8,30 


Zink 


33,3 


28,50 


Quecksilber 




3,45 


Zinn 


16,6 


15,50 


Kalium 




1,33 



Bei Hrn. Becq. hatten alle Metalle die Temperatur 0°, und 
der Trogapparat wirkte verhältnifsmäfsig nur schwach. Beide 
Umstände können auch das Ihrige zu den obigen Differenzen 
beigetragen haben. P. 



281 



Metalle u. Legirung. Wi 


rkungen. I 


Metalle u. Legirung. 


Wirkungen 


Kupfer . . . 


6 


Gold 1, Silber 1 


. 20 


Silber . . . . 


6 


Gold 3, Kupfer 1 . 25 


Kupfer 1, Silber 1 


6 


Gold 3, Silber 1 


. 25 


Kupfer 1, Silber 3 


6 


Zinn 1, Zink 1 . 


. 27 


Kupfer 3, Silber 1 


6 


Platin . . 


. 30 


Gold .... 


9 


Eisen . . . 


. 30 


Gold 1, Kupfer 3 . 


15 


Zinn 3, Zink 1 


. 32 


Gold 1, Silber 3 . 


15 


Zinn . . . 


. 36 


Zink .... 


18 


Zinn 3, Elei 1 


. . 45 


Messing .... 


18 


Zinn 1, Blei 1 


. . 54 


Kupfer 8, Zinn 1 . 


18 


Zinn 1, Blei 3 


. . 63 


Gold 1, Kupfer 1 . 


20 


Blei . . 


. . 72 



Man sieht aus dieser Tafel, dafs Kupfer und Silber 
die geringste Wärme erregt haben, und also die besten 
Elektricitätsleiter sind. Die Drähte wurden von ¥ V bis -^ 
Zoll Dicke genommen, doch hatten sie gleichzeitig die- 
selbe Dicke, da man sie jedesmal durch einen und den- 
selben Drahtzug gehen liefs. 



X. 



lieber das Wärme - Leitungs vermögen der 
hauptsächlichsten Metalle und einiger erdi- 
gen Substanzen; von Hrn. Despretz. 

(Ann. de chim. et de phys. XXXVI. p. 422.) 



er Bericht von meiner Abhandlung über das Wärme- 
leitmigsvermögen findet sich in den Annales de chimie 
et de physicjue T. XIX. p. 97. Seit der Zeit habe ich 
das Wärmeleitungsveraaögen des Goldes, Silbers und Pla- 
tins mitersucht, wovon ich die Resultate hier zugleich mit 
den älteren geben werde. 

Meine Versuche gaben mir für das Leitvermögen der 
hauptsächlichen Körper folgende Verhältnisse: 



282 



Gold 


1000,0 


Zinn 


303,9 


Silber 


973,0 


Blei 


179,6 


Platin 


981,0 


Marmor 


23,6 


Kupfer 


898,2 


Porzellan 


12,2 


Eisen 


374,3 


Ziegel- und 




Zink 


363,0 


Ofenmasse 


11,4 



Folgendes war der Gang einiger dieser Versuche, 
Alle Stangen waren quadratische Prismen. Der Abstand 
zwischen zwei auf einander folgenden Thermometern be- 
trug 10 Centimeter. Der Querschnitt der Stangen hielt, 
ausgenommen bei den beiden letzteren (Stangen) 21 mm 
in der Seite. Alle Stangen wurden mit einem und dem- 
selben Firnifs überzogen, um ihnen in Bezug auf die 
Wärmestrahlung eine gleiche Oberfläche zu ertheilen. Bei 
dem Versuch wurde die Stange an einem Ende mittelst einer 
Quinquet'schen Lampe *) erwärmt. Solch eine Lampe hat 
bei diesen Versuchen mehrere Vorzüge, namentlich ist es 
leicht sie zu handhaben, und dann bringt sie auch wenig 
nach dem Orte der Beobachtung hin. Die Temperatur 
Wärme der umgebenden Luft wurde durch ein sehr 
empfindliches Thermometer angegeben. Es gelang, diese 
Temperatur für die Dauer eines Versuches sehr nahe con- 
stant zu erhalten. Jeder Versuch dauerte sechs Stimden. 
Erst nach zwei bis drei Stunden erlangten die Thermome- 
ter eine stationäre Temperatur. Das der Lampe am näch- 
sten befindliche Thermometer nahm die Temperatur, auf 
welcher man es erhalten wollte, sehr schnell an, und 
man sah alsdann darauf, dafs diese Temperatur keine 
merklichen Aenderungen erlitt **): 

*) Der Name Lampe ä la Quinnuet oder oder — wie Hr. Des- 
p'retz schlechthin sagt — Quinguet , kommt der Lampe mit 
doppeltem Luftzuge gerechterweise nicht zu. Die Ehre der Er- 
findung gebührt dem Hrn. Argand und nicht dem Hrn. Quin- 
quet. Man sehe darüber: Dicouverte des Lampes a courant 
d'air et a cylindre ; par Mr. Arg and. Gcneve 1785. (P-J 

*) Ausführlicher findet man diefs Verfahren beschrieben in Biot's 
Tratte, Tom. IV. p. 666. ( P) 



283 



Kupferstange. Temperatur der Luft 17°,08 C. 

_ T , , r .., Summe zweier Ueber 

Ueberschuls üb. ... -,• •■,•_. j i 

_, r- . „, .. schusse dividirt durch 

Thermometer. Temperatur, die Temper.der d en zwischenliegenden 

Ueberscliufs. 



Luft. 



lstes 

2tes 

3tes 

4tes 

5tes 

6tes 



83°, 44 C. 
63,36 
49,70 
41,40 
35,71 
33,26 



66°, 36 C. 
46,28 
32,62 
24,32 

18,63 
16,18 



2,14 
2,15 

2,11 
2,17 



Eisenstange. Temp eratur der Luft 13 ,02 G. 



Thermometer. 

lstes 

2tes 

3tes 

4tes 

5tes 

6tes 



Temperatur. 

75°,92 
43,71 
33,64 
25,34 
21,21 
19,63 



Ueberschufs. 

62°,90 
36,69 
20,52 
12,32 

8,19 
6,61 



Quotient. 

2,34 
2,34 
2,33 
2,31 



Zinnstange. Temperatur der Luft 17°,34 C. 

Thermometer. Temperatur. Ueberschufs. Quotient. 

lstes 80°,75 63°,41 — 

2tes 52,51 35,17 2,42 

3tes 38,86 21,32 2,36 

4tes 32,86 15,52 — 



Bleistange. 
Thermometer. Temperatur. 

lstes 82°, 25 

2tes 46,54 

3tes 32,05 

4tes 27,11 



Temperatur 17°, 12. 
Ueberschufs. Quotient. 

65°,13 " — 

29,42 2,72 

14,93 2,64 

9,99 — 



Man beweist durch den Calcul, dafs das Warme- 

1 
leitungsvermögen proportional ist der Gröfse: 



(log. x) 



wenn x aus der Gleichung: xH =q bestimmt wird, in 

welcher q der Quotient ist aus der Division der Summe 
zweier Ueberschüsse durch den zwischenliegenden Ueber- 
schufs. (Man sehe Hrn. Fourier's Theorie analyticjue 
de la Chaleur.) 



284 

Man sieht aus diesen Versuchen, dafs die guten Lei- 
ter, wie Gold, Silber, Platin, Kupfer, Eisen und Zink, 
Resultate liefern, welche der von dem Calcul angezeig- 
ten geometrischen Reihe genügen. Man weifs, dafs in einer 
solchen Reihe der Quotient, aus der Division der Summe 
zweier Ueberschüsse durch den zwischenliegenden Ueber- 
schufs, eine constante Zahl ist. 

Nur die guten Leiter genügen einer Exponentialreihe. 
Schon das Blei, welches ungefähr 5 Mal weniger als das 
Kupfer leitet, besitzt diese Eigenschaft nicht. Der erste 
Quotient ist 2,72, und der zweite 2,64. 

Die Resultate, welche der Marmor, die Ziegelerde 
und überhaupt die wenig leitenden Materien geben, ent- 
fernen sich sehr von einer Exponentialreihe. Hier einige 
Resultate über den Marmor. 

Stange von weifsem Marmor, Tempera t. d. Luft 17°,15. 



:ermometer. 


Temperatur. 


Ueberschufs. 


Quotlen 


Istes 


81°,06 


63°,91 


— 


2tes 


23,23 


6,08 


10,83 


3tes 


19,10 


1,93 


3,87 


4tes 


18,62 


1,47 


— 



Der Querschnitt dieser Stange hielt 26 mm ,45 in der 
Seite. Um das Leitungsvermögen des Marmors in Bezug 
mit dem des Eisens zu setzen, nahm ich eine Eisenstange, 
die 26 inm in der Seite hielt. Der erste Quotient, den 
diese Stange lieferte, betrug 2,42, der zweite 2,40. 

Der geringe Unterschied in den Dimensionen beider 
Stangen winde bei der Berechnimg ihres respectiven Lei- 
tungsvermögens in Rechnung gezogen. 

Das Silber war in der Münze unter Aufsicht des 
Hrn. DA r c e t gereinigt. Das Platin war von Hrn. B r e a n t 
gereinigt. Die Goldstange verdanke ich der Güte des 
Hm. Amede'e de Pujmaurin, und Hr. Brougniart 
hatte die Gefälligkeit die Porcellanstangen in Sevres ver- 
fertigen zu lassen. 

Ich habe auch gesucht, das Leitungsvermögen des 
Holzes zu messen. Das Holz leitet die Wärrne so schlecht, 
dafs eine viereckige Stange von 21 mm Seite sich einige 
Centimeter weit von seinem Ende nicht mehr erwärmte, 
obgleich es hier bis zum Verkohlen des Holzes erhitzt war. 



285 



XL lieber einen dem Goldpurpur ähnlichen Sil- 

herniederschlag ; 

v o n G. F r i c k. 

Director der K. Porcellanmanufactur in Berlin. 



ei Gelegenheit von Marcadieu's Versuche über den 
Purpur des Cassius *) haben frühere von mir angestellte 
Versuche, über einen, dem Goldniederschlag durch Zinn- 
auflösung ganz ähnlichen Niederschlag des Silbers durch 
salpetersame Zinnauflösung wieder einiges Interesse er- 
halten, imd ich erlaube mir daher, auf eine Thatsa- 
che aufmerksam zu machen, deren Prüfung und Erklä- 

*) Hr. Marcadieu, "Wardein in der Münze zu Paris, wurde zu 
seinen Versuchen durch die Beobachtung veranlafst, dafs Silber, 
welches eine geringe Menge von Gold und Zinn enthielt, beim 
Auflösen in Salpetersäure, Goldpurpur hinterliefs, eine in sofern 
merkwürdige Thatsache, als die Salpetersäure im verdünnten Zu- 
stande nicht fähig ist metallisches Gold aufzulösen. Er bestätigte 
diese Thatsache dadurch, dafs er reines Silber mit 0,002 G°ld 
und 0,005 Zinn legirte, und die Legirung in Salpetersäure 
auflöste; auch hiebei blieb ein Rückstand von Goldpurpur. 
Die Schwierigkeit, das Silber mit Zinn zu legiren, brachte 
ihn darauf, das Zinn blofs gemeinschaftlich mit dem gold- 
haltigen Silber in Salpetersäure zu lösen. Auch hiebei wurde 
beständig Goldpurpur gebildet, allein er entstand nicht, wenn er 
Zinnoxyd statt des metallischen Zinns anwandte. Eben so wenig 
konnte er Goldpurpur erhalten, wenn er eine Legirung von Zinn 
und wenig Gold, oder von Zink mit wenig Zinn und Gold in 
Salzsäure auflöste; es blieb nur metallisches Gold in Flitter- 
chen zurück. Dagegen bildete sich der Purpnr sogleich, als er 
dieselben beiden Legirungen mit Salpetersäure behandelte, und 
zwar war der mit der Zinklegirung erhaltene schöner als alle 
früheren. — Für das Probiren zieht Hr. M. aus seinen Versu- 
chen die Folgerung, dafs es zur sichern Bestimmung des Gold- 
gehaltes in einem zinnhaltigen Silber nöthig ist, das Abtreiben 
mit Blei nicht zu unterlassen. (Ann. de chim. et de phys. 
T. XXX1K p. 147 J P. 



286 

rang für die wissenschaftlichen Chemiker von Wichtig- 
keit seyn dürfte. 

Die dabei vorkommenden Erscheinungen sind neu 
und auffallend, und auf die Erklärung des Goldzinn - 
Niederschlags wohl von Bedeutung. 

Ich setze das ganze Verfahren, nach welchem ich 
nicht einmal, sondern öfter und bei immer gleichen Re- 
sultaten gearbeitet habe, hierher. — 

A. Vier und ein halbes Loth vollkommen reine 
Salpetersäure, welche durch Verdünnung mit destillirtem 
Wasser so weit gebracht worden, dafs sie bei der ge- 
wöhnlichen Zimmertemperatur 1,10 schwer ist, werden 
mit siebenundzwanzig Loth reinem destillirtem Wasser 
vermischt, in eine gläserne Flasche gegossen, welche nur 
zu dreiviertheil davon angefüllt seyn darf. Hierauf wird 
ein Loth reines in ganz dünne Fäden geschnittenes Zinn 
in die Flasche hineingesteckt, und diese mit einem schlecht- 
schliefsenden gläsernen Stöpsel verschlossen, und im Win- 
ter in ein kühles Zimmer, im Sommer in einen Eimer 
mit kaltem Wasser gestellt, welches so oft erneuert wird, 
als es sich erwärmt. 

Die Flasche wird wenigstens alle halbe Stunden um- 
geschüttelt, und nach Verlauf von 24 Stunden von dem 
noch übrigen Zinn behutsam und klar in ein grofses Glas 
abgegossen, und mit sechszehn Pfund und achtundzwan- 
zig Loth destillirtem Wasser verdünnt. 

Sollte die Zinnauflösung vor Ablauf der 24 Stunden 
die mindeste Trübung zeigen, so inufs sie sogleich vom 
rückständigen Zinn abgegossen, nach vorbeschriebener 
Weise verdünnt und verbraucht werden. — 

B. Dreifsig Gran ganz reines Silber *) werden in 

*) Ich benutze dazu reines aus Chlorsilber reducirtes Silber, "was 
in Salpetersäure wieder aufgelöst und durch Eisenvitriolauflö- 
sung mit der gehörigen Vorsicht niedergeschlagen, mit destillir- 
tem Wasser ausgesüfst und getrocknet war, und als höchst fei- 
nes Pulver sehr leicht auflöslich in Salpetersäure ist. 



287 

einem tiefen Porcellangefäfse in gerade so viel reiner Sal- 
petersäure aufgelöst, als zur Auflösung nötliig ist. Ich 
setze daher die Säure in sehr kleinen Portionen zu und 
neutralisire die Auflösung durch gelindes Abdampfen. 

Die Silberauflösung wird dann mit dreifsig Loth destil- 
lirtem Wasser in einem reinen Glase verdünnt und bei 
Seite gestellt. 

C Einhundert und achtzig Gran reine weifse con- 
centrirte Schwefelsäure werden in einem reinen Glase mit 
sieben und einem halben Loth destillirtem Wasser be- 
hutsam verdünnt und bei Seite gestellt. 

D. Man giefse die verdünnte salpetersaure Silber- 
auflösung (J3) in die verdünnte salpetersaure Zinnauflö- 
sung (A), rühre die Flüssigkeit mit einer reinen Glas- 
stange wohl untereinander und lasse sie dann ruhig stehen. 

Nach Verlauf einiger Minuten nimmt die Flüssigkeit 
eine gelbe, dann eine braune, dann eine braunrothe, und 
zuletzt eine dunkelpurpurbraune Farbe an. Sobald die 
völlig undurchsichtig gewordene Flüssigkeit nicht mehr 
dunkler wird, giefst man die verdünnte Schwefelsäure (6) 
hinzu und rührt die Mischung mit einer Glasstange durch- 
einander. 

Es trennt sich alsbald ein dunkeJpurpurbrauner Nie- 
derschlag, der sich gut setzt, ausgesüfst und getrocknet 
wird. 

Schon während des Aussüfsens mit destillirtem Was- 
ser pflegt der Niederschlag die purpurbraune Farbe zu 
verändern. — 

Setzt man den zusammengegossenen salpetersauren 
Silber- und Zinn - Auflösungen keine Schwefelsäure zu, 
so erhellt sich die Flüssigkeit nach und nach wieder, wird 
zuletzt blafsgelb und läfst nur einen unbedeutenden Nie- 
derschlag fallen. — 

Glasflüsse färbt der aus der gemengten salpetersau- 
ren Zinn- und Silber -Auflösung durch Schwefelsäure dar- 
gestellte Niederschlag nicht. 



288 



XII. Ueber die unterphosphorichtsauren Salze; 
von Heinrich Rose 

(Schlufs). 



LJ nterphosphorichtsaures Bleioxyd. Digerirt man kalt 
einen Ueberscliufs von Bleioxyd mit unterphosphorichter 
Säure, so bläut die Auflösung stark rothes Lackmuspa- 
pier; sie enthält daher ein basisches Bleisalz. Sättigt man 
sie mit unterphosphorichter Säure, so erhält man eine 
Auflösung des neutralen Salzes, das in blättrigen Krystal- 
len anschiefst, deren Form sich nicht gut bestimmen läfst. 
Dieses Salz ist im Wasser etwas schwer löslich, im hei- 
fsen Wasser weit löslicher als im kalten. Die Auflösung 
röthet etwas das Lackmuspapier. Im Alkohol ist es ganz 
unlöslich, selbst wenn derselbe ziemlich wäfsrig ist. Wenn 
man die wäfsrige Auflösung des Salzes mit starkem, nicht 
absolutem Alkohol vermischt, so scheidet sich die ganze 
Masse des Salzes vollkommen aus; im abfiltrirten sehr 
wäfsrigen Alkohol ist nicht eine Spur von Bleioxyd zu 
entdecken. Das auf diese Weise abgeschiedene Salz hat 
beim Umrühren Perlmutterglanz, und im Aeufsern Aehn- 
lichkeit mit dem sauren margarinsauren Kali, das durch 
Auflösung von Seife in vielem Wasser sich abscheidet. 

Wird das neutrale unterphosphorichtsaure Bleioxyd 
in einer Retorte geglüht, so entwickelt sich eine grofse 
Menge von selbstentzündlichem Phosphorwasserstoffgas. 
Der Rückstand ist ziemlich weifs, und enthält weniger 
Phosphorsubstanz als andere geglühte unterphosphoricht- 
saure Salze. Das entbundene Phosphorwasserstoffgas ist 
daher auch reiner. Es enthält indessen doch immer noch 
Wasserstoffgas , und wird daher von einer Auflösung eines 
Silberoxydsalzes oder von Kupfervitriol -Auflösung nicht 
vollständig absorbirt. Das Volumen des nicht absorbirten 

Gases 



289 

Gases ist indessen geringer, als das nicht durch Silber- 
oxydauflösung absorbirte Gas von dem Gase, das durch 
Erhitzen der unterphosphorichtsauren Kalkerde erzeugt 
wird. 

Die basisch reagirende Flüssigkeit, die, wenn man 
mit unterphosphorichter Säure einen Ueberschufs von Blei- 
oxyd hat digeriren lassen, von demselben abfiltrirt wor- 
den ist, setzt nach einiger Zeit, wenn sie auch kalt in 
verschlossenen Gefäfsen aufbewahrt wird, ein weifses 
Pulver ab. Bewahrt man die Auflösung sehr lange Zeit 
in verschlossenen Gefäfsen auf, so röthet sie, wie die 
Auflösung des neutralen Salzes, schwach das Lackmus- 
papier; das basische Salz hat sich an die Wände des 
Gefäfses als ein krystallmisches sandartiges Pulver abge- 
setzt. — Die basisch reagirende Flüssigkeit winde unter 
der Luftpumpe zur Trockne abgedunstet, wodurch ich 
krystallinische Krusten von Diamantglanz erhielt, die in 
einer Retorte geglüht selbstentzündliches Phosphorwas- 
serstoffgas gaben. 1,735 Grm. davon mit Salpetersäure 
oxydirt gaben 1,775 Grm. geglühtes oxydirtes Salz, das 
an manchen Stellen etwas gelblich wie bloises Bleioxyd 
aussah. Mit Schwefelsäure zersetzt gab es 1,896 Gnu. 
schwefelsaures Bleioxyd, das mit Alkohol ausgesüfst wurde. 
Das Salz enthielt daher 80,41 Bleioxyd, 12,11 unterphos- 
phorichte Säure und 7,49 Wasser. Der Sauerstoff des 
Bleioxyds verhält sich zu dem der Säure wie 5,77:2,46 
oder wie 2-|:l. Man sieht daraus offenbar, dafs das er- 
haltene Salz eine Mengung von neutralem und einem ba- 
sischen unterphosphorichtsauren Salze ist, in welchem 
letztern sich vielleicht der Sauerstoff der Base zu dem der 
Säure wie 3 : 1 verhält. — Von dem Salze, das sich von 
selbst durch blofses Stehen aus der basischen Flüssigkeit 
absetzt, erhielt ich zu wenig, um es untersuchen zu kön- 
nen. Ich suchte es dadurch in gröfserer Menge hervor- 
zubringen, dafs ich zu einer Flüssigkeit, aus welcher sich 
durch langes Stehen in verschlossenen Gefäfsen alles basi- 
Annal.d.Physik.B.88.St.2. J. 1828. St. 2. T 



290 

sehe Salz von selbst abgesondert hatte, und die, wie die 
Auflösung des neutralen Salzes, das Lackmuspapier schwach 
röthete, kaustisches Ammoniak setzte, und darauf die Fla- 
sche verkorkte, damit sich kein kohlensaures Bleioxyd 
bilden könnte. Es entstand im Anfange keine Trübung, 
sondern erst nach mehreren Stunden. Der abfiltrirte Nie- 
derschlag liefs sich nicht vollständig aussüfsen, sondern 
löste sich dabei etwas auf. 0,574 Grm. davon mit Sal- 
petersäure oxydirt gaben 0,541 Grm. geglühten Rückstand, 
der geschmolzen war, und gelb wie reines Bleioxyd aus- 
sah. Mit Schwefelsäure behandelt gab er 0,712 Grm. 
schwefelsaures Bleioxyd, das mit Alkohol ausgesüfst wurde. 
Hieraus ergiebt sich, dafs der durch Ammoniak gefällte 
Niederschlag Bleioxydhydrat war, das nur eine Spur von 
unterphosphorichter Säure enthielt. Die Zusammensetzung 
im Hundert ist: 91,29 Bleioxyd, 7,14 Wasser und 1,57 
unterphosphorichte Säure. Der Sauerstoff im Bleioxyd 
verhält sich zu dem im Wasser wie 6,54:6,35, woraus 
zu folgen scheint, dafs in diesem Bleioxydhydrat das Oxyd 
und das Wasser gleich viel Sauerstoff enthalten. — Die 
von dem Niederschlage abfiltrirte ammoniakalische Flüs- 
sigkeit trübte sich durch's Kochen stark, und setzte da- 
durch einen flockigen Niederschlag ab. Er wurde filtrirt 
und ausgesüfst; die abfiltrirte Flüssigkeit enthielt noch 
Bleioxyd; der Niederschlag liefs sich indessen so voll- 
kommen aussüfsen, dafs das Abwaschwasser keine Spur 
von Bleioxyd zeigte. Der getrocknete Niederschlag mit 
Salpetersäure behandelt, entwickelte Kohlensäure, weil 
sich beim Kochen beim Zutritt der Luft etwas kohlen- 
saures Bleioxyd gebildet hatte. 0,830 Gnu. vollständig 
oxydirt und geglüht wogen 0,798 Grm., die mit Schwe- 
felsäure behandelt 0,978 Grm. schwefelsaures Bleioxyd 
gaben. Der Niederschlag war daher im Hundert zusam- 
mengesetzt aus 86,63 Bleioxyd, 4,58 unterphosphorichter 
Säure und 8,79 Wasser. Der Sauerstoff des Oxyds ver- 
hält sich zu dem der Säure wie 6,21 : 0,93. Diese Zusam- 



291 

mensetzung ist aber deshalb nicht genau, weil das Salz 
auch kohlensaures Bleioxyd enthielt. Sehr wahrschein- 
lich verhält sich in diesem basischen Salze der Sauerstoff 
des Oxyds zu dem der Säure wie 6:1. 

Wenn man einen Ueb erschuf s von Bleioxyd mit uiv 
terphosphorichter Säure sehr lange und warm digerirt, 
so fängt nach einigen Tagen Blei an sich zu reduciren. 
Die Menge des reducirten Bleies kann sehr bedeutend 
seyn, wenn man das Oxyd mit der Säure gekocht hat. 
Man mufs deshalb, wenn man unterphosphorichte Säure 
von Schwefelsäure durch Bleioxyd trennen will, nur eine 
kalte und möglichst kurze Zeit dauernde Digestion an- 
wenden. Die Reduction des Bleies erfolgt durchaus nicht 
bei Auflösungen des neutralen und des basischen Salzes, 
wenn man dieselben auch kocht und lange aufbewahrt; 
es ist nöthig, dafs dazu ein gröfserer Ueberschufs von 
Bleioxyd zugegen sey. Der Grund dieser Erscheinung 
ist offenbar folgender: Durch Kochen von Auflösungen 
unterphosphorichtsaurer Salze mit starken Basen, wird, 
wie ich am Schlüsse dieser Abhandlung zeigen werde, 
Wasser zersetzt, Phosphorsäure gebildet und Wasser- 
stoffgas entwickelt. In diesem Falle wird aber fast kein 
Wasserstoffgas entwickelt, sondern dafür Bleioxyd re- 
ducirt. 

Unterpliosphorichtsaures Kupferoxyd. In der Kälte 
kann die unterphosphorichte Säure frisch gefälltes Kupfer- 
oxyd auflösen, ohne dasselbe zu reduciren. Die Auflö- 
simg ist blau, wie die der meisten Kupfersalze. Sie kann 
sehr lange aufbewahrt werden, ohne dafs sie sich verän- 
dert, ja man kann sie selbst, wenn sie nicht sehr con- 
centrirt ist, erhitzen, ohne dafs eine Reduction statt findet. 
Läfst man die Same mehrere Monate über Kupferoxyd 
kalt stehen, so reducirt sich endlich etwas Kupfer. Dampft 
man die Auflösung des unterphosphorichtsauren Kupfer- 
oxyds ab, so findet, doch erst bei sehr starker Concen- 
tration, eine vollständige Reduction statt. Dasselbe er- 

T 2 



292 

folgt auch, wenn man, ohne die Auflösung zu erwärmen, 
dieselbe unter der Luftpumpe bis zur Trockne abdampft*). 

Unterphosphorichtsaures Eisenoxydul. Eisen wurde 
mit unterphosphorichter Säure beim Ausschlufs der Lufl 
behandelt. Es löste sich darin mit Wasserstoffgasentwick- 
lung auf. Die Auflösung wurde schnell, damit sie sich 
nicht höher oxydiren konnte, unter der Luftpumpe abge- 
dampft. Ich erhielt eine hellgrüne krystallinische Masse, 
die in einer Retorte erhitzt, sich wie unterphosphoricht- 
saures Zinkoxyd verhielt. 

Unterphosphorichtsaures Eisenoxyd. Frisch gefäll- 
tes Eisenoxyd kalt mit unterphosphorichter Säure digerirt, 
löst sich nur in geringer Menge, aber diese ohne zu Oxy- 
dul reducirt zu werden in derselben auf. Es bildete sich 
ein in freier Säure schwerlösliches weifses Salz, das in 
einer Retorte erhitzt selbstentzündliches Phosphorwasser- 
stoffgas gab. — Wurde Eisenoxyd mit unterphosphorich- 

*) Bei der Beschreibung der phosphorichtsauren Salze hatte ich 
das phosphorichtsaure Kupjerojryd nicht erwähnt; es ist hier 
eine schickliche Stelle, einige Worte darüber zu sagen. Ich er- 
hielt es, indem ich eine Auflösung von.. Kupferclilorid mit neu- 
tralem phosphorichtsauren Ammoniak fällte. Es entstand ein 
schöner blauer Niederschlag, der sich vollkommen aussüfsen und 
trocknen liefs. Er konnte selbst an einem warmen Orte getrock- 
net werden, ohne dals eine Pieduction statt fand. In einer R.e- 
torte erhitzt gab er erst viel Wasser und dann einen Strom von 
reinem Wasserstoffgase; der Inhalt der Retorte wurde braun von 
reducirtem Kupfer und schmolz. Als die geschmolzene Masse 
mit Wasser behandelt wurde, löste sich saures phosphorsaures 
Kupferoxyd auf; noch mehr davon durch Digestion mit Chlor- 
wasserstoffsäure, es blieb regulinisches Kupfer unaufgelöst zurück. 
Die phosphorichte Säure hatte sich also theils auf Kosten eines 
Theils Kupferoxyd, theils durch Sauerstoff vom zersetztem Was- 
ser in Phosphorsäure verwandelt, und mit untersetztem Kupfer- 
oxyde sich zu einem sauren Salze verbunden. 

Löst man phosphorichlsaures Kupferoxyd in phosphorichter 
Säure auf, und kocht die Auflösung, so findet eine Reduction 
des Kupferoxyds statt, doch wird nicht die ganze Masse dessel- 
ben reducirt. 



293 

ter Säure gekocht, so wurde das Oxyd zu Eisenoxjdul 
reducirt, das mit imzersetzter unterphosphorichter Säure 
als unterphosphorichtsaures Eisenoxjdul aufgelöst blieb, 
während die entstandene Phosphorsäure, mit Eisenoxyd 
verbunden, unaufgelöst und mit dem Ueberschufs des 
Eisenoxyds gemengt blieb. 

Ich hatte versucht, wie ich schon oben angeführt 
habe, mehrere unterphosphorichtsaure Salze durch Zer- 
setzung einer Auflösung von unterphosphorichtsaurer Kalk- 
erde mit einem Ueberschufs eines unlöslichen Oxalsäuren 
Salzes darzustellen. Es glückte mir diefs vollkommen, um 
unterphosphorichtsaure Talkerde und Manganoxydul zu 
bereiten, die ich bei mehrmaligen Bereitungen immer frei 
von Kalkerde fand; alle unlösliche Oxalsäure Salze, die 
ich amvandte, wurden zwar durch die unterphosphoricht- 
saure Kalkerde zersetzt, aber das entstandene unterphos- 
phorichtsaure Salz enthielt immer gröfsere oder geringere 
Mengen von unterphosphorichtsaurer Kalkerde, wenn auch 
der gröfste Ueberschufs des Oxalsäuren Salzes angewandt 
worden war. Ich wage es nicht, eine Erklärung dieser 
Thatsachen zu geben, weil die Theorie der Zersetzung 
der löslichen Salze durch unlösliche noch nicht gehörig 
entwickelt worden ist, denn die treffliche Arbeit von 
Dulong ist früher erschienen, als die Lehre von den 
bestimmten Proportionen fest begründet war. — Die Ver- 
bindungen von unterphosphorichtsauren Salzen mit unter- 
phosphorichtsaurer Kalkerde, die ich dargestellt habe, sind: 
Unterphosphorichtsaures Cadmiumoxyd, Eisenoxydul, Ko- 
baltoxyd, Zinkoxyd und Bleioxyd. Die Menge der. in 
ihnen enthaltenen unterphosphorichtsauren Kalkerde ist 
sehr verschieden, und steht nach den Untersuchungen, 
die ich darüber angestellt habe, in keinem bestimmten 
Verhältnifs zu der Menge der andern unterphosphoricht- 
sauren Base. Die Verbindung des unterphosphorichtsau- 
ren Cadmiumoxyds, Eisenoxyduls und Kobaltoxyds mit 
der unterphosphorichtsauren Kalkcrde sind von mir des- 



294 

halb untersucht worden, um zu sehen, in welchen Ver- 
hältnissen die unterphosphorichtsaure Kalkerde sich mit 
andern unterphosphorichtsauren Basen verbinden könne. 
Die Verbindung von unter phosphoricht saurem Cad- 
miumoxyd mit unterphosphorichtsaurer Kalkerde durch 
Kochen von oxalsaurem Cadmiumoxyd mit einer Auflö- 
sung von unterphosphorichtsaurer Kalkerde, und Abdam- 
pfen der erhaltenen abliltrirten Flüssigkeit unter der Luft- 
pumpe erhalten, bildet Krystalle, deren Form nicht be- 
stimmt werden konnte. 2,622 Grm. davon in "Wasser 
aufgelöst, gaben mit Schwefelwasserstoffgas 1,257 Grm, 
Schwefelcadmium , und darauf mit oxalsaurem Ammoniak 
Oxalsäure Kalkerde, die geglüht, 0,073 Grm. kohlensaure 
Kalkerde gab. Das Salz war also im Hundert zusam- 
mengesetzt aus: 

Unterphosphorichtsaurem Cadmiumoxyd 68,80 
Unterphosphorichtsaurer Kalkerde 3,74 

Wasser 27,46 

100,00. 

Man könnte diese Verbindung, wegen der sehr ge- 
ringen Menge der unterphosphorichtsauren Kalkerde, für 
reines unterphosphorichtsaures Cadmiumoxyd halten. Es 
verhielt sich in der Hinsicht anders, als letzteres, dafs es 
in einer Retorte erhitzt selbstentzündliches Phosphorwas- 
serstoffgas entwickelte. Es enthalt offenbar 4 Atome 
Krystallisationswasser (die Kalkerde hat 0,44, das Cad- 
miumoxyd 5,34, und das Wasser 24,42 Sauerstoff) ; wes- 
halb es weder die Form der unterphosphorichtsauren 
Kalkerde, noch die des unterphosphorichtsauren Kobalt- 
oxyds hat. 

Die Verbindung von unterphosphorichtsaurem Eisen- 
oxydul mit unterphosphorichtsaurer Kalkerde wurde aus 
reinem frisch bereitetem Oxalsäuren Eisenoxydul, das ganz 
frei von Eisenoxyd war, dargestellt. Nachdem diefs mit 
einer Auflösung von unterphosphorichtsaurer Kalkerde 



295 

sehr lange gekocht worden war, liefs ich alles in einer 
verschlossenen Flasche erkalten, worauf die schnell fil- 
trirte Flüssigkeit sogleich unter der Luftpumpe abgedampft 
wurde. Ich erhielt grünliche krystallinische Krusten; das 
Salz enthielt nur eine höchst geringe Spur von Eisenoxyd. 
In der Retorte erhitzt gab es nur selbstentzündliches Phos- 
phorwasserstoffgas. Bei der Analyse wurde das Eisen- 
oxydul durch wasserstoffschwefliges Schwefelammonium 
niedergeschlagen, und das Schwefeleisen in Eisenoxyd ver- 
wandelt. Ich erhielt aus 2,230 Grm. des Salzes 0,536 Grm. 
Eisenoxyd, so wie Oxalsäure Kalkerde, die geglüht 0,532 
kohlensaure Kalkerde gab. Diefs giebt folgende Zusam- 
mensetzung des SalzeS: 

Unterphosphorichtsaures Eisenoxydul 44,73 
Unterphosphorichtsaure Kalkerde 31,37 

Wasser 23,90 

1000. 

Die Sauerstoffmengen des Eisenoxyduls, der Kalk- 
erde imd des Wassers verhalten sich wie 4,80:3,69:21,26, 
woraus man sieht, dafs das Salz 2|- At. Wasser enthält. 

Eine Verbindung von unterphosphorichtsaurern Ko- 
baltoxyde und unterphosphorichtsaurer Kalkerde, auf glei- 
che Weise wie die vorhergehenden Verbindungen darge- 
stellt, krystallisirte in Octaedern von rother Farbe, die 
Aehnlichkeit mit dem reinen unterphosphorichtsaurern Ko- 
baltoxyde hatten. Sie verwitterten nur noch schneller als 
dieses. 1,797 Grm. des Salzes gaben bei der Analyse 
0,242 Grm. Kobaltoxyd und 0,602 Grm. kohlensaure Kalk- 
erde, woraus folgende Zusammensetzung des Salzes folgt: 

Unterphosphorichtsaures Kobaltoxyd 27,61 
Unterphosphorichtsaure Kalkerde 44,96 

Wasser 27,43 

100,00. 

Die Sauerstoffmengen des Kobaltoxyds, der Kalk- 



296 

erde und des Wassers verhalten sich wie 2,87:5,29:24,40; 
im Salze sind also 3 Atome Wasser enthalten, was auf- 
fallend ist,' da man wegen der Krystallform 8 At. darin 
vermuthen könnte. Merkwürdig ist es aber, dafs unge- 
achtet des so sehr bedeutenden Gehalts an unterphos- 
phorichtsaurer Kalkerde beim Erhitzen in einer Retorte 
dieses Salz sich gerade wie reines unterphosphorichtsaures 
Kobaltoxyd verhält; es entwickelt sich nicht eine einzige 
Blase von selbstentzündlichem Phosphorwasserstoffgas, 
sondern eine Menge eines Gases, das angezündet mit star- 
ker Phosphorflamme brannte. Der Rückstand war in con- 
centrirter Chlorwasserstoffsäure unlöslich ; es löste sich in 
derselben selbst nicht einmal Kalkerde auf. Es hatte sich 
also hierbei Phosphorwasserstoffgas im Minimum von 
Phosphor gebildet, und die Zersetzung durch die Hitze 
war auf dieselbe Weise erfolgt, als wenn keine unter- 
phosphorichtsaure Kalkerde zugegen gewesen wäre. 

Ich habe diese Untersuchungen nur deshalb vorzüg- 
lich hier angeführt, um darauf aufmerksam zu mache^ 
wie verschieden die Producle bei Zersetzungen von lös- 
lichen Salzen durch unlösliche seyn können. Ich habe 
die so eben beschriebenen Salze, so wie die Doppelver- 
bindungen aus unterphosphorichtsaurem Zinkoxyde und 
Bleioxyd mit unterphosphorichtsaurer Kalkerde mehrere 
Male dargestellt, aber obgleich ich bei jedem neuen Ver- 
suche die Menge des unlöslichen Oxalsäuren Salzes ver- 
mehrte, so fand ich bei qualitativen Untersuchungen immer 
in der abfiltrirten Auflösung Kalkerde. Die Ursach, warum 
auf diese Weise nur die Verbindungen der unterphospho- 
richten Säure mit der Talkerde und dem Manganoxydul 
rein dargestellt werden können, liegt gewifs in der nicht 
völligen Unlöslichkeit der Oxalsäuren Talkerde und des 
Oxalsäuren Manganoxyduls im Wasser. 

Ehe ich diese Abhandlung schliefse, mufs ich hier 
noch einen Umstand erwähnen, der für die Analysen des 
selbstcntzündlichen Phosphorwasserstoffgases von Wich- 



297 

tigkeit ist Die unterpliosphorichtsauren Salze erhalten 
sich im trocknen Zustand an der Luft, ohne verändert 
zu werden. Ihre Auflösungen verändern sich zwar, wenn 
sie an der Luft erhitzt werden, indem dann ein Theil 
der Säure höher oxydirt wird, wie ich diefs auch schon 
früher angegeben habe *), aber sie können, ohne im 
mindesten verändert zu werden, sehr lange gekocht wer- 
den, wenn der Zutritt der Luft abgehalten wird. Ich 
habe eine Auflösung von reinem unterphosphorichtsauren 
Kali in einem Kolben mit einer Gasableitungsröhre, die 
unter Wasser endigte, eine halbe Stunde gekocht, und 
im Gefäfse bis zur Trockne verdampft, ohne dafs sich 
das Salz veränderte, und sich auch nur eine Blase von 
einer permanenten Gasart entwickelte. Ganz anders ist 
aber der Erfolg, wenn kaustische Basen zugegen sind. 
Kochte ich eine Auflösung von unterphosphorichtsaurem 
Kali mit kaustischem Kali, so oxydirte sich die unterphos- 
phorichte Säure auf Kosten des Wassers zu Phosphor- 
säure und es entwickelte sich Wasserstoffgas. Die Ent- 
wickelung dieses Gases ist nur gering, wenn die Auflö- 
sungen sehr verdünnt sind, concentriren sie sich aber 
nach und nach, so entwickelt sich immer mehr imd mehr 
von diesem Gase, und ist dann ein etwas grofser Ueber- 
schufs von einer sehr concentrirten Auflösung von kau- 
stischem Kali vorhanden, so ist die Entwickelung des 
Gases so rasch, als wenn man es durch verdünnte Schwe- 
felsäure und Zink bereitet. Ich habe auf diese Weise 
einige Grammen von unterphosphorichtsaurem Kali durch 
kaustisches Kali so gänzlich in phosphorsaures verwan- 
delt, dafs, als die Auflösung mit Chlorwasserstoffsäure 
übersättigt und mit Quecksilberchloridauflösung versetzt 
wurde, keine Spur von Quecksilberchlorür entstand. Eine 
Auflösung von unterphosphorichtsaurer Kalkerde mit kau- 
stischer Kalkerde gekocht entwickelt auch Wasserstoffgas, 
doch bei weitem weniger, als unterphosphorichtsaures Kali 

*) Poggendorff's Adü. Bd. IX. p. 376. 



298 

mit kaustischem Kali. — Diefs ist der Grund, warum 
immer bei der gewöhnlichen Bereitung des selbstentzünd- 
lichen Phosphorwasserstoffgases zugleich Wasserstoffgas 
entwickelt wird, und man zuletzt ein Gas erhält, das sich 
nicht mehr von selbst an der Luft entzündet. Man hat 
diefs bei der Bereitimg, des Phosphorwasserstoffgases durch 
Kali und Phosphor schon lange bemerkt; man wird da- 
bei auch gesehen haben, dafs die Gasentwickelung noch 
lange fortdauert, wenn auch schon aller Phosphor ver- 
schwunden ist. 

Die Zersetzung des Wassers durch unterphospho- 
richtsaure Salze vermittelst starker Basen rührt von der 
Verwandtschaft der entstehenden Phosphorsäure zu letz- 
tern her. Sie ist daher eine Folge von sogenannter prae- 
disponirender Verwandtschaft, und der Erscheinung ähn- 
lich, dafs Eisen und Zink nur bei Gegenwart von einer 
Säure das Wasser zersetzen können. Zur Zersetzimg 
des Wassers durch unterphosphorichtsaure Salze wird des- 
halb noch die Gegenwart von starken Basen erfordert, 
weil die entstehende Phosphorsäure noch einmal so viel 
Base zur Sättigung bedarf, als die unterphosphorichte 
Säure; denn phosphorichte Säure, die gleich viel Base 
wie die Phosphorsäure sättigt, wird auf ähnliche Weise 
durch starke Basen nicht in Phosphorsäure verwandelt, 
Ich kochte eine Auflösung einer beträchtlichen Menge 
von phosphorichtsaurem Kali mit vielem kaustischen Kali 
so lange, dafs Alles bis zur Trockne abgedampft war, 
ohne dafs dadurch die kleinste Blase von Wasserstoffgas 
erzeugt wurde. 



299 



XIII. lieber die allgemeinen Gesetze der stünd- 
lichen Schwankungen des ^Barometers; von 
Alexander von Humboldt. 

(Die Abhandlung über die stündlichen Barometeroscillationen, wel- 
che Hr. v. Humboldt in einem der letzten Theile seines Rei- 
sewerks *) bekannt gemacht hat, ist von so mannigfaltigem In- 
teresse, dafs ich schon längst den Wunsch gehegt habe, sie den 
Lesern mittheilen zu können. Da indefs der Raum die Mitthei- 
lung des Ganzen leider nicht gestattet, so beschränke ich mich gegen- 
wärtig darauf, nur die Uebersicht zu geben, worin der Hr. Ver- 
fasser am Schlüsse der Abhandlung die Hauptzüge dieses merkwür- 
digen Phänomenes zusammenstellt. Eine solche Zusammenstel- 
lung von dem, was unmittelbares Ergebnifs der Beobachtung ist, 
dürfte um so weniger überflüssig seyn, als sie vielleicht am ein- 
leuchtendsten zeigt, wie ■wenig die Mehrzahl der bisherigen Beob- 
achtungen, besonders der auf Reisen angestellten, zu jenem höheren 
Calcule geeignet ist, durch welchen neuerlich einer unserer aus- 
gezeichnetsten Physiker *•) versucht hat, schärfere Resultate zu 
erlangen. P. ) 



Di 



'ie Hauptresultate der bisherigen Beobachtungen über 
die stündlichen Oscillationen des Barometers lassen sich 
in folgenden Sätzen zusammenfassen. 

1. Die stündlichen Oscillationen des Barometers zei- 
gen sich überall auf der Erde, in der heifsen Zone wie 
in der gemäfsigten und kalten, am Spiegel des Meeres 
wie in Höhen von mehr als 2000 Toisen. Diese Oscil- 
lationen sind periodisch, und bestehen überall aus einem 
zweimaligen Steigen und Fallen. Die beiden atmosphä- 
rischen Fluthen sind im Allgemeinen nicht von gleicher 
Dauer. Vergleicht man die, freilich an Genauigkeit sehr 

") ^ r °y a S e aux regions equinoxiales du nouveau continent etc. 
Tom. X. p. 330. der Ausgabe in Octav. 

**) Hällström in dies. Ann. Bd. 84. S. 131. 299. 443. u. Bd. 87. 
S. 251. 



300 

ungleichen Resultate, welche von dreifsig Beobachtern 
zwischen 25° südlicher Breite und 55° nördlicher Breite 
erhalten worden sind, so findet man zwischen den Zeiten 
der Maxima und Minima Unterschiede von zwei Stun- 
den, und schliefst man nur 5 Resultate aus, so fällt das 
vormittägige Maximum zwischen 8 h 4- und 10 h ^, das nach- 
mittägige Minimum zwischen 3 h und 5 h , das vormitter- 
nächtliche Maximum zwischen 9 h und ll h , und das nach- 
mitternächtliche Minimum zwischen 3 h und 5\ Voraus- 
zusehen ist, dafs diese Gränzen sich weit näher kommen 
werden, sobald man für die verschiedenen Zonen eine 
gröfsere Anzahl von Beobachtungen gleicher Genauigkeit 
haben wird. Vorläufig kann man für die Maxima und 
Minima als allgemeine Regel annehmen, in der heifsen 
Zone: + 21 h |; — 16 h ; -f-10 h J; — 16\ und in der ge- 
mäfsigten Zone: +20^; — 3 h |; +9 h |; — 17 h , nach 
astronomischer, vom Mittage gezählter Zeit. 

2. In der gemäfsigten Zone liegen die Zeiten des 
vormittägigen Maximums und des nachmittägigen Mini- 
mums dem Mittage ein oder zwei Stunden näher, im 
Winter wie im Sommer; aber im Sommer scheint sich 
das Verhalten mehr dem zwischen den Wendekreisen 
beobachteten zu nähern. Es fehlt noch besonders für 
das nach Mitternacht eintretende Minimum an Beobach- 
tungen, und es ist zu wünschen, dafs man untersuche, 
welchen Einflufs die veränderliche Zeit des Sonnenauf- 
gangs auf die Zeit dieses morgendlichen Minimums ausübt. 

3. In der heifsen Zone sind die Wendestunden, d. h. 
die Zeitpunkte, in denen die Oscillationen ihr Maximum 
oder Minimum erreichen, dieselben am Spiegel des Mee- 
res, wie auch Hochebenen 1300 bis 1400 Toisen über 
dem Meere. Diese Gleichzeitigkeit soll sich in einigen 
Theilen der gemäfsigten Zone nicht zeigen, und so z. B. 
das Barometer im Kloster auf dem grofscn St. Bernhard 
zu denselben Stunden sinken, zu welchen es in Genf sich 
hebt. Ist diefs Phänomen allgemein in Europa, so bleibt 



301 

zu untersuchen, ob es sich auf grofsen Plateaux ebenfalls 
zeige wie in Pässen oder engen Schluchten *). 

4. Man sieht überall (wie es sich auch vorausse- 
hen läfst)', dafs die Aenderungen nahe bei den concaven 

*) Einige Beobachtungen, die man in Europa in Pässen und am 
Abhänge von Gebirgen gemacht hat, und die Annahme von einer 
Verschiebung der über einander gelagerten Luftschichten, hatten 
mehrere Physiker zu der Meinung bewogen, dafs die Maxiina 
und Minima an Orten, wie Guayra und Caracas, an den Küsten 
der Südsee (zu Payta z. B.) und zu Popayan oder Bogota, zu 
Vera Cruz und zu Mexico, an der Küste von Malabar, wo Hors- 
burgh beobachtete, und auf den Hochebenen von Mysore und 
Nepaul, nicht gleichzeitig eintreten könnten. Die Tafel am 
Schlüsse dieses Aufsatzes wird zeigen, dafs diese Zweifel, in 
Betreff der zwischen den Wendekreisen liegenden Hochebenen, 
durchaus ungegründet sind. Ramond's Beobachtungen zu Cler- 
mont-Ferrand, in einer Höhe von 210 Toisen, berechtigen uns 
der Analogie nach anzunehmen, dafs man auf den bis zu 320 
Toisen aufsteigenden Hochebenen von La Mancha in Spanien, 
das Barometer zu denselben Stunden steigen sehen würde , wie 
in Valencia und Cadix. Auf dem St. Bernhard und in Genf 
beobachtet man zu Tageszeiten, die für die Kenntnifs der Baro- 
meteroscillationen am unzweckmäfsigsten sind, nämlich zur ver- 
änderlichen Zeit des Sonnenaufgangs und um 2 Uhr Nachmit- 
tags. Diese Zeilen gehen dem Eintritt der Maxima und Minima 
ungleichmäfsig voran. Nach den Beobachtungen zu Genf steht 
daselbst das Barometer, sowohl im Winter wie im Sommer, 
ein wenig höher als um zwei Uhr Nachmittags; aber auf dem 
St. Bernhard waren im J. 1824 unter den 12 monatlichen Mit- 
teln zur Zeit des Sonnenaufgangs 5 kleiner (Januar, April, Juni, 
August, October) und 3 gröfser (Februar, Mai, Juli) als die 
Mittel um 2 Uhr, und 4 denselben gleich (Bouguer, Figure 
de la Terre, p. 39. De lue, Recherches sur les modif. de 
l'atm. §. 528. 530. u. 596. Biblioth. univers. p. 1820 Juni, 
p. 190. Tom. X. p. 20. D'Aubuisson, Journ. de phys. 
Tom LXX1. p. 24. ). Bei dem schleunigen Sinken des Baro- 
meters am 2. Febr. 1823 trat das Maximum des Fallens auf dem 
St. Bernhard und in Genf zu derselben Stunde ein (Biblioth. 
T. XXII. p. 111.^. Diese Ungewifsheiten über die Gleichzei- 
tigkeit der Oscillationen werden nur dann gehoben werden, wenn 
man von Genf und vom St. Bernhard, von Mailand und dem 
Dorfe auf dem Simplon, von Trento und Inspruck mittlere Beob- 



302 

und convexen Scheiteln der Curve, durch welche sie sich 
darstellen lassen, langsamer werden, d. h. dann, wenn 
die Barometerstände ihr Maximum oder Minimum errei- 
chen; an einigen Orten der Erde scheint der Barometer 
während einer sehr beträchtlichen Zeit still zu stehen. 
Diese Zeit schwankt zwischen 15' und 2 h ; bestimmt man 
die halbe Dauer dieses stationären Zustandes mit Genauig- 
keit, so mufs man den Augenblick des wahren Maximums 
von dem unterscheiden, worin für unsere Sinne das Ba- 
rometer aufhört zu steigen oder zu fallen. 

5. Im Allgemeinen wird in der heifsen Zone, zwi- 
schen dem Aequator und den Parallelkreisen, 15° nörd- 
lich und südlich von demselben, durch die stärksten Winde, 
durch Gewitter und Erdbeben, durch die plötzlichsten Aen- 
derungen in der Temperatur und Feuchtigkeit , die Perio- 
dicität der Barometervariationen nicht unterbrochen noch 
abgeändert. Um so mehr Aufmerksamkeit verdient es, 
dafs in einigen Theilen von Südasien, wo die Moussons 
mit Heftigkeit wehen (z. B. in Indien), die Regenzeit 
fast gänzlich den Charakter der stündlichen Variationen 

achtungen hat, die zu den \'Vendestunden selbst angestellt sind. 
Es kann übrigens seyn, dafs Passe, die auf dem Kamm der 
Alpen liegen und von hohen Gipfeln umgeben sind, die Zei- 
ten der Maxiraa und Minima verzögern und abändern, und dafs 
diese örtlichen Einflüsse sich auf Hochebenen von grofser Aus- 
dehnung nicht mehr zeigen. Um zu wissen, ob selbst in der 
heifsen Zone die Gleichzeitigkeit unter gewissen Umständen weg- 
falle, habe ich neuerlich die HH. Boussingault und Rivero 
aufgefordert, ihre Barometer zu Santa Fe de Bogota und zur 
Kapelle Kotre Dame de Guadalupe zu beobachten, welche letz- 
tere, gleichsam angeklebt an einem Felsen, sich fast senkrecht 
über der Stadt befindet, in einer Höhe von 322 Toisen. Hr. 
Daniell (Meteor. Essais 1823, p. 260. J hat geglaubt, aus den 
Beobachtungen, welche auf der letzten Nordpol -Expedition, be- 
sonders auf der Melville's -Tnsel, und bei den Rocky-Mountains 
angestellt worden sind, zu ersehen, dafs das Barometer unter dem 
74° der Breite zu Zeiten steigt, zu welchen es unter dem 41° sinkt. 
Dieser Gelehrte scheint das Phänomen Strömungen zuzuschreiben, 
deren Daseyn nicht leicht zu erweisen ist. 



308 

verdeckt *), und dafs zu derselben Zeit, wo diese Varia- 
tionen im Innern des Continents, an den Küsten und in 
den Meerengen fast unmerklich sind, sie sich unter der- 
selben Breite im offnen Meere ohne Störung zeigen. 

6. Zwischen den Wendekreisen sind ein Tag und 
eine Nacht hinlänglich um die Wendestunden und die 
Dauer der kleinen Ebben und Fluthen in der Atmosphäre 
kennen zu lernen; in der gemäfsigten Zone, unter der 
Breite von 44° und 48°, zeigt sich Periodicität des Phä- 
nomens in allen Jahreszeiten in den Mitteln von 15 bis 
20 Tagen mit vieler Deutlichkeit. 

7. Die ungleiche Gröfse der täglichen Variationen 
bewirkt, in der heifsen Zone, zu denselben Stunden, in 
verschiedenen Monaten, mehr oder weniger beträchtliche 
Unterschiede in den Barometerständen. Die Gröfse der 
Oscillationen nimmt ab, so wie die Breite und die zu- 
fälligen Störungen zunehmen. Die Maxima am Abend 
sind gewöhnlich ein wenig gröfser als die Maxima am 
Morgen. Beschränkt man sich auf die Beobachtungen, 
die genau und zahlreich genug sind, um glaubwürdige 
Mittelwerthe zu geben; so findet man, dafs die Gröfse 
der Oscillation von 9 h Morgens bis 4 h Nachmittags, zwi- 
schen dem Aequator und dem Parallelkreise von 10°, 
in den Ebenen 2 raD1 ,6 bis 3 mn j,5, und auf dem Plateau 
von Bogota (1365 Toisen Höhe) 2 mm ,3 beträgt, dagegen 
2 Millimeter in den Ebenen an der südlichen Gränze 
der heifsen Zone. Im ganzen Jahre gehen die täglichen 

*) Diefs ist namentlich zu Bombay von Hrn. Horsburgh beob- 
achtet -worden. So wie aber das Wetter nur auf einige Stun- 
den heiter wird, zeigt sich bei dem Barometergange wieder ein 
Streben zur Regelmäfsigteit. Auch die Hochlande, welche die 
Meerenge von Sincapore einfassen, sind nach Hrn. Horsburg 
hinreichend , um daselbst die Regelmäfsigteit der Oscillationen zu 
verdecken {Nicholson, Journ. Vol. XIII. p. 20. ). Dagegen 
zeigen sich, nach Hrn. Colebroofee, im Innern von Indien die 
Oscillationenwiederum unabhängig von den Temperaturvariationen 
und den Jahreszeiten. Asiatic. Research. Vol. XII. p. 266. 



304 

Oscillationen zu Bogota von mm ,63 bis 3' nm ,64 ; die monat- 
lichen Mittel schwanken daselbst von l mm ,5 bis 2 mm ,7. Die 
Gröfse der Oscillation von 9 h Morgens bis 4 h Nachmittags 
steht zu der von 4 h Nachmittags bis ll h Nachts, unter 
den Tropen, in dem Verhältnisse 5:4 oder 5:3. Zwi- 
schen 0° und 10° Breite schwanken die täglich Mittel 
in den Ebenen um 3 mm ,8, und auf dem Plateau von 
Bogota um 3 Millimeter. Ein Höhenunterschied von 1400 
Toisen hat also wenig Einflufs auf die Mittelwerthe der 
täglichen Oscillationen und die Extreme dieser Oscillatio- 
nen. Der mittlere Barometerstand am Mittage ist zwi- 
schen den Wendekreisen beständig etwas (einige Zehn- 
tel eines Millimeters) höher, als das Mittel aus den Stän- 
den am Maximum um 9 h Morgens und am Minimum um 
4 h Nachmittags. Begiebt man sich vom Aequatur nach 
den Polarregionen, so findet man folgende Unterschiede 
zwischen den Barometerständen um 9 h Morgens und 4 h 
Nachmittags: zwischen 0° und 10° Breite 2 mm ,5 bis 3 mm ,0; 
zwischen 28° und 30° Breite l rair ,5; zwischen 43° und 
45° Breite l mm ,0; zwischen 48° und 49° Breite mm ,8; 
imter 55° Breite mra ,2. 

8. Die monatlichen Mittel der Barometerstände wei- 
chen folgendermafsen von einander ab: zwischen den Wen- 
dekreisen, um l mm ,2 bis l mm ,5; zu Havannah, Macao und 
Rio Janeiro, nahe an den beiden Wendekreisen, um 7 
bis 8 Millimeter, wie in der gemäfsigten Zone. Die Un- 
terschiede zwischen den Extremen zu denselben Stunden 
im Laufe des Jahres gehen von 4 bis 4^ Millimeter; an der 
Gräuze der heilsen Zone, am Wendekreis des Steinbocks 
steigen sie zuweilen auf 21 mm , und am Wendekreis des 
Krebses bis 25 und 30 Millimeter. Im gemäfsigten Eu- 
ropa liegen die Glänzen der äufsersten monatlichen Oscil- 
lationen, bei der aufsteigenden Bewegimg, um die Hälfte 
näher an einander, als unter dem Wendekreis des Kreb- 
ses; bei den Gränzen der niedersteigenden Oscillationen 
ist dieser Unterschied zwischen beiden Zonen weit unbe- 

trächt- 



305 

trächtlicher. Nahe am Wendekreis des Krebses, im Golf 
von Mexico, dient die Unterbrechung der stündlichen Os- 
cillationen als Vorbote herannahender Stürme. Auf der 
Hochebene von Bogota und selbst in der südlichen Halb- 
kugel, an den Küsten bei Rio Janeiro, nehmen die monat- 
lichen Mittel der Barometerstände vom Juli bis zum Decem- 
ber und Januar regelmässig ab. An der nördlichen Gränze 
der heifsen Zone steigen, durch die Nordwinde, die monat- 
lichen Mittel vom December und Januar über die vom 
Juli und August. 

9. Vergleicht man, zwischen den Wendekreisen 
und in der gemäfsigten Zone, die monatlichen Extreme 
mit einander, so findet man, dafs die Gränzen der auf- 
steigenden Oscillationen 2 bis 3 Mal näher an einan- 
der liegen, als die Gränzen der niedersteigenden Oscilla- 
tionen *). 

10. Die bis jetzt gesammelten Beobachtungen zei- 
gen nicht, dafs der Mond einen merklichen Einflufs auf 
die Oscillationen der Atmosphäre habe **). Diese Oscil- 

*) In Havannah waren nach dem (handschriftlichen ) meteorologi- 
schen Journale des Hrn. Don Antonio Robredo, im' J. 1801, 
die Extreme, bei den Maximis 30",16 und 30",41, und bei den 
Minimis 29",52 und 30",58 (engl. Maafs). Der Unterschied 
zwischen den Maximis betrug also 5 mm ,28, und der zwischen 
den Minimis 18 mm ,20. Zu Paris und Strasburg schwanken in 
den verschiedenen Monaten die Extreme zwischen den Maximis 
unter sich nur um 10 bis 12 Millimeter, die Extreme der Mini- 
mis dagegen um 20 bis 30 Millimeter. 

**) Laptace, Essai phil. sur les probabilites , 1825, p. 119. 
123. 274. Connaiss. des temps , 1825. p. 312. Der Einflufs 
der Mondesanziehung würde zwischen den Wendekreisen, wo 
die stündlichen Variationen so wenig durch die zufälligen Stö- 
rungen verdeckt sind, am leichtesten wahrzunehmen seyn. Ich 
habe indefs, obgleich ich mehrere Nächte hindurch beobachtete, 
nichts Genügendes in dieser Hinsicht bemerken können; allein 
Hr. Mutis versicherte mich, gefunden zu haben, dafs zu Bogota 
das Barometer in den Quadraturen höher steige und tiefer falle, 
als zu den Zeiten der Oppositionen und Conjunctionen, wo die 
Unterschiede zwischen den Ständen um 11 Uhr Abends und 3* 
Annal. d. Physik. B. 88. St. 2. J. 1828. St. 2. V 



306 

lationen scheinen von der Sonne hervorgebracht zu wer- 
den, aber nicht durch ihre Anziehung, sondern durch ihre 
Wärmewirkung. Wenn die Sonne die periodischen Oscil- 
lationen in der Atmosphäre durch Abänderung der Tem- 
peratur hervorbringt, so bleibt noch zu erklären, wes- 
halb die beiden barometrischen Minima fast genau mit 
den Zeitpunkten der gröTsten Wärme am Tage und der 
kleinsten in der Nacht zusammenfallen. 

Was sich aus den zwischen 25" südlicher und 55° 
nördlicher Breite, und dem Meeresspiegel bis zur Höhe 
von 1400 Toisen bisher angestellten Beobachtungen direct 
über die täglichen Barometervariationen ergiebt, zeigt 
folgende Tafel. 

Uhr Morgens auffallend klein werden. Hr. Caldas ( Semana- 
rio , T. I. p> ab.J spricht auch von dieser Beobachtung sei- 
nes Lehrers. Hr. Boussingault hat seitdem diese Untersu- 
chung wieder vorgenommen (man findet sie in dies. Ann. Bd. 85. 
S. 148.), aber kein entscheidendes Resultat zur Beseitigung dieser 
Angaben erhalten können. Der mittlere Barometerstand zur Zeit 
der Syzygien weicht nach dessen Beobachtungen nur um ln,n ,16 
von dem zur Zeit der Quadraturen ab. Toaldo glaubte aus 
den mittleren Ständen von 40 Jahren, freilich bei Anwendung 
einer eben nicht genauen Methode, gefunden zu haben, dafs in 
Italien das Barometer während der Quadraturen höher stehe als 
•während der Syzygien, und höher beim Apogc. als im Perigeo. 
(De la Infl. degli astri , 1781, p. 122. Lambert Act. HeU: 
T. IV. p. 123. Journ. de phys., 1779, Juin. p. 270J. [Meh- 
rere« über diesen Gegenstand im folgenden Anisatz. P. 1 



307 




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308 



XIV. Ueher den Einßiifs des Mondes auf die 
Verminderung des Drucks der Atmosphäre; 
von Hrn. F laug er gues zu Pwiers. 

(Auszug aus der Eiblioth. universelle T. XXXVI. p. 264.) 



Lit der Untersuchung über den Einflufs des Mondes 
auf den Barometerstand haben sich mehrere Mathematiker 
und Physiker beschäftigt, ohne indefs zu recht genügen- 
den Resultaten gelangt zu seyn. Daniel Bernoulli, 
welcher, wie es scheint, diese Aufgabe zuerst behandelt, 
fand durch seine analytischen Untersuchungen, dafs der 
Barometerstand um 20 Linien gröfser seyn müsse da, wo 
die Sonne im Zenithe stehe, als da wo sie sich am Hori- 
zonte befinde *). Zufolge des Verhältnisses 2:5, wel- 
ches nach diesem grofsen Mathematiker zwischen den An- 
ziehungskräften der Sonne und des Mondes statt findet, 
würde hienach die Wirkung des letzteren auf das Baro- 
meter 50 Linien betragen! D'Alembert zeigte das Irrige 
dieser Rechnung, und stellte aus mehreren Gesichtspunk- 
ten eine neue an, welche ihn zu dem Schlüsse führte, 
dafs die Schwankung des Barometers in Folge der An- 
ziehung der Sonne imd des Mondes ungefähr 3 Linien 
betragen müfste, ein ebenfalls noch zu grofses Resul- 
tat **). Paul Frisi reducirte die gemeinschaftliche 
Wirkung der Sonne und des Mondes auf T |^ Linie ***), 
und späterhin fand er durch eine neue Rechnung die 
Wirkung der Sonne zu T £ F Linie, und die des Mondes 

*) Tratte du flux et reflux de la mer im 3. Th. p. 164. der 
Princip. mathemat. phil. nat. nach der Ausgabe von Jacquier 
et 1 e S e u r. 

**) D'Alembert , Recherche* sur la cause generale des Cents. 
Paris 1747, p. 98. 

*'*) Pauli Frisii de gravitale universaii corporum, libri tres. 
Mediolani 1768, Lib. 2. cap. FIIL 



309 

zu T V oder 0,0208 Linie*). Fontana erhielt durch 
einen sehr unwahrscheinlichen Calcul für die Mondswir- 
kung ^ oder 0,0227 Linie**). Toaldo, gleichfalls 
bemüht die Theorie von Frisi zu berichtigen, behaup- 
tete, dafs der Unterschied zwischen der gröfsten und 
kleinsten Monds Wirkung T -g- oder 0,0625 Linie betrage***). 

Endlich hat Laplace durch Anwendung seiner ge- 
lehrten Theorie von den Oscillationen der Atmosphäre 
auf die Barometerbeobachtungen, welche 8 Jahre lang 
um 9 h Morgens, am Mittage und um 3 Uhr Nachmittags 
auf dem Observatorium in Paris angestellt wurden, ge- 
funden , dafs der Mond das Barometer um -£% Millimeter 
hebe und senke, also im Ganzen um ■- Millimeter oder 
0,0492 Linie verändere. Aus den Wahrscheinlichkeitsge- 
setzen schliefst er überdiefs, dafs 40000 Beobachtungen 
erforderlich sejen, um den Einflufs des Mondes auf die 
Atmosphäre gehörig zu erweisen -J-). Alle diese Berech- 
nungen sind nach Hrn. Flaugergues offenbar zu klein. 

Eben so viele Ungewifsheiten findet man in den Beob- 
achtungen, durch welche bisher die Physiker die Monds- 
wirkung zu erweisen gesucht haben, was zum Theil von 
der unzweckmäfsigen Auswahl der Beobachtungen her- 
rührt. Lambert fand durch Vergleichung von 11 jähri- 
gen Beobachtungen, die in Nürnberg gemacht waren, dafs 
7 Jahrgänge derselben den Barometerstand zur Zeit des 
Apogeivms gröfser gaben, als zur Zeit des Perigeums, dafs 

e ) Frisii cosmographiae physicae et mathematicac pars prior 
et altera. Mediolani, An, 1774 et 1775. 

*•) Atti dell' Accademia di Siena , T. V. An. 1774. 

***) Nouveaux Mernoires de l'academie de Berlin, annee 1778. 

•j-) Die Angabe von Laplace, dafs die Mondswirkung ^s Milli- 
meter oder genauer 0,05443 mm = 0,024129 Lin. betrage, findet 
sieb in der Connaissance des Tems für 1826, p. 310. u. 315.; 
in der Mecanique Celeste, T. III. p. 296. giebt er aber für 
die Gröfse der Mondswirkung unter dem Aequator den "Werth 
0,0006306 Met. oder 0,25970 Lin., welcher nach Hrn. Flau- 
gergues Meinung sich mehr der Wahrheit nähert. 



310 

dagegen in den 4 übrigen Jahren der Barometerstand im 
Perigeo gröfser war als im Apogeo. Auch fand er die 
Summe der Barometerstände beim Perigeo in diesen letz- 
ten 4 Jahren gröfser, als die Summe der Barometerhöhen 
beim Apogeo in den 7 ersten*). Toaldo fand aus den 
Beobachtungen von P o 1 e n i zu Padua, und von Temanza 
zu Venedig, dafs das Barometer um die Zeit des Apo- 
geums um 0,047 engl. Zoll oder 0,529 franz. Linie höher 
stehe, als um die Zeit des Perigeums, auch dafs der mitt- 
lere Barometerstand in den Quadraturen gewöhnlich um 
0,167 Linien gröfser sej, als in den Syzygien, jedoch 
auch oft ein umgekehrtes Verhalten zeige ** ). C o 1 1 e 
schlofs aus 20jährigen Beobachtungen, dafs der mittlere 
Barometerstand in den Apogeen um 0,334 Lin. höher sey 
als in den Perigeen, und eben so, dafs er beim Neu- 
und Vollmonde gröfser sey als bei dem ersten und letz- 
ten Viertel***). Howard dagegen, der seine Beob- 
achtungen in den Vereinigten Staaten anstellte, behaup- 
tete, dafs das Barometer in den Quadraturen häufiger 
steige und in den Syzygien häufiger falle, so dafs sein mitt- 
lerer Stand in den Quadraturen gröfser sey als in den 
Syzygien f ). Aus 5 jährigen Beobachtungen zu Mühl- 
hausen im Elsafs schlofs Mayer der jüngere, dafs der 
mittlere Barometerstand in den Syzygien um 0,10 Lin. 
gröfser sey als in den Quadraturen, imd in dem Apogeo 
0,39 Lin. gröfser als im Perigeo -ff). Van S winden 
und de la Mothe, der erstere zu Franecker, der an- 
dere zu Bordeaux, haben ebenfalls Beobachtungen zu 
diesem Behuf e angestellt, aber in zu geringer Zahl, um 

*) Acta helvetica, Vol. IV. De Variationibus altitudinum ba- 

rometricarum a luna pendentibus etc. 
**) Nauceaux Memoires de l ' academie de Berlin, an. 1778. p. 45. 
***) Memoires sur la meteorologie, Tom. 1. p. 623. 
•}•) Annuaire du bureau des longitudes pour l'annee 1823./?. 176. 
T"l") Memoires sur la meteorologie par le Pere Cotte, T. I. 

p. 631. et T. II. p. 469. 



311 

ein entscheidendes Resultat geben zu können *). Chi- 
minello's und mehrerer anderer Physiker Beobachtun- 
gen konnte Hr. Fl auger gu es sich nicht verschaffen. 

Uni den fraglichen oder durch die bisherigen Beobach- 
tungen noch nicht gehörig erwiesenen Einflufs des Mondes 
auf das Barometer zu ermitteln, beobachtete Hr, Flanger- 
gues 19 Jahre lang täglich das Barometer zur Zeit des wah- 
ren Mittags. Er wählte diese Tageszeit, weil vor und nach 
ihr in Bezug auf die Sonne alles gleich ist, und so zu 
hoffen stand, den Einflufs der täglichen, von der Sonne 
bewirkten Variationen zu umgehen. Das gebrauchte In- 
strument war ein gutes Gefäfsbarometer, dessen Röhre 
2,46 Lin. Durchmesser mafs. Es war mit reinem Queck- 
silber gefüllt und sorgfältig ausgekocht. Die Skale war 
von Messing und, so weit es die Barometerschwankungen 
nöthig machten, in Achtel der Linie getheilt. Mittelst 
einer Lupe konnte der Barometerstand bis auf ■£% Linie 
abgemessen und noch bis g$ Linie geschätzt werden. Bei 
der Correclion wegen der Capillarität machte Hr. F. von 
Cavendish **) experimentalen Bestimmungen Gebrauch; 
sie schienen ihm vor den Tafeln von Zach ***) und B ou- 
vard f) den Vorzug zu verdienen. Sämmtliche Beob- 

•) Ibid. T. I. P . 628. et 631. 

•*) Philosoph. Transact. Ar,. 1776. Vol. 66. p. 386. 

*** ) Nuoce lavole barometriche e loguritrniche. Genova, 1818. 
p. 50. 

j) Connaissance des Tems pour l'armee 1812. p. 320. et pour 
l'annee 1829. p. 308. fleh habe diese neuere Tafel, als von 
keinem Nutzen, absichtlich nicht in die Annalen aufgenom- 
men. Sie stellen nämlich die Depression des Quecksilbers nur 
als vom Durchmesser der Röhre abhängig dar, -während es 
längst bekannt ist, und sich ein jeder durch einfache Ver- 
suche überzeugen kann, dafs die Capillaritätswirkung, je nach 
dem Grade der Auskochung des Quecksilbers, bei einem und 
demselben Rohre, gar sehr verschieden seyn kann. Den von 
Hrn. F. angewandten Bestimmungen von Cavendish trifft frei- 
lich derselbe Vorwurf, allein da es sich hier im Grunde nur 
um Barometevunterschiede handelt, so hat diese für alle Barome- 
terstände constante Correction keinen nachtheiligen Einflufs. iV| 



312 

achtimgen wurden nach den von Dulong und Petit 
bestimmten Coefficienten der Ausdehnung des Quecksil- 
bers auf 0° reducirt. Auch wurde die Correction wegen 
des Niveaus angebracht, da die Skale an Hrn. F. Baro- 
meter nicht verschiebbar war; Kr F. berücksichtigte auch 
hiebei den Einfiufs der Temperatur. 

Die Resultate dieser vom 19. Octob. 1808 bis zum 
18. Octob. 1827 zur Mittagszeit in Viviers (44°29'1" 
NB, 2°20'55",5 östl. von Paris und 29,12 Toisen über 
dem Meere) angestellten und auf 0° R. reducirten Baro- 
meterbeobachtungen sind nun folgende: 



Allgemeines Mittel ...... 

Conjunction oder Neumond 

Erster Octant 

Erste Quadratur 

Zweiter Octant 

Opposition oder Vollmond . 

Dritter Octant 

Zweite Quadratur 

Vierter Octant 

Nördliches Lunistitium . . . 
Südliches Lunistitium .... 
Perigeum (Parall. Aeq. 60'24") 
Apogeum (Parall. Aeq. 54'4") 



H 



6915 



Mittlere Ba- 
rometer- 
stände. 






234 
234 
235 
234 
234 
234 
235 
258 
258 
252 
252 



«11 '",29 
11,27 
11,26 
11,26 
10,94 
11,20 
11,47 
11,68 
11,31 
11,42 
11,28 
10,97 
11,46 



Auf MIHI. 

meter 

reducirt. 

755 ram ,44 

755,39 

755,37 

755,37 

754,65 

755,23 

755,70 

756,32 

755,48 

755,73 

755,42 

754,72 

755,82 



Aus dieser Tafel schliefst Hr. F. Folgendes: 
1) Das Barometer macht während eines synodischen 
Umlaufes des Monds eine regelmäfsige Oscillation, bei 
welcher es im zweiten Octanten sein Minimum, und in 
der zweiten Quadratur sein Maximum erreicht. Der Un- 
terschied zwischen beiden beträgt 0,74 Lin. oder l,67 mra , 
und die Abweichung des Maximums und Minimums vom 
mittleren Stand 0,35 Lin. imd 0,39 Lin. Da die Beob- 
achtungen zur Mittagsstunde angestellt worden sind, so 



313 

hat auf sie die Sonne keinen Einflufs oder wenigstens 
nur einen constanten auf alle. Man kann daher von 
der Sonne absehen und den synodischen Umlauf des 
Mondes als einen ftlondstag, so wie die Phasen als 
Mondsstunden ansehen. Rechnet man nun den mitt- 
leren Mondstag zu 2i' 1 50' mittl. Sonnenzeit, so erreicht 
das Barometer sein Minimum, wenn der Mond 135° öst- 
lich vom Meridiane steht, d. h. 9 h I8 / f mittl. Zeit vor 
dessen oberer Culmination, und dagegen sein Maximum 
6 h 12'4 nach der Culmination des Mondes, oder wenn 
derselbe 90° westlich vom Meridiane entfernt ist. Der 
Mond bewirkt also bei seinem täglichen Umlaufe um die 
Erde nur eine Ebbe und eine Eluth in der Atmosphäre, 
während er in derselben Zeit im Meere zweimal Ebbe 
und Eluth hervorbringt. Dabei ist zu merken, dafs der 
Mond nur indirect, vermittelst der Atmosphäre, auf das 
Barometer wirkt; der directe Einflufs desselben ist, wie 
Newton gezeigt hat*), unmerklich. 

2) Die Wirkung des Mondes auf die Atmosphäre 
hängt von der Declination desselben ab, wenigstens steht 
in der Breite von Viviers das Barometer bei nördlichem 
Lunistitio 'höher, als beim südlichen. Diefs Resultat 
widerspricht dem, was Laplace aus seiner Theorie ge- 
folgert hat, nämlich: dafs die Art der Declination beider 
Gestirne (der Sonne und des Mondes) keinen merkli- 
chen Einflufs auf die Modificationen der Atmosphäre 
ausübe **). 

3) Die Wirkung des Mondes ist von seinem Ab- 
stand von der Erde bedingt. Nach der mitgetheilten Ta- 
fel ist der mittlere Barometerstand im Perigeo um 0,49 
Linien geringer als im Apogeo. 

Da der Mond nicht immer an den Tagen, wo er 

*) J. Newtonii, Principia math. philosophiac naturalis, libr. III. 
cap. XXXVII. art. 2. 

**) Micanique Celeste, T. II. p. 298. 



314 

sich auf der Apsiden - Linie befindet , seinen gröfsten 
und kleinsten Abstand von der Erde besitzt, so wählte 
Hr. F. zu dieser letzten Untersuchung diejenigen Tage 
aus, an welchen die Horizontalparallaxe des Mondes am 
gröfsten und kleinsten gewesen war; und da der Mond zu- 
weilen, besonders beim Apogeo, zwei Tage hinter einander 
am Mittage fast dieselbe Parallaxe besitzt, so nahm Hr. F. 
besonders die Beobachtung von dem letzteren Tage, weil 
an diesem die Mondswirkung am merklichsten seyn mufste. 
Da ferner der Mond beim Perigeo nicht immer die- 
selbe Parallaxe besitzt, eben so wenig wie beim Apo- 
geo, so nahm Hr. F., um die Wirkung des Mondes mit 
semer Entfernung von der Erde zu vergleichen, aus den 
Parallaxen, die der Mond zufolge der Connaissance de 
Ternps von 1808 bis 1827 an den Tagen der Perigea und 
Apogea gehabt hatte, das Mittel. Die Summe der Paral- 
laxen für die 252 beobachteten Perigeen betrug 15219'23 /y , 
das Mittel daraus also 60'24"=3624". Die Summe der 
Parallaxen für die 252 beobachteten Apogeen war 13623 / 8 // , 
das Mittel daraus also 54'4"=3244 // . Indem nun Hr. F. 
nach einem Theoreme von Newton annimmt, dafs die 
Wirkungen des Mondes beim Perigeo und Apogeo sich 
verhalten wie die Cuben der mittleren Parallaxen für 
beide Orte, findet er, dafs die Verminderung des atmos- 
phärischen Drucks durch den Mond beim Perigeo 1,73, 
und heim Apogeo 1,24 Par. Linie betrage *), Durch 
eine gleiche Rechnung, angestellt mit Hülfe der gröfsten 
und kleinsten Parallaxe beim Perigeo (3687" und 3550") 
und Apogeo (3255" und 3233") des Mondes während 
den 19 Jahren, bekommt Hr. F. für die Mondswirkung 
im Perigeo =1,75 Lin. , und im Apogeo =1,26 Lin. 

* ) Bezeichnet nämlicb x die "Wirkung des Mondes im Perigeo 

und m seine mittlere Parallaxe daselbst, so wie y die Wirkung 

desselben im Apogeo und n seine mittlere Parallaxe daselbst; so 

bestimmt Hr. F. die Wertbe von x und y aus den beiden Glei- 

x in 3 _.., 

chungen: j* und x — ^ = 0,49 Linien. 



315 

Endlich findet Hr. F. noch eine Beziehung zwischen 
den Regentagen, die mit den Mondsphasen zusammen- 
fallen, und den entsprechenden Barometerständen. Von 
den Regentagen fielen nämlich zusammen: 

77 mit dem Neumonde 



82 - 


ersten Viertel 


79 - 


Vollmonde 


60 - 


- letzten Viertel 


93 - 


- Perigeum 


78 - 


- Apogeum, 



welche Zahlen sich fast umgekehrt zu einander verhal- 
ten, wie die correspondirenden Barometerstände in der 
vorhergehenden Tafel. 

Noch mufs bemerkt werden, dafs Hr. Flauger- 
gues im Laufe der 19 Jahre keine solche Verschlech- 
terung seines Barometers bemerkt hat, wie sie Hr. Da- 
niell vom Barometer der Royal Society in London an- 
giebt. Vielmehr glaubt Hr. F. bei seinem Barometer ein 
fortwährendes Steigen wahrgenommen zu haben. Der 
mittlere Stand desselben war nämlich: 



von 1809 bis 1814 . . . 27"ll'",136=755 mm ,09 

- 1815 - 1820 ... 27 11, 212=755,26 

- 1821 - 1826 ... 27 11, 601 = 756,14. 

Hr. F. schreibt — mit welcher Wahrscheinlichkeit 
mag hier unberührt bleiben — dieses Steigen des Baro- 
meterstandes den grofsen Mengen von Gasen zu, welche 
durch die Ausbrüche der Vulcane, durch Waldbrände, 
Feuersbrünste u. s. w. sich täglich in die Luft erheben*). 

*) Bemerkenswerth ist es, dafs die Mittagsbeobachtungen zu Paris 
eine ähnliche Zunahme zeigen. Die Mittel von 1816 bis 1820 
geben 755""" ,32, und die von 1821 bis 1825 dagegen 756,16. P. 



316 



XV. Besondere Erscheinung heim Vf r asser dampf 
im Dampferzeuger der Perkins 'sehen Ma- 
schine. 

(Aus den Ann. de chim. et de phys. XXXVI. p. 435. *). ) 



JL-<he ich die Thatsache entdeckte, dafs das bis zu 650° F. 
erhitzte Metall das Wasser und selbst den Dampf zurück- 
stöfst, waren bei meinen ersten Versuchen mit stark com- 
primirtem Wässerdampf die von mir angewandten Röh- 
ren zu schwach, imd die Druckventile nicht hinlänglich 
belastet, so dafs das Wasser zurückgestofsen wurde. Da 
die Dainpfschicht, welche sich zwischen der Innenfläche 
des Metalls und dem Wasser befand, ein schlechter Wär- 
meleiter ist, so kam das Metall bald zum Rothglühen, 
und im Momente, wo diefs geschah, wurde der Dampf 

*) "Wie die Redaction jener Zeitschrift bemerkt, ist die Note 
wörtlich aus einer Abhandlung gezogen, die Hr. Perkins in 
der Akademie der Wissenschaften zu Paris vorgelesen hat. — 
In Betreff der Dampfmaschine des Hrn. Perkins findet man 
das Notlüge in dies. Ann. Bd. 75. S. 119. und 355. Vielleicht 
hat es Interesse für einige Leser dies. Annal. zu wissen, dafs Hr. 
Perkins seine Dampfmaschine, nach mehreren beträchtlichen 
Verbesserungen, seit einiger Zeit wirklich im Grofsen ausgeführt 
hat. Im Edinburgh Journal of Science, No. XIV. p. 359. sind 
mehrere sehr vortheilhafte Zeugnisse zu Gunsten dieser Maschine 
zusammengestellt. Namentlich bezeugt das eine, dafs die Per- 
kins'sche Dampfmaschine — high pressure sufety steam engine 
genannt — folgende Vorzüge in sich vereinige: 1) Absolute Ge- 
fahrlosigkeit. — 2) Gröfsere Ersparnifs beim Brennmaterial als 
irgend eine bisher erfundene Maschine. — 3) Entfernung aller 
Reaction des Dampfs und der atmosphärischen Luft, an der Aus- 
führungsseite, auf den Stempel, ohne dafs eine Luftpumpe nöthig 
sey, — 4) Ein neuer, einfacher biegsamer metallischer Stem- 
pel, welcher kein Oel noch irgend eine Liederung gebraucht. — 
5) Dafs sie durch Vereinfachung mehrerer einzelnen Theile nur 
drei Viertel des Raumes einer gewöhnlichen Maschine einnimmt. — 

P. 



317 

I 
selbst zurückgestofsen, so dafs zwischen dem Dampf imd 

der Fläche des erhitzten Metalls eine Schicht von Wär- 
mestoff (calorique) entstand. Ich beobachtete diese That- 
sache zuerst bei Gelegenheit eines Risses in einem sehr 
starken Generator, welcher drei Zoll dick und inwendig 
8 Zoll im Durchmesser besafs, welcher aber, da er aus 
der Legirang von Kupfer und Zinn, die man gewöhnlich 
Kanonengut nennt, verfertigt war, weit eher nachgab, 
als einer von Gufseisen, woraus ich gegenwärtig alle 
diese Apparate verfertige. Im Moment, als der Rifs ge- 
schah, war ein lebhaftes Feuer unter dem Generator. 
Ich vernahm ein dumpfes, ziemlich schwaches Geräusch, 
welches auch von den Arbeitern gehört wurde, die sich 
bei dem Ofen befanden. Man glaubte anfangs, dafs der 
Generator geborsten wäre; allein, da man weder Dampf 
noch Wasser erblickte, und die Maschine ihren gewöhn- 
lichen Gang unter einem Druck von 20 Atmosphären 
fortsetzte, so meinte man, dafs der etwaige Rifs nur ein 
partieller gewesen wäre. Man mäfsigte also das Feuer. 
Sobald nun die Temperatur ein wenig geringer gewor- 
den war, entstand ein schwaches Geräusch, welches end- 
lich so stark wurde, dafs es die Nachbarn in der Fleet- 
Street beunruhigte, und darauf strömte Alles, Wasser 
uud Dampf, in das Feuer. Als man den Generator un- 
tersuchte, fand sich, dafs er fast seiner ganzen Breite 
nach gerissen war, und dafs die Oeffnung eine solche 
Gröfse hatte, dafs sie, als man Wasser in den erkalte- 
ten Generator pumpte, dasselbe hindurchliefs. 

Als ich über die Ursache dieser Erscheinung nach- 
dachte, wurde ich nothwendig darauf geführt, dafs sie 
durch die Repulsivkraft der Wärme hervorgebracht war. 
Um mich zu überzeugen, dafs diefs wirklich der Fall 
war, liefs ich den leeren Generator am Boden glühend 
machen, imd darauf Wasser in denselben bringen. So- 
gleich bildete sich Dampf und die Maschine arbeitete wie 
gewöhnlich, ohne dafs man irgend eine Entweichung von 



318 

Dampf durch den Rifs hätte wahrnehmen können. So 
arbeitete die Maschine den ganzen Tag hindurch, und 
am Abend, als man das Feuer auslöschte, stellte sich 
dieselbe Action (die heftige Entweichung des Dampfes. P.) 
von neuem ein. Mehrere meiner gelehrten Freunde, 
vor denen ich diesen Versuch wiederholte, waren der 
Meinung, dafs der Rifs durch die Ausdehnung des 
Metalls bei seiner Erhitzung verstopft würde; denn sie 
hielten die von mir gegebene Erklärung für unzulässig. 
Alle Zweifel in dieser Hinsicht wurden aber durch den 
folgenden Versuch gehoben. An einem Ende einer der 
Röhren, aus welchen der Generator besteht, winde ein 
Loch von -g- Zoll im Durchmesser gebohrt, und in dieses 
ein starkes gufseisernes Rohr fest eingeschroben, welches 
drei Fufs lang war, auswendig einen und inwendig einen 
halben Zoll im Durchmesser hielt. An einem Ende die- 
ses Rohrs war ein kleiner Hahn, und am andern Ende 
der Röhre des Generators ein Sicherheitsventil, belastet 
mit 50 Atmosphären oder mit 317 Kilogramm, auf den 
Quadratzoll, auch war an diesem Ende ein Rohr, wel- 
ches das Wasser aus der Druckpumpe herleitete. Nach- 
dem man die Generator -Röhre an dem Ende, worin das 
Loch gebohrt worden, zum Rothglühen erhitzt hatte, 
brachte man Wasser in dieselbe. Durch das mit dem 
angegebenen Gewicht belastete Sicherheitsventil entwich 
der Dampf; als man aber den Hahn öffnete, ging hier 
nichts heraus. Man mäfsigte nun das Feuer, und als sich 
die Temperatur hinlänglich gesenkt hatte, wurde das 
Brausen des Dampfes fürchterlich. Man wird diesen Ver- 
such in Kurzem öffentlich wiederholen. 

Obgleich diese neue Thatsache beim ersten Anblick 
unbegreiflich scheint, so erklärt sie sich doch bei ei- 
nigem Nachdenken ziemlich natürlich. Es ist eine be- 
kannte Sache, dafs ein Tropfen Wasser, den man auf eine 
rothglühende Metallfläche schüttet, auf derselben her- 
umtanzt, mit ihr sichtlich nicht in Berührung kommt, 



319 

lind ziemlich langsam verdampft; während dagegen, wenn 
die Temperatur ein wenig geringer ist als 100°, das Was- 
ser durch den Druck der Atmosphäre *) mit dem Metalle 
in Berührung gehalten wird, und die Verdampfung fast 
augenblicklich vor sich geht. Welcher Druck könnte 
nun wohl das Wasser mit einem bis 650° F. erhitzten 
Metalle in Berührung halten. Dieser Druck würde durch- 
aus nicht geringer seyn, als das Maximum der Expansiv- 
kraft, das der Dampf erlangen kann, der 4000 Atmosphären 
übersteigt (Cette pression ne devrait nullement etre infe- 
rieure au maximurn de force elastique que peut acque 
rir la vapeur qid surpasse 4000 atmospheres). Wenn 
ein so ungeheurer Druck nöthig ist, um die Berührung 
zu bewirken, so sind sicherlich 50 Atmosphären nur ein 
geringer Theil der erforderlichen Kraft, und da bei dem 
obigen Versuch das Wasser nicht durch die kleine Oeff- 
nung gehen konnte, ohne fast mit dem erhitzten Metalle 
in Berührung zu kommen, so reichte die Bepulsivkraft 
dieses hin, um den Dampf und das Wasser gleichfalls 
entfernt zu halten; denn ist der Dampf wirklich etwas 
anders als Wasser im Zustande der Expansion? Es han- 
delt sich darum, zu wissen, bis zu welcher Entfernung 
sich diese Repulsivkraft erstreckt. Diefs wird der Ge- 
genstand neuer Versuche seyn. Man kann die Oeffnung 
allmälig vergröfsern, bis Wasser und Dampf, bei dieser 
hohen Temperatur, durch ihre Mitte hindurch zu gehen 
vermögen. Alles, was ich bis jetzt weifs, besteht darin, 
dafs diese Repulsivkraft sich weiter als bis zu T ^ Zoll 
erstreckt; weil der Dampf nicht durch ein Loch von 
■g- Zoll Durchmesser hindurch gehen kann. 

*) Wohl durch sein eigenes Gewicht. P. 



320 



XVI. Fernere Bestätigungen des Einflusses der 
Nordlichter auf die Magnetnadel. 



ekanntlich hat Hr. Arago schon früher gezeigt, dafs 
die Nordlichter selbst dann einen störenden Einflufs auf 
die Magnetnadel auszuüben vermögen, wenn sie noch 
unter dem Horizonte des Beobachtungsortes befindlich 
sind *). Auch wird den Lesern dieser Annalen erinner- 
lich sejn, dafs dieser ausgezeichnete Physiker sogar das 
Daseyn entfernter Nordlichter aus den Unregelmäfsigkei- 
ten im Gange der Declinationsnadel vorhergesagt hat **), 

Dem 

*) Zu einem solchen Schlüsse ist man, nach Hrn. Arago, nur 
dann berechtigt, -wenn man sich überzeugt hat, dafs an dem 
Horizonte des Beobachtungsortes wirklieb kc'ine Nordlichter vor- 
handen sind oder am Tage über -vorhanden waren, wozu erfor- 
dert wird, dafs der Himmel völlig heiter gewesen, und die 
Nadel während des Tages bis gegen Abend nicht beunruhigt 
worden ist. Diese Bedingungen waren stets bei den Beob- 
achtungen erfüllt, welche Hrn. Arago zur Aufstellung des obi- 
gen Satzes vermochten, nicht, aber bei der, welche Graham 
1741 in London anstellte. Graham sah zwar zu London die 
Magnetnadel an dem Tage in Unruhe, an welchem Celsius 
in Upsala ein Nordlicht beobachtete; allein da jener die Magnet- 
nadel schon am Tage beunruhigt fand, und dieser erst in der 
Nacht schwache Spuren eines Nordlichtes erblickte, so ist es 
nach Hrn. Arago wahrscheinlich, dafs zu London das Nord- 
licht nur durch das Tageslicht verdeckt worden war. Da Gra- 
ham überdiefs sich gar nicht zu überzeugen suchte, ob ein Nord- 
licht am Himmel stand, noch irgend eine Beziehung aufstellte 
zwischen diesem Meteor und den Störungen der Magnetnadel; 
so kann man, wie Hr. Arago bemerkt, diesem nicht die Beob- 
achtung zuschreiben , dafs Nordlichter schon unter dem Hori- 
i zonte einen Einflufs auf die Magnetnadel ausüben. 

•*) Man findet die früheren Beobachtungen des Hrn. Arago in 
dies. Ann. Bd. 83. S. 127. u. Bd. 85. S. 164., womit man auch 
die des Profess. Kupffers in Bd. 86. S. 558. vergleichen kann. 

P. 



321 

Dem beharrlichen Eifer, mit welchem derselbe seitdem 
die Beobachtungen der Magnetnadel auf dem Pariser Ob- 
servatorio fortgesetzt hat, verdanken wir aufs Neue eine 
beträchtliche Anzahl von Beobachtungen zur Bestätigung 
dieser Thatsache, so wie auch einige zum Erweise eines 
Einflusses der Nordlichter auf die Inclination der Nadel *). 
Nachstehendes ist ein Auszug aus einem Aufsatze, den der- 
selbe in den Annales de chimie et de phjsiaue T. XXXVI. 
p. 398. bekannt gemacht hat. 

Im J. 1826 glaubte Hr. Arago aus den Störungen 
der Nadel am 10. und 13. Febr., 9., 23. und 29. März, 9., 
13., 17. und 24. April auf das gleichzeitige Daseyn ent- 
fernter Nordlichter schliefsen zu dürfen. Für den 29. März 
1826 hat sich nun diese Vermuthung zunächst bestätigt. 

Hr. Dalton in Manchester meldet nämlich Hrn. A. 
in einem Briefe, dafs man an diesem Tage in Schottland 
und dem nördlichen England wirklich ein bedeutendes 
Nordlicht gesehen habe ; es erschien in Gestalt eines Licht- 
bogens, und wurde an mehreren Punkten einer Linie beob- 
achtet, die fast im magnetischen Meridiane lag und wenig- 
stens eine Länge von 170 engl. Meilen besafs. Am Süd- 
ende dieser Linie zeigte sich der Scheitel des Lichtbo- 
gens nördlich vom Zenith, ungefähr 60° über dem Ho- 
rizont, und im magnetischen Meridiane liegend. Am Nord- 
ende der Basis dagegen beobachtete man den Scheitel- 
punkt des Bogens südlich vom Zenith, in einer Höhe 
von 55°, aber gleichfalls im magnetischen Meridian. An 
zwischen liegenden Orten sahen die Beobachter den Bo- 
gen im Zenith. Aus den gesammten Angaben schliefst 

*) Auch die Intensität des Erdmagnetismus erleidet Störungen durch 
die Nordlichter, wie Herr Arago nächstens durch eine grofse 
Menge von Beobachtungen zu erweisen gedenkt. Er bemerkt m- 
defs, dafs man aus den horizontalen Schwingungen der Nadel 
nur dann eine solche Folgerung ziehen dürfe, nachdem man de- 
ren Dauer wegen der Inclination berichtigt hat, da diese gleich- 
falls Aenderungen unterworfen ist. 

Annal. d. Physik. B. 88 .St. 2. J. 1828. St. 2. X 



322 

Hr. Dal ton, dafs die senkrechte Höhe des Bogens 100 
engl. Meilen, die Breite desselben 8 bis 9 engl. Meilen, 
und seine sichtbare Erstreckung von West nach Ost mehr 
als 500 engl. Meilen betragen haben müsse. 

Von den übrigen Tagen hofft Hr. Arago seine Ver- 
muthungen noch durch die Beobachtungen bestätigt zu 
sehen, welche die Kapitaine Parry und Franklin auf 
ihrer letzten Reise angestellt, aber bis jetzt noch nicht 
bekannt gemacht haben. 

Nordlichter im Jahre 1827. 

Am 9. Januar 1827 wurde zu Kendal in England 
ein glänzendes Nordlicht gesehen. — Am nämlichen Tage, 
am 9. Jan., war der Gang der Nadel zu Paris sehr un- 
regelmäfsig. Schon um 2 h Nachmittags wich das Nord- 
ende der Nadel um 4'^ mehr als gewöhnlich nach Westen 
ab, und blieb in dieser Lage bis 7 h 4- Um ll h 5' war da- 
gegen die Declination um 3'4 kleiner, als an den vor- 
hergehenden Tagen. Die Inclinationsnadel machte eben- 
falls unregelmäfsige Schwingungen. Der Himmel war völ- 
lig bedeckt. 

Am 13. oder 18. Januar 1827 sah man zu Gosport 
in England um 6 h Abends in der Gegend des magneti- 
schen Nordens einen Lichtbogen, der sich unter zuneh- 
mendem Glänze fortwährend vergröfserte, bis er um 9 h 4- 
einen Raum von 90° bespannte. Säulen von röthlichem 
Lichte schössen nach einander an verschiedenen Punkten 
dieses Bogens hervor, und einige von ihnen erreichten 
eine Höhe von 48 Q . — Da im Philosoph. Magazin etc. 
von 1827, T. I., woraus diese Nachricht entlehnt ist, 
einmal (p. 317.) der 13., und ein andermal (p. 239.) 
der 18. Januar als Tag des Nordlichts angegeben ist, so 
vermulhet Hr. A. hier einen Druckfehler. Wenigstens 
zeigte zin 13. Jan. die Nadel zu Paris nichts Ungewöhn- 
liches. Am 18. Jan. dagegen wurde das Nordende der 
Nadel gegen die Regel anfangs nach Westen geführt. 



323 

Um 6 h Y Abends war die Declination 3' gröfser als ge- 
wöhnlich; um 6 h -§ halte sie noch um 1'4- zugenommen. 
Um ll h -| dagegen wurde sie um 14' kleiner gefunden, 
als an den vorhergehenden Tagen; aber von ll h 45' bis 
ll h 50', also innerhalb 5 Minuten, ging die Nadel um 
21 Minuten nach Westen, Der Himmel war heiter. 

Auch am 4. (Morgens und vor allem Mittags), am 25. 
(den ganzen Abend von 6 h an), und am 30. Jan. (Abends) 
war die Nadel zu Paris in Unruhe. Von diesen Tagen 
sind aber Hrn. A. bis jetzt keine Nordlichter bekannt 
geworden. 



Am 17. Februar 1827, Abends 8 Uhr, beobachtete 
Hr. Burney ein glänzendes Nordlicht im Norden von 
Gosport, das 20° auf jeder Seite des magnetischen Meri- 
dians einnahm, und bis 10 Uhr sichtbar war, wo es durch 
ein Schneeschauer verdeckt wurde. — Zu Paris zeigte 
die Declinationsnadel am 17. Februar weder Morgens 
noch Mittags bis l h -£ etwas Ungewöhnliches. Als sie 
aber um ll h ^ Abends beobachtet wurde, fand sich ihr 
Nordende 5 Minuten östlich von seiner gewöhnlichen 
Lage. Der Himmel war heiter. 



Unregelmäfsigkeiten im Gange der Nadel, ohne bis- 
herige Nachricht von gleichzeitigen Nordlichtern, wurden 
an folgenden Tagen beobachtet. Im Februar: am 3. 
(vom Mittage ab), am 4. (besonders des Morgens), am 18. 
(gegen Abend) und am 19. (um Mittag). Im März: am 8. 
(Abends), am 9. (Morgens), am 13. (um 9 h ^ Abends), am 
22. (Mittags) und am 30. (9 h 4 Abends). Im April: am 
5. (Mittags), am 6., 7., 22. und 24., minder beträchtlich 
am 12. und 13. Im Mai: am 2. und 16. Im Juni: am 
25., 26. und 27. Am 23. Juli und am 14. August, 

X 2 



324 

Am 27. August wurde zu Perth in Schottland ein 
Nordlicht beobachtet, das für einen Augenblick fast den 
ganzen Himmel bedeckte. Zu Paris fand Hr. A. am 
27. August l h 6' Nachmittags das Nordende der Nadel 
10 Minuten westlicher als gewöhnlich, dabei unregelmä- 
fsige Schwingungen machend. Um 9 h 4- Abends war da- 
gegen die Declination 8 Minuten kleiner, als zu gleicher 
Zeit an den vorhergehenden Tagen. Der Himmel war 
sehr wolkig. 

Am 28. August Abends winde zu lioxburgshire ein 
Nordlicht beobachtet. — An demselben Tage, um l h 
Nachmittags, war zu Paris die Declination" 6 Minuten 
gröfser, als im Mittel an den vorhergehenden Tagen. 
Am Abend winde die Nadel unglücklicherweise nur ein- 
mal beobachtet, und zwar um ll h ; die Declination schien 
'S' kleiner als gewöhnlich. Am andern Morgen, am 29. Au- 
gust um 9 Uhr, war das Nordende der Nadel 12' west- 
lich von seiner gewöhnlichen Lage entfernt. Um 9 h f- 
hatte diese Ablenkimg noch um 4 Minuten zugenommen, 
und die Nadel oscillirte in Bogen von mehr als 8 Minu- 
ten. Am Abend war alles wieder in Ordnung. Auch 
die Inclinationsnadel wurde beunruhigt. Die Neigung 
war am Morgen des 29. fast um 6 Minuten großer, als 
am Tage vorher imd nachher. 



Am 8. September 1827, 8 h 4 Abends, beobachtete 
Hr. Heron deVillefosse ein Nordlicht zu Saint-Cloud, 
bei heiterem Himmel und hellem Mondschein *). — Zu 
Paris bemerkte man am 8. Sept. schon um Mittag eine 
merkliche Störung der täglichen Variationen der Magnet- 
nadel, indem ihr Nordende 13' westlicher als gewöhnlich 
lag. Um l h 19' war die Declination 19 Minuten gröfser, 

*) Es ist dasselbe Nordlicht, welches Hr. v. Humboldt in Ber- 
lin beobachtete, und welches man auch in Dänemark und Schwe- 
den sah. (Dies. Ann. Bd. 86. S. 510. P.) 



325 

als zu gleicher Stunde an den vorhergehenden Tagen. 
Ben ganzen Tag hindurch war die Nadel sehr bewegt, 
und stets mit ihrem Nordende nach Westen abgelenkt. 
Erst imi 9 h |- Abends beobachtete man eine Ablenkung 
von 8 Minuten nach entgegengesetzter Seite, d. h. nach 
Osten. — Personen, die an dem Einflufs der Nordlich- 
ter auf die Magnetnadel noch etwa zweifelten, würden 
gewifs anderer Meinung werden, wenn sie die ganze 
Reihe der am 8. Sept. zu Paris angestellten Beobachtun- 
gen sähen. Auch die Inclinalionsnadel zeigte Störungen, 
welche die möglichen Beobachtungsfehler, bei einer mikros- 
kopischen Ablesung an zwei Punkten, bei weitem über- 
trafen. 

Am 25. September 1827 erlitt die Nadel, nachdem 
sie am ganzen Tage nichts besonderes gezeigt hatte, um 
9 h ^ eine beträchtliche Störung. Bald erblickte ich auch 
hie und da zwischen NNW und NO leuchtende Wol- 
ken, die bald verschwanden und bald wieder erschienen. 
Einmal vereinigten sich diese Lichlwolken und bildeten 
einen zusammenhängenden Bogen, der sich wenig über 
den Horizont erhob, und, so weit ich beurtheilen konnte, 
mit seinem Scheitel nahe im magnetischen Meridiane lag. 
— Dieselbe Erscheinung wurde zu Havre, zu Ostende, 
zu Arau und Zürch, in England zu Gosport und Ken- 
dal, in Dänemark und Schweden (so wie auch an meh- 
reren Punkten in Deutschland. P.) beobachtet. In Eng- 
land leuchtete das Nordlicht, nach Hm. Förster, stär- 
ker als der hellste Mondschein. 

Am 25. September war der Gang der Nadel für die 
täglichen Variationen regelmäfsig vom Morgen bis zu 8 h 
Abends , darauf erlitt er Störungen. Um 9 h Abends war 
die Declination 1' geringer, als an den vorhergehenden 
Tagen; zehn Minuten darauf ging die Nadel V nach 
Westen. Hierauf folgte eine östliche Bewegung, so dafs 
sich um 10 h -y das Nordende der Nadel um 14' dem 
astronomischen Meridiane genähert hatte. Darauf nahm 



326 

die Declination wiederum allmälig zu, jso dafs sie um 
10 h 4- um 14' gröfser war, als eine Viertelstunde vorher. 
—r Auch die Inclinationsnadel machte um 10 h -£ einen 
um V grösseren Winkel mit dem Horizonte als, um9 h {. 



Am 6. October 1827 sah man, ungeachtet des Mond- 
seheins, an mehreren Orten in England ein Nordlicht, 
das namentlich in Manchester glänzend war. — Zu Paris 
zeigte die Nadel für die täglichen Variationen am 6. Octo- 
ber bei Tage nichts Ungewöhnliches. Erst am Abend um 
8 h deutete eine Abnahme der Declination darauf, dafs es 
nützlich sey, die Beobachtungen zu vervielfältigen. Der 
Stand der Nadel wurde daher von 5 zu 5 Minuten bis 
Jl h beobachtet. Die Veränderungen waren aufserordent- 
lich unregelmäfsig, doch hatte die Ablesung keine Schwie- 
rigkeit, da die Nadel kaum oscillirte. Um 8 h war die 
Declination kleiner als gewöhnlich, um 10 h 20' hatte sie 
um 8' zugenommen ; 5 Minuten darauf war sie um eben so 
viel geringer geworden. Um 10 h 35' fand sich die Decli- 
nation 18' kleiner als gewöhnlich, darauf nahm sie mehr- 
mals zu und ab, ohne jedoch dabei je die Werthe, die 
sie an den vorhergehenden Tagen gehabt, zu erreichen. 
Um ll h 12', zur Zeit des Minimums der Declination, be- 
trug die anomale Verringerung mehr als 20 Minuten. 

Auch die Inclinationsnadel erlitt am 6. Oct. zwi- 
schen 8 h und 10 h 21' merkliche Verrückungen. Die Beob- 
achtungen der Oscillation an einer horizontalen Magnet- 
nadel , berichtigt nach den Aenderungen der Inclination, 
bewiesen, dafs die magnetische Intensität ebenfalls wäh- 
rend der Nordlichter verändert worden war, Hr. Arago 
verspricht darüber einen besondern Aufsatz, und bemerkt 
einstweilen nur: 1) dafs die horizontale Nadel am (j. Oct. 
erst in der Nacht einen imregelmäfsigen Gang annahm; 
2) dafs der Himmel völlig heiter war; 3) dafs man am 
Abend zu Paris keine Spur eines Nordlichtes entdecken 



327 

konnte, während man es in England der Angabe nach 
sehr glänzend sah. Ohne diese drei Umstände, sagt Hr. A., 
winde er nicht mit Grund die Folgerungen haben machen 
können, dafs das zu Manchester gesehene Nordlicht, ob- 
gleich es zu Paris unter dem Horizonte blieb, hier die 
Magnetnadel in Unruhe versetzt hätte. 

Am 17. October 1827 — an demselben Tage, an 
welchem Hr. Burney in Gosporl ein schwaches Nord- 
licht sah — zeigte die Nadel zu Paris Mittags zwischen 
1 und 2 Uhr geringe Anomalien. Abends 9 h 50' war die 
Störung sehr grofs, die Declination war nämlich 24 Minu- 
ten kleiner, als zu gleicher Stunde an den vorhergehen- 
den Abenden. Zwischen 9 h 50' und 10 h 45' nahm sie 
um 19 Minuten zu. 



Am 18. und 19. November nahm man in Roxburgh- 
shire Nordlichter gewahr, von denen nach Hin. Burne y 
das am 18. das schwächere war, indem es sich zu Gos- 
port nur um 5° über den Horizont erhob. — Am 18. 
war die Declinationsnadel zu Paris in Unruhe, besonders 
am Nachmittage. Am 19 um ll h Abends war die Decli- 
nation um 8 y kleiner, als an den vorhergehenden Tagen. 



Yom December 1827 enthalten die wissenschaftli- 
chen Journale noch keine Berichte von Nordlichtern. 
Hr. Arago schliefst indefs aus den Anzeigen der Magnet- 
nadel, dafs man am 29. und 30. irgendwo eins wahrge- 
nommen haben müsse, 



328 



XVII. Beobachtung einer Störung der Magnet- 
nadel bei der am 23. Februar 1828 in den 
Rheingegenden verspürten Erderschütterung. 



ie Entdeckung des Hrn. Dr. Seebeck, dafs hetero- 
gene und selbst homogene Metallmassen jeder Art durch 
ungleiche Erwärmung in einen magnetischen Zustand ver- 
setzt werden können, macht es, bei den mannigfachen 
Gründen für das ausgebreitete Daseyn solcher Massen im 
Innern der Erde, gewifs sehr wahrscheinlich, dafs die vul- 
canischen Actionen einen Einflufs auf die Magnetnadel 
auszuüben vermögen; wie denn auch der Entdecker des 
Thermomagnetismus selbst, in einer früheren Abhandlung 
(dies. Ann. Bd. 82. S. 280.) schon versucht hat, die 
Phänomene des Erdmagnetismus mit denen des Yulcanis- 
mus in Zusammenhang zu bringen. Um so mehr Interesse 
hat aber auch deshalb gerade jetzt eine jede wohlerwie- 
sene Thatsache, die solch einen Zusammenhang aufser 
Zweifel setzt, zumal die älteren Erfahrungen dieser Art 
zum Theü wohl nicht ganz zuverlässig sind. An verein- 
zelt stehenden Beobachtungen, die eine Einwirkung der 
Erdbeben und vulcanischen Ausbrüche auf die Magnet- 
nadel anzudeuten scheinen, fehlt es nämlich nicht. 

So sagt Kant in seinem Berichte über das Erdbe- 
ben von Lissabon (dess. vermischte Schrift. Bd. 1. S. 56-1.), 
dafs in Augsburg am 1. November 1755 die Magnete ihre 
Last abgeworfen haben und die Magnetnadeln in Unord- 
nung gerathen seyen, auch fügt er hinzu, dafs, nach Boyle, 
dasselbe schon früher einmal in Neapel nach einem Erd- 
beben vorgegangen sey Aus einer etwas undeutlichen Be- 
schreibung in Kant's phys. Geographie, Bd. 2. Abth. 2. 
S. 420., scheint femer hervorzugehen, dafs Wucherer 
zu Hohen- EmbS) an der östlichen Gränze der Schweiz, 



329 

bei demselben Erdbeben, am 9. December, an einem 
Magnetstabe eine Bewegimg im Sinne der Inclination beob- 
achtet hat. Der Faden, woran ein 11 ^ Unzen schwerer 
Magnetstab senkrecht aufgehangen worden*), soll näm- 
lich wählend der Erschütterung, die eine ganze Minute 
dauerte, um 40° aus der Verticale nach Süden abgelenkt 
worden seyn, und erst nach dem letzten Stofse, nach ei- 
nigen Schwingungen, seine senkrechte Richtung wieder 
angenommen haben. Wie Robison {System of me- 
chanical philo sophy, T. IV. p. 371.) anführt, hat ferner 
Daniel Bernoulli die Magnetnadel bei einem Erdbe- 
ben um 45' aus ihrer Lage weichen gesehen, und Mül- 
ler während des Erdbebens in Calabrien eine grofse Stö- 
rung in der Declination der Magnetnadel zu Manheim 
bemerkt. Auch sollen, nach Delametherie {Theorie 
de la Terre, T. III. p. 295.), solche unruhige Bewe- 
gungen der Magnetnadel während eines Erdbebens von 
Bertrand in der Schweiz beobachtet seyn. Endlich 
giebt auch der Pater de IIa Torre an, dafs er bei den 
Ausbrüchen des Vesuvs im J. 1767 eine Einwirkung auf 
die Magnetnadel gefunden habe. Er beobachtete nämlich 
4 Wochen lang zu S. Giorgio di Cremano bei Portici 
eine 9" l in lange Magnetnadel, und fand dabei im Laufe 
eines Tages Unterschiede in der Declination, die bis zu 2° 
gingen (dess. Hisloire et phenornenes du vesuve, p. 221.) 
Ohne Zweifel liefsen sich aus älterer Zeit noch meh- 
rere Beobachtungen aufzählen, die mit gröfserer oder ge- 
ringerer Wahrscheinlichkeit für den störenden Einflufs 
der Erdbeben auf die Magnetnadel sprechen würden 
Die bereits angeführten werden indefs für unseren Zweck 
schon hinreichend seyn, da eine nähere Kenntnifs der ver- 
schiedenartigen Abänderungen, welche dieser Einflufs 
nach der Beschaffenheit des Erdbebens etwa erleidet, 
doch mir erst von künftigen Beobachtungen zu erwarten 

*) Wie eigentlich der Magnetstab hing, ist, wenigstens bei Kant, 
nicht deutlich gesagt. 



330 

steht *•). Ich will daher nur noch der merkwürdigen 
Beobachtung des Hrn. v. Humboldt erwähnen, welche 
sich wesentlich von den schon genannten unterscheidet, 
indem sie zeigt, dafs die magnetischen Verhältnisse eines 
Ortes auf eine bleibende Weise durch Erdbeben gestört 
werden können. 

Am 1. November 1799, drei Tage vor dem Erdbe- 
ben, welches Cumana betraf, fand Hr. v. Humboldt 
daselbst die magnetische Neigung mittelst eines Borda'- 
schen Inclinatoriums zu 43°,65; drei Tage nach dem Erd- 
beben, am 7. Nov., betrug sie dagegen nur 42°,75. Als 
Hr. v. Humboldt ein Jahr darauf die Neigung mit dem- 
selben Instrumente abermals zu Cumana bestimmte, be- 
trug sie noch 42°80, hatte also in der ganzen Zeit noch 
nicht die Gröfse wieder erhalten, welche sie vor dem 

") Nicht ganz mit Stillschweigen darf es wohl übergangen werden, 
dafs es auch positive Angaben von Fällen giebt, wo vulcanische 
Erscheinungen, oder solche, die ihnen aller \ ? Vahrscheinlichkeit 
nach beigezählt werden müssen, ohne allen Einflufs auf die 
Magnetnadel geblieben sind. Vasalli Eandi in seinem Be- 
richt über das Erdbeben, durch welches im April 1808 die 
Grafschaft Pignerol heimgesucht wurde (Journ. de physiq. T. 67. 
p. 292. ), sagt ausdrücklich, dafs die Magnetnadel nichts gezeigt 
habe, was man dem Erdbeben hätte zuschreiben können; und 
Hr. Parts ch bemerkt ebenfalls in seiner Beschreibung des räth- 
selhaften Detonations- Phänomens auf der Insel Meleda (p. 95. 
Auch dies. Ann. Bd. 83. S. 292.), dafs während seines dortigen 
Aufenthaltes die Detonationen keine Einwirkung auf die Magnet- 
nadel ausgeübt haben. Bei der Erderschütterung, die man am 
19. Februar 1822 in Paris verspürt hat, sind zwar auf der Stern- 
warte viele Unregelmäfsigkciten im Gange der Declinationsnadel 
beobachtet worden, und merkwürdig genug nur Oscillationen im 
Sinne der Länge der Nadel; allein Hr. Arago, der darüber in 
den Annales de chimie et de pliysique, T. XIX. p. 106., eine 
Notiz bekannt gemacht hat, scheint nicht geneigt zu seyn, diese 
Störungen dem Erdbeben zuzuschreiben, denn er sagt: je ne i>ols 
quun tremblement de terre qu'il tut pu dohner Heu ä im 
mouvement de cette espece. 



331 

Erdbeben besafs *). Die Intensität des Erdmagnetismus 
war sich vor und nach dem Erdbeben gleich geblieben; 
die Nadel machte beide Mal 229 Oscillationen in 10 Mi- 
nuten. Auch die Declination hatte sich anscheinend 
durch das Erdbeben nicht geändert; da indefs die stünd- 
lichen Variationen derselben in Cumana 5 bis 6 Minuten 
betragen, so werden dadurch, wie Hr. v. Humboldt 
bemerkt, die Aenderungen in der absoluten Declination 
sehr verdeckt und schwer zu beobachten. ( Voyage aux 
regions equinoxiales etc. T. IV. p. 25. der Octav- Aus- 
gabe.) 



Nach dieser geschichtlichen Einleitung folge nun der 
Bericht, welcher den eigentlichen Gegenstand dieser Notiz 
ausmacht. Er ist entnommen aus einem Schreiben des 
K. Bergraths und Bergwerksdirector Hrn. Hei ntz mann 
zu Essen an die K. Ober -Berghauptmannschaft, und mir 
von dem Chef des gesammten Berg- und Hüttenwesens, 
Hin. Ober -Berghauptmann Gerhard, zur Bekanntma- 
chung in den Annalen gütigst mitgetheilt worden. 

„Auf der Steinkohlengrube Wiesche, unfern Mühlheim 
an der Ruhr, wird der Bau auf dem Friedrichschachte 
in 480 Eufs unter Tage und 222 Fufs tief unter dem 
Meeresspiegel geführt. Auf der südlichen Grundstrecke 
des Auroraschachtes dieser Grube (etwa 155 Fufs un- 
ter dem Meeresspiegel), in 1400 Fufs Entfernung von 
dem Schachte, markscheidete der Obersteiger Zobel am 
23. Februar 1828. Er hatte einige Zeit den Compafs 

*) "Wie Hr. v. Humboldt bemertt, findet sich in Mendoza's 
Tratado de Navigation die Angabe, dafs die Inclination der 
Magnetnadel sich nach den verschiedenen Monaten und Tages- 
zeiten zu Cumana mehr verändere als die Declination. — Wohl 
möglich, dafs die Beobachtungen, worauf sich diese Angabe 
stützt, zur Zeit anhaltender vulcanischer Aetionen gemacht wor- 
den sind. 



332 

gebraucht, ohne etwas besonderes bemerkt zu haben. 
Zwischen 8-£ und 9 Uhr wurde die Nadel so unruhig, 
dafs eine Beobachtimg derselben zur Winkelmessung un- 
möglich war. Die Schwingungen derselben betrugen 180°, 
reichten vom Nord- bis zum Südpol; auch fanden Schwin- 
gungen, der Inclination nach, statt. Dieser Zustand der 
Schwankungen wurde 15 bis 20 Minuten lang beobach- 
tet. Alsdann hörte der Obersteiger Zobel auf, die Na- 
del zu beobachten, ohne auch nur eine Ahnung gehabt 
zu haben, dafs über Tage eine Erderschütterung zu der- 
selben Zeit beobachtet worden wäre. Zu bemerken ist 
hiebei, dafs in keiner der vielen von Mülheim an der 
Ruhr gegen Osten bis in die Nähe von Unna liegenden 
Steinkohlengruben irgend eine Spur einer Erderschütte- 
rung von wenigstens 2500 darin arbeitenden Personen 
beobachtet worden ist *); während dieselbe zu Essen 
sehr deutlich, zu Bochum weniger stark, zu Dortmund 
sehr schwach als zwei Stöfse in der Richtung von West 
gegen Ost bemerkt worden ist." 



XVIII. lieber den Isopyr, eine neue Mineral- 
species; von Wilhelm Haidinger. 

(Aus dem Edinb. New phllosoph. Journ. No. VI. p. 263.) 



1. JLJ eschrcibung. — Reguläre Gestalten sind nicht 
beobachtet. Sehr reine Massen von beträchtlicher Gröfse, 

*) Aehnliches hat man bei dem Erdbeben bemerkt, -welches am 
24. Nov. 1823 in mehreren Theilen von Schweden verspürt wor- 
den ist. Berzelius sagt darüber in seinem Jahresberichte, 
No. IV. S. 268.: Diejenigen, welche sich auf dem Boden der 
Grube befanden, hörten und spürten nichts; aber diejenigen, 
welche gerade auf den Stiegen waren, um herauf oder hinunter- 
zugehen, empfanden eine so starke Erschütterung, dafs sie nicht 
anders glaubten, als die Stiegen würden mit ihnen einstürzen. — 
Ich brauche wohl nicht besonders zu bemerken , dafs die Beob- 
achtung des Obersteigers Zobel gerade durch das gänzliche Aus- 
bleiben der Erschütterung in der Grube eine erhöhte Glaubwür- 
digkeit und Zuverlässigkeit erhalten hat. P. 



333 

oft fast 2 Zoll nach allen Richtungen messend, kommen 
im Granite eingewachsen vor. 

Theilbarkeit fehlt. Bruch muschlig; sehr vollkom- 
men, wenn das Mineral rein ist, unvollkommner, wenn 
es fremdartige Beimischungen enthält. 

Glasglanz, oft beträchtlich. Farbe graulichschwarz 
und sammtschwarz, hie und da mit rothen Punkten, wie 
im Heliotrop. Strich, blafs grünlichgrau. 

Opak oder an den dünnsten Kanten sehr schwach 
durchscheinend. 

2. Bemerkungen. — Mehrere Stücke vom Isopyre 
werden in Hrn. Allan's Sammlung aufbewahrt. Einige 
derselben sind ganz rein und frei von anhängendem Ge- 
stein; andere sind in eine Art von Granit eingewachsen, 
der hauptsächlich aus Quarz besteht, welcher auch oft 
in Krvstallen die dunkle Masse des Isopyre's durchsetzt. 
Einige derselben verschaffte sich Hr. Allan vor drei Jah- 
ren auf einer Reise durch Cornwall, auf welcher ich das 
Vergnügen hatte, ihn zu begleiten, von einem Bergmann 
in St. Just; andere erhielt Hr. Allan von Hrn. Joseph 
Carne in Penzance, dessen Mineraliensammlung an Pro- 
ducten aus dem westlichen Cornwall besonders reich ist. 
Das westliche Cornwall ist unstreitig das Vaterland des 
Isopyre's, allein seinen Fundort genauer anzugeben, ist 
mir gegenwärtig nicht möglich, weil ich damals das Mine- 
ral für schwarzen Opal hielt, und daher versäumte, mich 
näher nach seinem Fundort zu erkundigen. 

Die Aehnlichkeit des Isopyre's mit dem Obsidian 
oder mit dem Opal, wenn er eine schwarze Farbe hätte, 
ist sehr grofs; nur der Glanz ist beim Isopyre weniger 
stark und glasartig, als beim Obsidian. Er hat auch 
sehr viel Aehnlichkeit mit gewissen Arten von Eisen- 
schlacken, und wirklich würde man leicht versucht seyn, 
das Mineral für ein solches , in unsern Oefen zu erzeu- 
gendes Schmelzproduct zu halten, wenn es nicht von 
Quarzkrystallen begleitet wäre, oder, wie in einem der 



334 

Hrn. Allan gehörenden Stücke, kleine Krystalle von 
Zinnstein oder Turmalin eingewachsen enthielte. Wegen 
dieses Ansehens und auch wegen der vollkomninen Aehn- 
lichkeit einer vor dem Lötmohre geschmolzenen Kugel 
mit dem zum Versuche angewandten Bruchstück, schlage 
ich für dieses Mineral den Trivialnamen Isopyre vor, 
von htoq gleich und 7ruQ Feuer. Die Aehnlichkeit in 
den Eigenschaften erstreckt sich auch auf den Magnetis- 
mus. Die vor dem Löthrohr zu Kugeln geschmolzenen 
Stücke des Minerals sind magnetisch wie das Mineral 
selbst, und sogar in einem höheren Grade. 

Aus der Beschreibung, welche Breithaupt vom 
Tachylite gegeben hat, scheint diefs Mineral dem Iso- 
pyre sehr ähnlich zu seyn. Da aber das specifische Ge- 
wicht des Tachylits geringer ist, nur 2,5 bis 2,54 beträgt, 
so können sie unmöglich zu derselben Species gehören. 
Er kommt im Basalt und in der Grauwacke zu Saesebühl 
bei Göttingen vor, gleichfalls nur derb. 



XIX. Chemische hntersuchung des Isopyrs; von 
Dr. ^Edward Turner. 

(Auszug aus dem Edinb. New philosoph. Journ. No. 6. p. 265.) 



V« 



or dem Löthrohr schmilzt der Isopyre ohne irgend eine 
Gasentwicklung. Mit Phosphorsalz geschmolzen giebt er 
deutliche Anzeigen von Kieselerde. Gepulvert auf einem 
Platindraht in die Löthrohrflamme gebracht, färbt er die- 
selbe schön grün. Säuren wirken schwierig auf ihn; koh- 
lensaure Alkalien aber zersetzen ihn leicht und vollstän- 
dig. Bis zum Rothglühen erhitzt, giebt er weder Wasser 
aus, noch verliert er etwas von Gewicht. 

Nachdem durch vorläufige Versuche ausgemittelt wor- 
den war, dafs der Isopyre nur Kieselerde, Thonerde, 
Eisenoxyd, Kalk und ein wenig Kupfer enthielt, wurde 



335 

die Analyse folgendermafsen angestellt. 20,625 Gran ge- 
pulverten Isopyres wurden mit 80 Gran kohlens. Natron 
gemischt und eine halbe Stunde lang rothglühend gehal- 
ten. Die Masse auf die bekannte "Weise mit Salzsäure 
behandelt, gab 9,71 Gr. oder 47,09 Proc. Kieselerde. 
Aus der Lösung wurde das Kupfer durch Schwefelwas- 
serstoffgas gefällt. Das Schwefelkupfer wurde in Königs- 
wasser gelöst, und die Lösung durch Aetzkali gefällt. 
Das erhaltene Kupferoxyd wog geglüht 0,40 Gran oder 
1,94 Procent. 

Nach Absonderung des Kupfers wurde das Eisen 
durch Salpetersäure vollständig oxydirt, und dann nebst 
der Thonerde durch Aetzammoniak gefällt. Die Tren- 
nimg des Eisenoxyds von der Thonerde geschah durch 
Aetzkali. Das erstere wog 4,14 Gr. oder 20,07 Proc, 
die letztere 2,87 Gr. oder 13,91 Procent. 

Der Kalk in der ammoniakalischen Lösung wurde 
durch oxalsaures Ammoniak gefällt. Der Oxalsäure Kalk 
durch Glühen zersetzt gab 3,19 Gran oder 15,43 Proc. 
Aetzkalk. 

Hienach besteht der Isopyre aus: 

Kieselerde 47,09 

Thonerde 13,91 

Eisenoxyd 20,07 

Kalk 15,43 

Kupferoxyd 1,94 

98,44. 
Durch Aufschliefsung mit kohlens. Baryt wurde nach 
Alkali gesucht, aber vergebens. Eben so wenig liefs sich 
Salzsäure, Phosphor-, Flufs- oder Boraxsäure entdecken, 
als man das Mineral mit kohlensaurem Natron aufschlofs 
und die Lösung mit Salpetersäure sättigte. Aus der Farbe 
des Minerals und seiner Wirkung auf die Magnetnadel 
schliefst Hr. F. übrigens, dafs sich ein Theil des Eisens 
als schwarzes Oxyd im Minerale befinde. 



336 

XX. lieber die natürliche Naphtaline *). 



In der im August 1827 gehaltenen dreizehnten Versamm- 
lung der schweizerischen Gesellschaft für Naturwissen- 
schaften zeigte unter andern Hr. Koenlein, Director 
der Gruben in Uznach, mehrere Stücke eines Minerales 
vor, welches er zuerst am Schlüsse des J. 1822 in den 
dortigen Braunkohlenlagern gefunden hatte. Dieses Mine- 
ral besitzt die gröfste Aehnlichkeit mit der Substanz, wel- 
che Brande bei der Destillation des Steinkohlentheers 
entdeckt hat, und später unter dem Namen Naphtaline 
genauer beschrieben worden ist. (Man sehe diese Ann. 
Bd. 83. S. 104.) Die primitive Form desselben ist eine 
unregelmäfsige Pyramide, deren Dimensionen bis jetzt 
noch nicht gemessen worden sind. Es ist spaltbar paral- 
lel den horizontalen und vertikalen Kanten, und besitzt 
einen muschligen Bruch. Seine horizontalen Flächen haben 
Demantglanz, die übrigen nur einen Fettglanz. Die Farbe 
ist weils, oder grünlich, oder gelblich, der des Talkes 
ähnlich. Es ist ganz durchsichtig, brüchig, geruch- und 
geschmacklos. Sein specifisches Gewicht ist etwas grö- 
sser, als das des Wassers. Es zergeht bei einer niede- 
ren Temperatur, und krystallisirt beim Erkalten. Auf 
Papier macht es Fettflecke. Es läfst sich leicht entzün- 
den und brennt mit heller, rufsender Flamme. Man fin- 
det es in den Spalten von bituminösem Holze, zuweilen 
dasselbe durchdringend; es scheint darin durch Sublima- 
tion entstanden zu seyn. Das Braunkohlenlager ist 2 
bis 6 Fufs mächtig, und gehört einer sehr neuen Forma- 
tion an, da es Reste von gegenwärtig noch vorkommen- 
den Pflanzen einschliefst (?). Hr. K. schlägt für die neue 
Species den Namen Naphtaline resinense prismatique vor. 

•) Bibliotheq. universelle, T.JCXXV1. p,2i\&. [Eine nähere Un- 
tersuchung der chemischen Beschaffenheit dieses Minerals, mit 
welcher im Ganzen die Angahen des Hrn. Koenlein überein- 
stimmen, verdankt man dem Hrn. Hofr. Stromeyer (Kast- 
ner's Archiv, Bd. 9. S. 113.), welcher dem Minerale den Na- 
men Scheererit gegeben hat. Dafs diefs Fossil in so deutlichen 
Krjstallen vorkommt, möchte indefs bis jetzt nicht allgemein 
bekannt gewesen seyn. .P.] 



ANNALEN 
DER PHYSIK UND CHEMIE. 



JAHRGANG 1828, DRITTES STÜCK. 



I. Auszug aus einer der IC Academie der Wis- 
senschaften zu Berlin vorgelegten Abhand- 
lung über die Länge des einfachen Secun- 
denpendels in Königsberg; 

von F. W. Bessel *). 

Director der K. Sternwarte in Königsberg. 



er Apparat, welcher zu dieser Bestimmung benutzt 
wurde, ist der Idee gemäfs eingerichtet, dafs jeder Zwei- 
fel über den Mittelpunkt der Bewegung seinen Einflufs 
auf das Resultat verlieren und die Schwierigkeit vermie- 
den werden sollte, welche entsteht, wenn die Länge des 
Pendels nicht durch die ganze Länge des Normalmaafses, 
sondern durch einen Theil derselben, gemessen wird, wo- 
durch es nöthig wird, jenes Normalmaafs einzutheilen, 
Diese Schwierigkeit ist von Denen, welche sich mit der 
Untersuchung der Pendellänge beschäftigt haben, zwar 
auf eine Weise überstiegen worden, welche wenig zu 
wünschen übrig läfst; allein einfacher und überzeugender 
ist es dennoch, die Einrichtung so zu treffen, dafs die 
Längenmessung durch die ganze Einheit des Normalmaa- 
fses erhalten wird. 

*) Dieser, der K. Academie unter dem 5. Jan. 1828 eingesandte, 
Auszug war ursprünglich nicht zum Drucke bestimmt, wird aber 
hier, auf die Aufforderung meines hochgeehrten Freundes, Leo- 
pold von Buch, bekannt gemacht. B. 
Annal. d. Physik. E. 88. St. 3. J. 1828. St. 3. Y 



338 

Durch den von Herrn Repsold in Hamburg, mit 
meisterhafter Vollendung ausgeführten Apparat, sind beide 
Schwierigkeiten gänzlich beseitigt worden. Es wird da- 
durch nicht die Schwingungszeit und Länge eines Pen- 
dels gemessen, sondern es werden die Schwingungszeiten 
zweier Pendel beobachtet, deren Länge genau um die 
ganze Länge der Toise du Perou verschieden gemacht 
werden. Dieses geschieht dadurch, dafs der Anfangspunkt 
des kürzeren Pendels durch Auflegung eines Rahmens, 
von welchem es herabhängt, auf einen festen Punkt am 
Apparate, bestimmt wird; der des Längeren durch Auf- 
legung desselben Rahmens auf das obere Ende der, mit 
dem unteren auf jenen festen Punkt gestellten Toise. 
Damit dieses mit Sicherheit geschehen könne, und der 
Höhenunterschied beider Anfangspunkte wirklich der Toise 
genau gleich sey, ist der Apparat mit dazu dienlicher Ein- 
richtung versehen. Die Höhenunterschiede der Kugel an 
beiden Pendeln werden durch eine mikrometrische Ein- 
richtung gemessen, welche mit einem Eühlhebel versehen 
ist, der über die kleinsten Theile einer Linie sicher ent- 
scheidet. 

Da dadurch, dafs man den \JÄw^wunter schied zweier 
Pendel, und nicht die Länge eines einzelnen, zur Ablei- 
tung der Resultate benutzt, der Mittelpunkt der Bewe- 
gung jedes derselben ganz aus der Rechnung geht, so ist 
es gleichgültig, welche Aufhängungsart der Pendel man 
wählt: man kann die Schneide anwenden, oder das obere 
Ende des Fadens in einer Klemme festklemmen, oder 
was man sonst für bequem hält. Die Bedingung, welche 
streng erfüllt werden mufs, ist nur, dafs die Aufhängung 
beider Pendel vollkommen gleich ist. — Ursprünglich ist 
der Apparat so eingerichtet, dafs der Faden des Pendels 
an der Oberfläche eines horizontalen Cylindcrs von Stahl 
von 1 Lin. Durchmesser anliegt, und an dieselbe durch 
das Gewicht der Kugel angedrückt wird, während er an. 
einem höheren Punkte befestigt ist; bei der Bewegung 



339 

des Pendels wickelt der Faden abwechselnd sich auf den 
Cylinder auf und wieder ab, so dafs der Mittelpunkt 
der Kugel streng genommen keinen Kreis, sondern die 
Curve beschreibt, deren Evolute der Durchschnittskreis 
des Cylinders ist. In einer Beilage der Abhandlung wird 
gezeigt, dafs dieses die Schwingungszeit nicht ändert ; eine 
andere Beilage untersucht die Bewgung mit Rücksicht auf 
die Federkraft des Fadens, welches nothwendig, da wo 
der Faden den Cylinder verläfst, eine kleine Krümmung 
erzeugen und dadurch einen Einflufs auf die Schwingungs- 
zeit erlangen mufs; allein im Unterschiede der Längen 
zweier Pendel verschwindet dieses gänzlich. — Später 
wurde der Apparat durch eine Einrichtung vermehrt, ver- 
möge welcher man auch die Aufhängungen durch eine 
Schneide und durch eine Klemme anwenden kann. Mit 
allen drei Aufhängungsarten sind Versuche gemacht; ihr 
Resultat ist aber, so wie es seyn mufste, stets dasselbe 
geblieben. 

Der Apparat ist in einem Gehäuse eingeschlossen, 
welches mit Glasplatten versehen ist, alle Operationen 
werden bei verschlossenen Fenstern gemacht, so dafs die 
Temperatur weder bei der Messung, noch bei den Beob- 
achtungen der Schwingungszeiten durch das Oeffnen ge- 
ändert wird. 

Die Schwingungszeit ist auf die Borda'sche Art 
beobachtet, d. i. durch Coincidenzen des Pendels mit dem 
Pendel einer vor dem Apparate aufgestellten Uhr. Um 
aber jeden Einflufs der Bewegung des Uhrpendels auf 
den Pendel am Apparate auszuschliefsen, ist die Uhr 
8 Fufs von dem letzteren entfernt aufgestellt, und das 
Bild des letzteren, durch ein zwischen beiden befestigtes 
Objectivglas eines Fernrohrs, um eben so viel vorwärts 
gebracht, so dafs man beide Pendel vollkommen deutlich, 
und ohne optische Parallaxe, mittelst eines 15 Fufs von 
der Uhr und 23 Fufs vom Apparate entfernten Fernrohrs 
beobachtet. Durch diese Einrichtung scheinen die Coin- 

Y 2 



340 

cidenzniomente mit mehr Sicherheit als gewöhnlich beob- 
achtet werden zu können, so dafs der mittlere Fehler 
jeder dadurch erhaltenen Vergleichung des kürzeren Pen- 
dels des Apparats mit dem Pendel der Uhr nur den fünf- 
hundertsten Theii einer Secunde beträgt. 

Die Uhr, worauf die Beobachtungen sich beziehen, 
ist die Hauptuhr der Sternwarte selbst Sie wurde zwar 
nicht unmittelbar angewandt, indem sie ihrem sonstigen 
Gebrauche nicht entzogen werden konnte; allein die Uhr, 
welche vor dem Pendel -Apparate aufgestellt war, war 
so eingerichtet, dafs sie etwa in einer Stunde eine Se- 
cunde gegen jene verlor, wodurch die Schläge beider 
etwa stündlich einmal zusammentrafen. Die Momente 
dieser Coincidenzen wurden stets beobachtet, indem man, 
beide Uhren zugleich hören konnte; hierdurch erhielt 
man den Gang der einen Uhr gegen die andere, in der 
Zwischenzeit weniger Stunden, mit einer Genauigkeit, 
welche wenig zu wünschen übrig läfst, und fast densel- 
ben Erfolg hervorbringt, den man durch unmittelbare An- 
wendung der Hauptuhr erlangt haben würde. 

Die Berechnungsart der Beobachtungen ist, wenn 
man Unterschiede in der Form nicht erwähnen will, nur 
dadurch von der gewöhnlichen verschieden, dafs man die 
Schwingungszeit des Pendels so bestimmt hat, dafs alle 
beobachteten Coincidenzmomente gleichen Werth erhal- 
ten; — bisher war es gebräuchlich, die erste Coincidenz 
mit der 2ten, die 2te mit der 3ten u. s. w. zu verbin- 
den, und aus den einzelnen dadurch erhaltenen Resulta- 
ten das Mittel zu nehmen; diefs ist nicht ganz richtig, 
indem dadurch das Mittel allein auf den beiden aufse- 
ien Beobachtungen beruht, und die zwischenliegenden 
aus dem Resultate verschwinden; der Nachtheil dieses 
Verfahrens gegen das richtige, welches allen Beobach- 
tungen gleichen Stimmwerlh beilegt, war aber nicht von 
grofser Bedeutung, indem die Genauigkeit, womit man 
die Coincidenzen beobachten kann, das Resultat, wenn 



341 

es auch nicht das wahrscheinlichste war, immer sehr nahe 
an die Wahrheit brachte. — Inzwischen ist statt der bis- 
herigen Theorie der Bewegung eines Körpers in einer 
Flüssigkeit hier eine andere substituirt worden, aus wel- 
cher sehr verschiedene lleductionen der Pendellängen auf 
den leeren Raum folgen. 

Man hat nämlich sich der Vorschrift, welche New- 
ton gegeben hat, die beschleunigende Kraft, welche ein 
in einer Flüssigkeit bewegter Körper durch die Schwere 
erfährt, seiner relativen Schwere gleich angenommen., oder 
wenn m seine Masse ist, m) die Masse der aus dem Wege 

gedrängten Flüssigkeit =s , Hierdurch wird die 

bewegende Kraft m — m' auf die materiellen Punkte im 
Körper vertkeilt; allein das System, dessen Bewegung 
man betrachtet, besteht nicht aus dem Körper allein, 
sondern aus dem Körper und der Flüssigkeit ; es läfst 
sich daher nicht rechtfertigen, dafs man die durch die 
Bewegung des Körpers erzeugte Bewegung der Flüssig- 
keit unberücksichtigt gelassen hat. 

Die Differentialgleichung der Bewegung eines Pen- 
dels in einer Flüssigkeit, welche in der Abhandlung ge- 
geben ist, zeigt, dafs die lebendige Kraft des Pendels, 
durch die Einwirkung der Flüssigkeit, um die Summe 
der Producte jedes Theilchens derselben in das Quadrat 
seiner Geschwindigkeit, vermehrt werden mufs. Ausser- 
dem mufs die bewegende Kraft, welche das Pendel er- 
fährt, von der bisherigen Vorschrift abweichend in Rech- 
nung gebracht werden, immer wenn das Pendel aus he- 
terogenen Theilen zusammengesetzt ist: die. Wirkung der 
Schwere ist nämlich stets gegen den Schwerpunkt der 
Masse gerichtet , die der Luft gegen den Schwerpunkt 
der äufseren Figur des Pendels, welche beide nur bei 
einem homogenen Pendel, oder wenn es aus heteroge- 
nen Theilen besteht, im Falle der symmetrischen Ver- 
keilung um den Schwerpunkt, zusammenfallen. 



342 

Die erste Abweichung von der älteren Theorie führt 
auf die allgemeine Schwierigkeit, welche die hydrodyna- 
mischen Aufgaben darbieten, und welche noch so weit von 
ihrer Auflösung entfernt ist, dafs sogar seit der Zeit, wo 
d'Alembert die richtigen Differentialgleichungen der 
Aufgabe fand, kein einziger Vorschritt gelungen ist. Man 
kann also nicht daran denken, die in die Rechnung kom- 
mende Summe der Producte aller Theilchen der Flüssig- 
keit, jedes in das Quadrat seiner Geschwindigkeit multi- 
plicirt, direct zu bestimmen, selbst nicht einmal für die 
einfachste Form eines Pendels. Indessen ist in der Ab- 
handlung gezeigt worden, dafs wenn die Bewegung der 
Flüssigkeit dieselbe Periode hat, welche dem Pendel eigen- 
thümlich ist, dieser Theil der Einwirkung der Flüssigkeit 
immer nur eine Aenderung des Moments der Trägheit 
des Pendels hervorbringt. Die eben ausgesprochene Vor- 
aussetzung, unter welcher dieses wahr ist, ist die allge- 
meinste, welche man machen kann; ihr wirkliches Statt- 
finden kann nicht bezweifelt werden, wenn man die er- 
sten Schwingungen des Pendels (die, bei welchen die Um- 
stände der ursprünglichen Bewegung noch nicht durch 
die Widerstände vernichtet sind) ausnimmt. 

Es geht hieraus hervor, dafs das Pendel in der Flüs- 
sigkeit schwingt, wie ein ähnliches, mit vermehrtem Mo- 
mente der Trägheit, im leeren Räume. Die Quantität 
dieser Vermehrimg, welche von der Gröfse und Figur 
des Pendels abhängt, bestimmt der Calcul nicht; allein 
die Erkenntnifs der Art, wie sie wirkt, zeigt, wie sie 
durch Versuche bestimmt werden kann. 

Um dieses zu erlangen, wurde, aufser zwei Reihen 
von Beobachtungen mit einer Kugel von Messing von 
2 Zoll Durchmesser, noch eine Reihe von Versuchen 
mit einer gleich grofsen, aber weit leichteren Kugel von 
Elfenbein gemacht. Nach der älteren Theorie hätte sich, 
durch beide Kugeln, dieselbe Länge des einfachen Secun- 
denpendels ergeben sollen ; allein der Unterschied war sehr 



343 

grofs = L ,291. Diefs zeigt, dafs der Einflufs der Quan- 
tität der Luft, welche durch das Pendel in Bewegung 
gesetzt wird und deren Bewegung in Rechnung gezogen 
werden raufs, keinesweges unerheblich, sondern nahe so 
grofs ist, als der bisher allein berücksichtigte der aus dem 
Wege gedrängten Luft; so dafs die ältere Reduction für 
die angewandten schwingenden Kugeln nur etwa die Hälfte 
derjenigen ist, welche man anbringen mufs. 

Nachdem dieser erhebliche Umstand in Ordnung ge- 
bracht war, standen der definitiven Berechnung der Ver- 
suche kerne Hindernisse mehr im Wege. Es sind 11 
Ton einander unabhängige Bestimmungen der Länge des 
einfachen Secundenpendels mit der Kugel von Messing 
gemacht worden; jede beruht auf 4 Versuchen mit dem 
langen und 2 mit dem kurzen Pendel. Ferner 4 Bestim- 
mungen mit der Kugel von Elfenbein, jede auf 4 Ver- 
suchen mit jedem der Pendel beruhend. Das wahrschein- 
lichste Resultat aus allen, ist, für den 11,2 Toisen über 
der Ostsee gelegenen Beobachtungsort, die Länge des ein- 
fachen Secundenpendels 

=440 Un ,8147. 

Die Abweichungen der einzelnen Bestimmungen be- 



tragen : 



Kugel von Messing. 

— L ,0003 
+ 0,0027 

— 0,0014 
+ 0,0013 

— 0,0027 

— 0,0015 
+ 0,0009 

— 0,0038 
+ 0,0010 

— 0,0001 
+ 0,0037 



344 

Kugel von Elfenbein. 

+ 0,0002 

— 0,0044 



-fr- 0,0060. 
So klein diese Abweichungen sind, so kann man die 
Beobachtungen doch noch merklich besser darstellen, wenn 
man die Ausdehnung der Toise durch die Wärme, wel- 
che für jeden Grad des Centesimalthermometers, nach 
Bor da =0,0000114 angenommen wurde, etwas vermehrt, 
= 0,00001167; dieses hat aber auf die Länge des einfa- 
chen Secundenpendels nur einen Einflufs von +0 L ,0003. 



Diefs ist der Inhalt des ersten Abschnitts der Ab- 
handlung; einzelne Untersuchungen über verschiedene 
Theile des Apparats u. s. w. sind hier nicht erwähnt wor- 
den; sie sind theils in der Abhandlung selbst enthalten, 
theils als besondere Beilagen gegeben. 

Der zweite Abschnitt beschäftigt sich mit verschie- 
denen Prüfungen, welche zum Theil mit der Bestimmung 
selbst in Verbindung stehen, meistens aber Gegenstände 
betreffen, welche bei anderen Untersuchungen über die 
Pendellängen Gewicht erlangen. 

Eine Vergleichung des für Königsberg erhaltenen Re- 
sultats mit denen von Borda, Biot und Arago, und 
Kater, suchte man durch ein unveränderliches Pendel zu 
erhalten, welches Herrn General -Lieutenant v. Müffling 
gehört, von diesem in Paris beobachtet und später nach 
Königsberg gesandt wurde; ferner durch die bekannte 
Uebertragung der Schwere von Paris nach Greenwich, 
durch die Herren Biot, Arago und Alex. v. Hum_ 
boldt. Inzwischen müfsten die französischen und eng- 
lischen Resultate, vor ihrer Vergleichung mit dem in Kö- 
nigsberg erhaltenen, von dem Fehler befreit werden, wel- 
chen sie durch die zu ihrer Reduction angewandte un- 



345 

vollständige Theorie der Bewegung der Pendel in Luft 
erlitten haben. Um diesen Fehler mit Sicherheit auszu- 
niitteln, müfste den Versuchen der französischen Geome- 
ter und Astronomen noc'i eine neue Reihe hinzugefügt wer- 
den, bei welcher, statt der Kugel von Platin, eine weit 
leichtere von derselben Gröfse beobachtet wird. Will 
man indessen, um eine vorläufige Uebersicht zu erhalten, 
annehmen, dafs die duich zwei Kugeln von verschiede- 
ner Gröfse in Bewegung gesetzten Luftmassen sich wie 
die Gröfsen der Kugeln verhalten, so wird man aus der 
in Königsberg erhaltene! Bestimmung die Verbesserung 
für die französische Platinkugel schätzen können. Man 
rindet auf diese Art, dafs die, sowohl von Bor da als 
von Biot und Arago bestimmten Längen des einfachen 
Secmidenpendels um L ,025 vergröfsert werden müssen. 
— Kater's Resultat aber kann vorläufig gar nicht auf 
den leeren Raum reducirt werden; es ist dazu eine er- 
gänzende Reihe von Versuchen nothwendig, allein es ist 
vielleicht noch schicklicher den Apparat selbst wesentlich 
abzuändern, so wie es unten angedeutet werden wird. 

Die Vergleichungen zv/ischen Paris und Königsberg, 
welche das unveränderliche Pendel des Herrn General- 
Lieutenants v. Müffling gegeben hat, ergiebt die Secun- 
denpendellänge am letzteE Orte L ,2756 gröfser als am 
ersten. Fügt man diesen Unterschied und die Verbesse- 
rung der Reduction auf den leeren Raum = -ihO L ,ö25 
zu Borda's Resultate hinzu, so erhält man für Königs- 
berg 440 L ,860, oder L ,043 mehr als direct bestimmt wor- 
den ist. Inzwischen ist ein Grund vorhanden, das Resul- 
tat der Uebertragung von Paris nach Königsberg für un- 
zuverlässig zu halten; die Herren Biot, Arago und 
Alexander v. Humboldt haben nämlich zwei unver- 
änderliche Pendel von Paris nach Greenwich und wieder 
zurück überbracht, wodurch die Schwere von Paris nach 
Greenwich übertragen worden ist; ferner hat Capt. Sa- 
bine bemerkt, dafs die Pendellängen an verschiedenen 



346 

Orten der Erde sehr nahe seiner Formel entsprechen, 
wenn die geologische Beschaffenheit dieser Orte dieselbe 
ist. Man hat also die Pendellänge von Bor da mittelst 
des Resultats der unveränderlichen Pendel nach Green- 
wich, und von dort mittelst der Formel von Sabine 
nach Königsberg übertragen zu dürfen geglaubt, indem 
die geologische Beschaffenheit der beiden letzten Orte 
nahe gleich zu seyn scheint. Dadurch hatte sich eine 
zweite Vergleichung zwischen Taris und Königsberg er- 
geben, welche nicht den Unterschied von L ,045, son- 
dern eine fast vollkommene Ueber einstimm ung giebt. Es 
wäre daher möglich, dafs die Sdhneide des unveränderli- 
chen Pendels des Herrn v. Müffling zwischen seinen 
Vergleichungen in Paris imd Königsberg (1808 und 1826) 
eine kleine Veränderimg erlitten hätte. Die Uebertra- 
gung durch neue Pendel, mit der möglichsten Vorsicht 
gemacht, würde sehr wünschenswerth seyn. 

Da das Resultat der Abhandlung von der neuen 
Theorie der Entwicklung der Luft auf die Bewegung 
eines Pendels so sehr abhängig ist, so wurde für nöthig 
erachtet, noch anderweitige Versuche anzustellen, wodurch 
der Fehler der alten Theorie noch augenfälliger an den 
Tag gelegt wurde. Dem zufolge wurden Schwingungen 
verschiedener Körper in einem grolsen Wassergefäfse 
beobachtet: zuerst der Messingkugel; dann eines hohlen 
Cylinders von Messing, dessen spec. Schwere =2,0788 
war; endlich desselben Cylinders, nachdem der Boden 
herausgenommen war, wodurch er die spec. Schwere des 
Messings selbst erhielt, also, der alten Theorie zufolge, 
hätte schwingen sollen, wie eine Kugel von Messing. 
Diese drei Körper zeigten folgende Schwingungszeiten, 
welchen die nach der Newton 'sehen Theorie berechne- 
ten beigesetzt sind, damit man den grofsen Unterschied 
gleich übersehe: 



347 







Beobachtet. 


Newton's 
Theorie. 


Kugel von Messing . . 


. langes Pendel 


1",9085 


1,8373 




kurzes — 


1,1078 


1,0693 




. langes — 


2,7,892 


2,3928 




kurzes — 


1,6385 


1,4021 


derselbe ohne Boden . 


. langes — 


2,5675 


1,8339 




kurzes — 


1,5042 


1,0683 



Der Versuch mit dem Hohl-Cylinder ohne Boden 
zeigt, dafs der Einflufs der Figur des schwingenden Kör- 
pers sehr grofs ist; die Figur dieses Körpers hat hier 
eine etwa 12 Mal so grofse Wirkung hervorgebracht, 
als dieselbe Masse in Form einer Kugel erfahren haben 
würde. — Auch wurde noch ein dem Kat ersehen ähn- 
liches Pendel *) in einem hohen Wassergefäfse in Schwin- 
gung gesetzt; in der Luft machte es um jede seiner Schnei- 
den eine Schwingung in 1",0002 m. Z., in Wasser, als das 
gröfsere Gewicht unten war in 1",1177, als es oben war 
in 1",1450. Der Isochronismus der Schwingungen ging 
also verloren, wie zu erwarten war. 

Solchergestalt ist an der Unzulänglichkeit der älteren 
Theorie nicht mehr zu zweifeln. Indessen kamen noch 
andere Punkte in Betracht, welche eine gründlichere Un- 
tersuchung zu verdienen schienen, als sie bisher erfahren 
haben. Der erste, welcher sich darbot, war die Cjlin- 
dricität der Schneiden, worüber der grofse La place die 
wichtige Bemerkung gemacht hat, dafs sie auf die Pen- 
dellänge erheblichen Einflufs erhalten kann. Wenn man 
die Schneiden als abgestumpft und zwar durch einen Kreis- 
Cylinder begrenzt annimmt, so hat L a p 1 a c e gezeigt, dafs 
die Einwirkung auf ein Pendel, welches in der Con- 
struetion dem einfachen Pendel nahe kömmt, darin be- 
steht, dafs der Mittelpunkt der Bewegung nicht in der 

*) Es ist bekannt, dafs die Ehre der Erfindung desselben unserm 
berühmten Landsmann Bohnenberger gebührt. B. 



348 

Ebene liegt, auf welcher die Schneide ruht, sondern um 
den Halbmesser des Cjlinders tiefer. Die Herren Biot 
und Arago haben ferner bemerkt, dafs es auf die Gröfse 
der Abstumpfung nicht allein, sondern auch auf die Art 
ihrer Krümmung ankömmt. Wenn man die Breite der 
Abstumpfung als sehr gering annimmt, so kann man -diese 
zwar unter einem Mikroskope messen, allein man erlangt 
dadurch kein Urtheil über den Halbmesser ihrer Krüm- 
mimg, welcher in der That durch kein directes Mittel 
bestimmt werden kann. Es ist daher die Aufgabe in der 
Abhandlung allgemeiner betrachtet worden, so dafs man 
den Durchschnitt des Cylinders, welcher die Schneide 
begrenzt, als einen Kegelschnitt angesehen hat, dessen 
willkührliche Excentricität das Mittel giebt, der Abstum- 
pfung alle möglichen Krümimmgen beizulegen; die abge- 
schliffenen Seiten des Prisma's, welches die Schneide bil- 
det, sind Tangenten an den Kegelschnitt. Wenn man 
die Breite der Abstumpfung durch b bezeichnet, so fin- 
det sich, durch die Verfolgung der eben erwähnten An- 
sicht, ihr Einilufs auf die Pendellänge =bg, wo q ein 
von der Excentricität des Kegelschnitts, dem Neigungswin- 
kel der Ebenen des Prisma's und dem Schwingungswin- 
kel des Pendels abhängiger Coefficient ist. Die Werthe 
dieses Coefficienten für verschiedene Werthe der Excen- 
tricität hängen von den elliptischen Transcendenten ab, 
und sind in einer Beilage entwickelt worden. Es geht 
daraus hervor, dafs dieser Einflufs sehr erheblich wer- 
den und die Gröfse von b 20 bis 30 Mal übersteigen 
kann. Dieses ist dann der Fall, wenn die Abstumpfung 
der Schneide eine Ellipse mit sehr starker Abplattung 
und aufwärts gekehrter kleinen Axe ist. Um sicher zu 
seyn, dafs dieser sehr gröfse Einflufs nicht statt findet, 
müfste man sich überzeugen können, dafs Abstumpfun- 
gen dieser Art so wenig durch die Operation des Ab- 
schleif ens, als durch den fortgesetzten Gebrauch einer 
Schneide entstehen können. 



349 

Indessen bezweifelt Herr Biot diesen Einfiufs ganz, 
indem er glaubt, dafs die Schneide die Unterlage nur 
durch kleine Hervorragungen berühre, welche als unend- 
lich kleine Punkte zu betrachten sejen, um welche das 
Pendel sich wie um eine feste Axe drehe. Um hierüber 
eine Entscheidung zu erhalten, wurde eine Schneide ab- 
sichtlich abgestumpft, durch ein Verfahren, welches einen 
sehr grofsen Krümmungshalbmesser ergeben mufste. Die 
Schwingungen des Pendels auf dieser Schneide, deren 
Abstumpfimg L ,0216 breit war, zeigten in der That einen 
sehr bedeutenden Einflufs, welcher die Länge des einfa- 
chen Secundenpendels um •§■ Linie verlängert haben würde. 
Ein zweiter Versuch, bei welchem die Breite der Ab- 
stumpfung L ,0135 war, gab ein ähnliches, nur im Ver- 
hältnisse der geringeren Breite der Abstumpfung kleine- 
res, etwa 4 Lin. betragendes Resultat. Hiernach kann 
man die Ansicht des Herrn Biot nicht unbedingt für 
wahr erkennen; man mufs im Gegentheil annehmen, dafs 
die Versuche dieses grofsen Physikers mit zwei Schnei- 
den, deren eine fein war, die andere breiter abgestumpft 
als die, womit der zuletzt angeführte Königsberger Ver- 
such gemacht ist, nur deshalb übereinstimmen, weil die 
Art der Krümmung der letzteren weniger ungünstig war, 
als sie hätte seyn können. Uebrigens ist auch die Be- 
hauptung, dafs das mit einem Pendel mit reeiproken Axen 
erhaltene Resultat von der Abstumpfung der Schneiden 
gänzlich frei sey, nur dann wahr, wenn das Product bq 
für beide Schneiden gleich ist. Es giebt aber ein leich- 
tes Mittel, auch mit abgestumpften Schneiden das rich- 
tige Resultat zu erhalten: man mufs sie so einrichten, 
dafs sie mit einander verwechselt werden können, wo- 
durch der Fehler, nach der Verwechselung, in gleicher 
Gröfse auf die entgegengesetzte Seite gebracht wird. 

Man hat ferner vorausgesetzt, dafs die Schneiden 
bei der Bewegung des Pendels absolut fest liegen. Um die- 
ses zu prüfen, wurde eine besondere Vorrichtung, eine Art 



350 

von Fühlhebel, angewandt, welcher so empfindlich war, 
dafs er schon eine Bewegung von y^i-iru- Linie verrathen 
mufste. Hiedurch fand sich, dafs die Bewegung des Pen- 
dels wirklich eine Bewegung der Schneiden hervorbringt, 
imd zwar eine stets nach der Richtung der Bewegung 
des Pendels gehende; die Ausdehnung dieser Bewegung 
konnte gemessen werden, sie war für harte Unterlagen 
sehr klein, für weichere aber weit gröfser; für jene bei 
dem Schwingungs winkel von 1° — ^-^-g- Linie; als die 
Schneide auf 2 Messing - Cylinder gelegt wurde, erlangte 
die Bewegung die bei der starken Vergröfserung des Fühl- 
hebels sehr augenfällige Gröfse von tviru Linie. Diese 
Erfahrung, verbunden mit Beobachtungen der Schwin- 
gungszeiten des Pendels auf verschiedenen Unterlagen, 
klärte die Art der Einwirkung der letzteren auf. 

Es zeigte sich nämlich, dafs, wenn man das Pendel 
auf weicheren Unterlagen schwingen liefs, die Schwin- 
gungszeit sehr bedeutend verkürzt wurde; es werden Ver- 
suche angeführt, bei welchen dieser Einflufs die Lauge 
des einfachen, gleichzeitig schwingenden Pendels um mehr 
als eine halbe Linie verkürzte. Obgleich aber dieser Feh- 
ler weit gröfser ist, als man ihn bei den Versuchen über 
die Pendellänge je befürchten darf, indem Niemand wei- 
che Unterlagen nehmen wird, während sehr harte vor- 
handen sind, so sind die Versuche dennoch lehrreich, 
weil sie über eine Einwirkung Licht verbreiten, welche 
nach unseren bisherigen Ansichten ganz unerklärlich ist. 
Wie aus der Verbindung beider Wahrnehmungen ein Re- 
sultat gezogen werden kann, mufs in der Abhandlung 
selbst nachgelesen werden. Es folgt aber daraus, dafs 
die Schneide in die Unterlage einen Eindruck macht, imd 
dafs die Einwirkung auf die Schwingungszeit entsteht, in- 
dem die höher festliegende Schneide, tiefer die Materie 
der Unterlage aus dem Wege drängt, wodurch ihre Be- 
wegung aufgehalten und beim Zurückschwingen befördert 
wird; das letztere durch das Bestreben der Materie der 



351 

Unterlage, ihre eigenthümliche Stelle wieder einzunehmen. 
Es ist auffallend, wie Erscheinungen, welche in einem 
Räume vor sich gehen, welcher wegen seiner aufsei sten 
Kleinheit sich jeder directen Beobachtung entzieht, durch 
die Einwirkimg, welche sie auf die Schwingungszeit äufsern, 
ihre Natur sehr augenfällig verrathen. — Um ein Pendel 
mit reciproken Axen euch von dieser Einwirkung so viel 
als möglich frei zu machen, mufs man gleichfalls das schon 
vorgeschlagene Mittel der Verwechselung der Schneiden 
anwenden. 

Es wild auch ein Mittel angegeben, dieses Pendel 
von der Schwierigkeit gänzlich zu befreien, welche aus 
dem Einflüsse der Bewegung in der Luft entsteht. Die- 
ses erlangt man, wenn man es der äufseren Figur nach 
ganz symmetrisch construirt, also mit zwei gleich grofsen 
und gegen die beiden Schneiden gleich gelegenen Gewich- 
ten, deren eins aus vollem Metalle besteht, das andere 
hohl ist. Ein so, und mit verwechseibaren Schneiden 
eingerichtetes Pendel mufs die richtige Pendellänge geben, 
wenn die magnetische Eigenschaft, welche .Herr Arago 
an nicht eisenhaltigen Substanzen entdeckt hat, nicht einen 
Einflufs erlangt. Man könnte das Pendel mit der dre- 
henden Scheibe von Messing, den Erdmagnetismus mit 
der Nadel vergleichai. — Es wäre zu wünschen, dafs 
der berühmte Entdecker dieser merkwürdigen Eigenschaft 
hierüber seine Meinung ausspräche. 

Endlich sind nocji Versuche angeführt, aus welchen 
sich die Pendellänge für Königsberg ' aus der Messung 
der einzelnen Pendel, deren Unterschied allein zu dieser 
Bestimmung benutzt worden ist, ergiebt. Diefs bestätigt 
das oben angeführte Resultat bis auf eine Kleinigkeit, 
welches sehr wohl anderweitig erklärt werden kann. — 
Dafs der Erdmagnetismus auf ein Pendel, welches aus 
einer Kugel von kleinem Durchmesser an einem verhält- 
nifsmäfsig langen Faden aufgehängt besteht, merklichen 
Einliufs äufsern sollte, ist nicht gedenkbar. Ob die Schwer- 



352 

kraft, welche verschiedene Metalle und andere irdische 
Substanzen erfahren, genau gleich ist, wird aus einer be- 
sonderen Untersuchung hervorgehen, wozu der Apparat 
besonders geeignet ist, und welche jetzt vorbereitet wird. 



IL Zusätze zu der .Abhandlung : Von dem in 
allen Metallen durch Verkeilung zu erregen- 
den Magnetismus ; vom Dr. T. J. Seebeck *). 



I. 

päter angestellte Versuche mit Eis enfeilsp ahnen ^ wel- 
che in verschiedener Dicke in Pappschachteln aufgehäuft 
waren, gaben folgende Resultate. 

Eine Magnetnadel, welche in einer Höhe von unge- 
fähr 3 Linien 116 Schwingungen \on 45 — 10° machte, 
vollbrachte : 

1. Ueber einer 4- Linie dicken Schicht von Eisen- 
feilspähnen, welche mit einer f Linie dicken Pappscheibe 
bedeckt war, 63 Schwingungen. 

2. Ueber einer 1 Linie dicken Schicht Eisenfeil- 
spähne 35 Schwingungen. 

3. Ueber einer 9 Linien dicien Schicht derselben 
Spänne 29 Schwingungen von 45 — 10°. 

Diese Magnetnadel erregte also einen um so stär- 
keren Magnetismus durch Vertheiling in dem unter ihr 
liegenden Eisen, je gröfser die Masse desselben war, 
wodurch denn auch die Zahl der Schwingungen vermin- 
dert werden mufste, da die von allen Theilen der Nadel 

in 

*) Aus den so eben erschienenen Denkschriften der K. Academie 
von 1825. Ein Auszug aus der Abhandlung, worauf sich diese 
Zusätze beziehen, ist den Lesern schon in Bd. 83. S. 203. dies. 
Ann. mitgcthcilt. Wo es das Verständnis nöt.hig machen sollte, 
hätte man diesen Auszug zu Rathe zu zielien. P. 



353 

in der Eisenfeile erregten vorübergehenden oder verän- 
derlichen entgegengesetzten Pole anziehend, und also die 
Bewegung der Nadel hemmend wirken mufsten. 

4. Dieselbe Magnetnadel in derselben Höhe über 
einer 9 Linien dicken Schicht von Drehspähnen einer Le- 
girung von Kupfer mit 3 Proc. Eisen machte 97 Schwin- 
gungen, und 

5. Ueber einer 9 Linien dicken Schicht von Dreh- 
spähnen einer Legirung von Messing mit 5 Proc. Eisen 
machte sie 87 Schwingungen von 45 — 10°. 

6. Wurde diese Magnetnadel in der vorigen Höhe 
von ungefähr 3-f Linie über einer 9 Lin. dicken Schicht 
von angeblich reinen Kupfer- Drehspähnen gestellt, so 
vollbrachte sie 116 Schwingungen von 45 — 10°; also 
eben so viel als für sich und ohne diese Unterlage. 

7. Als aber die Magnetnadel der Compafsrose bis auf 
1 4- Lin. Abstand genähert wurde, so bewirkte diese Masse 
von Kupfer- Drehspähnen schon eine Verminderung der 
Schwingungen; die Zahl derselben betrug nun von 45 — 10° 
nur noch 107 — 108. Wäre ein stärkerer Magnet statt 
jener Nadel angewendet worden, so würde die Differenz 
in der Zahl der Schwingungen über diesen Spähnen und 
ohne dieselben verhältnifsmäfsig gröfser ausgefallen sevn. 

Alle hier angeführte Thatsachen scheinen mir die 
früher (dies. Ann. Bd. 83. S. 210.) gegebene Erklärung 
von der Hemmung, welche Magnetnadeln und Magnet- 
stäbe über ruhenden Metallscheiben erleiden, vollkom- 
men zu bestätigen. Wir ersehen hieraus zugleich, dafs 
das Vermögen der Metalle, durch Vertheilung eine magne- 
tische Polarität anzunehmen, viel gröfser ist, wenn sie 
eine feste Masse bilden, als wenn sie fein zertheilt sind. 
Wenn nun diefs Vermögen in einem Metall, welches das- 
selbe in so hohem Grade besitzt, wie das Eisen, schon 
so beträchtlich durch den aufgehobenen Zusammenhang 
und durch feine Zertheilung vermindert ist, wie aus der 
Vergleichung dieser Versuche mit den übrigen in dieser 
Annal. d. Physik. B. 88. St. 3. J. 1828. St. 3. Z 



354 

Abhandlung angeführten Versuchen mit Eisenblechen her- 
vorgeht, so kann es nicht befremden, die hemmende Wir- 
kung der Kupfer -Drehspähne im sechsten Versuch dieser 
Note Null zu finden. Aus Versach 7 ersehen wir aber 
zugleich, dafs dem Kupfer selbst dann, wenn es sich in 
der ungünstigsten form, d. h. in mehr oder weniger fein 
zertheiltem Zustande befindet, das Vermögen, durch Ver- 
theilung magnetisirt zu werden, niemals ganz fehlt. Wie 
wichtig der vollkommene Zusammenhang der Metallmas- 
sen in Beziehimg auf die Einwirkung derselben auf die 
schwingende Magnetnadel, folglich auch, nach unserer An- 
sicht, auf das magnetische Polarisationsvermögen der den 
Magneten genäherten Metalle ist, haben uns auch H er- 
sehe l's d. Jung, interessante Versuche mit Kupfer Schei- 
ben, in welche einige Einschnitte gemacht waren, gelehrt; 
denn schon bedeutend war hierdurch die Wirkung die- 
ser Scheiben auf die oscillirende Magnetnadel verringert. 
Aus dem vierten und fünften Versuch dieser Note 
geht hervor, dafs die magnetische Polarisation des Kupfers 
und Messings um so gröfser ist, je mehr Eisen sie ent- 
halten, und man könnte hierdurch veranlafst werden zu 
fragen, ob nicht vielleicht die Metalle überhaupt erst durch 
einen, wenn auch nur geringen Gehalt von Eisen das Ver- 
mögen erlangen, magnetische Pole durch Verth eilung an- 
zunehmen? Es ist nicht zu läugnen, dafs in vielen Fäl- 
len der Eisengehalt der Metalle ihre Capacität für den 
Magnetismus vermehre ; dafs er sie aber erst erzeuge, kann 
keinesweges als allgemein geltend angenommen werden. 
Aus den früher (dies. Ann. Bd. S3. S. 213.) angeführten 
Beobachtungen ersehen wir, dafs das Eisen selbst sein 
Vermögen, magnetisch zu werden, in Alliagen verliert, in 
denen es in beträchtlicher Menge vorhanden ist, oder dafs 
wenigstens seine Capacität für den Magnetismus durch Zu- 
satz von andern Metallen in hohem Grade vermindert wird. 
Auch wissen wir ja längst, dafs andere, und dazu für sich 
des Magnetismus nicht fähige, oder doch im schwächsten 



355 

Grade fähige Körper, wie die Kohle, dem Eisen das 
Vermögen ertheilen, den in ihm durch Vertheilung erreg- 
ten Magnetismus fester zu binden, dauernder zu machen; 
eine Erfahrung, welche wohl die Frage veranlassen könnte, 
ob nicht der Magnetismus im Eisen selbst erst bedingt 
sey durch die Gegenwart eines andern mit ihm verbun- 
denen Körpers? Ohne ein grofses Gewicht darauf zu 
legen, will ich nur an diese schon mehrmals aufgewor- 
fene Frage, welche aber noch immer unbeantwortet ge- 
blieben, erinnern. Man hat ferner im Nickel, welches 
mit der gröfsten Sorgfalt bereitet worden, und welches 
einen starken Magnetismus durch Vertheilung annahm, 
nicht eine Spur von Eisen entdecken können. Und die 
früher (dies. Ann. Bd. 83. S. 215.) angeführten Thatsa- 
chen belehren uns, dafs das Vermögen des Nickels zur 
magnetischen Polarisation durch ein anderes Metall, als 
beim Eisen erforderlich ist, geschwächt und bei einem 
bestimmten Mischungsverhältnifs desselben zum Nickel 
aufgehoben werden kann, nämlich dem Kupfer, welches 
das magnetische Polarisationsvermögen des Eisens nicht 
aufhebt, und in welchem das eigene Polarisations vermö- 
gen noch durch Zusatz von Eisen, oder Vermehrung sei- 
nes ursprünglichen Eisengehalts, verstärkt wird. 

Alle diese Thatsachen sprechen entschieden gegen 
die Hypothese, der zu Folge der Magnetismus der Kör- 
per lediglich einem Eisengehalt derselben zugeschrieben 
wird. Zugleich scheinen mir aber auch die hier mitgc- 
theilten Erfahrungen anzudeuten, dafs wenn es Metall- 
verbindungen giebt, welche gegenseitig das Vermögen zur 
magnetischen Polarisation durch Vertheilung in einander 
schwächen, und in bestimmten Mischungsverhältnissen so- 
gar vernichten, — in andern Metallverbindungen eben- 
sowohl das Gegentheil hiervon statt finden könne, näm- 
lich Verstärkung dieses Vermögens durch gegenseitige Ein- 
wirkung der Metalle auf einander. Zur Aufklärung hier- 
über möchten wohl zunächst Versuche mit Alliagen von 

Z * 



356 

Metallen, welche eines (lauernden Magnetismus fähig sind, 
mit andern, in dieser Beziehung schwächeren Metallen 
nothwendig seyn, z, B. mit Alliagen von Kupfer und 
Eisen , von Piatina mit Nickel, Gold mit Nickel, von 
Piatina mit Eisen und nicht minder mit Alliagen von 
Kupfer mit Piatina u. s. w. Das Eisen gehört zwar zu 
denjenigen Metallen, welche sich in gröfserer Menge nur 
mit wenigen andern Metallen verbinden, in geringerer 
Menge geht aber das Eisen fast mit allen sehr innige 
und gleichförmige Verbindungen ein, und es ist zu er- 
warten, dafs ein sehr geringer Antheil von Eisen in den 
dichteren Metallen, z. B. im Kupfer und im Golde u. s. w. 
den Magnetismus bedeutend erhöhen werde. Von dein 
Ouantitätsverhältnifs dieser Körper abhängige Wende- 
punkte, Maxima und Minima, werden hier ohne Zwei- 
fel auch vorkommen. Die Aufmerksamkeit der Experi- 
mentatoren wird aber bei diesen Versuchen nicht allein 
auf die Quantitätsverhältnisse, sondern auch auf die Art 
der Verbindung der Körper, und die äufseren Bedingun- 
gen, unter denen sie erfolgt, gerichtet seyn müssen u. s. w. 
Beiläufig bemerke ich noch, dafs ich nach meinen 
bisherigen Erfahrungen über das magnetische Verhalten 
der Eis enfeüsp ahne schliefsen mufs, dafs Scheiben von 
diesen, statt der von Herrn Barlow erfundenen Cor- 
rectionsscheiben von massivem Eisen (um den störenden 
Einflufs des übrigen Eisens auf den Schiffen abzuwen- 
den), nicht nur angewendet werden können, sondern 
dafs jene vor diesen in einer Beziehung noch den Vor- 
zug verdienen möchten. Scheiben von Eisenfeilspähnen 
nehmen zwar eine schwächere magnetische Polarität durch 
die Stellung (d. h. durch Einwirkung des Erdmagnetis- 
mus) an, sie behalten ihn aber bei weitem nicht so lange 
als massive Eisenscheiben, welche schon durch Stellung, 
und wenn sie sich einige Zeit in der Nähe von Magne- 
ten befinden, feste Pole annehmen, welche nicht immer 
so leicht oder so bald aufzuheben sind, als bei weiterer 



357 

Anwendung derselben wohl nöthig seyn möchte. Die 
Verfertigung gleichförmiger Scheiben von Eisenfeile hat 
ihre Schwierigkeiten, doch glaube ich, dafs ein geschick- 
ter Künstler diese wird überwinden können. Am zweck- 
mäfsigsten möchte es seyn, die Eisenfeilspähne mit einem 
nicht zu weichen harzigen Kitt zu vermischen, diesen gut 
durchzukneten, und ihn in eine flache kupferne Schaale 
einzuschliefsen. 

n. 

Die Zahl der Pendelschwingungen und die Weite 
der Bogen einer an einem Faden hängenden Magnetna- 
del nimmt, wenn diese über Metallplatten horizontal 
schwebt, schneller ab, die Nadel kommt auch als Pen- 
del früher zur Ruhe, als wenn sie frei für sich oder 
über Papier, Marmor oder Holz, in der Verticalebene 
in kleinen Bogen schwingt. Die Pendelschwingungen 
einer solchen Magnetnadel sind aber, bei gleicher Länge 
des Fadens und der Schwingungsbogen, in beiden Fällen 
eben sowohl isochronisch , wie die Schwingungen der 
Nadel in der Horizontalebene, wie aus folgenden später 
angestellten Versuchen zu ersehen ist. Ein Magnetstäb- 
chen von 4 ^ Zoll Länge, 4 Zoll Breite und \ Zoll Dicke, 
welches stark magnetisch war, und an einem Seidenfa- 
den in einer 22 \ Zoll hohen Glasglocke hing, machte 
über einer horizontal gestellten Marmorplatte, von wel- 
cher beide Pole des Magnetstabes imgefähr 2 4- Linie ent- 
fernt waren, 100 Pendelschläge in der magnetischen Aequa- 
torialebene, wobei der Magnetstab immer im magnetischen 
Meridian gerichtet blieb, nach dem Mittel aus mehreren 
Versuchen in Zeit von 1 Minute 11 Secunden 55 Ter- 
tien. Dasselbe Magnetstäbchen über 3 runden Kupfer- 
scheiben, welche 10 Zoll im Durchmesser halten, und 
zusammen 6^ Linie dick waren, zugleich aber auch zwi- 
schen 2 vertikal gestellten Kupfermassen von 25 QZoll 
Fläche und 8 Linien Dicke so gestellt f dafs die Pole 



358 

desselben sowohl von den horizontalen als von den ver- 
tikalen Kupfermassen ungefähr 2 ^ Lin. abstanden, machte 
100 Pendelschläge in der magnetischen Aequatorialebene, 
nach dem Mittel aus mehreren Versuchen in 1 Minute 
12 Secunden 1 Tertie. Diese Versuche wurden unmit- 
telbar nach einander und bei gleicher Temperatur ange- 
stellt. Schon nach 150 Schwingungen befand sich der 
Magnetstab im letzteren Fall in Ruhe, da er im ersteren 
Fall über 900 Schwingungen machte, ehe er dem blofsen 
Auge zu ruhen schien. Hieraus ergiebt sich also, dafs 
die Pendelschwingungen eines Magnetstabes durch Metall- 
massen in der Nähe desselben eben so gehemmt werden, 
als wenn eine dichtere Loft denselben umgeben hätte, 
oder als wenn das Gewicht des Stabes vermindert wor- 
den wäre. Eine Kupfermasse , über oder zwischen den 
Polen von Magneten pendeiförmig schwingend, wird also 
ebenfalls früher eine Verminderung der Weite ihrer Oscil- 
lationsbogen erleiden, als eine frei schwebende Kupfer- 
masse. Ferner wird von den metallischen Körpern ein 
Pendel von Quecksilber am wenigsten durch Magnete ge- 
hemmt werden, und ein Pendel von Holz, mit einem Ge- 
wicht von eisenfreiem weifsen Marmor oder von reinem 
Kieselglase, wird durch Magnete (und durch den Magne- 
tismus der Erde?) gar nicht gehemmt werden u. s. w. 

III. 

Noch überzeugender als die schon angeführten That- 
sachen über den Einflufs des Eisens auf die Schwingun- 
gen der Nadel, sind folgende später angestellte Versuche. 
• 2) Ein Eisenblech (ein halbes Sägeblatt), von 2 Fufs 
7 4 Zoll Länge, 4 f- Zoll Breite und T V Linie Dicke, wel- 
ches durch Stellung in der magnetischen Inclinationsebene 
magnetisch geworden war, auf einer horizontalen Mar- 
morpia tte in dem magnetischen Meridian so gelegt, dafs 
der s. Pol ( + m.) des Eisenblechs gegen S. ( — M.) 
und der n. Pol ( — m.) desselben gegen IV". {+M.) 



359 

gerichtet war. Die Boussole, welche aus einem 10 Zoll 
hohen Glascylinder bestand, welcher oben mit einem höl- 
zernen Deckel, und unten mit einer Compafsrose von 
Papier verschlossen war, über welcher die 2 1 Zoll lange 
Magnetnadel, deren Pole beträchtlich stärker als die des 
Eisenblechs waren, in einer Höhe von 2 £ Linie horizon- 
tal an einem Coconfaden schwebte, wurde auf einer Un- 
terlage von einigen Pappscheiben mit ihrem Mittelpunkt 
über der magnetischen Mitte des Eisenblechs (oder doch 
der magnetischen Mitte desselben so nahe als möglich) 
gestellt, indem zugleich darauf gesehen wurde, dafs die 
Magnetnadel vor dem Anfang des Versuchs, eben so wie 
das Eisenblech, im magnetischen Meridian stand. Diese 
Nadel, welche für sich, und ohne irgend eine andere 
Unterlage als die Compafsrose, 104 Schwingungen von 
45 — 10° gemacht hatte, durchlief in einer Höhe von 
74- Linie über der obern Mäche des Eisenblechs den- 
selben Raum in 34 Schwingungen ; in einer Höhe von 
5 Linien über dem Blech in 17 — 18 Schwingungen, und 
in einer Höhe von 4 Linien in 8 Schwingungen. 

2. Als das Eisenblech umgewendet wurde, so dafs 
es mit seinem n, Pol ( — m.) gegen S. ( — M.) und mit 
seinem s. Pol (+m.) gegen N. (-f-M) lag, so machte 
jene Magnetnadel et) in einer Höhe von 7^- Linie über 
dem Eisenblech (und über der magnetischen Mitte des- 
selben) 98 — 99 Schwingungen? ß) in einer Höhe von 
5 Linien 64, und y) in einer Höhe von 4 Lin. 44 — 45 
Schwingungen. 

Aus diesen Versuchen geht hervor, dafs .das Eisen 
die Weite der Schwingungsbogen, und damit auch die 
Zahl der Schwingungen einer Magnetnadel, welche hin- 
länglich stark polar ist, jederzeit, und selbst dann noch 
vermindert, wenn das Eisen ziemlich starke magnetische 
Pole hat, dafs aber das Vermögen des Eisens, die Bo- 
genweite der oscillirenden Magnetnadel zu vermindern, 
immer durch die feste oder veränderliche Polarität des- 



360 

selben gestört oder geschwächt wird, und diefs um so 
mehr, je stärker die Polarität des unter der Nadel lie- 
genden Eisens ist. Hieraus folgt, dafs a"as Vermögen, die 
Weite der Schwingungsbogen der Magnetnadeln zu ver- 
mindern, in allen Metallen, welche eine feste magneti 
sehe Polarität anzunehmen im Stande sind (wie Eisen, 
Kobalt und Nickel), immer mehr oder weniger geschwächt 
seyn wird, und zwar, wenn sie nur durch Einwirkung 
des Erdmagnetismus eine Polarität erhalten, im Verhält- 
nifs ihrer Capacität zum Magnetismus. 

Bei Metallen, welche schon eine feste Polarität be- 
sitzen, hängt der Erfolg theils von der Form derselben, 
theils von dem Verhältnifs ihrer Polarität zu der der 
Magnetnadel ab, so wie auch von dem Orte, an wel- 
chem sich die Nadel über diesen magnetischen Unterla- 
gen befindet. Nur dadurch, dafs das in den letzten Ver- 
suchen angewendete Eisenblech eine mäfsig starke Pola- 
rität und eine beträchtliche Länge hatte, wodurch dessen 
Pole weit von der Nadel entfernt waren, und dadurch, 
dafs es breit genug war, so dafs die Nadel in der gan- 
zen Weite ihrer Schwingungsbogen von 90° über dem 
Blech blieb, und dazu über Theilen desselben, in denen 
der Magnetismus am schwächsten war, konnten die Er- 
scheinungen eintreten, welche oben angegeben worden, 
nämlich dafs die die Oscillationen der Nadel hemmende 
Wirkimg bei zunehmender Annäherung desselben, bis zu 
4 Linien Abstand vom Eisenblech, ungeachtet des stören- 
den Einflusses der Pole desselben, dennoch bedeutend 
zunahm; ferner, dafs die Ungleichheit in der Störung, 
bei der entgegengesetzten Lage der Pole des Eisenblechs 
gegen die in Beziehung auf die Erdpole in unveränder- 
ter Richtung sich erhaltenden Pole der Magnetnadel, nach- 
gewiesen werden konnte. 

In beiden, in diesem Zusatz unter 1. und 2. ange- 
führten Fällen wirkte die Polarität des Eisenblechs auf 
die Bogenweite der oscillirenden Nadel störend ein, doch 



361 

in verschiedenem Grade, so wie auf verschiedene Weise. 
Im ersten Falle nämlich, wo die gleichnamigen Pole der 
Magnetnadel und des Eisenblechs einander zugekehrt, und 
zugleich gegen die ungleichnamigen Pole der Erde gerich- 
tet waren, wurde die hemmende Wirkung des Eisenblechs 
durch die Repulsion seiner Pole vermindert; in dem zwei- 
ten Falle dagegen, wo die ungleichnamigen Pole der Magnet- 
nadel und des Eisenblechs einander zugekehrt wären, wirk- 
ten die Pole des letzteren in gleichem Sinne mit den Po- 
len der Erde; die die Magnetnadel richtende Kraft war 
also hier vermehrt, wodurch denn auch ihre Bewegung 
beschleunigt werden mufste. Die Schwingungen der Na- 
del können mithin auch in den beiden angeführten Fäl- 
len nicht isochronisch seyn, wie leicht einzusehen. 

Ich kann nicht unterlassen, bei dieser Gelegenheit 
darauf aufmerksam zu machen, dafs Coulomb 's Ver- 
suche mit eisenhaltigen Sübernadeln und mit Nadeln von 
Wachs, welche Eisenfeilspähne in verschiedener Quanti- 
tät enthielten, den Resultaten, welche ich mit Magnet- 
nadeln, welche über Eisenfeilspähnen und über Legirun- 
gen von Kupfer mit Eisen und von Messing mit Eisen 
erhielt, in vollkommener Uebereinstimmung sind, und 
dafs also auch jene Versuche. Coulomb 's für die 
hier gegebene Erklärung jener Erscheinungen sprechen. 
Denn Coulomb fand an jenen Körpern die Zahl 
der gleichzeitig vollbrachten Schwingungen um so grö- 
fser, je mehr Eisen sie enthielten. Je mehr Eisen sie 
enthielten, desto stärker mufste also auch die rich- 
tende Kraft der Magnetstäbe, zwischen deren Polen sie 
schwebten, auf dieselben wirken, folglich die Zahl der 
von ihnen in gleichen Zeiten zu vollbringenden Schwin- 
gungen vermehrt werden. Eben diese Körper vermin- 
dern aber auch die Weite der Schwingungsbogen der 
über ihnen befindlichen Magnetnadeln um so mehr, je 
mehr Eisen sie enthalten. Coulomb's Versuche mit 
Nadeln von Gold, Kupfer und Silber stimmen in ihren 



362 

Resultaten mit denen, welche ich mit Platten von diesen 
Metallen erhalten habe, gleichfalls überein. Coulomb's 
Nadeln von Gold und Kupfer machten in gleicher Zeit 
ziemlich dieselbe Zahl von Schwingungen, aber eine ge- 
ringere Zahl als die Nadeln von Silber; das Silber wurde 
also stärker magnetisch als jene beiden Metalle. Eben 
so verhielt sich das Silber in unsern Versuchen, wo sich 
sein stärkerer Magnetismus aus der Verminderung der 
Weite der Schwingungsbogen ergab. Abweichend von 
den früher (dies. Ann. Bd. 83. S. 206. und 207.) ange- 
gebenen Resultaten verhielten sich blos Coulomb's Na- 
deln von Zinn und Blei, in welchen das Vermögen zu 
einer vorübergehenden magnetischen Polarisation gröfser 
war als im Kupfer und Silber, Solche Verschiedenhei- 
ten in den Resultaten können jetzt um so weniger auf- 
fallen, da man aus den hier mitgetheilten Beobachtungen 
ersehen hat, wie leicht diese durch fremdartige Beimi- 
schung auf mehr als einem Wege entstehen können. Im- 
mer werden Versuche mit Magnetnadeln, und besonders 
mit Magnetstäben, welche nahe über ruhenden Metall- 
platten schwingen, entscheidendere Resultate über den 
Grad der Empfänglichkeit der Metalle für den Magnetis- 
mus geben, als Versuche mit kleinen Nadeln von diesen 
Metallen, welche zwischen den Polen von zwei Magnet- 
stäben oscilliren, da dort alle Theile der Magnetstäbe, 
ihrer ganzen Länge nach, auf die zu untersuchenden Me- 
talle, im letzteren Falle aber nur die Enden der Magnet- 
stäbe auf kleine Massen derselben wirken. Die Metalle 
welche keines bleibenden Magnetismus fähig sind, nehmen 
hier nur eine höchst schwache vorübergehende magnetische 
Polarität an, und es haben deshalb Coulomb's Versuche 
selbst manchen geübten Experimentatoren nicht gelingen 
wollen (s. T, Young's Course of Lectures on Natural 
Plulosophy, Fol. IL p. 439.). 



3Ö3 
IV. 

Versuche, welche späterhin mit Platten von einigen 
andern Metalllegirungen angestellt wurden, gaben folgende 
Resultate: 

Eine 2~ Zoll lange Magnetnadel, welche für sich 
und über einer in Grade getheilten Scheibe von dünnem 
Kartenpapier von 45 — 10° Decl. 116 Schwingungen 
machte, vollbrachte 

1 ) über einer 4 Linien dicken und 3 4- Zoll im 
Durchmesser haltenden Platte aus einer Legirung von 
3 Th. Kupfer und 1 Th. Antimon 105 — 106 Schwin- 
gungen; 

2) über einer Scheibe von Pachfong, welche von 
Hrn. v. Gersdorf in Wien bereitet war, 24 Zoll im 
Durchmesser und 3 4 Lin. Dicke hatte, 104 — 105 Schwin- 
gungen; 

3) über einer Legirung von 18 Th. Kupfer, 2 Th. 
Antimon und 1 Th. Zink, deren Durchmesser 3 4 Zoll 
imd die Dicke 4 Linien betrug, 81 Schwingungen; 

4) über einer Scheibe von Glockengut, welche aus 
5 Th. Kupfer und 1 Th. Zinn bestand, 3 Zoll im Durch- 
messer hatte, und 3 £ Lin. dick war, erfolgten 82 Schwin- 
gungen. 

V. 

Wichtiger noch, als die Anwendimg zu Boussolen, 
würde die Benutzung der früher (dies. Annal. Bd. 83. 
S. 215.) angeführten Legirung von Kupfer mit Nickel 
zu Pendeln seyn. Für die Erregimg des Magnetismus 
durch Vertheilung unempfänglich, würde sie besonders zu 
den Untersuchungen über die beschleunigende Kraft der 
Schwere allen andern bisher angewandten Metallcompositio- 
nen, namentlich auch dem Messing, vorzuziehen seyn, da 
bei ihrer Anwendimg der hier so nachtheilige und so 
schwierig zu ermittelnde Einflufs des Erdmagnetismus ver- 
mieden whd, und da jene Kupfer- und Nickel- Legirung 



364 

dehnbar ist, sich also auch gezogene Stäbe aus derselben 
verfertigen lassen, welche wegen der gleichförmigeren 
Dichtigkeit der Masse immer den gegossenen Stangen 
vorzuziehen sind. Der meiste im Handel vorkommende 
Messing enthält Eisen, und auch der Zink, dessen man 
sich zur Bereitung eines Messings zu solchen Apparaten 
bedienen möchte, enthält gewöhnlich Eisen. Durch einen 
Zusatz von 'einer geringen Menge Antimonium -Metalls 
könnte man zwar die Capacität des Eisens für den Magne- 
tismus aufheben, doch schwerlich ohne Nachtheil für die 
Ductilität des Messings. Indessen auch eisenfreier Mes- 
sing wird immer eine Empfänglichkeit für den Magnetis- 
mus behalten, welche, wie schwach sie auch sey, bei den 
genannten Untersuchungen, wenn es um die höchste Ge- 
nauigkeit zu thun ist, wohl nicht unberücksichtigt bleiben 
darf. Zu den rostförmigen Pendeln würde die Kupfer- und 
JSickel- Legirung gleichfalls allen andern Metallen vorzu- 
ziehen seyn, wo sie mit Quecksilber -Säulen verbunden 
werden müi'ste. Vergleichende Versuche mit zwei Pen- 
deln, — einem von der genannten Kupfer- und JSichel- 
Legirung, und einem von reinem immagnetischen Eisen, 
— möchten in mehr als einer Beziehung zu empfehlen 
seyn, z. B. schon als Controlle zu den mit Inclinations- 
nadeln angestellten Untersuchungen über die Variationen, 
welche in der Intensität des Magnetismus zu gleichen Zei- 
ten an verschiedenen Orten, und in verschiedenen Zeiten 
an einem und demselben Orte statt finden u. s. w. 



VI. 

Eine Beobachtimg, welche ich so eben gemacht habe, 
linde hier noch eine Stelle. Ein Blechstreifen von chemisch- 
reinem Silber, welches aus Chlorsilber mit Sorgfalt redu- 
cirt worden war, hatte sich bei Untersuchungen, welche 
ich im Mai 1827 anstellte, von allem übrigen Silber darin 
unterschieden, dafs es zwischen sehr starken Magnetstäben 



365 

keine feste Stellung annahm *). Eine 2£ Zoll lange 
Magnetnadel, welche für sich 98 — 100 Schwingungen von 
45 — 10° machte, wurde jetzt in einer Höhe von 2 Lin. 
über drei neben einander liegenden, doch an den Rän- 
dern einander bedeckenden Streifen dieses Silbers, wel- 
che zusammen eine Fläche von 3 Zoll Länge und 1 -| Zoll 
Breite bildeten, gestellt. Die Zahl der Schwingungen, 
welche die Nadel hier von 45 — 10° machte, betrug 
94 — 95; sie war also um 4 — 6 vermindert. Dieses 
Silber wäre demnach in der früher (dies. Ann. Bd. 83. 
S. 206. u. 207.) angeführten Metallreihe hoch oben, und 
nahe unter dem Wismuth zu stellen. Das in jener Reihe 
unter dem Kupfer stehende Silber war durch Abtreiben 
mit Blei gewonnen worden. Man könnte fragen, ob das 
aus Chlorsilber reducirte Silber auch wirklich ganz rein 
und frei von Eisen gewesen sey? Durch die chemische 
Analyse hat kein Eisen darin entdeckt werden können. 
Enthielte es jedoch wirklich noch eine geringe Quantität 
Eisen, so würde diese Erfahrung als eine Bestätigung der 
in Zusatz I. aufgestellten Hypothese, dafs einige Metalle 
in der Verbindung mit einander gegenseitig ihr Vermö- 
gen, eine magnetische Polarisation anzunehmen, vorzugs- 
weise verstärken, wie andere sich hierin gegenseitig schwä- 
chen, anzusehen seyn. Denn die Quantität des Eisens, 
welche in diesem Silber vorhanden seyn könnte, wird 
der Analyse zu Folge nur als höchst gering angenommen 
werden können, und würde sicher in der Verbindung 
mit manchen andern Metallen, welche auch zu denen 
gehören, deren Magnetismus durch Eisengehalt verstärkt 
wird, durch das hier angewendete Verfahren nicht zu 
entdecken seyn. Aus diesem Versuch geht ferner aufs 
deutlichste hervor, wie sehr das von Hrn. Arago ent- 
deckte Verfahren bei Untersuchungen über die Empfäng- 
lichkeit der Körper für den Magnetismus durch Verthei- 
lung vor jedem andern den Vorzug verdient. (1828. Jan.) 
•) Poggendorff's Ann. der Physik u. Chemie. 1827. St. 6. S. 210. 



366 

III. Ueber das Licht; von Hm. Fresnel. 

(Schlufs). 



Färbung der Krys tallblättchen. 

enn ein Bündel polarisirten Lichtes durch ein Kalk- 
spath-Rhomboeder geht, dessen Hauptschnitt der Pola- 
risationsebene parallel liegt, so weifs man, dafs das un- 
gewöhnliche Bild verschwindet. Es kommt aber wieder 
zum Vorschein, wenn man vor das Rhomboeder eine 
Krystallplatte bringt, welche doppelte Strahlenbrechung 
besitzt, und so gestellt ist, dafs ihr Hauptschnitt weder 
der ursprünglichen Polarisationsebene parallel liegt, noch 
senkrecht auf derselben steht. Die Intensität desselben 
wird sogar der des gewöhnlichen Bildes gleich, sobald 
der Hauptschnitt der Platte einen Winkel von 45° mit 
der ursprünglichen Polarisationsebene macht. In diesem 
Falle, wie in den übrigen, sind beide Bilder' weifs, so- 
bald die zwischengestellte Platte eine hinlängliche Dicke 
hat, beim Bergkrystall und Gyps z. B. wenigstens die 
eines halben Millimeters. Wenn sie aber dünner ist, so 
werden die beiden Bilder farbig. Diese Farben sind com- 
plementär zu einander und ändern ihre Natur mit der 
Dicke des Blättchens; sie variiren dagegen nur an Inten- 
sität, wenn man das Blättchen, senkrecht gegen die ein- 
fallenden Strahlen, in seiner eigenen Ebene dreht. 

Diese glänzende Entdeckung, welche man Hrn. Arago 
verdankt, hat seit mehreren Jahren die Physiker Europa's 
sehr beschäftigt; besonders haben die HH. Biot, Young 
und Brewster sehr viel dazu beigetragen, die Gesetze 
dieser Erscheinungen kennen zu lernen. Hr. Biot hat 
zuerst bemerkt, dafs die Krystallblättchen, in Bezug auf 
ihre Dicke, ähnlichen Gesetzen folgen, wie die Farben- 
ringe, d. h. dafs die Dicken zweier Krystallblättchen von 



gleicher Natur, welche verschiedene Farben geben, sich 
zu einander verhalten, wie die Dicken zweier Luftschich- 
ten, welche bei den Ringen dieselben Farben reflectiren. 
Kurz nachdem Hr. Biot seine schönen Abhandlungen 
über diesen Gegenstand bekannt gemacht hatte, bemerkte 
Hr. Young, dafs die zum Krystallblättchen hinaustre- 
tenden gewöhnlichen und ungewöhnlichen Lichtbündel in 
ihrem Gange genau um eben so viel verschieden seyen, 
als die Strahlen, welche an der ersten und zweiten Flä- 
che einer Luftschicht, die dieselbe Farbe giebt, reflectirt 
werden, und dafs diese numerische Identität für alle Nei- 
gungen der Strahlen gegen die Axe gültig bleibt. Biese 
sehr wichtige theoretische Bemerkung, welcher man zur 
Zeit als sie bekannt gemacht wurde wenig Aufmerksam- 
keit schenkte, giebt einen neuen Beweis von der Allge- 
meinheit und Fruchtbarkeit des Interferenz -Principes, da 
es die innigste numerische Beziehung zwischen zwei Klas- 
sen von Erscheinungen aufstellt, die sehr verschieden sind, 
sowohl durch das grofse Mifsverhältnifs zwischen den Dik- 
ken der Krystallblättchen und den Luftschichten, welche 
gleiche Farben geben, als auch durch die Verschieden- 
artigkeit der Umstände, welche zur Erzeugung dieser Far- 
ben nöthig sind. 

Hr. Young hat sich begnügt, durch seine Berech- 
nungen zu erweisen, dafs die Farben der Krystallblätt- 
chen von der Interferenz der gewöhnlichen und unge- 
wöhnlichen Wellen herzuleiten sind. Unter welchen Um- 
ständen aber diese Interferenz geschehen kann; weshalb 
es nöthig ist, dafs das Licht sowohl vor seinem Eintritt 
in das Krystallblättchen, als auch nach seinem Austritt 
aus demselben, polarisirt worden seyn mufs; wie die In- 
tensität der Farben mit den Richtungen der Hauptschnitte 
des Blättchens und des Rhomboeders gegen die Ebene 
der ursprünglichen Polarisation sich verändert; diefs alles 
hat derselbe nicht untersucht. In einer Abhandlung, die 
ich der Academie der Wissenschaften am 7. Oct. 1816 



368 

übergab, und in einem Nachtrage, den ich derselben im 
Januar 1818 hinzufügte, war es mein Hauptzweck, den 
Einflufs dieser verschiedenen Umstände zu erklären, und 
die Gesetze des Phänomens durch allgemeine Formeln 
darzustellen, welche für beide Bilder die Intensität der 
verschiedenfarbigen Strahlengattungen geben. Ich werde 
jetzt diese Theorie auseinandersetzen, und dabei die ihr 
zum Grunde liegenden Sätze beständig aus den Versu- 
chen herleiten. Um die Erscheinungen möglichst zu ver- 
einfachen, werde ich überdiefs annehmen, dafs das an- 
gewandte Licht homogenes sey. 

Wenn man die von einem Lichtpunkte divergirend 
ausfahrenden Strahlen durch Reflexion an einem, auf der 
Rückseite geschwärzten Spiegel, polarisirt, und sie dann 
durch zwei Rhomboeder von gleicher Dicke gehen läfst, 
welche hinter einander aufgestellt sind, und zwar so, dafs 
ihre Hauptschnitte unter sich rechtwinklig und zugleich 
unter 45° gegen die Reflexionsebene geneigt sind; so 
können, wie bekannt, die beiden Lichtbündel, welche 
durch diese zusammengefügten Rhomboeder entstehen, 
nur dann Fransen hervorbringen, wenn man sie auf eine 
gemeinschaftliche Polarisationsebene zurückführt, mittelst 
eines dritten Rhomboeders oder einer Glassäule, die man 
vor oder hinter der Loupe aufgestellt hat. Die vorteil- 
hafteste Richtung für den Hauptschnitt des dritten Rhom- 
boeders ist die, worin er einen Winkel von 45° mit den 
Hauptschnitten der beiden andern Rhomboeder macht, 
weil dann jeder der beiden Bündel, die aus diesen her- 
austreten, sich gleichmäfsig unter die gewöhnlichen und 
ungewöhnlichen Bilder vertheilt, welche das dritte Rhom- 
boeder erzeugt; und diese Gleichheit der beiden Wellen- 
systeme, welche sich in jedem Bilde interferiren , giebt 
den Punkten der vollständigen Discordanz die gröfstmög- 
liche Dunkelheit. Sie sind sogar vollkommen schwarz, 
wenn das angewandte Licht völlig homogen war. 

Wenn man, bei so eingerichtetem Apparate, irgend 

ei- 



369 

einen Punkt der Fransengruppe befrachtet, z. B. denje- 
nigen, welcher die Mitte einnimmt, und an welchem die 
beiden Bündel eines jeden Bildes gleiche Wege zurück- 
gelegt haben ; so bemerkt man, dafs das gewöhnliche Bild 
hier das Maximum seiner Helligkeit besitzt, wenn der Haupt- 
schnitt des Rhoniboeders parallel ist der ursprünglichen 
Polarisationsebene, die ich hier zur gröfseren Bestimmt- 
heit als horizontal liegend voraussetze, und dafs dagegen 
im ungewöhnlichen Bilde derselbe Punkt vollkommen 
schwarz ist, d. h. dafs er alles Lichtes beraubt ist. Diefs 
Licht kommt indefs wiederum zum Vorschein, wenn man 
das Rhomboeder dreht, und nimmt in dem Maafse an In- 
tensität zu, als der Hauptschnitt sich von der horizonta- 
len Richtimg entfernt. Beträgt die Neigimg desselben 
45 ° , so ist das Licht dieses Punktes eben so stark in 
dem. ungewöhnlichen Bilde wie in dem gewöhnlichen; 
wenn endlich der Hauptschnitt senkrecht steht, verschwin- 
det es im gewöhnlichen Bilde gänzlich, und zugleich er- 
reicht es im anderen das Maximum seiner Intensität. 

Man sieht also, dafs das gesammte, in diesem Punkt 
vereinigte Licht alle Kennzeichen einer vollständigen Po- 
larisation nach der Horizontalebene darbietet. Wenn man 
nun denjenigen Punkt betrachtet, welcher, in dem Gange 
beider Lichtbündel, einem Unterschied von einer Yiertel- 
Undulation entspricht, so findet man, dafs er, beim Dre- 
hen des Rhomboeders, in beiden Bildern immer gleiche 
Intensität behält, und dafs das Licht daselbst sich so ver- 
hält, als wenn es vollkommen depolarisirt wäre. Geht 
man hierauf zu einem Punkte über, der in dem Gange 
beider Wellensysteme einem Unterschiede von einer hal- 
ben Undulation entspricht; so findet man ihn im gewöhn- 
lichen Bilde völlig schwarz, und im ungewöhnlichen Bilde 
auf dem Maximum der Helligkeit, sobald der Hauptschnitt 
des Rhomboeders horizontal liegt; steht dieser aber ver- 
tical, so wird jener Punkt im ungewöhnlichen Bilde völ- 
lig schwarz, und im gewöhnlichen Bilde erreicht er das 
Annal. d. Physik. B. 88. St. 3. J. 1828. St. 3. A a 



370 

Maximum seiner Helligkeit. Mithin ist das gesamrnte, in 
diesem Punkt vereinigte Licht vertical polarisirt. 

Bei fortgesetzter Untersuchung der verschiedenen In- 
terferenz-Punkte der beiden Lichtbündel, findet man, dafs 
überhaupt ihre Vereinigimg ein nach horizontaler Rich- 
tung, d. h. nach der ursprünglichen Polarisationsebene, 
vollständig polarisirtes Licht erzeugt*), sobald der Un- 
terschied ihres Ganges gleich Null ist oder gleich einer 
geraden Zahl von halben Undulationen; dafs aber das 
gesamrnte Licht vertical, d. h. hier, nach dem Azimuth 2 z, 
polarisirt ist, sobald der Unterschied im Gange eine un- 
gerade Zahl von halben Undulationen beträgt; — dafs 
das gesamrnte Licht vollkommen depolarisirt ist, sobald 
dieser Unterschied eine ganze und ungerade Zahl von 
Viertel -Undulationen ausmacht; — und endlich, dafs an 
allen zwischenliegenden Punkten nur eine partielle Pola- 
risation statt findet. 

*) Eine dem Anscheine nach recht vollständige Polarisation findet 
sich nur hei den Fransen der drei ersten Ordnungen ; indefs ist 
es klar, dafs wenn die Mitten der dunklen und hellen Streifen 
der andern Ordnungen nur theilweise polarisirt zu seyn schei- 
nen, diefs von mangelnder Homogenität des angewandten Lich- 
tes herrührt, welches man nicht weiter vereinfachen kann, ohne 
es sehr zu schwächen. 

Hr. Arago hat ein vortreffliches Mittel ersonnen, um die 
Intensität des Lichts bei den Diffractions- Versuchen beträchtlich 
zu vermehren, welches man auch mit Vortheil zu den u j hier 
beschäftigenden Versuchen gebrauchen kann. Es besteht darin, 
dafs man statt der sphärischen Linse, die den leuchtenden Punkt 
bildet, eine Linse anwendet, deren Oberfläche nur in einer Rich- 
tung gekrümmt ist, und die also in ihrem Brennpunkt, statt des 
Lichtpunktes, eine Lichtlinie gieht. Diese cylindrische Linse 
dreht man sorgfältig in eine parallele Richtung mit den Fransen, 
damit dieselben die möglichste Sauberkeit erhalten. Dazu gelangt 
man leicht durch Probiren, indem man die Fransen mit einer 
Loupe betrachtet, während die cylindrische Linse von einer an- 
dern Person langsam gedreht wird. Die Fransen sind alsdann 
unvergleichlich lebhafter als bei Anwendung einer sphärischen 
Linse, weil bei der cylindrischen Linse die Strahlen nur in einer 
Richtung divergiren und dadurch weit mehr Intensität behalten. 



371 

Um die Polarisationsart der verschiedenen Linien des 
Accordes oder der Discordanz bequem untersuchen zu 
können, mufs man sein Augenmerk besonders auf dieje- 
nigen richten, welche man beobachten will. Diefs ge- 
schieht dadurch, dafs man den Faden, welcher im Brenn- 
punkt der Lupe des Mikrometers ausgespannt ist, auf die 
Linie stellt, oder besser noch, wenn man statt des Fa- 
dens einen Schirm anwendet, in welchem ein kleiner 
Schlitz befindlich ist, durch den man nur das Licht von 
diesem Theile der Franse hindurch gehen läfst. 

Die horizontale oder verticale Polarisation der Punkte 
des völligen Accordes und Discordes findet nicht mehr 
statt, wenn man einen der Lichtbündel auffängt, und nur 
das Licht des andern durch den Schlitz gehen läfst; als- 
dann zeigt es sich nur polarisirt wie dieser Bündel, d. h. 
nach einer gegen die Horizontalebene unter 45° geneig- 
ten Richtung. Mithin entspringt die Polarisation nach 
der ursprünglichen Ebene oder dem Azimuthe 2 z aus der 
Vereinigung der beiden Lichtbündel, und sie findet bei 
jedem Lichtbündel, für sich genommen, nicht mehr statt; 
vielmehr ist jeder einzelne immer parallel oder senkrecht 
gegen die Hauptschnitte der beiden P\homboeder polari- 
sirt, man mag nun den einen, bei Auffangung des an- 
dern, mit einer Lupe oder ohne dieselbe betrachten. Im 
letzteren Falle kann man beide Lichtpunkte unterschei- 
den, und bei jedem die Richtung der Polarisation beson- 
ders studiren, ohne genöthigt zu seyn, den andern zu 
verdecken. 

Die Loupe nämlich, indem sie das deutliche Sehen 
der beiden Lichtpunkte dadurch hindert, dafs sie deren 
Bilder vergröfsert und die Strahlen derselben am Grunde 
des Auges unter einander mischt, bringt hier die Interfe- 
renzen wieder hervor, welche in ihrem Brennpunkt statt 
gefunden haben. Sie ist deshalb zum deutlichen Sehen 
der Interferenz -Phänomene alsdann nöthig, wenn die bei- 
den Bilder des leuchtenden Punktes nicht zusammenfal- 

Aa 2 



372 

len, oder, mit andern Worten, wenn die beiden sich in- 
terferirenden Wellensysteme einen merklichen Winkel mit 
einander machen. Man braucht übrigens nur einen, nach 
bekannter Richtung polarisirten Lichtbündel durch die 
Loupe zu betrachten, um sich zu überzeugen, dafs die- 
selbe hier keine merkliche polarisirende Wirkung ausübt, 
denn man sieht, dafs die Polarisation durch die Zwischen- 
stellung der Loupe nicht geändert wird. Mithin rührt 
die Polarisation, welche wir in Richtung der ursprüngli- 
chen Ebene oder des x\zmiuthes 2i beobachtet haben, 
alleinig von der Vereinigung der beiden Lichtbündel her, 
die zu den kreuzweise gelegten Rhomboedern herausge- 
treten sind. 

Wenn man die beiden Rhomboeder dreht, ohne die 
senkrechte Stellung ihrer Hauptschnitte gegen einander zu 
stören, so bemerkt man, bei allen Lagen des Systems, 
dafs die Linien der Fransen, welche in dem Gange einem 
Unterschiede von einer geraden Anzahl halber Undula- 
tionen entsprechen, parallel der ursprünglichen Polarisa- 
tionsebene polarisirt sind, dafs dagegen die, welche einem 
LTnterschiede von einer ungeraden Anzahl halber Undu- 
lationen entsprechen, nach dem Azimuthe 2z polarisirt 
sind, und dafs endlich die übrigen nur eine partielle 
Polarisation besitzen. 

Der Versuch mit den beiden Rhomboedern zeigt uns 
den besonderen Fall, dafs Strahlen, die nach zwei recht- 
winkligen Ebenen polarisirt sind, durch ihre Vereinigimg 
ein Licht erzeugen, welches nach intermediärer Richtung 
vollständig polarisirt ist. Dieis unterstützt noch die Hy- 
pothese, von der wir bei Gelegenheit des Malus'schen 
Gesetzes gesprochen haben, nach welcher nämlich die 
Lichtvibrationen in transversaler Richtung, senkrecht oder 
parallel gegen die Ebene der Polarisation, ausgeführt 
werden. 

Analoge Phänomene bieten dünne Krystallblättchen 
unter denselben Umständen dar, d. h. dann, wann die 



373 

Strahlen vor ihren Eintritt in das Krystallblättchen nach 
gemeinschaftlicher Ebene polarisirt worden sind, und, 
bei ihrem Austritt, der Unterschied im Gange beider 
Wellensysteme gleich ist einer ganzen Zahl von halben 
Undulationen. Wenn diese Zahl eine gerade ist, so 
findet sich das gesammte Licht, welches aus dem Blätt- 
chen tritt, nach der ursprünglichen Ebene polarisirt; ist 
die Zahl aber ungerade, so wird das Licht nach dem 
Azimuthe 2i polarisirt. Ist z. B. der Winkel i gleich 
45°, d. h. macht die Axe des Blättchens einen Winkel 
von 45° mit der ursprünglichen Polarisationsebene, so 
wird das gesammte Licht, in dem ersten Fall, nach der 
ursprünglichen Ebene, d. h. unter 45° gegen die Axe 
polarisirt seyn, und im zweiten Falle nach dem Azi- 
muthe 90° oder senkrecht gegen die ursprüngliche Ebene. 
Aber daraus, dafs das gesammte Licht auf diese Weise 
polarisirt ist, darf man nicht schliefsen, dafs auch die 
Polarisation der gewöhnlichen und ungewöhnlichen Strah- 
len, aus welchen dieses Licht besteht, eine solche Rich- 
tung besitze, wie wir es durch den Versuch mit den bei- 
den R.homboedern gezeigt haben. Und in der That sind 
die Umstände bei beiden Phänomenen ähnlich. Die ein- 
zige Verschiedenheit besteht darin, dafs die beiden Wel- 
lensysteme, welche zum Krystallblättchen heraustreten, 
unter sich parallel sind, während diejenigen, welche zu 
den Pxhomboedern herausgehen, sich unter einen merkli- 
chen Winkel kreuzen. Daraus entspringt die Notwen- 
digkeit einen Lichtpunkt und eine Loupe anzuwenden, 
um die Wirkungen ihrer Interferenzen wahrnehmen zu 
können. Wegen dieser Neigung zeigen aber auch die 
Rhomboeder an den verschiedenen Punkten der von ihnen 
hervorgebrachten Frahsengruppe alle Unterschiede des Gan- 
ges auf einmal, und dadurch vereinigen sie gewissermafsen 
in einer Tafel alle einzelnen Fälle, welche die Krystall- 
blättchen nur bei verschiedener Dicke darbieten können. 
Geleitet von der Emissionstheorie, konnte Hr. Biot 



374 

nicht ahnen, dafs das Licht, welches nach einer Ebene 
polarisirt ist, aus Strahlen zusammengesetzt sejn könne, 
die nach andern Ebenen polarisirt sind, und er beur- 
theilte natürlich die Richtung der Polarisation bei den 
gewöhnlichen und ungewöhnlichen Strahlen, die zum Kry- 
stallblättchen heraustreten, aus der Polarisation des ge- 
sammten Lichtes. Diefs hat ihn auf den Gedanken ge- 
bracht, dafs diese Strahlen in den Krystallblättchen nicht 
dieselbe Polarisationsart erleiden, wie in den Krystallen, 
die so dick sind, dafs sie das Licht in zwei getrennte 
Bündel theilen. Diefs ist aber keine nothwendige Folge 
des Phänomens, weil der Versuch mit den beiden Rhom- 
boedern beweist, dafs dieselben Erscheinungen auch durch 
zwei geschiedene Lichtbündel hervorgebracht werden, von 
denen der eine parallel und der andere senkrecht gegen 
den Hauptschnitt des Krystalls polarisirt ist. Ueberdiefs 
würde diese Hypothese mit andern Thatsachen im Wider- 
spruch stehen, da wir. gefunden haben, dafs die gewöhn- 
lichen und ungewöhnlichen Strahlen immer parallel und 
senkrecht gegen den Hauptschnitt der Krystallblättchen 
polarisirt sind. Was also Hr. Biot über die" Pola- 
risationsart des durch ein Krystallblättchen gehenden 
Lichtes gesagt hat, mufs man nicht für sich auf die 
gewöhnlichen oder ungewöhnlichen Strahlen übertragen, 
sondern nur auf die Gesammtheit dieser Strahlen. Auch 
ist es nöthig, den von diesem berühmten Physiker auf- 
gestellten Satz etwas abzuändern, wenn er völlig rich- 
tig seyn soll. Denn aus der x\rt, wie er sich ausdrückt, 
würde folgen, dafs jede Gattimg homogener Strahlen 
gänzlich nach der ursprünglichen Ebene oder nach dem 
Azimuthe 2i polarisirt sey; wogegen wir durch den Ver- 
such mit den beiden Rhomboedern gesehen haben, dafs 
es nur besondere Fälle sind, wo sich diese vollständige 
Polarisation zeigt, zu welchem Resultat auch der directe 
Versuch mit den Krystallblättchen führt. 

Alle Erscheinungen, welche die Krystallblättchen dar- 



375 

bieten, sind aus den gewöhnlichen Regeln des Interfe- 
renz -Calculs und aus der kleinen Zahl von besonderen 
Gesetzen, welche wir über den gegenseitigen Einflufs der 
polarisirten Strahlen aus der Erfahrung abgeleitet haben, 
leicht zu erklären und selbst vorherzusagen. 

Die unter sich rechtwinklig polarisirten Strahlen haben 
keinen Einflufs auf einander; das ist der Grund, weshalb 
die beiden, zum Krystallblättchen hinaustretenden Wel- 
lensysteme immittelbar keine Wirkung dieser Art darbie- 
ten, selbst dann nicht, wenn der Unterschied in ihrem 
Gange klein genug ist, dafs diese Wirkungen sehr sicht- 
bar seyn und bei weifsem Lichte sehr lebhafte Farben 
geben könnten *). 

Zum Auftreten dieses Einflusses ist es nicht hinrei- 
chend, dafs man die gegen einander rechtwinklig polari- 
sirten Strahlen auf eine gemeinschaftliche Polarisations- 
ebene zurückführe; vielmehr müssen sie dazu auch ur- 
sprünglich nach derselben Ebene polarisirt gewesen seyn. 
Daraus entspringt die Notwendigkeit, polarisirtes Licht 
anzuwenden, wenn man Farben in den Krystallblättchen 
entwickeln will. 

Auch haben wir durch den Versuch mit den gekreuz- 
ten Rhomboedern gesehen, dafs zwei Lichtbündel, die 
ursprünglich von derselben Polarisationsebene ausgegan- 
gen und darauf rechtwinklig gegen einander polarisirt wor- 
den sind, bei ihrem Durchgange durch das neue Rhom- 
boeder, welches sie anf eine gemeinschaftliche Polarisa- 
tionsebene zurückführt, zwei complementäre Bilder er- 
zeugen. Demi, wenn der mittlere Streifen im ungewöhn- 

*) Man mufs sich erinnern, dafs nothwendigerweise der Unter- 
schied in dem Gange nur eine kleine Anzahl von'Undulationen 
betragen darf, -wenn bei den verschiedenen Graden von Intensi- 
tät, die durch ihn in den Wellen von verschiedener Länge be- 
dingt wird, eine merkliche .Färbung hervorgerufen "werden soll; 
■wie auch schon bemerkt ist, als wir die Färbung der von zwei 
Spiegeln erzeugten Fransen und die der reflectirten Ringe er- 
klärt haben. 



376 

liehen Bilde, z. JB. schwarz ist, besitzt der im gewöhnli- 
chen Bilde das Maximum seiner Helligkeit, und derselbe 
Gegensatz findet sich bei allen hellen und dunklen Strei- 
fen der beiden Bilder. Die beiden Bilder, welche das 
polarisirte Licht nach seinem Durchgange durch ein dün- 
nes Krjstallblättchen liefert, müssen also auch comple- 
mentär zu einander sejn. Und es folgt daraus nothwen- 
dig, dafs wenn das eine dem Unterschiede im Gange der 
beiden, zum Krjstallblättchen hinaustretenden Wellensy- 
stemen entspricht, das andere demselben Unterschied, ver- 
mehrt oder vermindert um eine halbe Undulation, ent- 
sprechen mufs, weil, wenn in dem einen vollständiger 
Accord vorhanden ist, das andere sich in völliger Discor- 
danz befindet. 

Folgendes ist die allgemeine Regel, um zu erfahren, 
bei welchen der beiden Bilder man dem Unterschiede in 
den durchlaufenen Wegen eine halbe Undulation hinzu- 
zufügen hat. Das Bild, dessen Farbe dem Unterschiede 
in den durchlaufenen Wegen genau entspricht, ist das- 
jenige, bei dem die Polarisations ebenen seiner beiden 
Lichtbündel sich erst von einander entfernen und dann 
durch eine entgegengesetzte Bewegung sich wiederum, 
nähern, um sich zu vereinigen; während die Polarisa- 
tionsebenen der beiden Lichtbündel, die das comple- 
mentäre Bild ausmachen, sich fortwährend von einan- 
der entfernen (von einer einzigen Seite ihres gegenseiti- 
gen Durchschnitts her betrachtet) bis die eine sich in 
die Verlängerung der andern gestellt hat. 

Diese Regel wird leichter verständlich durch Hülfe 
der Fig. 1. Taf. III., in welcher P P 1 die ursprüngliche 
Polarisationsebene der einfallenden Strahlen bezeichnet, 
O O' den Hauptschnitt des Krystallblättchens und SS 1 
den des Rhomboeders, durch welchen man das Blättchen 
betrachtet. 

Man sieht, dafs das einfallende Licht, welches an- 
fangs nach CP polarisirt ist, sich beim Durchgänge durch 



377 

das Krystallblättchen in zwei Theile theilt, von denen 
der eine die gewöhnliche Refraction erleidet und eine 
neue Polarisation nach CO erhält, und der andere die 
ungewöhnliche Refraction erfährt, und nach der Ebene 
CE', senkrecht auf C O, polarisirt wird. Der erste Bün- 
del sey durch Fo, und der zweite durch Fe bezeich- 
net. Bei dein Durchgange durch das Rhomboeder theilt 
sich Fo, der nach CO polarisirt ist, in zwei andere 
Wellensysteme, von denen das eine nach dem Haupt- 
schnitt CS polarisirt ist und hier durch Fo-\-o' bezeich- 
net sey, und das andere nach der senkrechten Ebene 
CT polarisirt ist und Fo-$-e' genannt werden mag. 
Eben so theilt sich der nach CE' polarisirte Theil Fe 
im Rhomboeder in zwei Wellensysteme, von denen das 
eine, durch Fe-\-o' bezeichnet, nach CS polarisirt ist, 
und das andere, Fe-i-e 1 genannt, nach C Ti polarisirt ist. 

Wenn man die Bewegung der Polarisationsebenen 
der beiden Lichtbündel Fo-\-o' und Fe-$-o', welche zur 
Bildung des gewöhnlichen Bildes beitragen, verfolgt (und 
sie dabei von einer einzigen Seite ihres gemeinschaftli- 
chen, in C projicirten Durchschnitts her betrachtet), so 
sieht man, dafs sie, die ursprünglich von CP ausgegan- 
gen sind, sich von einander entfernt haben, um die Rich- 
tungen CO und CE 1 einzunehmen, und dafs sie sich 
darauf in CS vereinigt haben. In diesem Falle entspricht 
nun das gewöhnliche Bild genau dem Unterschied der 
Wege, welche die, zum Krystallblättchen herausgegange- 
nen, gewöhnlichen und ungewöhnlichen Strahlen in dem- 
selben Augenblick durchlaufen haben. 

Verfolgt man eben so den Gang der Polarisations- 
ebenen der beiden Lichtbündel Fo-i-e' und Fe-+-eJ, 
welche das ungewöhnliche Bild ausmachen, so sieht man, 
dafs sie beide von CP ausgegangen sind, und, nachdem 
sie in dem Krystallblättchen die Richtungen C O und CE' 
angenommen haben, sie hierauf, statt sich zu nähern, noch 
fortfahren weiter aus einander zu gehen, bis sie sich, in 



378 

die Richtungen C T und C T 1 , in ihre beiderseitige Ver- 
längerung gestellt haben. Mithin mufs man, zufolge der 
so eben gegebenen Regel, dem Unterschiede zwischen 
den von beiden Wellensystemen durchlaufenen Wegen 
eine halbe Undulation hinzufügen, oder, was auf dasselbe 
hinausläuft, bei einem von beiden das Zeichen der Oscil- 
lationsbewegungen umändern, wenn man nach der Interfe- 
renzformel das Wellensystem berechnen will, welches aus 
der Vereinigung dieser beiden Lichtbündel hervorgeht. 

Man sieht also, dafs die Sachen gerade so gesche- 
hen, als handelte es sich um die Combination von Kräf- 
ten, welche in der Ebene der Figur, d. h. senkrecht gegen 
die Strahlen, nach deren Polarisationsebenen oder senkrecht 
gegen diese Ebenen gerichtet sind. Denn die Componen- 
ten der beiden Kräfte CO und CE>, welche sich in CS 
vereinigen, würden dasselbe Zeichen haben, wie die bei- 
den Lichtbündel Fo-\-o' und Fe+o 1 , welche daselbst 
vereinigt sind, und die beiden andern Componenten C7 
und C T 1 , welche im entgegengesetzten Sinne wirken, müfs- 
ten mit den entgegengesetzten Zeichen versehen werden. 

Das Princip der Erhaltung der lebendigen Kräfte 
setzt voraus, dafs die beiden Bilder complementär zu 
einander seyn müssen; aber es giebt nicht an, welches 
von ihnen beiden dem Unterschiede zwischen den durch- 
laufenen Wegen geradezu, und welches diesem Unter- 
schiede erst nach Hinzufügung einer halben Undulation 
entspricht. Deshalb habe ich die Thatsachen zu Hülfe 
gezogen, und aus den Versuchen des Hrn. B i o t die vor- 
hin gegebene Regel abgeleitet. Man kann sie übrigens 
auch aus den Versuchen mit den beiden Rhomboedern 
entwickeln. 

Sie erklärt, weshalb zwei Bündel directen Lichtes, 
welche gegen einander rechtwinklig polarisirt worden sind, 
keinen sichtbaren Einflufs auf einander ausüben, wemi 
man sie mit Hülfe einer Glassäule oder eines Kalkspath- 
Rhomboeders auf eine gemeinschaftliche Polarisationsebene 



379 

zurückführt. Nicht, dafs sie alsdann durchaus keinen Ein- 
flufs aufeinander ausüben ; denn, abgesehen von den mecha- 
nischen Betrachtungen, würde diese Voraussetzung zu sehr 
der Analogie widerstreiten; allein die Wirkungen, welche 
die verschiedenen Wellensjstenie bei directem Lichte er- 
zeugen, heben sich auf und neutralisiren sich gegenseitig. 
In der That kann man sich das directe Licht als eine 
Vereinigung, oder genauer noch, als eine schnelle Folge 
unzählig vieler Wellensjstenie denken, die uach allen 
Azimuthen polarisirt sind, und zwar so, dafs immer eben 
so viel Licht nach einer gewissen Ebene polarisirt ist, 
als in der Ebene senkrecht darauf. Nun folgt aus der 
vorhin gegebenen Regel, dafs, wenn man z. B. zu dem 
Unterschiede zwischen den durchlaufenen Wegen eine 
halbe Undulaüon hinzufügen darf, um das ungewöhnliche 
Bild, welches von dem nach der ersten Ebene polarisir- 
ten Lichte erzeugt ist, zu berechnen, man dieselbe bei 
dem ungewöhnlichen Bilde, welches aus dem nach der 
zweiten Ebene polarisirten Lichte hervorgeht, nicht hin- 
zufügen darf; so dafs die beiden Farben, welche sie ge- 
meinschaftlich oder successiv in dem ungewöhnlichen Bilde 
besitzen, complenientär zu einander sind. Die Compen- 
sation, welche dadurch eintritt, und auf gleiche Weise bei 
allen Azimuthen, verhindert die Interferenz -Wirkungen 
wahrzunehmen. 

Nehmen wir den Fall wiederum vor, welcher durch 
die Figur 1. Taf. III. dargestellt ist, nämlich den, wo das 
einfallende Licht eine Polarisation noch der Ebene P P 1 
erlitten hat, bevor es durch das Krjstallblättchen gegan- 
gen ist, dessen Hauptschnitt O O den Winkel i mit die- 
ser Ebene macht. Suchen wir für eine besondere Gat- 
tung homogenen Lichtes, deren Undulationslänge A ist, 
welche Intensität das gewöhnliche und ungewöhnliche Bild 
haben werden, die man durch ein Kalkspath-Rhomboe- 
der erhält, dessen Hauptschnitt SS 1 einen Winkel s mit 
der ursprünglichen Polarisationsebene PP 1 bildet. 



380 

Ich vernachlässige bei dieser Berechnung den Licht- 
verlust, welcher durch t heilweise Reflexion an den bei- 
den Flächen des Krystallblättchens und des Rhomboeders 
veranlafst wird, weil derselbe nur einen Einflufs auf die 
absolute Intensität der Bilder hat, und keinen auf die 
relative , welche allein uns hier interessirt. Ich bezeichne 
durch F die Intensität der Geschwindigkeiten, welche die 
Aethertheilchen bei ihren Oscillationen in dem einfallen- 
den polarisirten Lichtbündel besitzen, dann wird durch 
F 2 die Lichtintensität bezeichnet, oder vielmehr die leben- 
dige Kraft, nach dem mit diesem Ausdruck gewöhnlich 
verbundenen Sinn, und nach der Art, wie man bei allen 
optischen Erscheinungen die Lichtintensitäten berechnet, 
weil es die Summe der lebendigen Kräfte und nicht die 
der Oscillationsgeschwindigkeiten ist, welche, gleich der 
gesammten Lichtintensität, bei den verschiedenen Thei- 
lungen des Lichtes constant bleibt. 

Diefs vorausgesetzt, theilt sich der einfallende Licht- 
bündel, bei seinem Durchgange durch das Krystallblätt- 
chen, in zwei andere, von denen, nach Malus, derje- 
nige, welcher die gewöhnliche Refraction erleidet, die 
Lichtintensität =.F 2 cos 2 i, und derjenige, welcher die unge- 
wöhnliche Refraction erfährt, die Lichtintensität = F 2 sin 2 i 
haben mufs. Die Oscillationsgeschwindigkeit wird für den 
ersten =Fcos i sejn, und für den andern =.Fsin i. Mit- 
hin theilt sich das einfallende Licht bei seinem Durchgange 
durch das Krystallblättchen in zwei Wellensysteme, wel- 
che man auf folgende Weise bezeichnen kann: 
cos i. F Q sin i. F ß 

P. O. P. Ei. 

Die kleinen Buchstaben o und e unterhalb F ändern 
nichts an dem Werthe dieser Gröfse; sie bezeichnen nur 
die Länge der Wege, welche zu gleicher Zeit von den 
gewöhnlichen und ungewöhnlichen Strahlen, nach ihrem 
Austritt aus dem Krystallblättchen, durchlaufen sind, und 
bestimmen also durch ihren Unterschied o — e y den Zwi- 



381 

schenra tun, welcher die correspondirenden Punkte der 
beiden Wellensysteme trennt. Die grofsen Buchstaben 
P. O und P. JE' zeigen den succcssiven Gang der Pola- 
risationsebene eines jeden Lichtbündels, um die Anwen- 
dung der vorhin gegebeneu Regel zu erleichtern. 

Jedes der beiden Wellensysteme wird sich, durch 
die Wirkung des Kalkspaths, in zwei andere th eilen, und 
so werden im Ganzen vier Lichtbündel entstehen, zwei 
aus dem ersten und zwei aus dem andern Wellensysteme, 
nämlich folgende: 

cos i. cos (i — s)F Q . Q i cos i. sin (i — s)F , e , 

P. O. 8. P. O. T. 

sin i. sin(i — s)F _±. t sini. cos(i — s )F e , e i 

P. E'. S. P. E'. TL 

Der erste bildet mit dem dritten das gewöhnliche 
Bild, und der zweite mit dem vierten das ungewöhnli- 
che. Berechnen wir zunächst die Intensität derselben. 

Aus dem Gange der Polarisationsebenen, welcher durch 
die grofsen Buchstaben unter den Formeln angedeutet ist, 
sieht man, dafs der zweite und vierte Lichtbündel, nach- 
dem sie auf eine gemeinschaftliche Polarisationsebene zu- 
rückgeführt sind, um eine halbe Undulation verschieden 
seyn müssen , unabhängig von dem Unterschiede o — e 
zwischen den durchlaufenen Wea;en. Man mufs also zu 
o — e eine halbe Undulation hinzufügen, oder, was auf 
dasselbe hinausläuft, das Zeichen eines der Ausdrücke, 
welche die Intensität oder den gemeinschaftlichen Factor 
der Oscillationsgeschw indigkeiten darstellen, umändern. 
Es handelt sich also darum, die Resultante zweier Wel- 
lensysteme zu finden, deren Gang -Unterschied o — e ist, 
und deren Oscillationsgeschwindigkeiten respective die In- 
tensitäten besitzen: 

F. cos i. sin(i — s) und — F. sini. cos(i — s) 

Wendet man hier die allgemeine Formel an, wel- 
che ich in einem Auszüge aus meiner Abhandlung über 



382 

die Diffraction in den Annales de chimie et de physigue, 
T. XL p. 258. gegeben habe, nämlich: 

A 2 =a 2 + ö' 2 -b-2aaicos27r f-^-J 

in welchen a und a 1 die Intensitäten der Oscillationsge- 
schwindigkeiten der beiden Wellensysteme bezeichnen, 
2tt den Umfang eines Kreises, dessen Radius =1 ist, 
c die Differenz der durchlaufenen Wege, und A die Länge 
der Undulation ; so findet man für die Intensität des homo- 
genen Lichtes im ungewöhnlichen Bilde: 

F 2 cos 2 i.sin 2 (i — 5)+«« 2 i.cos 2 (i — s) 

L t t t f / o e \~\ 

— 2 sin i. cos i. sin (i — s ) cos ( i — s ) sin 2 7T ( — - — j 

oder: 

F 2 ( — cos i. sin ( i — s ) + sini. cos (i — s Y) 2 

*- . . ... . / /o— 

-\-2smi.cosi.sin(i — s)cos(i — s)l 1 — cos2tt[ — — 

oder endlich: 

F 2 sin 2 s-\-sin2i.sin2(i — s)sin 2 7rf — - — J 

Macht man eine ähnliche Rechnung über die bei- 
den Lichtbündel, aus welchen das gewöhnliche Bild be- 
steht, und erwägt man dabei, dafs die beiden Ausdrücke 
F. cos i. cos (i — s) und F. sin i.sin (i — s), wegen des 
Ganges der Polarisationsebenen, gleiches Zeichen haben 
müssen; so findet man für die Intensität des Lichts im 
gewöhnlichen Bilde: 

F 2 \ cos 2 i — sin2i.sin2(i — s)sin 2 7r( — - — J 

Diefs sind die allgemeinen Formeln, welche die In- 
tensität jeder homogenen Lichtart in den gewöhnlichen und 
ungewöhnlichen Bildern geben, und zwar in Function der 
Undulationslänge und des Unterschiedes o — e zwischen 
den Wegen, welche die durch das Krystallblättchen ge- 
gangenen Strahlen zurückgelegt haben. Kennt man die 
Dicke des Blättchens und die Geschwindigkeit des ge- 



383 

wohnlichen und ungewöhnlichen Strahles in demselben; 
so wird es leicht seyn, o — e zu bestimmen. Im Gyps, 
im Bergkrystall und in den meisten mit doppelter Strah- 
lenbrechung begabten Krystallen, erleidet o — e durch die 
Verschiedenheit der Natur der Strahlen nur sehr geringe 
Veränderungen ; so dafs man sie als eine constante Gröfse 
betrachten kann, wenigstens bei den Krystallen, welche 
wir hier betrachten, bei denen nämlich die Dispersion 
der doppelten Strahlenbrechung sehr gering ist in Bezug 
auf die doppelte Strahlenbrechung. 

"Wenn man, nachdem man den Gang -Unterschied 
o — e berechnet hat, denselben nach einander durch die 
mittlere Undulationslänge einer jeden der sieben Haupt- 
gattungen von farbigen Strahlen dividirt, und diese ver- 
schiedenen Quotienten folgeweise in den obigen Formeln 
substituirt; so erhält man die Intensität einer jeden far- 
bigen Strahlengattung in den gewöhnlichen und ungewöhn- 
lichen Bildern, und man kann alsdann die Farbe dieser 
Bilder mit Hülfe der empirischen Formel bestimmen, wel- 
che Newton zur Auffindung der Farbe gegeben hat, die 
aus irgend einem Gemische verschiedener Strahlen von 
relativ bekannten Intensitäten hervorgeht. Diefs ist zum 
wenigsten alles, was man bis jetzt aus der Theorie ab- 
leiten kann, und hinsichtlich des übrigen, hat man die 
empirische Construction von Newton zu Hülfe zu neh- 
men, die, wenigstens für die sieben Hauptabtheilungen 
der Farben, ziemlich wohl mit der Erfahrung überein- 
stimmt. 

Nehmen wir die obigen Formeln wieder auf, und 
lassen den gemeinschaftlichen Factor JF 2 fort, welche man 
als Einheit der Lichtintensität annehmen kann. 
Gewöhnliches Bild: 

cos" 1 s — sin2i.si?i2(i — s)cos 2 7r f — - — J 

Ungewöhnliches Bild: 

sin 2 s + sin 2 i. sin2(i — s ) sin 2 TT ( — - — ■ J 



384 

Bei Betrachtung dieser Formeln sieht man, dafs die 
beiden Bilder weifs werden müssen, wenn das Glied, wel- 
ches sin 2 TT f — - — j enthält, verschwindet, weil es das 

einzige ist, welches mit der Undulationslänge variirt, oder 
welches die Intensität für die verschiedenen farbigen Strah- 
len verschieden macht. Mithin werden die Bilder weifs, 
wenn man hat: 

sin 2 /. sin2 (i — .s ) = o 
eine Gleichung, welcher man Genüge leistet, wenn man 

sin2i oder sin2(i — s) 
gleich Null setzt; diefs giebt für i die vier Werlhe: 

i=zO i=9Q z = 180 *=3ß0° 
und für s: 

s=i, s = 90° — i, 5 = 180°—/, s=3m°—i 
Damit die Bilder weifs werden, ist es also hinrei- 
chend , dafs eine dieser acht Bedingungen erfüllt sej ; d. h. 
dafs der Hauptschnilt des Krystallblättchens parallel oder 
senkrecht sey gegen die Ebene der ursprünglichen Pola- 
risation oder gegen den Hauptschnitt des Rhomboeders. 
Diefs hätte man auch leicht aus der Theorie ohne Hülfe 
der Formel ableiten können; denn, wenn der Hauptschnitt 
des Blättchens parallel oder senkrecht gegen die ursprüng- 
liche Polarisationsebene liegt, erleidet das einfallende Licht 
nur eine Art von Strahlenbrechung m dem Krystall; und, 
wenn dieser Hauptschnitt parallel oder senkrecht ist ge- 
gen den des Rhomboeders, so sind in jedem Bilde nur 
Strahlen enthalten, welche die nämliche Refraction in dem 
Krystallblättchen erlitten haben. Mithin enthält, im einen 
wie im andern Fall, ein jedes Bild nur ein einziges Wel- 
lensystem, folglich keine Farben mehr, da keine Interfe- 
renzen mehr vorhanden sind. 

Dagegen sind beide Bilder auf das allerlebhafteste 
gefärbt, wenn der Coefficient des veränderlichen Gliedes 
gleich Eins ist. Diefs geschieht, wenn s = und j=45° ; 
alsdann werden die beiden Ausdrücke: 

Ge- 



385 
Gewöhnliches Bild . . 1 — sm 2 7r( —c— ) oder cos*7rf -^- j 

Ungewöhnliches Bild sin 2 7T ( — — ] 

Es ist zu bemerken, dafs der zweite Ausdruck dem- 
jenigen ähnlich ist, welcher Lei den Farbenringen die 
Resultante zweier Wellensysteme giebt, die unter senk- 
rechter Incidenz an der ersten und zweiten Fläche der 
Luftschicht reflectirt werden , wenn deren Dicke gleich 
4-(o — e) ist, mithin der Unterschied in den durchlau- 
fenen Wegen gleich (o — e) wird. In der That, be- 
zeichnet man durch \ die Intensität der Oscillationsge- 
schwindigkeit eines jeden Wellensystemes, und erwägt 
man, dafs ihre Oscillationsgeschwindigkeiten mit entge- 
gengesetzten Zeichen genommen werden müssen, weil das 
eine innerhalb des dichteren Mittels und das andere aufser- 
halb desselben reflectirt wird, was, wie wir schon frü- 
her bei Erklärung der Farbenringe bemerkt haben, den 
Gegensatz des Zeichens mit sich führt — ; so findet man, 
aus der schon angewandten Formel, für die Intensität des 
resultirenden Lichtes: 

\-\-\ — 2.\.^cos27r(°-^-\ oder £ — -| cos 2 7T (— ?- ) 

oder endlich: 

fo — e 
sin 2 TT 



A 

Mithin müssen die Farben des ungewöhnlichen Bil- 
des, welches durch die Krystallblättchen erzeugt wird, 
denen der reflectirten Ringe ähnlich seyn , wie es auch 
die Beobachtungen des Hrn. Biot erwiesen haben*), 

*) Die Formeln, welche Hr. Biot auf diese Aehnlichkeit gegrün- 
det hat, stellen die von einem einzigen Blättchen hervorgebrach- 
ten Farben mit grofser Treue dar. Statt unmittelbar die Inten- 
sitäten der verschiedenen farbigen Strahlengattungen zu geben, 
wie wir sie berechnet haben, verweisen sie auf Newton's Ta- 
fel über die Farben der reflectirten Ringe, und geben zugleich 
an, wie viel weifses Licht man, wegen relativer Lage der 
Annal. d. Physik. B. 88 .St. 3. J. 1828. St. 3- B b 



386 

wenigstens so lange, als der, vom Krystall hervorge- 
brachte, Gang -Unterschied o — e sich nicht merklich mit 
der Natur der Strahlen ändert. Denn bei den Farben- 
ringen beträgt dieser Gang -Unterschied das Doppelte der 
Dicke der Luftschicht, und ist also in aller Strenge für 
alle Strahlengattungen gleich. 
Die obigen Ausdrücke 

cos~ TT [ — r — und Slll^TT 



D v 



A 7 VA 

welche respective die Intensitäten der gewöhnlichen und 
ungewöhnlichen Bilder eines homogenen Lichtes, dessen 
Undulationslänge A ist, geben, wenn die Axe des Kry- 
stallblättchens einen Winkel von 45° mit der ursprüng- 
lichen Polarisationsebene macht und der Hauptschnitt des 
Rhomboeders parallel dieser Ebene ist, zeigen, dafs die 
Gesarnmiheit der beiden zum Krystallblättchen hinaustre- 
tenden Wellensysteme nach der ursprünglichen Polarisa- 
tionsebene polarisirt seyn mufs, sobald o — e gleich Null 
ist oder gleich einer ganzen Zahl von Undulationen, weil 

alsdann sin- Tri J gleich Null wird, und das unge- 

wöhnliche Bild verschwindet. Wenn dagegen o — e gleich 
ist einer ungeraden Zahl von halben Undulationen, so wird 

cos ~7r( — — j gleich Null , und dann verschwindet also 

das gewöhnliche Bild; woraus man schliefsen mufs, dafs 
das gesamrnte Licht nach einer gegen den Hauptschnitt 
senkrechten Ebene, die hier genau im Azimuth 2i liegt, 
polarisirt seyn mufs. Aber für alle intermediären Werthe 
von A, kann die Gesammtheit der beiden Wellensysleine 
nur eine partielle Polarisation darbieten; und es mufs 
selbst vollkommen depolarisirt erscheinen, sobald o- — e 
gleich ist einer ungeraden Zahl von Viertel-Undulationen, 

ursprünglichen Polarisationsebene, des Hauptsclmilts der Krystall- 
laraelle und des Kalkspafh-Rhombofiders, diesen Farben hinzu- 
zufügen hat. 



387 

weil alsdann cos 2 7r( — — J und sin 2 TT f — — J beide 

gleich £ werden, beide Bilder also gleiche Intensität er- 
halten, und zwar immer, in welches Azimuth man auch 
den Hauptschnitt des Rhomboeders drehen mag. Man 
kann sich davon durch die, vorhin gegebenen, allgemei- 
nen Formeln überzeugen, wenn man darin setzt: 

z'=45° und sin 2 7r[ — — ) = !• 



A 
denn alsdann wird: 

das ungewöhnliche Bild .... sin 2 s + ^cos2s-=z^. 

und das gewöhnliche Bild . . . cos 2 s — ^cos2sz=.^ 
Eben so ist es leicht aus den allgemeinen Formeln 
zu ersehen, dafs, welchen Werth auch i haben mag, das 
ungewöhnliche Bild für s = o verschwindet, wann o — e 
gleich Kuli oder gleich einer geraden Zahl von halben 
Undulationen ist; und, dafs dieselbe Gröfse für s = 2i 
Null wird, sobald o — e einer ungeraden Zahl von hal- 
ben Undulationen gleich ist, dafs also das gesammte Licht, 
im ersten Fall, nach der ursprünglichen Ebene polarisirt 
ist, und, im zweiten, nach dem Azimuth 2i; während 
bei allen intermediären Werthen von o — e keins der 
Bilder vollständig verschwindet, wie man auch den Haupt- 
schnitt des Rhomboeders drehe. Alle diese Folgerungen 
aus der Theorie werden durch die Erfahrung bestätigt. 

Wenn man das polarisirte Licht durch mehrere 
Krystallblättchen gehen läfst, deren Hauptschnitte sich auf 
beliebige Weise kreuzen, so werden die Erscheinungen 
zwar weit verwickelter, können aber dennoch leicht nach 
derselben Theorie berechnet werden. Das einfallende 
Licht theilt sich zunächst in dem ersten Blättchen in zwei 
Wellensysteme, deren Oscillations-Intensitäten man durch 
das Mal us 'sehe Gesetz bestimmt, so wie deren relative 
Lagen durch ihren Gang -Unterschied, wie wir es bei 
einem einzigen Blättchen bereits gethan haben. Hierauf 
theilt sich, in dem zweiten Blättchen, jedes dieser Wel- 

Bb 2 



388 

lensysteme in zwei andere; jedes dieser vier Wellensy- 
stenie theilt sich, in dem dritten Blättchen, abermals in 
zwei neue, und so fort. Es ist einzusehen, dafs, wenn 
man die Azimuthe der Hauptschnitte der verschiedenen 
über einander gelegten Krystallblältchen und des, die bei- 
den Bilder liefernden Rhomboeders kennt, die relativen 
Intensitäten aller Wellensysteme, die in jedes Bild ein- 
gehen, bestimmbar seyn werden, und dafs es gleichfalls 
leicht ist, die Unterschiede in ihrem Gange zu bestim- 
men, wenn man die verschiedenen Refractionsarten, wel- 
che sie erlitten haben, berücksichtigt, wenn die Dicken 
der Blältchen bekannt sind, so wie die Geschwindigkeit 
der gewöhnlichen und ungewöhnlichen Strahlen, welche 
durch diese hindurchgehen. Man hat also, für jedes Bild, 
die relativen Intensitäten und Lagen aller Wellensysteme, 
aus welchen dasselbe zusammengesetzt ist, und man fin- 
det ihre Resultante durch die allgemeine Methode, welche 
in meiner Abhandlung über die Diffraction, p. 256., an- 
gegeben ist. In diesem Calcul ist alles durch die Fun- 
damentalsätze, welche wir aus Thatsachen abgeleitet haben, 
im Voraus bestimmt, und man braucht, selbst bei den ver- 
wickeltsten Fällen, nichts aus der Erfahrung zu entneh- 
men. Hiedurch vor allem steht diese Theorie höher, als 
die der beweglichen Polarisation, welche sehr verwickelt 
wird, wenn man wissen will, wie die Oscillationen der 
Axen der Ltchttlieilchen sich bei dem Durchgänge von 
einem Blättchen zu einem andern, dessen Hauptschnitt 
einen beliebigen Winkel mit dem des ersten macht, er- 
neuen. Auch hat Hr. Biot, durch seine Hypothese, die 
sämmtlichen Coefficienten seiner Formeln für zwei auf 
einander gelegten Blättchen nur für sehr besondere Fälle 
bestimmen können. Es giebt sogar einen Fall, wo die 
Thatsachen durch seine Formeln nicht mit Genauigkeit 
dargestellt werden, wie ich mich durch die meinigen ver- 
sichert habe; diefs ist der, wo zwei Blatt chen von glei- 
cher JNatnr und gleicher Dicke sich mit ihren Axen unter 



389 

45° kreuzen. Die Verhandlungen über diesen besonde- 
ren Fall und die allgemeinen Formeln für die Farben, 
-welche zwei Blättchen geben, findet man in der zweiten 
Note, die Hin. Arago's Berichte über meine Abhand- 
lung, in den Annales de chirnie et de phjsioue, T. XVII. 
p. 267., hinzugefügt ist. 

In derselben Notiz habe ich gezeigt, wie man die 
Haupteigenschaften des polarisirten Lichts, das Gesetz 
von Malus und die besonderen Kennzeichen der dop- 
pelten Strahlenbrechung auf die einfachste Art erklären 
kann, in der Voraussetzung, dafs in den Lichtwellen die 
Oscillationen der Aethertheilchen senkrecht gegen die 
Strahlen und gegen das, was wir Polarisationsebene ge- 
nannt haben, ausgeführt werden. Bei Annahme dieser 
Hypothese würde es natürlich sejn, dafs man diesen Na- 
men derjenigen Ebene gäbe, nach welcher die Oscil- 
lationen geschehen; allein ich habe an dem Sinn der ein- 
mal eingeführten Ausdrücke nichts ändern -wollen. Biese 
Hypothese, welche besonders durch die Gesetze, die ich 
mit Hrn. Arago bei der Interferenz von polarisirten Strah- 
len bemerkt habe, entstanden ist, zeigt, wie diese Gesetze 
nothw endig aus der Natur der Lichtwellen hervorgehen; 
so dafs die Formeln, welche ich so eben für die Kry- 
stallblättchen gegeben habe, so wie die, welche die Er- 
scheinungen der Diffraction, der Reflexion, der Refraction 
und der Farbenringe darstellen, gegenwärtig auf einer 
einzigen Voraussetzimg beruhen. Denn sie stimmt eben 
so gut, -wie die vorhin angenommene, mit dem Calcule 
überein, welcher uns zur Erklärung der Interferenz - 
Erscheinungen gedient hat, weil es, wie wir schon zu 
Anfange bemerkt haben, bei diesem Calcule gleichgültig 
ist, ob die Oscillationsbewegungen parallel den Strahlen 
oder senkrecht gegen dieselben ausgeführt werden, vor- 
ausgesetzt nur, dafs sie gleiche Richtungen in den sich 
interferirenden W eilen besitzen. Zufolge dieser neuen 
Hypothese besteht das gewöhnliche Licht aus der Verei- 



390 

nigung oder vielmehr aus der raschen Folge unzählig vie- 
ler Wellen, die nach allen möglichen Richtungen pola- 
risirt sind; und der Act der Polarisation besteht nicht 
darin, dafs er transversale Bewegungen hervorruft, da sie 
schon im gewöhnlichen Lichte vorhanden sind, sondern 
darin, dafs er dieselben nach zwei unveränderlich recht- 
winkligen Ebenen zerlegt, und die nach diesen beiden 
Richtungen polarisirten Strahlen von einander trennt, so- 
wohl durch die Richtung ihrer Strahlen, als auch nur 
durch einen Unterschied in ihrer Geschwindigkeit. 

Die Erfahrung und das Interferenz -Princip haben 
uns gelehrt, dafs wenn ein polarisirter Lichtbündel in 
zwei Wellensysteme von gleicher Intensität zerfallen ist 
die nach rechtwinkligen Richtungen polarisirt und durch 
den Zwischenraum von einer Viertel -Undulation getrennt 
sind, derselbe, bei Wiedervereinigung dieser beiden Wel- 
lensysteme, Anzeigen einer vollständigen Depolarisation 
darbietet, d. h. dafs das gesammte Licht, bei Zerlegung 
durch ein Kalkspath-Rhomboeder, immer Bilder von glei- 
cher Intensität liefert, nach welcher Richtung man auch 
den Hauptschnitt des Rhomboeders drehe, Bas so modi- 
ficirte Licht ist hierin dem direclen Lichte ähnlich; aber 
es weicht von ihm durch sehr sonderbare optische Eigen- 
schaften ab, welche ich zum Hauptgegenstand einer der 
Academie der Wissenschaften am 24. Nov. 1817 über- 
lieferten Abhandlung gemacht habe. 

Modification, welche die Reflexion dem polarisirten 
Lichte einprägt. 

Ich habe gefunden, dafs die doppelte vollständige 
Reflexion im Innern eines Glases, unter einer Neigimg 
von ungefähr 50°, gezählt von der Normale der Fläche, 
diese Art von Modification dem einfallenden Lichte ein- 
prägt, wenn dasselbe zuvor nach dem Azimuthe von 45°, 
in Bezug auf die Reflexionsebene, polarisirt worden ist, 
d. h. dafs alsdann das reflectirte Licht aus zwei gleichen 



391 

Wellensystemen besteht, die unter sich rechtwinklig po- 
larisirt sind und um eine Viertel -Undulation von einan- 
der abweichen. 

Dieses reflectirte Licht, welches, wenn man es mit 
einem Kalkspath-Rhoinboeder untersucht, keine Spur von 
Polarisation mehr zeigt, besitzt dennoch wie das polari- 
sirte Licht die Eigenschaft, dafs es in dünnen Krystall- 
blättchen sehr lebhafte Farben hervorruft; aber diese Far- 
ben sind von einer andern Natur. Es weicht noch darin 
von dem polarisirten Lichte ab, dafs es im Terpentinöl 
und in den Bergkrystallplatten , die senkrecht gegen die 
Axe geschnitten sind, keine merklichen Farben entwickelt, 
Wenn man es abermals zwei vollständige Reflexionen, 
unter gleicher Incidenz und nach derselben Ebene oder 
nach einer auf ihr rechtwinkligen Richtung, erleiden läfst, 
so nimmt es alle Kennzeichen und alle Eigenschaften des 
gewöhnlichen polarisirten Lichtes wieder an. Nach zwei 
ähnlichen Reflexionen in gleichen Richtungen ist es aber- 
mals vollkommen depolarisirt und hat zugleich die übri- 
gen Eigenschaften wieder erlangt, welche es durch die 
beiden ersten Reflexionen erhalten hatte, und so fort. 

Ich werde mich nicht in ein weitläufiges Detail über 
diese sonderbare Modification des Lichtes einlassen, wel- 
che, wie die Polarisation selbst, sich allen Strahlengat- 
tungen einprägen läfst, und unter diesem Gesichtspunkte 
eben so allgemeine Eigenschaften, wie diese, darbietet. 
Ich begnüge mich zu sagen, dafs ich durch die Natur der 
Farben, welche das so modificirte Licht in Krystallblätt- 
chen entwickelt, eingesehn habe, dafs es aus zwei Wel- 
lensystemen besteht, die unter sich rechtwinklig polari- 
sirt sind und um eine Viertel- Undulation von einan- 
der abweichen. Von dieser Thatsache ausgehend, ist es' 
mir leicht gelungen, die mannigfaltigen Erscheinungen mit 
Hülfe derselben Grundsätze zu erklären und zu berech- 
nen, welche wir zur Berechnung der durch das gewöhn- 
liche polarisirie Licht erzeugten Farben gebraucht haben. 



392 

Ehe ich diese Modifikationen , welche die vollstän- 
dige Reflexion dem polarisirten Lichte einprägt, ent- 
deckte, hatte ich diejenigen studirt, -welche die partielle 
Reflexion an der äufsern Oberfläche durchsichtiger Kör- 
per hervorbringt, und dabei gefunden, dafs das Licht dann 
niemals depolarisirt wird, selbst nicht partiell, welche 
Neigung die Strahlen und das Azimuth der Einfalisebene 
gegen die ursprüngliche Polarisationsebene auch haben 
mögen, sondern dafs nur eine blofse Ablenkung der Po- 
larisationsebene daraus hervorgeht. Durch die neue Hy- 
pothese, welche ich über die Constitution der Lichtwei- 
len angenommen habe, bin ich auf das Gesetz dieser Ab- 
lenkungen geführt, welches ich bis dahin vergebens durch 
empirische Formeln darzustellen gesucht hatte. Diese 
nämlich stimmten mit den Thatsachen wohl in den drei 
Hauptfällen: des Parallelismus der Strahlen mit der Flä- 
che, der senkrechten Incidenz, und der vollständigen Pola- 
risation; aber für intermediäre Incidenzen stellten sie die- 
selben nicht mehr getreu dar. Die Formel, auf welche 
ich zuletzt durch theoretische Betrachtungen geführt wor- 
den bin, und welche sich in den Annales de chimie et 
de physique, T. XVII. p. 312., in einem Zusätze zu 
der schon erwähnten Notiz befindet, scheint, so weit sich 
aus ihrer Uebereinstimmung mit den Beobachtungen schlie- 
fsen läfst, das Gesetz der Erscheinung auszudrücken. Ich 
habe sie aus den allgemeinen Formeln für die Intensität 
des reflectirten Lichtes abgeleitet, welche von mir durch 
diese Betrachtungen entdeckt und gleichfalls in jener Notiz 
gegeben worden sind. 

Indem ich hier diesen Auszug aus meinen Abhand- 
lungen beschliefse, übergehe ich die theoretischen und 
experimentalen Untersuchungen, welche ich über die von 
Hin. Biot bei gewissen homogenen Flüssigkeiten, wie 
beim Terpentinöl, Citronenöl u. s. w. , entdeckten Pola- 
risationserscheinungen angestellt habe. Ich habe geglaubt, 
mich auf eine Auseinandersetzung der allgemeinen Eigen- 



393 

Schäften des Lichtes oder derjenigen, wenn ich mich so 
ausdrücken darf, elementaren Thatsachen beschränken zu 
müssen, welche am häufigsten vorkommen, und von denen 
die andern gewissermafsen nur mehr oder weniger ver- 
wickelte Combinationen sind. Ich habe gezeigt, wie die 
Undulationstheorie sie erklärt, und welche Mittel sie giebt, 
die Gesetze derselben durch analytische Ausdrücke dar- 
zustellen. Zur Berechnung der so mannigfaltigen Erschei- 
nungen der Diffraction, der Farbenringe, die von Luft, 
Wasser oder jedem andern brechenden Mittel in dünnen 
Schichten hervorgebracht werden, der Refraction, bei wel- 
cher das Verhältnifs des Sinus der Incidenz zu dem der 
gebrochenen Strahlen genau das der Undulationslängen 
in beiden Mitteln ist, der Farben und besondern Polari- 
sationsarten, welche die Krystallblättchen zeigen, — zur 
Berechnung aller dieser Erscheinungen reicht es hin, die 
verschiedenen Undulationslängen des Lichts in diesen Mit- 
teln zu kennen; sie sind die einzigen Gröfsen, welche 
man aus der Erfahrung zu entlehnen braucht, und sie 
machen die Grundlage aller Formeln aus. Erwägt man, 
welche innige und vielfältige Beziehungen die Undula- 
tionstheorie zwischen den verschiedenartigsten Erscheinun- 
gen aufstellt; so mufs ihre Einfachheit und Fruchtbarkeit 
in gleichem Grade auffallen und die Ueberzeugung ge- 
währen, dafs selbst dann, wenn sie auch dem Emissions- 
systeme nicht darin voraus wäre, dafs sie mehrere nach 
diesem durchaus unbegreifliche Thatsachen erklärte, sie 
schon deshalb den Vorzug verdient, weil sie Mittel giebt, 
alle optischen Erscheinungen mit einander zu verknüpfen 
und durch allgemeine Formeln zu umfassen. 

Ohne Zweifel bleiben noch viele dunkle Punkte auf- 
zuhellen, vor allem in Bezug auf die Absorption des Lichts, 
wie z. B. die Reflexion an Metallflächen und an schwar- 
zen Körpern, der Durchgang des Lichts durch unvoll- 
kommen durchsichtige Körper und die eignen Farben der 
Körper. Wahrscheinlich wird in diesen Fällen ein Thcil 



394 

des Lichts zerstört und in Wärme -Oscillationen umge- 
wandelt, welche für unsere Augen nicht mehr sichtbar 
sind, weil sie, wegen der erlittenen Umänderungen, nicht 
mehr in dieselben einzudringen oder den Sehnerven in 
Einklang mit ihnen schwingen zu machen vermögen. Aber 
die totale Quantität der lebendigen Kraft mufs dieselbe 
bleiben, wenigstens dann, wenn die Action des Lichts 
nicht eine so mächtige chemische oder calorifische Wir- 
kung hervorgebracht hat, dafs sie den Gleichgewichtszu- 
stand der Körpertheilchen und mit ihm die Intensität der 
denselben bedingenden Kräfte umändert. Man begreift 
nämlich leicht, dafs wenn diese Kräfte plötzlich abnäh- 
men, dadurch die Oscillationen der Theilchen des erhitz- 
ten Körpers schleunig an Energie verlieren, und folglich, 
um mich des üblichen Ausdrucks zu bedienen, eine Ab- 
sorption von Wanne erfolgen würde. Vielleicht ist diefs 
der Vorgang beim Schmelzen eines starren, oder beim 
Verdampfen eines flüssigen Körpers. 

Besteht das Licht, wie es die Diffractionserscheinun- 
gen beweisen, nur aus einer gewissen Schwingungsart 
eines überall verbreiteten Fluidums, so darf man nicht 
mehr annehmen, dafs seine chemische Einwirkung auf die 
Körper auf einer Verbindung seiner Theilchen mit den 
Theilchen dieser beruhe, sondern, dafs sie aus einer mecha- 
nischen Action bestehe, welche die Vibrationen jenes Flui- 
dums auf die ponderablen Theilchen ausüben, wodurch 
die letzleren, je nach der Art oder Energie der Schwin- 
gungen, zu neuen Anordnungen und neuen festeren Gleich- 
gewichts-Systemen gezwungen werden *), Man sieht hier- 
aus, wie sehr die Hypothese, welche man über die Na- 
tur des Lichts und der Wärme annimmt, die Vorstel- 
lungsweisen über die chemischen Actionen verändern kann, 
und wie wichtig es daher ist, zu wissen, welche Theorie 
die wahre sey, um so endlich die Principien der Moleeular- 
Mechanik zu entdecken, deren Kenntnifs ein grofses Licht 

*) Man sehe die Nachschrift. 



auf die gesammte Chemie werfen wird. Wenn etwas zu 
dieser grofsen Entdeckung beiträgt und die Geheimnisse 
der innern Constitution der Körper entschleiert, so ist 
es das tiefere Studium der Erscheinungen des Lichts. 



Nachschrift. 

Chemische Wirkung des Lichts. 

Hr. Arago hat durch einen sehr interessanten Ver- 
such die Ansicht des Hrn. Fresnel hinsichtlich der che- 
mischen Wirkung des Lichts bestätigt, und dadurch direct 
bewiesen, dafs diese Wirkung nicht einer Vereinigung 
der Theilchen des Lichts mit denen der Körper zuge- 
schrieben werden darf. 

Als Hr. Arago die Fransen, welche durch Interfe- 
renz zweier an zwei gegen einander schwach geneigten 
Spiegeln reflectirten Lichtbündel entstanden waren, auf 
frisch bereitetes Chlorsilber fallen liefs, fand er, dafs sie 
schwarze Linien auf demselben hervorbrachten, welche 
durch Zwischenräume von gleicher Gröfse und wcifser 
Farbe getrennt waren. Diefs beweist, dafs, wie die opti- 
sche Beschaffenheit, so auch die chemische Wirkung der 
Lichtsirahlen durch die Interferenz derselben abgeändert 
wird, und dafs sie, je nach, dem Unterschied in den durch- 
laufenen Wegen, an Intensität variirt. Ist dieser Unter- 
schied einer ganzen Zahl von Undulationen gleich, so 
stehen die beiden Wellensysteme in völligem Accord, und 
ihre Schwingungen haben die gröfstmögliche Stärke ; folg- 
lich mufs auch ihre chemische Wirkung das Maximum 
erreichen. In den Punkten dagegen, wo der Unterschied 
zwischen den durchlaufenen Wegen eine ungerade Zahl 
von halben Undulationen beträgt, ist die Discordanz voll- 
ständig, und es mufs also hier die chemische Wirkung 
Null seyn, wie die Lichtempfindung, welche dieselben 
Punkte im Auge bewirken. Diefs ist auch durch den 
Versuch bestätigt. Nur mufs man erwägen, dafs die 



396 

äufseren violetten Strahlen die meiste chemische Wirkung 
haben, also, bei weifsem Lichte, die schwarzen Linien 
auf dem Chlorsilber nicht den hellsten Streifen entspre- 
chen können, welche fast mit den Punkten des völligen 
Accords der gelben Strahlen zusammenfallen. 

Dieser Versuch liefert auch ein einfaches und sehr 
genaues Mittel, die mittlere Länge derjenigen Lichtundu- 
lationen zu bestimmen, welche die meiste chemische Wir- 
kung ausüben; denn dazu reicht es hin die Zwischen- 
räume zwischen den schwarzen Linien auf dem Chlorsil- 
ber zu messen, und daraus, mittelst der von uns gege- 
benen Formel, die Länge der Undulationen, wodurch sie 
erzeugt sind, herzuleiten. 

Schon vor langer Zeit hat Hr. Young, indem er 
das durch die Farbenringe modificirte Licht auf Chlor- 
silber fallen liefs, gezeigt, dafs es in seiner chemischen 
Wirkung dieselbe Abänderung erleidet. Allein der Ver- 
such des Hin. Arago hat vor dem seinigen den Vorzug, 
direct zu zeigen, dafs die ungleiche Wirkung des Lichts 
an den verschiedenen Punkten des Raumes, in weichein 
die beiden Bündel sich vereinigen, von deren gegenseiti- 
gen Einwirkung herrührt, weil, wenn man einen der Licht- 
bündel forlnimmt, das Chlorsilber eine gleichförmige Farbe 
annimmt, in demselben Räume, wo sich vorhin, als beide 
Lichtbündel gleichzeitig dahin gelangten, abwechselnd 
schwarze und helle Streifen bildeten. Bei dem, mittelst 
der Farbenringe angestellten Versuch des Hin. Young 
ist es immöglich, die beiden Wellensysteme zu trennen. 

Man kann auch durch den Versuch des Hin. Arago 
erweisen, dafs an den Punkten, wo der Unterschied in 
den durchlaufenen Wegen einer ungeraden Zahl von hal- 
ben Undulationen beträgt, die chemische Wirkung des 
Lichtes unmerklich ist, sobald die beiden reflectirten Licht- 
strahlen gemeinschaftlich dahin gelangen, während sie wie- 
der zum Vorschein kommt, wenn man einen der Licht- 
bündel auffängt. 



397 

Man sieht, dafs durch diese Thatsache, unabhängig 
von jeder Theorie, die von mehreren Gelehrten ange- 
nommene Hypothese, als wären die chemischen Wirkun- 
gen des Lichts eine Folge seiner Verbindung mit den 
Körpern, umgestofsen wird; denn, wenn diese Hypothese 
gegründet wäre, müfste die Wirkung um so stärker seyn, 
je beträchtlicher die Menge der Lichttheilchen wäre, und 
man würde niemals die chemische Wirkung des Lichts 
dadurch erhöhen können, dafs man einen Theil der auf- 
fallenden Strahlen fortnimmt. 

Der Versuch des Hrn. Arago schliefst noch eine 
merkwürdige Thatsache ein, die sich nicht in dem des 
Hrn. Y o u n g befindet, bei welchem die sich interferiren- 
den Lichtstrahlen parallel sind und nach ihrer Vereini- 
gimg nicht wieder aus einander gehen. Da nämlich die 
beiden an den Spiegeln reflectirten Lichtbündel einen 
merklichen Winkel mit einander bilden, so geschieht es, 
dafs die Strahlen, welche an einem gewissen Punkt, durch 
ihre völlige Discordanz, die leuchtenden und chemischen 
Eigenschaften verlieren, dieselben Eigenschaften ein wenig 
weiter hin wieder erlangen. Diefs beweist, wie Hr. Arago 
bemerkt, dafs sie nicht gegenseitig zerstört, sondern nur 
momentan neutralisirt sind, da wo die entgegengesetzten 
Bewegungen ihre Schwingungen aufgehoben haben *). 
Den Vorgang bei den Interferenzen wird man leicht aus 
der Fig. 2. Taf. X. Bd. 81. dieser Annalen ersehen. 

Der Versuch des Herrn. Arago erfordert mehrere 
Vorsichtsmafsregeln, wenn man ihn mit Erfolg wiederho- 
len will. Zunächst müssen die reflectirten Sonnenstrah- 
len in dem dunklen Zimmer mittelst eines guten Heliosta- 
ten in einer constanten Richtimg erhalten werden, damit 
die Fransen, welche auf die mit dem Chlorsilber über- 
zogene Fläche fallen, wenigstens innerhalb zehn Minuten 

) Hr. Arago hat diesen Versuch auch als Beweis gebraucht, dafs 
die Interferenzen des Lichts nicht im Auge geschehen, sondern 
objectiver Natur sind. jP. 



nicht merklich verschoben werden. Und damit die sehr 
kleinen Verschiebungen, welche sie dennoch in diesem 
Zeitraum erleiden könnten, der Sauberkeit der schwarzen 
Linien nicht schädlich werden, ist es gut, wenn man den 
Fransen die größtmögliche Breite giebt, was dadurch ge- 
schieht, dafs man die Flächen beider Spiegel fast in eine 
Ebene stellt. Statt, in dem Fensterladen der dunklen 
Kammer eine sphärische Linse anzubringen, wodurch man 
einen leuchtenden Punkt von zu schwachem Lichte er- 
halten würde, mufs man eine cylindrische Linse anwen- 
den, welche ein vortreffliches Mittel abgiebt, die Stärke 
des Lichtes beträchtlich zu vermehren. I)a man aber hie- 
durch keinen Lichtpunkt, sondern eine Lichtlinie erhält, 
so ist es unumgänglich nöthig, dafs man die Linse in eine 
mit den Fransen genau parallele Richtung . drehe, wie wir 
auch schon bei Beschreibung dieses sinnreichen, von Hrn. 
Arago erfundenen, Verfahrens bemerkt haben. LTebri- 
gens sieht man leicht an der Deutlichkeit der Fransen, 
wann diese Bedingung erfüllt ist. Die cylindrische Linse, 
welche zu dem obigen Versuche angewandt wurde, hatte 
eine Brennweite von einem Centimeter, und die beiden 
Spiegel waren kaum um 60 Centimeter von ihr entfernt; 
einen fast gleichen Abstand besafs die mit dem Chlorsil- 
ber überzogene Fläche von den Spiegeln. Diese grofse 
Nähe der verschiedenen Theile des Apparates war erfor- 
derlich, um den Strahlen eine hinlängliche Intensität zu 
erhalten. Zu bemerken ist, dafs wegen merklicher Breite 
der Lichtlinie, die eine Linse von einem Centimeter 
Brennweile giebt, die etwas zarten Fransen sehr verwor- 
ren werden, und dafs es deshalb vor allem wichtig ist, den 
Fransen die gröfstmögliche Breite zu geben. Mit einer 
Linse von kürzerer Brennweite würde man zwar eine 
zartere Lichtlinie erhalten; allein auch die Intensität des 
Lichts würde in demselben Verhältnisse geschwächt seyn, 
und um diese Schwächung zu compensiren, müfste man 
die Spiegel und das Chlorsilber näher an die Linse brin- 



399 

gen, wodurch die Fransen, falls sie nicht eine hinlängli- 
che Breite hätten, gleichfalls verworren würden. Diefs 
ist die am schwersten zu erfüllende Bedingung; mit ein 
wenig Geschicklichkeit und vieler Geduld gelangt man 
aber immer zum Zweck. 



IV. Leber den mittleren Barometerstand am 

Meere unter den Tropen; 

von Alexander von Humboldt. 

(Aus dessen Voyage aux regions equinoaciales etc. T. XI. p. 1. 
der Octav- Ausgabe.) 



t 



nter den numerischen Elementen, welche in der phy- 
sikalischen Geographie seit langer Zeit einer genauen Be- 
stimmung bedürfen, ist der mittlere Barometerstand am 
Spiegel des Meeres, in den verschiedenen Zonen, eins 
der wichtigsten. Diese Bestimmung umfafst zwei durch- 
aus verschiedene Fragen, nämlich: 1) wie grofs ist der 
absolute Mittelstand des Barometers an den Küsten von 
Europa und dem mittleren Amerika, und 2) ist dieser 
Stand in der gemäfsigten und heifsen Zone derselbe oder 
nicht? 

Keine dieser Fragen ist bis jetzt vollkommen beant- 
wortet. Die Bestimmung des absoluten Barometerstandes 
setzt genaue Berechnungen über die Wirkung der Ca- 
pillarität voraus, d. h. über die Depression des Queck- 
silbers in den Röhren der Gefäfsbarometer. Hr. Arago 
hat sich mit dieser sehr delicaten Gattung von Untersu- 
chungen beschäftigt, indem er Barometer nach Fortin'- 
scher Construction mit Heberbarometern verglich. Er 
wird die Resultate dieser Arbeit nächstens bekannt machen, 
welche um so mehr Interesse besitzt, da sie mit der Frage, 
ob das mittlere Gewicht der Atmosphäre in einer langen 



4W) 

Reihe von Jahrhunderten unveränderlich sey, in Zusam- 
menhang steht. 

Ich beschäftige mich indefs hier nur mit dem mittle- 
ren Barometerstande unter dem Parallelkreis von 49° 
und den Aequatorialregionen. Diese Untersuchung hat 
seit der Zeit, dafs ich Europa verliefs, meine Aufmerk- 
samkeit besonders erregt. Ich habe zwei meiner Baro- 
meter sorgfältig mit dem verglichen, an welchem Hr. Bou- 
vard die meteorologischen Variationen auf dem Obser- 
vatorio zu Paris beobachtet. Ich glaube zu Cumana, an 
der Küste des Meeres, den mittleren Barometerstand zu 
337"',8 oder 762 mm ,02 bei 25° C. gefunden zu haben, 
was bei 0° C. einen Stand von 758 mn, ,59 geben würde *). 
Da man zu dieser Zeit (1799) den mittleren Barome- 
terstand am Spiegel des Meeres, in Europa **), nach 

Shuck- 

*) Hr. Caldas, der den Wissenschaften, durch die Reactionen einer 
blutdürstigen Politik, in einem Alter entrissen wurde, "wo er 
ihnen durch seinen Eifer noch hätte nützlich seyn können, glauht, 
dafs der Unterschied zwischen dem mittleren Barometerstande 
nach meinen Beobachtungen und denen von Shuckburgh von der 
geringen Uebereinstimmung herrührt, welche man zwischen den 
ausgekochten und den nicht ausgekochten Barometern autrifft 
( Semunario , T. I. p. 52.^; Dieser Umstand hat indefs auf 
meine Beobachtungen zu Cumana und Guayra keinen Einflufs 
haben können. Ich hatte nämlich zwei Gefäfsbarometer aus 
Europa nach Caracas mit geführt, in deren Röhren das Queck- 
silber mit der gröfsten Sorgfalt von sehr geschickten Künstlern 
ausgekocht worden war. 

**) Hr. Oriani findet, für Mailand, den mittleren Barometerstand 
am adriatischen Meere zu 338 lin ,23 bei 13°,5 C. , was 76l mm ,73 
bei 0° C. giebt. Nach Ferrer beträgt der mittlere Barometer- 
stand zu Havannah, bei 25°,7 C, 338 lin ,55 oder 763' n m,71, also, 
bei 0° C, 760 mra ,18. Diefs Resultat ist identisch mit dem des 
Hrn. B o u s singaul t; aber wir wissen nicht, wie hoch das 
Barometer des Hrn. Ferrer über dem Meere hing, und welche 
Mittel zu Mailand und Havannah angewandt worden sind, um 
die Capillarität der Röhren zu erfahren. Man sehe Dei cornbu- 
stibili, Memoria del Conti Bevelacque-Lancisc. p. 107. Sc hu- 



401 

Shukburgh zu 76 1 1 ™, 18 (bei 0° C.) annahm, so mufste 
ich nothwendig aus diesem Vergleiche schliefsen, dafs 
der mittlere Barometerstand, am Spiegel des Meeres, 
in der heifsen Zone ein wenig kleiner sey als in der 
gemäßigten *). In Ungewifsheit hinsichtlich der Capil- 
larität des angewandten Barometers, berechnete ich in 
meinem Tableau des regions equinoxiales diesen Un- 
terschied zu zwei Millimeter, und schrieb ihn der auf- 
steigenden Bewegung der tropischen Atmosphäre zu, wel- 
che die stark erhitzten Luftschichten nach den Polarre- 
gionen abführte. Da ich, vor meiner Einschiffung nach 
Cumana, mit meinen Instrumenten eine lange Landreise 
von Paris, über Marseille, Murviedro und Madrid, nach 
Corunna gemacht hatte, so legte ich wenig Vertrauen auf 
meine Bestimmung. Glücklicherweise kann ich sie ge- 
genwärtig durch eine andere weit genauere ersetzen. 

Die Hrn. Boussingault und Ptivero haben, ge- 
meinschaftlich mit Hrn. Arago, vor ihrer Einschiffung 

mach er Astronom. Nachrichten. Beil. Th. II. N. 65. Her- 
tha No. 3. p. 246. Ueber die ziemlich constante Depression, 
welche das Barometer in der Nähe des Cup Hörn, im Meere 
von Sachalin und an der Westküste Norwegens, wo heftige West- 
winde wehen, erleidet, sehe man: Krusenstern, Recueil de 
ßlem. hydrographia. T. I. p. 29. Leopold von Buch, in 
Gilbert's Annalen der Physik, T. XXV. p. 230., auch daselbst 
p. 4. über die barometrische JVindrose. 

*) Man sehe meinen Essai sur la Geogr. des plantes , p. 90. 
R icher, Bonguer, La Gondaroinei Ulloa und Don 
Jorge Juan glaubten, in der ersten Hälfte des 18. Jahrhun- 
derts, dafs das Barometer am Spiegel des Aequinoxialmeeres auf 
27" ll'",5; 28" V" oder 28"0'" stehe. Die Instrumente, deren 
sich diese Reisenden bedienten, waren ohne Zweifel sehr unvoll- 
ständig von Luft befreit, denn da sie keine Correction wegen der 
Temperatur anwandten, so hätten sie die Barometerstände weit 
gröfser finden müssen. Dafs man neuerlich den mittleren Stand 
des Barometers am Spiegel des Meeres in Europa ein wenig zu 
grofs angegeben hat, rührt ohne Zweifel von der Ungewifsheit 
her, in der man noch hinsichtlich der Capillaritätswirkungen ist. 
Annal. d. Physik. B. 88. St. 3. J. 1828. St. 3. C C 



402 

nach Guayra, zwei vortreffliche Fortin'sche Barometer 
mit dem im Observatorio zu Paris verglichen. Diese bei- 
den Barometer haben unter sich denselben Unterschied 
beibehalten, welchen sie in Europa besafsen. Nun hat 
Hr. Boussingault gefunden , dafs , am Niveau des 
Oceans, zu Guayra, das Mittel aas dem 12 Tage lang 
beobachteten Maximis und Minimis, bei 0° C, 760 mm ,17 
beträgt. Hr. Arago berechnet aus 9jährigen Beobach- 
tungen zu Paris den mittleren Barometerstand daseibst, 
nach Reduction auf 0° C. und auf das Niveau des Mee- 
res *), zu 760 m "85. Her Unterschied der beiden Mit- 
telslände, welche gewissermafsen mit demselben Instru- 
mente angestellt sind, steigt also auf inm ,68. 

Man darf nicht vergessen, dafs selbst in der heifsen 
Zone zufällige Störungen einen Einflufs auf den mittleren 
Barometerstand ausüben. Ich habe sorgfältig die wahr- 
scheinlichen Gränzen dieser Veränderungen berechnet, 
und es geht daraus, nach der Analogie von gut beob- 
achteten Thatsachen hervor, dafs selbst zu Guayra, der 
aus den Maximis um 9 h und Minimis um 3 h \ abgelei- 
tete Mittelstand des Barometers, in den verschiedenen 
Jahreszeiten um einen Millimeter gröfser oder kleiner ge- 
funden werden kann. Um die uns hier beschäftigende 
Frage ganz aufser Zweifel zu stellen, müfste man das 
9-jährige Mittel von Paris mit dem einjährigen Mittel an 
den Küsten von Venezuela vergleichen. Aber bis jetzt 
besitzen wir nur für einen einzigen Ort in der heifsen 
Zone, zwischen 0° und 15° NB., stündliche Beobach- 
tungen von einem ganzen Jahre; und dieser einzige Ort 
ist das Plateau von Bogota, welches sich um mehr als 
2600 Met. über das Niveau des Aequinoxialmeeres erhebt. 

*) Der mittlere Barometerstand im Observatorio zu Paris ist 755 mm ,43. 
Der Unterschied zwischen dem Observatorio und dem Hafen in 
Havre , beträgt nach einjährigen correspondirenden Beobachtun- 
gen an verglichenen Instrumenten : 5 lnm ,42. 



403 



V. Emige Bemerkungen über Quellen- Tempe- 
ratur; von Leopold von Buch. 

(Gelesen in der Academie der Wissenschaften d. 3. März 1825. — 
Aus den so eben erschienenen Denkschrift, d. K. Acad. in Berlin 
für 1825.) 



s ist eine schöne Anordnung in der Oeconomie der 



E 

Natur, deren Entdeckung wir Hrn. Wahlenberg ver- 
danken, dafs die Wärme des Bodens die mittlere Tem- 
peratur der Luft um so mehr übertrifft, je weiter man 
gegen Norden heraufgeht. Denn dadurch werden polari- 
schen Gegenden eine Menge Gewächse erhalten, welche 
sonst untergehen müfsten, ja es wird das Leben selbst 
in Gegenden gebracht, welche sonst ganz todt und dürr 
und von allem Lebendigen geflohen seyn würden. Wer 
kann sich Anbau und Cultur denken, in einem Boden, 
dessen Temperatur 1 oder 2 Grade unter dem Gefrier- 
punkte steht? Nicht höher ist aber die Temperatur der 
Luft in Gegenden, in welchen Städte liegen, und Korn- 
bau mit Regsamkeit und Vortheil getrieben wird. Es ist 
die Temperatur eines grofsen Theiles von Sibirien, von 
Finnland im oberen Theile, und von mehreren bewohn- 
ten Thälern in Schweden. 

Die Wahlenb ergischen Beobachtungen, aus denen 
ein so merkwürdiges Resultat hervorgeht, sind von mir 
in Gilbert's Annalen bekannt gemacht, in eine Tabelle 
gebracht und mit der Luft -Temperatur verglichen wor- 
den.. Aus diesen hebe ich folgende vier Angaben aus, 
welche die Natur der Erscheinung vollkommen darstel- 
len werden. 

Quellen- Luft- Diffe- 

Temp. Teinp. renz. 

In Carlscrona 56 \ Grad 6,8 R. 6,3 R. 0,5 

- Upsala 60 - 5,2 - 4,45 - 0,75 

- Umea 64 - 2,3-0,6-1," 

- Giworten fiäll ... 66 - 0,96-— 3- * 3,96 (Enontckis). 
(1600 Fufs über dem Meere.) 

Cc * 



404 

Wahlenberg sucht die Ursache dieser Erschei- 
nimg in der beschützenden Schneedecke, durch welche, 
vermöge ihrer geringen wärmeleitenden Kraft, die Win- 
terkälte abgehalten werde, in den Boden zu dringen, und 
auch andere haben diese Meinung vorgetragen. Sie be- 
ruht auf der falschen Voraussetzung, dafs die Luftwärme 
in den Boden, durch Mittheilung in der Masse selbst, 
welche diesen bildet, eindringe. Wie langsam eine sol- 
che Vertheilung geschehe, wie sie, um 30 Fufs zu durch- 
laufen, schon sechs Monate Zeit brauche, haben Saus- 
sure's Beobachtungen gelehrt, und die, welche später 
in Genf während zehn Jahren in einem Brunnen ange- 
stellt worden sind, welche stets das Minimum zeigten, 
wenn oben die gröfste Wärme herrschte, das Maximum 
zur Zeit der gröfsten Kälte. Schwerlich würde die Schnee- 
decke zureichen, um bei ihrer langen Dauer während so 
vieler Monate das Ausstrahlen der Wärme des Bodens 
zu verhindern. Da überdiefs der Einflufs zweier ungleich 
erwärmter Körper auf einander immer gegenseitig ist, so 
folgt, dafs im Laufe der Jahre auch die beste wärmehal- 
tende Decke nicht verhindern könne, dafs der Boden die 
mittlere Temperatur der Luft nicht annehme. 

Es würde auch um so weniger begreiflich seyn, wie 
nördlichere Gegenden mehr für solches Ausstrahlen be- 
schützt werden, als südliche, da die Menge des fallen- 
den Schnees sich mit der Zunahme der Breite bedeutend 
vermindert, daher die Schneedecke weniger hoch ist. Man 
sieht mit einiger Befremdimg, dafs auch der berühmte 
Leslie an diese Mittheilung der Temperatur durch den 
Boden glaubt, eben weil es eine nothwendige und mathe- 
malisch zu beweisende Folge der Gesetze der Wärme 
ist. Er bemüht sich deshalb vergebens, Beobachtungen, 
welche Ferguson mit Thermometern in verschiedenen 
Tiefen des Bodens angestellt hat, auf ein gemeinschaftli- 
ches, von der Wärme der Atmosphäre abhängiges Ver- 
theilungsgesetz zu bringen. 



405 

Es scheint daher nothwendig, zu wiederholen, wie 
dieses Gesetz von einem schneller wirkenden modificirt 
und gänzlich versteckt wird, wie nämlich diese Verthei- 
lung fast nur allein von dem Eindringen der atmosphä- 
rischen JVässer abhängen könne, durch welche die Tem- 
peratur so schnell durch den Boden und in die Tiefe 
verbreitet wird, dafs die unmittelbare Einwirkung durch 
Mittheilung sehr bald und in weniger Tiefe überwogen 
und völlig unkenntlich gemacht werden mufs. Deswegen 
aber wirkt die grofse Winterkälte des Nordens so wenig 
auf den Boden, und mit so gröfserer Differenz, je nie- 
driger die Temperatur ist, weil im Winter keine Wäs- 
ser fliefsen, und Temperaturen unter dem Gefrierpunkte 
durch diefs schnell wirkende Medium überhaupt gar nicht 
verbreitet werden können. Ich bin daher völlig über- 
zeugt, dafs alle Nachrichten, welche behaupten, dafs der 
Boden in vielen Fufs Tiefe sich, selbst im Sommer, noch 
gefroren gefunden habe, in Gegenden, welche noch im 
Stande sind, strauchartige Gewächse zu ernähren, für ganz 
unzuverlässig angesehen werden müssen, und Gm e lins 
Nachrichten, dafs man in Brunnen in Jakutsk noch in 
100 Fufs Tiefe den Boden gefroren fand, sollte nicht 
mehr in physischen Lehrbüchern, wie es doch so oft ge- 
schehen ist, wiederholt werden. Was Cosacken ausge- 
sagt haben, die, als Gmelin diese Nachricht aus Acten 
in Jakutsk zog, lange schon todt waren, und denen es 
sehr leicht zu beschwerlich seyn konnte, eine harte Brun- 
nenarbeit fortzusetzen, sollte nicht gebraucht werden, eine 
so auffallende und so wenig glaubliche physikalische That- 
sache zu bestätigen. In der Hudsonsbay, deren Mittel- 
Temperatur tief unter dem Gefrierpunkte steht, laufen 
Quellen, den ganzen Winter hindurch, unter einer Decke 
von Schnee und Eis. (Capt. James. 1631.) 

Da, wo die Winterkälte nicht so grofs ist, dafs die 
Temperatur während einiger Zeit unter dem Gefrierpunkte 
bleibt und den Kreislauf der Wässer verhindert, ist die 



406 

Temperatur der beständigen Quellen auch fast gänzlich 
mit der Temperatur der Atmosphäre übereinstimmend. 
Eine starke Quelle bei Edinburgh, in welcher sich das 
Thermometer fortwährend auf derselben Höhe erhält, zeigt 
6,96 Grad R. , die Mittel -Temperatur dieser Stadt aber 
ist, nach Playfair's sechs Jahre fortgesetzten Beobach- 
tungen, 7,04 Grad R., welches gar kein Unterschied ist 
( Ihom. Annal. Feb. 1818). So findet man es im gan- 
zen atlantischen Theil von Europa. Damit ist dann auch 
die Temperatur tiefer Brunnen übereinstimmend, solcher 
nämlich, welche wirklich gebraucht werden, imd in wel- 
chen dadurch ein Kreislauf der Wässer erhalten wird; 
nicht aber solcher, welche in Ruhe stehen, in denen da- 
her die kalte Luft der Atmosphäre sich herabsenkt und 
die Wände in der Tiefe mehr erkältet, als das Gesetz 
der Mittheilung erlaubt haben würde. Im mittleren Eu- 
ropa darf man also wohl die Angabe beständiger Quel- 
len für einen leicht zu findenden Ausdruck der mittleren 
atmosphärischen Temperatur halten. 

Durch Humboldt erfahren wir aber, und durch 
ihn zuerst, dafs diefs keinesweges der Fall in wärmeren 
Ländern sey; dafs die Angabe der Quellen, daher auch 
die Wärme des Bodens fast überall einige Grade tiefer 
sey, als die Temperatur der Atmosphäre darüber. Er 
hat diese Thatsache in der hiesigen Academie in einer 
Abhandlung vorgetragen, von der nur ein Auszug in Gil- 
berts Annalen gedruckt ist (B. 24. p. 46.). In den Ge- 
birgen von Cuniana und Caracas, sagt er, habe er viele 
Quellen stets kälter gefunden, als man nach ihrer Höhe 
hätte vemiuthen sollen; so z. B. eine Quelle in 680 Toi- 
sen Höhe von 13,2 R., eme andere in 505 Toisen Höhe 
von 13,5 R., eme dritte in 392 Toisen Höhe von 16,8 R. 
Alle waren also wenigstens drei Grade kälter, als sie es 
nach der mittleren Temperatur der Gegend seyn sollten, 
wo sie ausbrachen. Eine Quelle bei Cumanacoa von 
18 Grad Temperatur und in 179 Toisen Höhe hätte 



407 

20 Grad angeben müssen, wäre sie mit der Luft -Tem- 
peratur übereinstimmend gewesen. Auch geben Bestim- 
mungen von John Hunt er von Quellen in Jamaica ein 
ähnliches Resultat (Phil. Tr ansäet. 1788. p, 59. saa.). 
Coldspring ist 3892 P. Fufs hoch und 13,22 Grad R. 
warm; man hätte 16 Grad R. erwarten sollen. Ganz in 
der Tiefe am Meere scheint doch dieser Unterschied weni- 
ger bedeutend. Humboldt findet aus vielen Zusammen- 
stellungen und Beobachtungen, dafs die mittlere Wärme 
der Aequatorialgegenden 21,5 R. sey, und sagt dann fer- 
ner, dai's er die Wärme des Bodens bei Cumana zwi- 
schen 20 und 21 Grad wechselnd gefunden habe. Cu- 
mana selbst giebt er zu 22,4 R. an. Hunt er sah die 
Temperatur in 100 Fufs tiefen Brunnen, bei Kingston, 
nur um ^ Grad höher oder niedriger als 21,33 Grad R., 
und eine starke Quelle in der Nähe bei Rock fort zeigte 
20,9 Grad R. Ferrer fand die Wärme im Wasser eines 
100 Fufs tiefen Brunnens bei der Havana 18,81 R., die 
mittlere Luft -Temperatur 20,56 R. Diefs Alles würde 
den Unterschied zwischen der Wärme der Luft und des 
Bodens der Tropenländer am Meere auf höchstens 1 Gr. R. 
feststellen. 

So ungefähr fand es auch Prof. Smith auf den Cap 
verdischen Inseln. Ein Brunnen, 18 Fufs tief, nahe bei 
St. Yago, aus dem alle Einwohner ihr Trinkwasser hol- 
ten, zeigte 19,55 R., eine schöne Quelle aber 1000 Fufs 
höher, sogar 20 R. Schwerlich kann die Luft -Tempe- 
ratur der Insel sich noch höher erheben, 

Aber im Innern von Congo fand Smith wieder ein 
Resultat, dem Humboldt'schen ähnlich. Auf der Höhe 
von 1360 P. Fufs zeigten starke Quellen nicht mehr als 
18,22 R. Wärme; die mittlere Luft -Temperatur würde 
20,5 R. verlangt haben. 

In Nepaul bei Khatmandu, 28 Grad N. Br. 4140 P. 
Fufs über dem Meere, fand Buch an an die Temperatur 
der Quellen 14,23 Grad R., die Temperatur der Luft 



408 

14,13 Grad. R. Tropische Regen fallen im Sommer, und 
auch im Winter regnet es viel. Daher ist diese Ueber- 
einstimmung der Temperatur der Luft und des Bodens 
begreiflich. Am Fufs des Gebirges bei Bichakor zeigte 
eine Quelle 18,64 Gr. R. Temperatur; das Mittel der atmo- 
sphärischen Wärme würde hier wohl nahe an 20 Gr. R. 
erreicht haben. (Hamilton Account qf Nepaul. Vol. IL). 

Diefs sind alle Beobachtungen, welche bis jetzt über 
Temperatur des Bodens tropischer Länder bekannt ge- 
worden sind. Weder von Sierra Leona, noch aus Ost- 
Indien, aufser denen in Nepaul, odei von den Molucken 
sind ähnliche Beobachtungen jemals erschienen. 

Ueber die Ursachen dieser Erkältung ist bisher nichts 
gesagt worden; es sej denn eine Aeufserung von Hum- 
boldt, dafs es ein Rest der kälteren Temperatur höhe- 
rer Berge seyn könne, welcher durch die Quellen her- 
abgebracht würde; ein Grund, der nicht gänzlich befrie- 
digt , da solche Berge gewöhnlich zu entfernt sind , als 
dafs man von ihnen noch untere Quellen herleiten könnte. 

Die Erscheinung fängt schon an im südlichen Europa 
beobachtet zu werden, und wahrscheinlich würde man in 
Portugal, in Spanien und in Italien viele Quellen finden, 
welche in ihrer beständigen Wärme von der Luft -Tem- 
peratur noch weit mehr abweichen würden, als die Quel- 
len tropischer Länder. Eine herrliche Quelle bei St. Cesa- 
reo, unfern Palestrina bei Rom, fand ich am 29. August 
von 9 4 Grad R. Temperatur, bei 22 Grad Wärme der 
Luft, da doch die mittlere Temperatur 12,6 Grad R. ver- 
langt haben würde. 

So viel ich auf den canarischen Inseln Quellen habe 
erreichen können, welche zu solchen Beobachtungen sich 
eigneten, habe ich mich bemüht, ihre Temperatur mit 
einiger Genauigkeit zu erforschen, und ungeachtet diese 
Beobachtungen nicht in solcher Menge vorliegen, dafs 
man Gesetze daraus ableiten könnte, so glaube ich, sind 
sie doch nicht ganz ohne Belehrung. Herr Erman hat 



409 

die Güte gehabt, das vorzüglich von mir gebrauchte Ther- 
mometer mit denen zu vergleichen, welche ihm zu seinen 
Beobachtungen in den hiesigen Gegenden gedient haben, 
und welche wiederum mit dem Thermometer correspon- 
diren, mit welchem Wahlenberg bis 71 Grad herauf 
Beobachtungen angestellt und die Temperatur des hiesi- 
gen so beständigen Louisenbrunnens bestimmt hat. Das 
von mir gebrauchte Thermometer von W. Jones in Lon- 
don stand nach diesen Vergleichungen -| Fahrenheitische 
Grade höher, als Wahlenberg's Beobachtungen es 
verlangten; ich habe hiernach den Canarischen Bestim- 
mungen diese ■§- Grade abgenommen, und dadurch kann 
man sie mit allen Erman'schen und Wahlenberg- 
schen Angaben als völlig vergleichbar ansehen. 



Quellen am Meeresufer oder wenig davon entfernt. 

Teneriffa. 

6. Mai 1815. Quelle von ungemeiner Stärke 
und Schönheit unter einem Lavenstrom her- 
vor, am Cap Martianez, unter la Paz, 

unweit Puerto Orotava 14,2° R. 

So ist sie fortwährend geblieben, ohne je 
ihre Temperatur merkbar zu ändern. 
Die mittlere Temperatur der Luft ist, nach 
Don Francisco Escolar zu St. Cruz 
17,3° R. 
8. Mai. Quelle von El Rey, zwischen Ria 
lejo und Puerto, welche nach Puerto Oro- 
tava geführt ist 14,3° R. 

7. Juni und 6. September 14,8° R. 

1. Juni. Treffliche Quellen, ganze Bäche, wie 

Wasserfälle aus den Felsen unter der Mühle 

von Gordaxuelo bei Ria lejo 13,3° R. 

am 6. September aber 14,1° R. 



410 

P a I m a* 

9. September. Wasser in einem Brunnen, 
20 Fufs tief, am Strande bei der Stadt St. 
Cruz, und nicht weit von einigen schönen 
und grofsen Cocospalmen . 15,77° fv 

Lancerote. 

18. October. Aus Rapüli, in einem Thale 
zwischen Ausbruchskegeln, welche den Ort 
bedecken, wo sonst das Dorf Tigayfe lag, 
kommt stets Wasser aus dem Grunde eines 
5 Fufs tiefen Brunnens, trocknet nie aus, 
und wird von den Umherwohnenden in 
Menge geholt. Es ist eiu sehr gutes Was- 
ser. Temperatur 14,11° R. 

Das gäbe im Mittel eine Wärme des Bodens von 
14,4 Grad R. , daher fast volle 3 Grad weniger, als die 
Mittel -Temperatur der Luft. 

Mehrere dieser Quellen kommen aus kleinen Ab- 
stürzen, welche sanfte und sehr bebaute Abhänge been- 
den, wie die schöne Quelle von la Paz; man mufs also 
wohl glauben, dafs sie die Wärme des Innern dieses 
Abhanges anzeigen. 

So höchst sonderbar und auffallend auch diese Er- 
kältung seyn mag, wenn man sie im heifsen Sommer un- 
tersucht, so wird man sich doch sehr bald überzeugen, 
dafs sie aus keiner anderen Ursache entstellt, als aus der, 
welche im Norden den Boden erwärmt. Vom südlichen 
Europa an bis zu den Wendekreisen giebt es nur eine 
Regenzeit, vom November bis zum April. Vom Mai 
an regnet es nicht mehr. Die Sommerwärme wird also 
eben so wenig von den Wässern in das Innere verbrei- 
tet werden kömien, als die Winterkälte in gefrornen Län- 
dern. Es kann nur die Temperatur eindringen, welche 
der Regen während seines Falles vorfindet, und mit dieser 



411 

werden die Quellen wieder hervorbrechen. Die Wärme 
der Quellen bei Orotava ist daher wahrscheinlich die mitt- 
lere der Monate Februar und März. 

Bei St. Cruz winde diese Temperatur wohl etwas 
höher steigen, aber es finden sich dort keine Quellen in 
geringer Höhe über dem Meere, von welchen wir dar- 
über belehrt werden könnten. Bas Wasser in einem 
Brunnen, 20 Fufs tief, im Baranco de los Santos, un- 
weit St. Cruz, zeigte 16,4 Grad R., Luft 20,6 Grad R. 
Es war der Ueberrest des Wassers, welches im Winter 
im Baranco geflossen war. 

Quellen auf Höhen bis 3000 Fuß. 
Teneriffa. 

Juni und August. Fuente del Drago unter 
Laguna, eine mächtige Quelle unter dich- 
tem Gebüsch aus Basalschichten hervor, 

1200 Fufs über dem Meere 14,2° R. 

14. Mai. Fuente de los Negros, nicht sehr 
starke Quelle, ostwärts über Laguna, unter 
einem groisen Rubusbusch aus Basaltritzen 14,3° R. 
Die Stadt Laguna liegt 1610 Fufs hoch auf einer 
Ebene ; Fuente del Drago liegt unmittelbar darunter, und 
wird noch von den Einwohnern zu häuslichem Gebrauche 
benutzt. Ihre unveränderliche Temperatur kann daher 
wohl als bezeichnend für die innere Wärme des Bodens 
von Laguna angesehen werden, und somit würde diese 
innere Wärme vom Meere bis zur Höhe dieser Fläche 
sich noch gar nicht verändert haben. Die mittlere Tem- 
peratur der Luft in Laguna steht doch mehr als 2 Gr. R. 
unter der von St. Cruz. 

Gar schnell vermindert sich aber nun die Wärme 
der Quellen, fast ohne zwischenliegende Grade, und was 
ganz merkwürdig ist, ziemlich gleichförmig im ganzen Um- 
kreis der Insel. Ich werde die Quellen anführen, wie sie 



412 

von Laguna aus gegen Orotava hin in einer Art von 

Nivellements -Linie die Insel umgeben. 

21. August. Agua de las mercedes, 2200 Fufs 
hoch, im Walde del Obispo über Laguna, 
unter einem prachtvollen Gewölbe von rie- 
senmäfsigen Lorbeeren, und zwischen Bü- 
schen von Mocanera und Viburnum . . . 11,2° R. 

19. Mai. Quellen, unfern der Kirche des 
Eremiten bei Esperanza, unter Bäumen 
von Hex Perado und Laurus foetens, 
2100 Fufs hoch 12,2° R. 

August. Fuente Guillen, zwischen Esperanza 

und Matanza, 2556 Fufs hoch 12,1° R. 

16. Juni imd 29. August. Agua Garcia, im 
Walde über Tacaronte, auf dem Wege 
nach Matanza, unter hohen .EWcabäumen 
und von prächtigen Büschen von Farnkräu- 
tern umgeben, 2465 Fufs hoch 11,2° R. 

August. Fuente la Vica, über Matanza , 

2600 Fufs 11° R. 

September. Fuente de Vero und Fuente de 
los Villanos, zwei Quellen wie Bäche, un- 
mittelbar aus dem Felsen, in den Bergen 
zwischen Esperanza und Baranco Hondo; 
beide genau von gleicher Temp. 2800 Fufs 10,6° R. 

Mai. In einem Circus von Felsen über Ria 
Lejo d'ariba stürzt eine mächtige Quelle 
hervor, welche, wie die Anwohner sagen, 
bei Regenwetter warm ist, bei Sonnen- 
schein kalt, welches immer ein Beweis der 
Unveränderlichkeit ihrer Temperatur ist. 
Fuente de la Madre Juana, 2600 Fufs 
hoch 11,9° R- 

Mai. Juni. Quelle auf dem Berge von Ti- 
gayga, zwischen Ria lejo und Icod el alto, 
nicht völlig 2000 Fufs hoch 11,9° R. 



413 

Eine andere Quelle an der linken Seite 
des Baranco, der nach Rambla herabführt, 

und auf gleicher Höhe 11,7° R. 

Mai. Fuenie del Rey; grofse, starke und 
schöne Quelle über Icod los vinos, 1362 

Fufs hoch . . . . 11,7° R. 

Juni. Quelle in einem offenen Bassin im Val 

St Yago, 2800 Fufs hoch 9,5° R. 

Die Unterschiede zwischen diesen Beobachtungen 
sind nicht so grofs, dafs man nicht vermuthen sollte, die 
Uebereinstimmung würde noch weit gröfser seyn, wäre 
die Wärme dieser Quellen häufiger und zu gleichen Zei- 
ten bestimmt worden. Immer geht hieraus hervor, dafs 
die Wärme des Bodens in 2500 Fufs Hohe auf Tene- 
riffa gar wenig von 11 Grad R. abweichen wird. Daher 
wäre die Abnahme von Lagunds Fläche an auf 860 Fufs 
schon 3,2 Grad R. oder 279 Fufs (46 i Toise) für 
1 Grad Pv. , welches überaus viel ist. Vom Meeresufer 
an würde aber diese Abnahme 1 Grad R. für 735 Fufs 
betragen. 

Nach denen von Humboldt aufgestellten Grund- 
sätzen, nach welchen aus vielen Zusammenstellungen her- 
vorgeht, dafs in niederen Breiten die Temperatur der 
Atmosphäre für 726 Fufs gröfsere Erhebung 1 Grad R. 
abnimmt, würde diese Temperatur der Luft in 2500 Fufs 
Höhe 13,9 Grad R. betragen; fast so viel, als die Quel- 
len nahe am Meere zeigen, und wieder nahe an 3 Grad 
von der Temperatur verschieden, mit der sie wirklich in 
dieser Höhe hervorkommmen. 

Die sehr starke Quelle der Agua manza, 
welche als ein Bach nach Villa Orotava 
geleitet ist, und in 4100 Fufs Höhe her- 
vorkommt, hatte im September eine Wärme 

von 10,78° R. 

So sehr diefs auffallend und anomal scheint, so 
glaube ich doch, möge sich bis über 4000 Fufs die 



414 

Temperatur der Quellen nicht sehr verändern. Es ist 
die Region der Wälder, und zugleich auch der, den gan- 
zen Sommer durch, von 9 oder 10 Uhr an bis 4 oder 
5 Uhr Nachmittags hervortretenden Wolken.' Der Nebel 
hängt sich an die Blätter der Bäume und erhält den Bo- 
den stets feucht. Die Quellen, welche hieraus reichliche 
Nahrung ziehen, verbreiten schnell die obere Temperatur 
auf tiefer liegende Orte. 

Es würde wünschenswerth seyn, zu wissen, ob nun 
über der Region der Wälder die Abnahme wieder schnel- 
ler fortschritte. Allein in solcher Höhe giebt es entwe- 
der keine Quellen mehr, oder sie sind so schwach, dafs 
sie von der Temperatur der umgebenden Luft gar bald 
verändert werden müssen. Die Fuente della montana 
blanca über Villa Orotava in' 6103 F. zeigte am 24. Au- 
gust 7,11 Grad R. Eine schwache Quelle aus Felsritzen 
in der Angostura, im Circus des Pic, auf dem Wege 
nach Chasna, 6400 Eufs hoch, im Mai 4,9 Grad R.; 
Luft 10,5 Grad. R. 

Diese Temperaturen scheinen daher nach den Mona- 
ten sehr veränderlich; könnten aber vielleicht trefflich 
dienen, den jährlichen Gang der Wärmezunahme in die- 
sen Höhen zu erforschen. 



Quellen auf Gran Canaria. 

12. Julj. Agua Madre de Moja. Herrliche 
starke Quellen im tiefen Schatten von Til- 
bäumen aus Basaltschichten hervor, 1387 F. 
hoch. 

1. Ein ganzer Bach 13,4° R. 

2. Andere Quelle, tief unter Steinen 

hervor 13,4° R. 

3. Nahe am Baranco, von unten aus 

dem Boden herauf 13,4° R. 

Sauerquelle unter Moja, die weder im Ge- 



415 

halt an Kohlensäure, noch an Masse sehr 

stark ist 17,2° R. 

Stärkere Sauerquellen , unter grofsen Fels- 
blöcken hervor, in der Tiefe des Baranco 

della Firgine, unter Firgas 17° R. 

Kleine Quellen über den Häusern von Rio 
Secco, nahe dem Baranco della Virgine, 

1400 Fufs hoch 13,3° R, 

Luft 20° R. 

Stärkere Quelle auf dem Wege zum Berge 

gegen Moja \ . 13,3° R. 

Starke, aber nur schwach gesäuerte Quelle, 
eingefafst, aus zwei Steinröhren hervor, im 
Baranco unter Teror 1461 Fufs hoch . . 17,6° R. 
Es scheint daher, dafs 13 1 Grad wohl als der Aus- 
druck der Temperatur des Rodens für die nördlichen Ab- 
hänge von Gran Canaria bis 2000 Fufs Höhe angese- 
hen werden können. Die Temperatur der Luft würde 
nahe an 16 Grad R. verlangt haben. 

Eine kleine laufende Quelle unter Tonte 
in Tiraxana, in der Caldera und in 2250 F. 
Höhe aus Granitmassen fand ich am 18. July 15,4° R. 
(Es ist ein sehr geschützter und sehr war- 
mer Ort.) 

Eine Quelle unterhalb der Kirche von 
Texeda, im engen Thale, von ziemlicher 

Stärke, und 2600 Fufs hoch 16,5° R. 

Sehr auffallend ist es, wie eine schwache Menge von 
Kohlensäure die Temperatur dieser Quellen so bedeu- 
tend zu ändern vermag ; ungeachtet die Quellen nur wenig 
von einander entfernt liegen, so ist doch zwischen ihrer 
Wärme ein Unterschied von nahe an 4 Grad R. So 
merkwürdig diese Erscheinung aber auch sejn mag, so 
ist sie dieser Insel nicht eigenthümlich, sondern ziemlich 
allgemein. Zum wenigsten habe ich bis jetzt noch kein 
Saueiw asser auffinden können, dessen Temperatur nicht 



416 

jederzeit die der laufenden und reinen Quellen übertrof- 
fen hätte. 

Man begreift diefs deicht, wenn man etwas unter- 
sucht, wie Sauerwässer auf der Erdfläche vorkommen. 
Sie sind nämlich jederzeit nur der Ausflufs der heifsen, 
mineralischen, viele Stoffe enthaltenden Quellen, welche 
in der Tiefe, in Spalten und in engen Thälern hervor- 
brechen. Die Kohlensäure, vom heifsen Wasser zurück- 
gestofsen, entweicht, dringt durch die Risse der Felsen 
in die Höhe, verbindet sich dort mit den kälteren Wäs- 
sern, und kommt mit ihnen zu Tage hervor. Daher wer- 
den denn diese Wässer von dem emporsteigenden Gas 
erwärmt und über ihre ursprüngliche Temperatur um etwas 
erhoben. Unter den vielen hundert der reichsten Sauer- 
quellen in der TVetterau und zwischen der Lahn und 
dem Main ist nicht eine, welche nicht mehrere Grade 
über dem gewöhnlichen Punkte kalter Wässer erwärmt 
wäre. Selters, 800 Fufs über dem Meere, steht auf 
13 Grad R. ; Groß- Karben zwischen Friedberg und 
Frankfurt, eine der stärksten und dabei wasserreich- 
sten aller bekannten Sauerquellen, auf 12 Grad R.; 
Schwalheim auf 10 Grad R., und nie eine tiefer. In 
der Spalte der Lahn, in der Verliefung gegen den Rhein, 
erscheinen die heifsen Wässer von Ems und von Wis- 
baden imd oben auf dem Gebirge zwischen ihnen beiden 
liegen in mehreren Reihen fort, bis zum Vogelsberg hin, 
die Sauerquellen, welche mit ihnen zu einer gemeinschaft- 
lichen Entstehungs- Ursache gehören. Unter diesen auch 
sogar noch die sogenannten Salzquellen der TVeiterau. 
Hätte man die Quellen der grofsen Saline von Nauheim 
nicht zum Salzsieden benutzt, man würde in ihr nie etwas 
anderes als eine Sauerquelle mit schwachem Salzgehalt 
gesehn haben. Sie liegt tief, kommt aus Grauwacke, und 
ist \om Flötzgebirge weit entfernt. Ihre Temperatur er- 
hielt sich bisher beständig zwischen 18 und 20 Gr. R.; 

sie 



417 

sie perlte und schäumte bei dem Hervorbrechen und war 
stets mit einer Schicht von kohlensaurem Gas bedeckt. 
Die glücklichen Versuche auf Steinsalz am Neckar, wel- 
che der grofsen Saline von Nauheim den Untergang 
drohten, verleiteten auch bei Nauheim zu bohren, als 
hätte man es hier mit einer wirklichen Salzquelle im 
Flözgebirge zu thun, und als wäre es denkbar, dafs ein 
solches Bohrloch auf eine Salzschicht führen könne. Vom 
September bis December 1822 hatte man ein Bohrloch 
60 Fufs tief gestofsen, und wirklich hatte sich die Sohle 
von 2^- auf 3 Proc. Gehalt vermehrt. Ihre Wärme war 
22 Gr. R. Im Februar 1823 ward die Arbeit bis 80 F. 
Tiefe fortgesetzt. Es erschien nun eine unglaubliche 
Menge Wasser, wenigstens 36000 Cubikfufs in 24 Stun- 
den; die Quelle stieg schäumend und brausend bis 10 F. 
unter der Schachtwand. Sie hatte jetzt 25 Grad R. Tem- 
peratur gewonnen, dampfte sehr stark, und war, durch 
die Menge der entbundenen und im Schacht mehr als 
1 Fufs hoch stehenden Kohlensäure sogar gefährlich ge- 
worden, aber der Salzgehalt hatte sich jetzt nicht ver- 
mehrt. Solche Zunahme von Wärme und von Kohlen- 
säure würde wahrscheinlich überall das Resultat seyn, 
wenn man den Sauerwässern der Tiefe durch tiefe Bohr- 
löcher neue und tiefere Auswege eröffnen wollte. 

Ein anderes, und sehr merkwürdiges Beispiel dieser 
Einrichtung der Natur liefert die Gegend von Carlsbad. 
Die heifsen Quellen dringen mit bedeutender Wärme 
(68 Grad R.) aus Granit in einem engen Thale, in einer 
Art von Spalte am Ausgang des Thaies gegen die Ebene. 
Dieser Granit bildet aber, wie so häufig in Gebirgen, so 
auch in diesem Theile von Böhmen, eine Art von Ellip- 
soid über dem Boden, oben von Gneus und Hornblend- 
schiefer bedeckt. Es ist auf diese Art ein von den übri- 
gen reihenförmigen Ketten ganz getrenntes Gebirge, und 
wird nördlich durch das Egerthal vom Erzgebirge, westlich 
Annal. d. Physik. B. 88. St. 3. J.1828. St. 3. D d 



418 

vom weiten Thale, in dem Königswarlha und Plan lie- 
gen, vom Böhmer Waldgebirge geschieden. Der Granit, 
der die Felsen von Carlsbad bildet, findet sich ununter- 
brochen am unteren Abhang dieser ellipsoidischen Masse 
hin, und zuweilen auch bis zu einer grofsen Höhe. Wäre 
dem Carlsbad entgegengesetzt auch ein so tiefer Abfall 
bei Königs wartha oder Plan, ein eben so tief geöffne- 
tes Thal, so würden wahrscheinlich auch dort eben so 
heifse Wässer hervorkommen. Marienbad aber, am west- 
lichen Abfall dieses Gebirges, liegt noch mehr als 1000 F. 
über Carlsbad; es erscheinen also nur die Sauerquellen 
über den heifsen, und diese in solcher Menge, dafs nicht 
allein bei dem Marienbade ganze Sanerbäche abfliefsen, 
sondern dafs auch die meisten Dörfer bis auf dem Gea 
birge in ihrer Nachbarschaft eine Sauerquelle besitzen 
Sehr viel Kohlensäure, noch bei weitem mehr als mit 
den Wässern vereinigt ist, entweicht unmittelbar in der 
Luft. Zwischen Marienbad und Einsiedel sind alle Mo- 
räste so mit Kohlensäure erfüllt, dafs sie durch grofse 
hölzerne Trichter aufgefangen, und als Niederschlagungs- 
mittel in mehreren Fabriken genutzt wird. 

Was ungestört, wohlthätig und geräuschlos mit hei- 
fsen Wässern und mit Sauerquellen aus der Erde her- 
vorsteigt, ist wahrscheinlich nichts anders, als was in 
Yulcanen Hindernisse zersprengt, zerschmilzt, und gewalt- 
sam und zerstörend weit umher über die Flächen ver- 
breitet Eine fortwährende Oxydation oxydirbarer Stoffe 
unter dem Granit. Was auf dem festen Lande mit Was-' 
sern fortgeführt wird, mufs unter dem Meere zurückblei- 
ben, bis der zu starke Druck der gefangenen Mächte sie 
zu zerstörenden und wieder neu bildenden Ausbrüchen 
zwingt. 



419 



VI. Einige Bemerkungen über den Bernstein; 
von J. J. Berzelius. 

(Aus den Vetensh. Acad. Handllng, für 1827.) 



JLis ist bekannt, dafs der Bernstein am gewöhnlichsten 
mit Braunkohlen vorkommt, nnd dafs man ihn in neuerer 
Zeit wie ein Harz in einem Baumstamme abgesondert, in 
der Braunkohlenmasse sitzend gefunden hat. Es bleibt 
also fast kein Zweifel mehr übrig, dafs diefs fossile Harz 
anfänglich ein Pflanzenharz gewesen sey. Die vielen 
darin eingeschlossenen Körper, wie z. B. Spinnen, Flü- 
geln von Insekten aller Arten (eine völlig aufgebrochene 
Blumenkrone, welche sich in der Sammlung der Gesell- 
schaft der Wissenschaften zu Upsala befindet), die zar- 
ten Eindrücke von Binden und Zweigen, welche sich 
nicht selten darauf finden, beweisen hinlänglich, dafs der 
Bernstein, wie das gemeine Harz, als ein natürlicher Bal- 
sam, aber weit dünnflüssiger wie jenes, ausgeflossen und 
erst späterhin wie das Harz hart geworden ist. Die 
ferneren Beweise, welche ich diesem Umstände hinzufü- 
gen werde, würden daher sicher überflüssig seyn, wenn 
sie nicht sonst an sich von Interesse wären. 

Ich zerstiefs ein ungefähr 15 Gramm, wiegendes Stück 
Bernstein, das gröfstentheils weifs und undurchsichtig, in- 
wendig aber schwach gelb und durchsichtig war. Ich wurde 
dabei durch einen starken imd angenehmen Geruch eines 
flüchtigen Oeles überrascht, welcher dem eines Gemenges 
von Pfeffer- und Bosmarinöle glich, und so lange anhielt, 
als das Pulvern dauerte, von dem Pulver aber bald ver- 
schwand. Das Pulver wurde mit Aether digerirt, der 
frei von Weinöl war. Der Aether färbte sich gelb. 
Nachdem er abfiltrirt worden, wurde neuer Aether auf- 
gegossen, und damit fortgefahren, so lange sich derselbe 
noch färbte. Es ist bekannt, dafs der Aether ein Harz 

Dd2 



420 

aus dem Bernstein zieht, welches darin zu ungefähr 8 Proc. 
vom Gewichte des Bernsteins enthalten ist, und dafs die 
ses Harz der Tinctura Succini ihre vermeintliche Wirk- 
samkeit giebt. 

Die ätherische Lösung wurde in einer Retorte mit 
Wasser gemischt und der Aether abdestillirt ; wobei die 
Masse eine halbe Stunde lang auf ungefähr -J-50 erhal- 
ten wurde, um die letzten Bückstände von Aether ab- 
zuscheiden. Auf der Flüssigkeit schwamm ein weiches, 
stark und angenehm riechendes Harz von der Consistenz 
des Terpentins. Ein Theil desselben wurde abgenom- 
men und in ein XJhrglas gelegt, wo es klar und fast farb- 
los, so wie in Masse gelb wurde. Es klebte an den Fin- 
gern und liefs auf ihnen den Geruch zurück, welcher erst 
nach 24 Stunden verschwand. Allmälig wurde es weni- 
ger klebrig, und nach acht Tagen hatte es die Eigen- 
schaft, an den Fingern zu haften, verloren, war aber 
selbst nach drei Wochen noch weich und riechend. 

Ein anderer Theil von diesem Balsam wurde in der 
Betorte mit noch mehr Wasser gemischt und destillirt. 
Dabei ging ein mit dem Geruch des Harzes geschwän- 
gertes Wasser über, worauf sich einige kleine Oeltropfen 
sammelten. Nachdem das Sieden einige Zeit hindurch 
ununterbrochen fortgesetzt worden, wurde das Feuer fort- 
genommen. Das Harz war in der Siedhitze des Wassers 
noch weich und halbflüssig, trübe und blafsgelb; aber es 
erhärtete beim Erkalten, und war dann leicht zu Pulver 
zu reiben. Es behielt dabei einen guten Theil seines 
Geruchs. 

Das in der Retorte zurückgebliebene Wasser war 
halbklar, schmeckte zuerst kühlend, wie Pfeffermünzwas- 
ser, und alsdann säuerlich, und roch nach dem flüchti- 
gen Oele des Harzes. Man filtrirte es ab, wobei es fast 
klar wurde, und überliefs es dem freiwilligen Verdun- 
sten, worauf Bernsteinsäure zurückblieb, in schwachgel- 
ben, unregelmäfsigen Krystallen, und mit dem eignen 



421 

charakteristischen Geschmack begabt, welchen man zu- 
weilen einem durch die trockne Destillation gebildeten 
imd mit der Säure innig vereinigten Körper hat zuschrei- 
ben wollen. — Diefs ist also ein durchaus entscheiden- 
der Beweis, dafs die Bernsteinsäure eben so im Bern- 
stein, wie die Benzoesäure im Benzoeharze, enthalten ist, 
und dafs keine Art von zersetzender Einwirkung des 
Feuers oder der kaustischen Alkalien *)■ erforderlich ist, 
um sie hervorzubringen. 

Das überdesüllirte Wasser war klar, farblos, und 
von einem starken, gewürzhaften Geruch, der dem des 
zerstofsenen Bernsteins ähnlich, aber nicht ganz so an- 
genehm war. Sein Geruch war in den ersten Augen- 
blicken kühlend, wie der vom Pfeffermünzwasser, liefs 
aber auf der Zunge ein lange anhaltendes gelindes Bren- 
nen zurück. Eniige kleine Oeltropfen, welche darauf 
schwammen, wurden auf einem Glase bald fest, und 
machten es fettig, so dafs es "Wasser von sich stiefs. 
Ich habe aus dem Wasser, weder durch Zusatz von 
Kochsalz noch durch Abkühlung, etwas mehr von dem 
darin aufgelösten Oele abscheiden gekonnt. 

Digerirt man feingeriebenes Bernsteinpulver lange 
Zeit mit wasserfreiem .Alkohol, so bekommt man eine 
gelbe Auflösung, welche dieselben Harze enthält. Ver- 
dunstet man diese Lösung in einer Pvetorte, bis der Spi- 
ritus gröfstentheils übergegangen ist, mischt dann Wasser 
hinzu imd destillirt wiederum, so erhält man wohl eine 
Portion hellselben Harzes auf der Flüssigkeit gesammelt, 
aber das meiste bleibt darin verlheilt und bildet eine 
Milch, welche weder durch Sieden noch durch Pvuhe 
klar wird. Nach dem Eintrocknen bleibt eine halb pul- 
verförmige Masse zurück, aus welcher Wasser, mit Zu- 
rücklassung des Harzes, Bernsteinsäure auszieht. — Die 

*) Unverdorben hat zuerst gezeigt, dafs gepulverter Bernstein, 
mit einer Lösung von kaustischem Kali in Alkohol behandelt, 
bernsteinsaures Kali giebt. 



422 

Lösung in Wasser hinterläfst, nach dem Verdunsten, einen 
blafsgelben, sauren, extractähnlichen , nicht kiystallisiren- 
den Stoff zurück. In Wasser gelöst und mit ein wenig 
Ammoniak versetzt, wird er gefällt und aus der filtrirten 
Lösung erhält man, durch Verdunsten, saures bernstein- 
saures Ammoniak in Krystallen. Was es für ein Stoff 
sey, der durch das Alkali aus der Säure gefällt wird, 
habe ich nicht näher untersucht. 

Nachdem das flüchtige Oel von diesem Balsam ab- 
destillirt worden, bleibt ein gelbes, undurchsichtiges, bröck- 
liches und inwendig Blasen enthaltendes Harz, welches 
beim Siedepunkt des Wassers weich und halbflüssig wird, 
bei gewöhnlicher Temperatur der Luft aber so bröcklig 
ist, dafs es zwischen den Fingern zu Pulver gerieben 
werden kann. Für sich erhitzt, schmilzt es ziemlich leicht, 
ohne durchsichtig zu werden, wozu eine höhere Tempe- 
ratur erfordert wird. Es hat dann fast das Ansehen eines 
klaren Bernsteins. Vom kaustischen und kohlensauren 
Alkali wird es zu einer klaren gelben Flüssigkeit aufge- 
löst, welche indefs nicht eher klar wird, als bis ein Ueber- 
schufs von Harz hinzukommt, weil die Verbindung des 
Harzes mit dem Alkali fast unlöslich ist in Wasser, wel- 
ches freies Alkali aufgelöst enthält. Verdunstet man diese 
Lösung, so riecht sie beständig nach dem flüchtigen Oele, 
und endlich bleibt eine durchsichtige gelbe Masse von 
Harz -Alkali zurück. Uebergiefst man dieses mit Was- 
ser, so wird es undurchsichtig und läfst einen schleimi- 
gen Rückstand ungelöst, welcher eine geringere Quanti- 
tät vom Alkali enthält, und gröfstentheils ein anderes Harz 
als das, welches in der Lösung bleibt. Alkohol zerlegt 
das eingetrocknete Harzkali auf gleiche Weise wie das 
Wasser. 

Behandelt man das gelbe Harz mit Alkohol von 0,84 
spec. Gewicht in der Kälte, so wird es weich und klebrig; 
siedet man die Lösung, so löst es sich auf. Die Lösung ist 
gelb, und setzt während des Erkaltens ein weifses Pulver 



423 

ab, welches fast krystallinisch aussieht. Läfst man die 
Flüssigkeit verdunsten, so setzt sich noch mehr von die- 
sem weifsen Pulver ab, und endlich bleibt eine gelbe 
Auflösung zurück, welche, eingetrocknet, ein durchsich- 
tiges gelbes, etwas weiches, noch nach dem flüchtigen 
Oele des Bernsteins riechendes Harz hinterläfst. Dieses 
Harz ist leicht löslich in Alkohol, noch mehr in Aether, 
und giebt mit Alkalien hellgelbe Lösungen, die von einem 
Ueberschufs des Alkali's gefällt werden und zu einem glän- 
zenden, durchsichtigen, ohne Rückstand in Wasser lösli- 
chen Firnifs eintrocknen. Säuren fällen aus diesen Auf- 
lösungen ein weifses, gelatinöses Pulver, welches beim 
Trocknen zusammenbackt, einen glänzenden Bruch erhält 
und ein Harzhydrat ist. 

Das weilse Pulver, welches sich aus der alkoholi- 
schen Lösung absetzt, ist ein eigenthümliches Harz. Es 
löst sich wenig in kaltem Alkohol von 0,84, löst sich 
aber darin bei der Siedhitze ohne Farbe auf, und setzt 
sich beim Erkalten auf dem Glase ab, woran es zuwei- 
len sehr fest haftet. Vom wasserfreien Alkohol wird es 
ziemlich gut in der Kälte gelöst; die Lösung ist farblos, 
und wenn man sie dem freiwilligen Verdunsten aussetzt, 
bleibt endlich ein schnee weifses , zartes und leichtes Pul- 
ver zurück, welches keinen Geschmack und Geruch be- 
sitzt. Vom Aether wird es ungefähr eben so gelöst wie 
vom Alkohol. Erhitzt, kömmt es träge in Flufs und ver- 
langt eine hohe Temperatur, wobei es anfängt sich zu 
zersetzen, ehe es recht flüssig wird. Es verbindet sich 
mit Alkalien; die Lösung ist farblos und giebt, nach dem 
Eintrocknen, eine weifse, nicht durchsichtige Masse, wel- 
che bei Wiederauflösung in Wasser gröfstentheils unge- 
löst bleibt, in Gestalt einer weifsen, aufgeschwollenen 
Masse. Die Verbindungen derselben mit Alkalien, wer- 
den aus ihrer Lösung in Wasser durch freies Alkali ge- 
fällt. Durch Säuren gerinnen sie; der Niederschlag ist 
farblos und gesteht wie Thonerdehvdrat. Trocken, ist 



424 

er weifs und erdig. Die Gegenwart dieses Harzes bewirkt, 
dafs eine Auflösung des gemischten Harzes in Alkohol, 
auf eine Glasscheibe gebracht, einen der Kreide ähnlichen 
Ueberzug hinterläfst ; auch ist es hauptsächlich dieses Harz, 
welches, nach Vermischung der alkoholischen Lösung mit 
Wasser und nach Abziehung des Alkohols, im Wasser 
aufgeschlämmt bleibt. Es ist ferner die pulverförmige 
Einmengung dieses Harzes, welche dem Rückstände, nach 
Destillation mit Wasser, seine gelbe Farbe und seine Un- 
durchsichtigkeit ertheilt. 

Der Theil des Bernsteins, welcher vom Aether oder 
wasserfreien Alkohol nicht gelöst wird, ist auch in Alka- 
lien und in flüchtigen Oelen unlöslich. Man hat mit Un- 
recht angegeben, dafs der E ernstein sich sowohl in koh- 
lensauren als auch in kaustischen Alkalien auflösen müsse. 
Wenn er, fein gerieben, lange mit einem Alkali gekocht 
wird, so erhält man eine alkalische Flüssigkeit, welche 
wenig Harz, aber dagegen bedeutend viel Bernsteinsäure 
enthält. Filtrirt man sie vom Bernsteinpulver ab, und 
übergiefst dieses, nach einmaligem Waschen mit kaltem 
Wasser, mit siedendem Wasser, so löst sich Harz-Alkali 
darin, und man bekommt die beiden, zuvor erwähnten, 
Harze in der Lösung; sie können mit Säuren ausgefällt 
werden. Auch die dabei erhaltene saure Flüssigkeit ent- 
hält Bernsteinsäure. Das, was das Alkali ungelöst läfst, 
ist durchaus derselbe Stoff, welcher bei Behandlung mit 
Alkol oder Aether zurückbleibt. 

Dieser Stoff, welcher ein Product der Veränderung 
des natürlichen Balsams zu seyn scheint, beträgt mehr 
als -j- 9 ^ vom Gewichte des Bernsteins, und bildet ein Pul- 
ver, welches Wasser ausgiebt. In einem offenen Gefäfse 
gelinde erhitzt, raucht es und riecht fast wie stark er- 
hitztes Fett, wird braun und schwillt auf, aber scheint 
nicht schmelzen zu wollen, ohne sich zu verkohlen. Auf 
diese Weise geröstet, bis es endlich schwarzbraun gewor- 



425 

den ist, löst es sich, mit Alkohol oder Aether behandelt, 
fast gänzlich darin auf. 

Wenn dieses Pulver in einem Destillationsgefäfse 
einer gelinden Hitze ausgesetzt wird, so giebt es zuerst 
etwas farbloses Wasser, welches eine Spur von Bern- 
steinsäure enthält, und dann kommt ein farbloses, brenz- 
liches Oel, welches völlig wie Oleum cerae riecht und 
bis än's Ende der Operation erscheint, wo es hellgelb 
wird, und den Geruch von Bernsteinöl annimmt. Bei 
einer gewissen Temperatur schmilzt das Pulver, kocht 
und giebt fortwährend dasselbe Oel. Die Masse bleibt 
bis aus Ende der Operation geschmolzen, wo es eine 
dünne Kruste von Kohle hinterläfst, und ein wenig 
eines durchsichtigen gelben Peches giebt, welches im 
Halse sitzen bleibt. Der gröfste Theil der Masse hat 
sich in das Oel verwandelt, welches in Berührung 
mit der Luft gelb wird und sich endlich völlig dunkel 



färbt, ganz wie die brenzljchen Oele der Fette. 
Wasser umdestillirt, geht langsam ein farbloses Oel über 
imd es bleibt ein geruchloses, gelbbraunes Pech zurück, 
welches auch nach dem Erkalten weich bleibt. 

Wenn der unlösliche Theil des Bernsteins in einem, 
gegen den Zutritt der Luft verschlossenen Gefäfse ge- 
schmolzen wird, und man die Masse, sobald sie völlig 
fliefst, vom Feuer nimmt, so erhält man nach dem Er- 
kalten einen durchscheinenden , dunkelbraunen, harzähn- 
lichen Stoff, welcher sich leicht zu Pulver reiben läfst 
und dabei ganz auffallend elektrisch wird. Die Farbe 
dieses Pulvers ist gelb. Der Alkohol zieht daraus beim 
Kochen eine geringe Portion eines hellgelben, gröfsten- 
theils in Alkalien unlöslichen Harzes. Aether löst das 
vom Alkohol Ungelöste gröfstentheils auf, mit bräunlicher 
Farbe, läfst aber einen andern Theil, zähe und klebrig, 
ungelöst. Dieser letztere löst sich mit brauner Farbe in 
Terpentinöl und recüficirtem Petroleum auf, mit Hinter- 



426 

lassung einiger aufgeschwollenen hellen Schuppen. Ter- 
pentinöl löst das geschmolzene Harz leicht auf, bis auf 
Zurücklassung dieser Schuppen. Kaustische Alkalien zie- 
hen beim Sieden etwas von dem in Alkohol löslichen 
Harze aus. Der Rückstand, oder der in Aether und 
Terpentinöl lösliche Theil verbindet sich nicht mit Alka- 
lien. Das, was bei Auflösung in Terpentinöl zurück- 
bleibt, besteht aus aufgeschwollnen , durchsichtigen, gel- 
ben, elastischen Schuppen, welche, nach Verdunstung des 
Oels, hart und etwas dunkel werden, wo sie dann dem 
unveränderten, unlöslichen Bestandtheil des Bernsteins 
ahnlich sind. Ihre Menge ist beträchtlicher, wenn die 
Masse kürzere Zeit geschmolzen wird. Es ist übrigens 
klar, dafs die Beschaffenheit dieses durch das Schmelzen 
gebildeten Harzes ungleich ausfällt, je nachdem das Schmel- 
zen längere oder kürzere Zeit gedauert hat; weil dabei 
beständig brenzliches Oel entwickelt wird, von dem eine 
grofse Masse fortgeht, schon ehe die Masse zu schmelzen 
anfängt. Dafs durch dieses Schmelzen bereitete Harz macht 
den Hauptbestandteil des Colophoniurn Succini aus. 

Der in Alkohol und Aether unlösliche Stoff des Bern- 
steins hat in mehrerer Hinsicht besonders Aehnlichkeit mit 
dem in Alkohol und Aether unlöslichen Stoff, welcher 
in geringer Menge im Gummilack enthalten ist (John's 
Lackstoff), und welcher darin in noch gröfserer Menge 
gebildet wird, wenn man eine Lösung des Gummilack - 
Kali's mit Chlor bleicht und fällt. Des Vergleiches hal- 
ber, nahm ich eine Portion von diesem Stoff und erhitzte 
sie in einem Deslillationsgeschirr. Ich fand dabei, dafs 
er, unter reichlicher Bildung eines dem Oleum cerae 
ähnlich riechenden Oeles, zu einem analogen, durchsich- 
tigen braunen Harze schmolz. Aus diesem Harze zog 
Alkohol eine geringe Portion eines, nach Verdampfen 
des Alkohols, gelblichen durchsichtigen Harzes, das nach 
gebranntem Gummilack roch. Aus dem in Alkohol Un- 
löslichen zog Aether mit gelber Farbe das meiste aus, 



427 

und das Zurückgebliebene gab mit Terpentinöl eine dun- 
kelgelbe Auflösung, wobei ein in diesem Lösungsmittel 
unlöslicher, aufgeschw ollner, elastischer Rückstand übrig 
blieb, welcher ein wenig veränderter Lackstoff zu seyn 
schien, ganz so wie es bei dem geschmolzenen Bernstein- 
harze der Fall ist. 

Da dieser eben erwähnte Stoff des Gummilacks die 
Eigenschaft besitzt, dafs er, durch Auflösung in Alkali 
und Fällung mit Säuren, wieder zu einem in Alkohol 
löslichen, dem Gummilack ähnlichen Harze übergeht, und 
da der unlösliche Theil des Bernsteins von kaustischer 
Lauge nicht angegriffen wird, so kochte ich das mit Alko- 
hol und Aether ausgelaugte Bernsteinpulver zusammen mit 
einer Auflösung von kaustischem Natron ein, bei einer 
ziemlich hohen Temperatur, bis diese Masse geschmolzen 
war. Sie rauchte dabei etwas und entwickelte ein farb- 
loses, flüssiges Oel. Nach dem Erkalten wurde die Masse 
zu Pulver gerieben. Wasser zog daraus das Alkali aus, 
und gab eine farblose Flüssigkeit, aus welcher Salzsäure 
eine geringe Quantität eines weifsen Stoffes fällte, der 
bei gelinder Erwärmung wie ein Harz schmolz und stark 
wie Bernsteinöl roch. Nachdem die Lösung filtrirt und 
bei gelinder Wärme zur Trockne verdunstet worden, 
wurde das Salz mit wasserfreiem Alkohol behandelt, wo- 
bei es eine Spur von Bernsteinsäure gab, welche meiner 
Meinung nach von einem geringen Hinterhalte derjenigen 
Bestandteile herrührt, die vom Alkohol und Aether aus- 
gezogen werden, die aber zurückbleiben, wenn das Bern- 
steinpulver grobkörnig ist, so dafs es nicht von diesen 
Lösungsmitteln erweicht werden kann. 

Das auf dem Filtrmn zurückgebliebene Pulver, einige 
Mal mit kaltem Wasser gewaschen, löste sich vollkom- 
men in lauwarmen Wasser, mit Hinterlassung von ein 
wenig völlig unveränderten Pulvers der unlöslichen Be- 
standlheile des Bernsteins. Die Lösung war braun und 
hinterliefs nach dem Verdunsten zur Trockne eine Masse, 



428 

welche zersprungen war und vom Glase sich ablöste, ganz 
wie der Rückstand einer Lösung von Braconnot's Ul- 
min (oder von dem künstlichen Humusextract aus Säge- 
spähnen und Kalihydrat). Als es aber in Wasser ge- 
löst und mit einer Säure behandelt wurde, entstand ein 
weifsgrauer Niederschlag, welcher, gewaschen und ge- 
trocknet, zu einem durchsichtigen, dunkelgelben Harze 
schmolz. Alkohol löste einen Theil davon mit gelber 
Farbe auf; und was der Alkohol unaufgelöst liefs, löste 
sich gröfstentheils und mit brauner Farbe in Aether, und 
was dieser ungelöst liefs, wurde meist von Terpentinöl 
aufgenommen. — Auch das ganze Harz löst sich leicht 
und mit brauner Farbe in Terpentinöl auf. Die Behand- 
lung mit Natronhydrat hatte folglich den unlöslichen Be- 
standtheil des Bernsteins, gleich wie die Schmelzung des- 
selben für sich, in ein Harz verwandelt; aber dieses Harz, 
obgleich wie das zuletzt genannte aus drei besonderen 
Harzen gemengt, unterscheidet sich dennoch von dem 
durch blofses Schmelzen erhaltenen dadurch, dafs diese 
drei Harze sich sämmtlich mit dein Alkali verbinden, und 
wiewohl diese Verbindung, wie die des ursprünglichen 
Bernsteinharzes, unlöslich ist in einer Flüssigkeit, welche 
freies Alkali aufgelöst enthält. 

Aus diesen Versuchen folgt, dafs der Bernstein zum 
wenigstens fünf besondere Bestandteile enthält, nämlich: 
1) Ein wohlriechendes flüchtiges Oel in geringer Quan- 
tität; 2) Ein gelbes mit diesem Oel innig verbundenes 
Harz, das leichtlöslich ist in Alkohol, Aether und Alkali, 
leicht schmilzt und den gewöhnlichen nicht fossilen Har- 
zen gleicht; 3) Ein Harz, welches nebst dem vorherge- 
henden mit dem flüchtigen Oele verbunden ist, sich träge 
in kaltem Alkohol löst, leichter in siedendem, und aus 
ihm, beim Erkalten, in Form eines weifsen Pulvers nie- 
derfällt, nach freiwilliger Verdunstung aber, in Form 
eines lockeren, schneeweifsen Pulvers zurückbleibt. Die- 
ses Harz löst sich in Aether und in Alkalien. Diese 



429 

beiden Harze und das flüchtige Oel, so wie sie durch 
Aether aus dem Bernstein ausgezogen werden, bilden, 
nach Verdunstung des Aethers über Wasser, einen hellgel- 
ben, starkriechenden, klebrigen natürlichen Balsam, der erst 
nach längerer Zeit hart wird und dabei einen Theil sei- 
nes Geruches behält. Man hat allen Grund zur Verinu- 
thung, dafs dieser Körper das ist, was der Bernstein ur- 
sprünglich war, aber vielleicht jetzt ärmer an flüchtigem 
Oel wie ehemals, und dafs die unlöslichen Bestandteile 
des Bernsteins durch die Länge der Zeit sich aus diesem 
Balsam gebildet, aber allmälig einen Theil desselben so 
umschlossen haben, dafs dessen weitere Veränderung da- 
durch gehindert worden ist. Der vierte Bestandteil ist 
Bernsteinsäure, welcher von Aether und Alkohol, so wie 
von Alkalien, neben jenem Balsam, ausgezogen wird. 
Der fünfte Bestandtheil ist unlöslich in Alkohol, Aether 
und den Alkalien, und hat einige Aehnlichkeit mit dem 
Körper, welchen man im Gummilack findet (John's 
Lackstoff), und welcher sich in grofser Menge bildet, 
wenn die Auflösung dieses Harzes in Alkali mit Chlor 
gefällt und gebleicht wird. Beide geben beim Schmelzen 
in einem Destillationsgefäfs analoge Producte, und ob- 
gleich der Bestandtheil des Gummilacks leicht vom Alkali 
aufgenommen werden und wiederum Harz bilden, welches 
nur unvollkommen und bei einer höheren, die Zusammen- 
setzimg ändernden Temperatur mit dem Unlöslichen des 
Bernsteins geschieht; so wird doch wieder ein Harz ge- 
bildet, welches einige Eigenschaften des unlöslichen Bern- 
steinharzes besitzt. 



430 



VII. Untersuchung über die zusammengesetzten 
Aetherarten; von den HH. Dumas und 
Boullay d. J. 

(Annales de chimie et de physique , T. XXXVII. p. 15.^ 



JL'ie bis jetzt bekannten Aetherarten zerfallen in drei 
Gattungen. Die erste begreift den Schwefel-, Phosphor- 
und Arsenik -Aether, welche 1 , wie Hr. Boullay der Ael- 
tere gezeigt hat, unter sich identisch sind; die zweite 
schliefst die aus Doppelt -Kohlenwasserstoff und einer 
Wasserstoffsäure zusammengesetzten Producte ein; und 
die dritte umfafst die Aetherarten, welche, nach den sehr 
merkwürdigen Versuchen des Hrn. T h e n a r d und denen 
des Hrn. Boullay dem Aelteren, als Verbindungen von 
Alkohol mit einer Sauerstoffsäure betrachtet werden. 
Den Schwefeläther haben wir in einer früheren Abhand- 
lung untersucht (S. 97. dies. Bandes der Ann. P.); die 
Aether der zweiten Art scheinen uns wohl bekannt zu 
seyn; es bleibt uns daher nur übrig, die andern hinsicht- 
lich ihrer Zusammensetzung zu untersuchen. Diese Un- 
tersuchung und ihre Resultate sind es, welche wir gegen- 
wärtig der Academie überreichen. 

Als am geeignetsten zu der beabsichtigten Untersu- 
chung haben wir den Salpeter-, Essig-, Benzoe- und 
Oxal-Aelher ausgewählt. Einige dieser Körper sind zwar 
von vielen Chemikern untersucht worden, aber unter allen 
in dieser Beziehung unternommenen Arbeiten, haben die 
des Hin. Thenard die genausten Resultate geliefert. 
Wir haben so oft Gelegenheit gehabt uns von deren 
Genauigkeit zu überzeugen, dafs die Abweichung der 
Folgerungen dieses berühmten Chemikers von denen, wel- 
che wir durch unsere Versuche gezwungen angenommen 
haben, uns veranlafst, die Frage von allen Seiten her zu 



431 

betrachten, ehe wir ein, vielleicht sonderbar scheinendes 
Resultat annehmen. 

In der That ist es nach Hrn. The'narcf's Versuchen 
gewifs, dais der Salpeter-, Essig-, Benzoe- und Oxal- 
Aether, mit kaustischem Kali behandelt, sich mehr oder 
weniger schnell in Alkohol und in salpetrichtsaures (hypo- 
nitrüe) *), essigsaures, benzoesaures oder oxalsaures Kali 
verwandeln. Hr. Thenard schlofs daraus, was alle Che- 
miker nothwendig annehme,! mufsten, dai's diese Aether- 
arten aus den Säuren, die sich in den erhaltenen Kali- 
salzen befanden, und den in Freiheit gesetzten Alkohol 
gebildet waren. 

So betrachtet waren diese Aether demnach wirkliche 
Salze, in welchen der Alkohol die Stelle der Base ver- 
trat. Und da die Alkalien den Alkohol auszuscheiden 
vermochten, so war man durch nichts berechtigt, den ge- 
ringsten Zweifel an einer so streng aus den Thalsachen 
hergeleiteten Folgerung zu setzen. 

Indefs stimmt die Analyse der erwähnten Aetherar- 
ten nicht mit diesen Betrachtungsweisen überein. Der 
Oxal- Aether z. B. enthält fast eben so viel Kohlenstoff 
als der Alkohol, obgleich die Oxalsäure weit weniger von 
demselben enthält. Eben so liefert der Essigäther mehr 
Kohlenstoff als der Alkohol, und dennoch ist die Essigsäure 
ärmer an demselben als der Alkohol. Ueberrascht von 
diesem Widerspruch haben wir gesucht uns vor jeder 
Fehlerquelle zu hüten, die uns hätte irreleiten können. 

Wir haben den Alkohol abermals analysirt und sind 
zu Resultaten gelangt, welche, wie aus unserer früheren 
Abhandlung zu ersehen ist, denen gleich kommen, wel- 
che die Chemiker gegenwärtig annehmen. Wir haben 
auch die Analysen der organischen Säuren, die in die 
Zusammensetzung der hier betrachteten Aetherarten ein- 

*) Was die Verfasser Hypo-nitrite und Acide hypo-mtreux nen- 
nen, ist hier, mit Berzelius, salpetrichtsaures Salz, salpetrichte 
Säure genannt, da bekanntlich die acide nitreuar der Franzosen 
keine Salze zu bilden iru Stande ist Man sehe darüber Ber- 
zelius Lehrb. Th. g. p. 483. P. 



432 

gehen, wiederholt und gleichfalls Resultate erhalten, die 
mit denen des Herrn Berzelius identisch sind. Die 
Schwierigkeit, unsere Aether rein darzustellen, hätte uns 
ohne Zweifel zu Fehlern verleiten können; allein wir 
haben so viele Sorgfalt auf ihre Bereitung verwandt, dafs 
diese Furcht ungegründet scheint. Diese Ueberzeugung, 
hoffen wir, werden auch alle Chemiker mit uns theilen, 
die unsere Arbeit mit Aufmerksamkeit prüfen werden. 

Am Ende blieb kein anderes Mittel zur Erklärung 
übrig, als die eben nicht wahrscheinliche Annahme, dafs 
alle Versuche des Hrn. Thenard mit einem constanten 
Fehler behaftet seyen. Indefs, als wir diese Versuche 
wiederholten, fanden wir, wie zu erwarten stand, dafs 
sich die erwähnten Salze erzeugten und der Alkohol mit 
allen seinen Kennzeichen abgeschieden wurde. 

Man mufste sich also nothwendig zur Annahme einer 
Hypothese entschliefsen, welche allein mit jenen wider- 
sprechenden Erscheinungen vereinbar war. Wir gerie- 
then schon zu Anfange unserer Untersuchung auf diese 
Hypothese, und waren überrascht von ihrer Ueberein- 
stimmung mit unseren Resultaten; allein erst dann wag- 
ten wir uns auf sie zu verlassen, als wir sie durch alle 
Thatsachen, die wir sammeln konnten, unterstützt fanden. 
Sie besteht in der Annahme, dafs die zusammengesetzten 
Aethcrarten, welche wir untersucht haben, aus Schwefel- 
äther und einer Sauerstoffsäure gebildet sind. Dafs man 
also Alkohol mittelst Kali aus ihnen abscheiden kann, 
rührt daher, dafs der frei werdende Aether sich des nöthi- 
gen Wassers bemächtigt, um wieder in den Zustand von 
Alkohol zurückzukehren. 

Der Alkohol und Schwefeläther zeigen sich hier also 
unter einem neuen und besonderen Gesichtspunkt, wel- 
cher auf verschiedene noch dunkle Erscheinungen in der 
organischen Chemie ein grofses Licht zu werfen verspricht. 

Nachdem wir nun den allgemeinen Gesichtspunkt, 
welcher durch unsere Untersuchung gewonnen ist, gezeigt 

ha- 



433 

haben, wollen wir ihn im Einzelnen prüfen; denn wir 
fühlen wohl, dafs ein solcher Schlufs erst dann, wenn 
er auf sicheren Grundlagen ruht, angenommen werden 
kann. 

Wir werden demnach die vier Aetherarten, welche 
Gegenstand miserer Untersuchung sind, analysiren, und 
hinsichtlich deren Bereitung alles übergehen, was den 
Beobachtungen des Hrn. The'nard, die uns immer äufserst 
genau geschienen haben und sicher allen Chemikern be- 
kannt sind, nichts hinzufügen würde. 

Diese vier Aetherarten haben wir immer auf drei 
verschiedene Weisen untersucht. Zunächst haben wir 
ihre elementare Zusammensetzung ausgemittelt, dann die 
Dichte ihrer Dämpfe gemessen, und endlich auch, zu grö- 
fserer Gewifsheit, die aus ihnen abzuscheidende Menge 
von Säure und Alkohol direct bestimmt. Aus der Ge- 
sammtheit dieser Resultate hat sich unsere Ueberzeugung 
gebildet, und wie sonderbar unsere Hypothese auch schei- 
nen mag, so müssen wir sie doch für gegründet halten, 
da drei so verschiedene Wege uns zu demselben Resul- 
tate geführt haben. 

Bereitung und allgemeine Eigenschaften der von uns 
untersuchten Aetherarten. 

Salpeteräther. Wir haben der Vorschrift, welche 
Hr. T h e' n a r d zur Bereitung des Salpeteräthers giebt, nichts 
hinzuzufügen, es sey denn die Bemerkung, dafs die Ope- 
ration mn so leichter und die Ausbeute verhältnifsmäfsig 
um so gröfser ist, je geringer die Menge ist, mit welcher 
man arbeitet. Diefs ist leicht begreiflich, wenn man er- 
wägt, mit welcher Kraft diese Reaction vor sich geht. 
Arbeitet man z. B. mit 200 Grm. Salpetersäure und 
200 Grm. Alkohol von 40° (wahrscheinlich Beaume) 
in einer Retorte von 3 Pinten, so braucht man nicht die 
R.etorte zu erkalten, wenn man nur das Feuer auslöscht, 
sobald die Pveaction anfängt. Die Operation geht dann 

Annal.d.Physik.B.88.St.3.J.1828.St.3. Ee 



434 

ruhig fort, und der Aether verdichtet sich gänzlich in der 
ersten erkalteten Flasche, welche Salzwasser enthält. Man 
kann also die übrigen Flaschen fortlassen, wodurch der 
Apparat vereinfacht und der Druck verringert, also die 
Operation bequemer gemacht wird. 

Von der obigen Menge von Alkohol und Säure 
haben wir, nach den bekannten Methoden gereinigt, 45 
bis 50 Grm. Aether bekommen. In diesem Zustande ist 
er gelblichweifs und röthet nicht das Lackmus. Bei 
H-4° C. und einem Drucke von m ,760 haben wir seine 
Dichte gleich 0,886 gefunden. 

Essigäther. Um alle Ungewifsheit hinsichtlich der 
Reinheit dieses Körpers zu vermeiden, haben wir es vor- 
gezogen, ihn nach der alten Methode zu bereiten, welche 
darin besteht, dafs man ein Gemenge von gleichen Thei- 
len concentrirter Essigsäure und reinen Alkohols 12 bis 
15 Mal destillirt. Dadurch verschafft man sich zwar leicht 
einen alkoholischen Essigäther; aber allen Alkohol von 
ihm abzuscheiden, ist unglaublich schwierig. Begnügt man 
sich, das Product zwei bis drei Mal zu waschen, und 
dann mittelst einer Destillation über Chlorcalcium zu 
trocknen, so erhält man einen Aether, dessen Dichte, in 
Dampfform, gleich 2,5 oder nahe gleich 2,5 ist. Wäscht 
man ihn dann von neuem und trocknet ihn abermals, so 
ist seine Dichte gestiegen und gleich 2,6 oder 2,7. Aber- 
malige Auswaschungen bringen sie auf 2,8, auf 2,9, auf 
3,0, auf 3,3 und endlich auf 3,06, wo sie dann aufhört 
zu steigen. Nicht weniger als 12 bis 15 Waschungen 
sind erforderlich, um den Essigäther auf diesen Punkt 
zu bringen, und da das Wasser eine ziemlich beträcht- 
liche Menge desselben löst, so wird ein ganz ansehnli- 
ches Quantum, welches man zu Anfange erhalten hat, zu- 
letzt auf einige Grammen reducirt. Daher mufs man, um 
eine hinreichende Menge zu erhalten, zum wenigstens mit 
einem Kilogramm des Gemenges arbeiten. 

So bereitet und gereinigt, siedet der Essigäther bei 



435 

74 y C. unter einem Druck von m ,76; seine Dichte und 
die Spannung seiner Dämpfe haben wir wegen Mangel 
am Material noch nicht bestimmen können. 

Benzoeäther. Der Benzoeäther läfst sich leicht nach 
dem von Hin. The'naitl angegebenen Verfahren berei- 
ten. Es besteht bekanntlich darin, dafs man ein Ge- 
menge von Alkohol, Chlorwasserstoffsäure und Benzoe- 
säure eine Zeit lang kocht. Als die Hälfte der Flüssig- 
bei der Destillation übergegangen war, cohibirten wir 
keit dieselbe, und diese Operation wiederholten wir 2 
bis 3 Mal. Die gröfste Menge des Aethers findet sich in 
dem Rückstand. Man schied ihn mittelst Wasser ab, 
und einige Waschungen befreiten ihn von dem gröfsten 
Theil seiner überschüssigen Säure. Wir liefsen ihn nun 
über Massicot sieden, bis sein Siedepunkt fix geworden 
und der Ueberschufs seiner Säure gesättigt war, und de- 
stillirten ihn darauf mit Vorsicht, wodurch wir ihn völlig 
rein und durchaus farblos erhielten. 

Durch das angegebene Verfahren verwandelt man 
fast die ganze Menge der angewandten Säure in Aether. 
Kaum findet sich von ihr etwas in dem Recipienten, wenn 
man die letzte Destillation gut geleitet hat. 

So bereitet, siedet der Benzoeäther bei 209° C, und 
hat bei der Temperatur 10°,5 C. eine Dichte von 1,0539; 
die Spannung seiner Dämpfe ist sehr schwach. 

Oxaläther. Wir haben diesen Aether nach der Vor- 
schrift des Hrn. The'nard bereitet; allein die Mengen, 
welche man nach derselben erhält, sind so unbeträcht- 
lich, dafs, nach den zur Reinigung des x\ethers nöthigen 
Behandlungen, selten genug übrig bleibt, um seine Eigen- 
schaften erforschen zu können. Nach einigen Proben 
sind wir bei dem folgenden Verfahren stehen geblie- 
ben, welches uns diesen Aether in Menge geliefert hat. 
Man destillirt nämlich 1 Th. Alkohol, 1 Th. Kleesalz 
und 1 Th. Schwefelsäure zusammen. Dabei geht zuerst 
Alkohol über, dann Schwefeläther und endlich eine ölige 

Ee 2 



436 

Flüssigkeit, welche sich am Boden des Recipienten sam- 
melt. Man kann die Destillation so lange fortsetzen, bis 
die Retorte keine alkoholische Flüssigkeit mehr enthält. 
Die letzten Producte sind am reichsten an Oxaläther. Er 
ist es übrigens, welcher das erwähnte ölige Fluidum aus- 
macht. Man mufs ihn von den darüberstehenden Alko- 
hol trennen und ihn dann in einen mit Wasser gefüllten 
Glashafen schütten. Oft schwimmt er auf dem Wasser; 
allein in dem Maafse als der ihm beigemengte Schwefel- 
äther verdampft, fällt er in grofsen Tropfen zu Boden 
des Gefäfses. Giefst man den übergegangenen Alkohol 
zurück oder schüttet eine neue Portion iUkohol in die 
Retorte , so kann man noch eben so viel Oxaläther, wie 
beim ersten Mal, erhalten. Eine dritte Destillation giebt 
auch noch etwas, aber wenig. Nach Beendigung aller 
dieser Operationen behandelt man die alkoholischen Pro- 
ducte mit Wasser und giefst dem abgeschiedenen Oxal- 
äther zu dem früher erhaltenen. 

Der so bereitete Aelher ist sehr sauer und enthält 
überdiefs Wasser, Alkohol und Schwefeläther. Um 
ihn zu reinigen, behandelten wir ihn mit gepulverter Blei- 
glätte, und liefsen ihn mit derselben sieden, bis sein Sie- 
depunkt, der anfangs zwischen 90° oder 100 ' lag, auf 
183° oder 184° C. gestiegen war, wo er stehen blieb. 
Wenn man diese Operation in einem Ballon mit kurzem 
Halse vornimmt, werden Wasser, Schwefeläther und Alko- 
hol verflüchtigt, und die freie Säure bildet oxalsaures Blei- 
oxyd, von dem, so wie von der überschüssigen Bleiglätte, 
man den Aether leicht durch Abgiefsen trennen kann. 
Man giefst nun den Aether, der ohne Wirkung auf Lack- 
muspapier seyn mufs, in eine recht trockne Retorte und 
destillirt ihn über. 

So bereitet stellt er eine ölige Flüssigkeit dar, die 
bei 7°,5 C. eine Dichte von 1,0929 besitzt, und unter 
einem Druck von m ,76 zwischen 183° und 184° C. sie- 
det. Seine Dämpfe haben nur eine geringe Spannung. 



437 

Sein Geruch ist aromatisch, und hat nebenbei einige 
Aehnlichkeit mit dem von Knoblauch oder Phosphor. 

Den Gebrauch des Kali's haben wir bei seiner Rei- 
nigung vermieden, weil er von diesem leicht zersetzt wird. 
Eben so mufsten wir auch auf die Anwendung von Chlor^ 
calcium verzichten, da dasselbe zersetzt wird und sicht- 
lich Oxalsäuren Kalk bildet, ohne Zweifel, wie wenig- 
stens der Geruch andeutet, zugleich auch Salzäther. 

Auch die Waschungen mit Wasser haben wir un- 
terlassen, weil schon Wasser allein diesen Aether schnell 
zersetzt. Als wir einst 25 bis 30 Grm. von ihm acht 
Tage lang in einem Glashafen unter Wasser stehen lie- 
fsen, ist es uns begegnet, dafs nach x\blauf dieser Zeit 
aller Aether verschwunden war, und das Wasser nur 
eine gesättigte Lösung von Oxalsäure enthielt; die Wände 
des Gefäfses hatten sich dabei mit Krystallen bekleidet, 
die hinsichtlich ihrer Gröfse und der Reinheit ihrer For- 
men sehr merkwürdig waren. 

Man wird im Verlaufe dieser Abhandlung sehen, 
welche Function die Mineralsäuren bei der Bereitung des 
Renzoe- und Oxaläthers ausüben. Einige Chemiker haben 
geglaubt, der Zusatz der Schwefelsäure habe hier eine 
Erhöhung des Siedepunkts der Flüssigkeit zum Zweck, 
wodurch die Verbindung zwischen der Säure und dem 
Alkohol erleichtert werde. In dieser Hypothese würde 
die Verbindung eine etwas erhöhte Temperatur zu ihrer 
Bildung erfordern. Hr. The'nard dagegen hat angenom- 
men, dafs die Mineralsäuren den Alkohol concentrirten 
und ihn zur Bildung dieser Verbindungen geschickter 
machten. Diese Meinung nähert sich mehr der unsrigen; 
denn wir nehmen an , dafs der Alkohol durch die Schwe- 
felsäure in Schwefeläther, als die wirkliche Basis der zu- 
sammengesetzten Aetherarten, verwandelt werde. 



438 

Zerlegung der 11 ntersnchten Aetherarten in ihre 
Elemente. 

Diese Analysen wurden nach dem wohl bekannten 
Verfahren mittelst Kupferoxyd angestellt, wobei wir ge- 
wöhnlich den Apparat des Hrn. Gay-Lussac anwand- 
ten. Die Aether wurden in kleine Fläschchen gethan und 
in Dampfform über das bis zur anfangenden Rothgluth 
erhitzte Kupferoxyd getrieben. 

Salpeteräther (Ether hypo-nitreux). Nach den Er- 
scheinungen, welche die Bildung des Salpeteräthers be- 
gleiten, ist es wohl wahrscheinlich, dafs derselbe desoxy- 
dirte Salpetersäure enthält. Hr. Thomson hat indefs 
die Zusammensetzung desselben in der Annahme berech- 
net, dafs er aus Salpetersäure und Doppelt -Kohlenwas- 
serstoff gebildet sey. Diese Hypothese wird schon vor- 
weg durch die sehr genauen Versuche des Hrn. The- 
nard umgestofsen, da es diesem gelang den Aether in 
salpetrichtsaures Kali und Alkohol umzuwandeln. In 
defs könnte man sagen, die salpetrichte Säure und der 
Alkohol wären nicht gebildet in ihm vorhanden, sondern 
erst durch die Einwirkung der Alkalien erzeugt. Ver- 
suchen wir daher, diese Zweifel durch directe Versuche 
aufzuhellen. 

Wir liefsen Salpeteräther in Dampfgestalt über Ku- 
pferoxyd gehen, das bis zum anfangenden Glühen erhitzt 
war, und trieben ihn dann durch eine ebenfalls rothglü- 
liende Säule von Kupferspähnen. Bei jedem Versuche 
setzte man die ersten Glocken mit Gas bei Seite, und 
die übrigen prüfte man sorgfältig auf Stickstoffoxydgas und 
Kohlenwasserstoffgas. Die Resultate von vier Versuchen 
zeigten klar, dafs dieser Aether 4 Vol. Kohlensäure auf 
1 Vol. Stickgas liefert. Wir erhielten nämlich: 

Stickstoff 



1) 80,4 Kohlensäure . . 


. 19,6 


2) 80,3 - - . . 


. 19,7 


3) 79,5 - - . . 


. 20,5 


4) 79,7 - - . . 


. 20,3 


Mittel 79,97 - - . . 


. 20,03 



439 

Bei allen diesen Versuchen setzten wir das Stickgas 
mit Sauerstoffgas in Berührung; aber diefs wurde nicht 
geröthet, auch erlitt das Volumen beider Gase durch 
ihre Mengung keine Aenderung. Als man hierauf Was- 
serstoffgas zusetzte und das Gemenge verpuffte, über- 
zeugten wir uns, dafs keine Kohlensäure gebildet wurde. 
Die Absorption war nämlich in allen diesen Fällen genau 
so, wie wenn Sauerstoff und Wasserstoff allein zugegen 
gewesen wären. 

Die folgenden Resultate werden die Analyse dieses 
Aethers vollständig machen. Bei vier Versuchen, die auf 
die gewöhnliche Weise angestellt wurden, erhielten wir: 
Von ü 5 ,100 Salpeteräther . . 74,7 Kubikcentimet. Kohlen- 
säure und Stickgas bei 
0° C. und in ,76 

- 0,100 - - 75,5 - 

- 0,100 - - 75,8 - 

- 0,100 - - 75,2 - 

was nach dem obigen Verhältnisse 60 Kubikcentimeter 
Kohlensäure und 15 Kubikcentimeter Stickgas giebt. 

Anderseits haben wir das bei dieser Verbrennung 
gebildete Gas gesammelt. Diefs Wasser wurde entwe- 
der mit Chlorcalcium aufgefangen oder in Röhren con- 
densirt, die bis — 12° C. erkaltet waren, Bei gut ge- 
leiteten Versuchen war es niemals sauer noch alkalisch. 
5 ,100 Salpeteräther gaben 0^,062 Wasser 
0,100 - - - 0,063 

0,100 - - - 0,062 

0,100 - - - 0,061 

Aus diesem und den vorhergehenden Resultaten folgt, 
dafs der Salpeteräther gebildet ist aus: 
Kohlenstoff 32,69 
Stickstoff 19,00 

Wasserstoff 6,85 
Sauerstoff 41,46 

100,00 



440 

Welche Resultate in Volumina umgewandelt, geben: 

4 Vol. Kohlenstoffdampf, , .Kohlenstoff 32,02 

1 Vol. Stickgas .... r onacll J Stickstoff 18,83 

5 Vol. Wasserstoff . . f ™^. 1 Wasserstoff 6,65 

2 Vol. Sauerstoff . . . J erÜalt (Sauerstoff 42,50*). 

Unter einem andern Gesichtspunkt betrachtet, giebt 
diese Analyse offenbar für die Zusammensetzung des 
Schvvefeläthers: 

4 Vol. Kohlenstoffdampfj 

5 Vol. Wasserstoffgas > 1 Vol. Aetherdampf 
0,5 Vol. Sauerstoffgas J 

VVoÄup,} x ™ Sa 'P etrich,er #' 

Diefs unerwartete Resultat wird vollends durch die 

noch folgenden Resultate bestätigt. 

Essigäther. Als wir die von den verschiedenen 

Operationen herstammenden Aetherportionen, fanden wir 

für ihre Zusammensetzung: 

Kohlenstoff . . . 54,820 . . . 53,06 . . . 53,95 
Sauerstoff .... 36,425 . . . 38,25 . . . 37,33 
Wasserstoff. . . 8,755 . . . 8,69 ... 8,72 

*) Es ist bemerkenswert]!, dafs die Analyse, bei "welcher Hr. The- 
nard die Zersetzung in einem Porzellanrohr vornahm, fast ge- 
nau mit unseren Resultaten übereinstimmt. Dieser berühmte 
Chemiker hat nämlich gefunden ( Mem. d'Arcueil, T. II. 
p. 367 J.- 
Kohlenstoff 28,65 
Stickstoff 14,49 

Wasserstoff 8,54 
Sauerstoff 48,52 

Nach den gegenwärtig für die Zusammensetzung der Koh- 
lensäure und des Wassers angenommenen Verhältnissen neu be- 
rechnet, würde diese Analyse mehr Kohlenstoff und weniger 
Wasserstoff geben. Doch weicht sie, nachdem diese Correctio- 
nen gemacht sind, so wenig von dem berechneten Resultate ab, 
dafs man nicht genug bewundern kann, mit welcher Geschick- 
lichkeit Hr. Thenard alle die Schwierigkeiten, die mit sei- 
nem verwickelten Verfahren verbunden waren, zu überwinden ge- 
wufst hat. 



441 

Resultate, die offenbar vorstellen: 

16 Vol. Kohlenstoffdampf-j denn in die--j Kohlenstoff 54,65 

16 Vol. Wasserstoff . . >ser Annan- ^Wasserstoff 36,28 

4 Vol. Sauerstoff . . . Jme hat man J Sauerstoff 9,07 

Man kann sich also den Essigäther zusammengesetzt 
denken, aus einem Atome Schwefeläther, H 10 C 8 O, und 
einem Atome Essigsäure, H 6 C 8 3 . 

Man wird bemerken, dafs der Essigäther 54 Proc. 
Kohlenstoff enthält, wogegen im Alkohol nur 52 Proc. 
und in der Essigsäure höchstens 49 Proc. enthalten sind. 

JBenzoeäther. Die Analyse dieses Aethers bietet 
einige Schwierigkeiten dar. Da nämlich sein Dampf eine 
sehr grofse Dichte besitzt, und er eine beträchtliche Menge 
von Kohlenstoff und Wasserstoff enthält, so entgeht sehr 
oft ein Theil desselben der Zersetzung. Man erkennt 
diefs aber ganz leicht an dem Geruch, den alsdann die 
Gase oder das condensirte Wasser behalten haben, imd 
oft selbst an dem Erscheinen von Oelstreifen in den er- 
kalteten Theilen des Apparats. Diese Erscheinungen sind 
immer mit einem zu geringen Verhältnifs von Kohlenstoff 
bei der Analyse begleitet. Stellen sie sich aber nicht 
ein, so sind die Mengen des Kohlenstoffs constant und 
gerade so grofs, als sie es nach der Theorie, die aus 
der Zusammensetzung der vorhergehenden Aether abgelei- 
tet ist, seyn müssen. 

Die Resultate seiner Zerlegung sind folgende: 



Kohlenstoff 


73,32 


Sauerstoff 


19,10 


Wasserstoff 


7,87 



100,29 

Wie bei den vorhergehenden Aetherarten, wird die 
Zusammensetzung dieses Aethers dargestellt durch ein Atom 
Benzoesäure H l2 C 30 O 3 plus ein Atom Schwefeläther 
H 10 C 8 O. In der That sind die Data der Analyse, in 
Volumina umgewandelt, folgende: 



442 

38 Vol. Kohlenstoffdampf 

22 Vol. Wasserstoff 
4 Vol. Sauerstoff 
denn reducirt man diese Volumina auf Gewichte, so fin- 
det man: 

berechnet beobachtet 

Kohlenstoff 72,69 statt 73,32 
Sauerstoff 20,33 - 19,10 

Wasserstoff 6,98 - 7,87 

100,00 100,29 
Oxaläther. Die Analyse dieses Aethers fiel bei 
mehrmaliger Wiederholung befriedigend aus. Durch die 
Leichtigkeit, mit welcher dieser Aether, wie man wei- 
terhin sehen wird, sich durch Kali zerlegen läfst, eignet 
er sich am besten zum Erweise des Hauptresultats die- 
ser Arbeit. Wir haben fast immer so viel Kohlenstoff 
in ihm gefunden, als im absoluten Alkohol; diefs würde 
durchaus unmöglich seyn, wenn er aus Oxalsäure und 
Alkohol gebildet wäre, weil die Säure 0,33 und der 
Alkohol 0,52 Kohlenstoff enthält. 
Unsere Resultate sind folgende: 

Kohlenstoff . . . 49,61 . . . 48,95 
Wasserstoff . . . 43,77 . . . 44,09 
Sauerstoff .... 6,62 . . . 6,96 

100,00 100,00 

Verwandelt man diese Zahlen in Volume, so erhält 
man offenbar: 

12 Vol. Kohlenstoffdampf-% denn f Kohlenstoff 49,42 

10 Vol. Wasserstoff . I diese J Wasserstoff 6,83 

4 \ ol. Sauerstoff . . . J geben (.Sauerstoff 43,75 

Diefs giebt nothwendig für die Zusammensetzung des 
Oxaläthers ein Atom Schwefeläther H 10 C 8 O und ein 
Atom Oxalsäure C 4 3 . 

Das Hauptresultat dieser Analysen wird durch die 
Dichte der Dämpfe dieser Aether vollkommen bestätigt. 



443 

Dichte des Dampfes der von uns untersuchten Aether. 

Die Dichte dieser Aether, ausgenommen die des Salpe- 
teräthers, wurde nach dem Verfahren des Hrn. Gay-Lus- 
sac bestimmt. Wir haben viele Sorgfalt auf diese Versuche 
verwandt, in der Ueberzeugung, dafs sie, besser wie jede 
andere Methode, die wahre Zusammensetzung dieser Aether 
kennen lehren würden. Fehler in der ersten Decimalstelle 
sind bei solchen Versuchen unmöglich, und es ist wohl 
selten, dafs zwei Hypothesen Resultate liefern, die nur 
um eine Decimalstelle von einander abweichen. 

Unsere Resultate über die Dichte des Salpeterälher- 
Dampfs sind folgende. In drei Versuchen, die bei ge- 
wöhnlicher Temperatur und unter einem Druck von m ,62 
bis m ,65 gemacht wurden, erhielten wir 2,654 *), 2,626 
und 2,628 für diese Dichte reducirt auf m ,76 (und wahr- 
scheinlich 0° C), die der Luft als Eins gesetzt. 

Nähme man an, dafs der Salpeteräther aus Alkohol 
und salpetrichter Säure gebildet wäre, so würde keine 
Hypothese gleichzeitig die Bedingungen erfüllen kön- 
nen, die aus der Analyse und der Dichte des Dampfes 
hervorgehen. 

Nimmt man dagegen an, dafs der Salpeteräther aus 
Schwefeläther und salpetrichter Säure in den vorhin ge- 
nannten Verhältnissen zusammengesetzt ist, so findet man : 

2 Vol. Schwefelätherdampf =5,1664 

3 Vol. Sauerstoffgas ... =3,3078 
2 Vol. Stickgas =1,9514 

10,4256. 

T . 10,4256 _ ___. . ; _ . 

Da nun =2,6064 ist, und wir, nach dem 

4 

Mittel aus den beiden am besten gelungenen Versuchen, 

*) Die erste dieser Zahlen ist etwas fehlerhaft, und zwar wegen 
der Einwirkung des Salpeteräthers auf den Kitt des Ballons. 
Bei den heiden folgenden Versuchen hatte man sich sorgfältig 
gegen diesen Fehler verwahrt. 



444 

2,627 gefunden haben ; so führt uns diefs zu dem Schlufs, 
dafs der Salpeteräther gebildet ist aus einem Volumen 
Schwefeläther und wahrscheinlich einem Volumen salpe- 
trichter Säure, ohne Condensation. 

Essigäiher. Die Dichte seines Dampfs, auf 0° und 
m ,76 reducirt, ist 3,067. Nach den vorhin angeführten 
Datis, giebt die Rechnung: 

16 Vol. "Wasserstoff =1,1008 

16 Vol. Kohlenstoff =6,7520 

4 VoL Sauerstoff =4,4104 

12,2632. 

12 2632 

Nun ist — — =3,0658, was mit dem erhaltenen 

4 

Resultate vollkommen übereinstimmt. 

Benzoeäther. Die Dichte seines Dampfs bestätigt 
diese Resultate völlig. Wir haben dieselbe durch Ver- 
suche, bei 0° und m ,76, gleich 5,409 gefunden. Be- 
rechnet man sie nach der früher gegebenen Analyse, so 
findet man: 

38 Vol. Kohlenstoffdampf =16,036 
22 Vol. Wasserstoff . . . = 1,5136 
4 Vol. Sauerstoff . . . . = 4,4104 

21,9600. 

Nun ist--'. =5,49, eine Zahl, die sich wenig 

4 ° 

von der gefundenen entfernt. 

Oxaläther. Beim ersten Versuch fanden wir die 
Dichte des Oxalätherdampfs =5,042, bei 0° und m ,76. 
Ein zweiter, mit gröfseren Mengen und besonderer Sorg- 
falt angestellt, gab 5,087. Darnach würde das Gewicht 
eines Litres dieses Dampfes 6 S ,609 seyn, bei 0° und 
m ,76. 



445 

Nun hat man durch Rechnung: 

10 Vol. Wasserstoff =0,688 

12 Vol. Kohlenstoff =4,410 

4 Vol. Sauerstoff =5,064 



10,162. 

Aber — '— — = 5,081. Diese Zahl nähert sich der 

durch den Versuch erhaltenen in dem Grade, dafs man 
die Richtigkeit des Gesichtspunkts, unter welchem die 
Rechnung angestellt wurde, nicht bezweifeln darf. 

Zerlegung der von uns untersuchten Aether durch Kali. 

Unstreitig hätten wir uns zur Aufstellung des Haupt- 
gegenstandes dieser Abhandlung mit den obigen Analysen 
begnügen können. Allein, wenn auch das Verhältnifs 
von Säuren und Basis für den Salpeteräther nicht zwei- 
felhaft ist, da es unmittelbar durch das Verhältnifs vom 
Stickstoff zum Kohlenstoff gegeben wird; so mufs man 
doch gestehen, dafs, für die drei andern Aether, diefs 
Verhältnifs sich nur auf Versuche gründet, deren Ge- 
nauigkeit nicht erweisbar ist. 

Wir haben daher gesucht unsere Schlüsse durch 
einfache und directe Versuche zu erweisen, wie durch die 
Zersetzung mittelst wasserhaltiger oder wasserfreier Ba- 
sen. Es haben sich uns dabei sonderbare Erscheinungen 
gezeigt, die wir jetzt genau beschreiben werden. Wir 
nehmen den Oxaläther als Muster. Er ist derjenige, des- 
sen Studium in dieser Beziehung die wenigsten Schwie- 
rigkeiten darbietet. Unsere Versuche mit den übrigen 
Aetherarten sind zwar noch unvollständig, aber doch so 
weit vorgerückt, dafs wir uns berechtigt glauben, die 
hier angeführten Thatsachen zu verallgemeinern. 

Man wird sehen, dafs sie möglichst gut mit den 
vorhergehenden übereinstimmen. 



446 

3§,616 Oxaläther in Alkohol gelöst und mit reinem 
Kali behandelt, winden schnell zersetzt. Die Flüssigkeit, 
nach Verdünnung mit Wasser durch reine Salpetersäure 
gesättigt, trübte sich nicht. Nun setzte man ihr Chlor- 
calcium in geringem Ueberschufs hinzu. Der Oxalsäure 
Kalk wurde gesammelt, gewaschen und über Feuer zer- 
setzt, und der Rückstand, nachdem er in Gyps verwan- 
delt worden, sorgfältig bis zum Rothglühen erhitzt. Der 
letztere wog 3 ? ,365. 

100 Tb. Oxaläther enthalten demnach 48,98 Oxal- 
säure. 

7 S ,348 Oxaläther, die 24 Stunden lang mit einer 
concentrirten Lösung von reinem kaustischen Kali in Be- 
rührung gelassen worden, wurden vollständig zersetzt. 
Man brachte die Flüssigkeit in eine Retorte, welche 
trocknes basisch kohlensaures Kali enthielt, spülte die 
Flasche, welche die Flüssigkeit enthalten hatte, mit Was- 
ser aus und gofs dasselbe ebenfalls in die Retorte, wor- 
auf man nun das Ganze möglichst vorsichtig, um keinen 
Verlust zu erleiden, der Destillation unterwarf. Man 
sammelte hiebei 1S 3 ,277 einer alkoholischen Flüssigkeit, 
deren Dichte 0,970 bei 10° C. betrug, und die folglich 
0,25 absoluten Alkohols enthielt. 

100 Th. Oxaläther gaben also 62,18 absoluten Alko- 
hol. Man hat demnach: 

48,98 Oxalsäure 
62,18 Alkohol 



111,16. 

Das heifst, die Analyse gab einem Ueberschufs von 
11,16. Diesen kann man nur dem Wasser zuschreiben, 
welches sich im Moment der Trennung mit einem der 
Körper verbunden hat Da nun die Oxalsäure kein Was- 
ser enthalten komite, so ist klar, dafs dasselbe vom Alko < 
hol aufgenommen seyn mufste. Die Rechnung beweist, 
dafs es in diesem in einem solchen Verhältnisse enthalten 



447 

ist, dafs derselbe, wenn es abgezogen wird, in Schwe- 
feläther zurückgehen würde. Denn es ist: 





beobachtet 


berechnet 


Oxalsäure 


48,98 


49,28 


Schwefeläther 


50,06 


50,72 


Wasser 


12,12 


12,24 



111,16 112,24. 

Wir finden also durch die Analyse bis auf ein Hun- 
dertel die Resultate wieder, welche durch die Rechnung 
vorgesehen wurden, und wir glauben daher, dafs nach 
diesem keine Ungewifsheit hinsichtlich unserer Bestim- 
mungen übrig geblieben seyn kann. 

Wie schon gesagt, haben wir auch gesucht den Ben- 
zoeäther und die übrigen zusammengesetzten Aetherarten 
durch Kali zu zersetzen, um diese neue Probe den be- 
reits zu Gunsten unserer Meinung angeführten hinzufügen 
zu können; allein, abgerechnet, dafs das Kali äufserst 
langsam auf dieselben wirkt, und man zur Begünstigung 
seiner Einwirkung einen Ueberschufs von ihm hinzusetzen 
mufs, bilden auch die Benzoe- und Essigsäure keine ganz 
unlösliche Salze, so dafs wir Mühe gehabt haben diese 
Säuren quantitativ zu bestimmen. Da die Resultate, zu 
denen wir gelangten, niemals mit einander übereinstimm- 
ten, so versuchten wir unsere Hypothese dadurch zu veri- 
ficiren, dafs wir den Oxaläther einem Verfahren unter- 
warfen, wodurch wir hoffen konnten, den Schwefeläther 
selbst abzuscheiden. Das Ammoniakgas, welches den Oxal- 
äther augenblicklich zersetzt, schien uns diesen Zweck zu 
erfüllen, und damit die Frage, ob der Oxaläther Alkohol 
oder Schwefeläther enthalte, leicht entschieden zu seyn, 
da bei diesem Versuche kein Wasser gebraucht wird. 

Eine ungewogene Menge Oxaläther wurde einem 
Strome von Ammoniakgas ausgesetzt, und dadurch bald 
gänzlich in ein weifses Salz umgewandelt, welches wir 
für oxalsaures Ammoniak hielten. Das flüssige Product, 



448 

welches bei dieser Reaction entstanden war, blieb mit 
dem Salze gemengt; nachdem dasselbe durch eine gelinde 
Hitze, verbunden mit der Wirkung des Ammoniakgas - 
Stromes, ausgetrieben und von dem beigemengten Ammo- 
niak befreit worden war, fanden wir zu unserm grofsen 
Erstaunen, dafs diefs Product Alkohol war. Jedoch schien 
uns auch zugleich, dafs die Quantität desselben weit ge- 
ringer war, als sie es nach der Menge des angewandten 
Oxaläthers hätte seyn müssen. Wir waren, wie leicht 
zu denken, sehr erstaunt über dieses Resultat. Es blie- 
ben uns nur zwei, gleich unwahrscheinliche Voraussetzun- 
gen übrig. Erstlich, dafs unsere analytischen Resultate 
und unsere Bestimmungen der Dichte der Dämpfe durch- 
aus ungenau seyen; und zweitens, dafs sich bei diesem 
Versuch das zur Bildung des Alkohols nöthige Wasser 
gebildet habe. Im letzteren Falle hätte sich Stickgas und 
Kohlenoxydgas entwickeln müssen; allein, als der Ver- 
such in verschlossenen Gefäfsen angestellt wurde, zeigte 
sich, dafs die Reaction ohne Entwicklung von Gas geschah. 

Ueber diese sonderbaren Thatsachen nachdenkend, 
und überzeugt von der Genauigkeit unserer früheren Ver- 
suche, haben wir unbedenklich den Schlufs gemacht, dafs 
das Ammoniak bei seiner Einwirkung auf den Oxaläther 
ein Salz bilde, das aus aller Oxalsäure, aus der Hälfte 
des Doppelt -Kohlenwasserstoffs und aus Ammoniak zu- 
sammengesetzt sey, während die andere Hälfte des Dop- 
pelt -Kohlenwasserstoffs, mit Wasser vereinigt, Alkohol 
erzeuge. 

Diese Annahme war leicht zu prüfen. Denn in die- 
sem Falle durfte man aus einer gegebenen Menge Aether 
durch Behandlung mit Kali nur die Hälfte des Alkohols 
gewinnen können, und überdiefs mufste das zurückblei- 
bende Salz in seinen Eigenschaften und seiner Zusammen- 
setzung sehr von dem Oxalsäuren Ammoniak abweichen. 

Dieser Schlufs ist durch die Erfahrimg vollkommen 
bestätigt worden. 

25 



449 

25 Gramm, reinen Oxaläthers wurden in eine Tubu- 
la tretorte gebracht. In der Tubulatöffnung steckte ein 
Meines Rohr, wodurch trocknes Amrnoniakgas zum Aether 
geführt wurde, und der ausgezogene Hals der Retorte 
ging in ein erkaltetes Rohr, worin der entwickelte Alko- 
hol sich verdichten mufste. Nachdem man den Ammo- 
niak-Strom einige Stunden lang unterhalten hatte, er- 
hitzte man die Retorte in einem Wasserbade, bis sie 
völlig trocken geworden war. Sie enthielt nun 19 s ,668 
Salz; die alkoholische Flüssigkeit war sehr ammoniaka- 
lisch; man sättigte sie mit verdünnter Schwefelsäure, und 
destillirte sie darauf zur Trockne, Um den reinen Alko- 
hol zu erhalten. , Man erhielt dadurch 14 s ,600 Weingeist 
von 0,908 Dichte bei 12° C. Da der Alkoholgehalt hierin 
51 Proc. beträgt, so hatte man also 7 5 ,884 absoluten Alko- 
hol erhalten. 

Wir erhielten also durch Ammoniak 31,536 Alkohol 
aus 100 Aether; während wir durch Kali aus derselben 
Menge 62,18, d. h., wie wir auch vorausgesehen, das Dop- 
pelte, erhalten hatten. 

Anderseits mufs das neutrale Oxalsäure Ammoniak 
enthalten: 1 Atom Oxalsäure und 4 Volumina Ammoniak, 
nämlich: 

4 Vol. Kohlenstoffdampf. 

5 Vol. Sauerstoff. 

6 Vol. Wasserstoff. 
2 Vol. Stickstoff. 

Bei seiner Verbrennung mufs man also 2 Vol. Koh- 
lensäure gegen 1 Volumen Stickgas erhalten, wie bei der 
Verbrennung von Cyangas. In der That hat auch Herr 
Döbereiner gezeigt, dafs das oxalsaure Ammoniak so 
zusammengesetzt ist, dafs es sich unter Einwirkung der 
concentrirten Schwefelsäure in Wasser und Cyan zersetzt. 

Das Salz, welches wir erhalten hatten, mufste also 
ganz anders zusammengesetzt seyn; denn es war eben- 
falls neutral, und mufste, aufser den Elementen des vor- 

Annal.d. Physik. B. 88. St. 3. J.1828. St. 3. Ff 



450 

hergehenden, die beiden vom Aether abgegebenen Vo 
luraina Doppelt -Kohlenwasserstoff enthalten. Dadurch 
mufste das Verhällnifs des Stickstoffs zum Kohlenstoff, 
dem Volumen nach, wie 4:1 (wie 1:8? P.) werden. 

Wir haben diefs Verhältnifs mit der gröfsten Sorg 
falt mittelst Kupferoxyd bestimmt, und dabei immer ge- 
nau 8 Vol. Kohlensäure auf 1 Vol. Stickgas erhalten. 
Die Resultate waren so scharf, dafs diefs Verhältnifs uns 
nicht einen einzigen Augenblick zweifelhaft geschienen 
hat. Es lälst sich nur durch die Annahme erklären, dafs 
dieses Salz, obgleich es neutral ist, dennoch nur die Hälfte 
des Ammoniaks enthält, welches zur Sättigung der vor- 
handenen Oxalsäure erfordert wird. 

Hier die Endresultate dieses merkwürdigen Versuchs, 
berechnet auf 100 Th. Oxaläther. 

berechnet beobachtet 

Alkohol 31,48 Alkohol 31,536 

Oxalsäure 49,28^ q 

Doppelt-Kohlenwasserstoff 19,24 1/ . c , ^ c /?,-r» 
A • i nf-f tes Salz /8,672 

Ammoniak 11,/oJ 

111,75 110,208. 

Die beobachteten Resultate kommen den berechne- 
ten so nahe wie nur möglich , und überdiefs ist die Zu- 
sammensatzung des Salzes bestimmt; denn man weii's, dafs 
es alle Oxalsäure des Oxaläthers enthält, eben so viel 
Doppelt-Kohlenwasserstoff wie der Alkohol, und endlich 
so viel Ammoniak, als sich aus dem angegebenen Ver- 
hältnifs von Stickstoff zum Kohlenstoff ergiebt. 

Dieses Salz nähert sich offenbar durch seine Zu- 
sammensetzung den schwefelweinsauren Salzen*), deren 

*) Wir betrachten es als oxalweinsaures Ammoniak , oder viel- 
mehr als ein oxalsaures Doppelsalz von Doppelt- Kohlenwasser- 
stoff und Ammoniak. . Die Oxalweinsäure würde ein doppelt- 
oxalsaurer Doppelt-Kohlenwasserstoff seyn, eben so wie die 
schwefelweinsauren Salze schwefelsaure Doppclsalze von Doppelt- 
Kohlenwasserstoff und den verschiedenen Salzbasen seyn wer- 
den , und die Schwefelweinsäurc ein doppelt- schwefelsaurer 
Doppelt- Kohlenwasserstoff. 



451 

fettiges Ansehen es auch besitzt, weicht aber durch seine 
Löslichkeit ganz von ihnen ab. Denn das Wasser 
löst in der Kälte sehr wenig auf, in der Wärme zwar 
etwas mehr, aber doch weit weniger als vom Oxalsäuren 
Ammoniak. Vom Alkohol dagegen wird es reichlicher 
gelöst und in ziemlich schönen Krystallnadeln abgesetzt. 
In allen Fällen fällt eine kalte oder heifse Lösung des- 
selben weder die Kalksalze noch die Bleisalze. Es 
scheint auch nicht auf die übrigen Melalllösungen zu wir- 
ken; doch ist vielleicht die gelinge Löslichkeit dieses Sal- 
zes Ursache davon. In der Wärme entwickelt der Baryt 
Ammoniak daraus und bildet ein wenig lösliches Salz, 
welches aber doch durch Concentration der Flüssigkeit 
krystallisirbar ist. Durch Hitze zersetzt, scheint es sich 
zum Theil zu sublimiren, ohne kohlensaures Ammoniak 
zu geben, während ein kleiner Theil zersetzt wird, einen 
Rückstand von Kohle hinterläfst und Spuren von Cyan- 
wasserstoffsäure giebt. 

Uebrigens werden das Studium dieses Salzes, der 
darin enthaltenen Säure und der verschiedenen Arten die- 
ser neuen Gattung nothwendig Gegenstand einer beson- 
deren Abhandlung ausmachen, in welcher wir die Zu- 
sammensetzung und Eigenschaften desselben ausführlicher 
darstellen werden, so wie auch die der analogen Kör- 
per, welche die anderen, uns beschäftigenden Aetherar- 
ten aller Wahrscheinlichkeit nach bilden werden. 

Indem wir diese Abhandlung beschliefsen, erlauben 
wir uns einige aus derselben hervorgehende oder sich auf 
dieselbe beziehende Ideen der Akademie aus einander zu 
setzen. 

Das unmittelbarste Resultat unserer Untersuchungen 
besteht darin, den Schwefeläther als eine Salzbase, und den 
Alkohol als ein Hydrat des Aethers zu betrachten. Man 
erhält so für dieZusammensetzung dieser beiden Körper: 

i t- i a iL i r 7 2 Vol. Doppelt-Kohlenwasserstoff. 
1 \ol. Aetherdampf j 1 ^ ^ asserdampf< 

Ff 2 



452 

i ir i ku i ij f f i v °l- Aetherdampf. 
1 Vol. Alkoholdampf | | Vol Wasser(Iampf . 

Was den Salpeter-, Essig- und Benzoe-Aether be- 
trifft, so ist sehr wahrscheinlich, dafs sie bestehen aus: 
4- Vol. Schwefelätherdampf. 
4 Vol. Säuredampf. 

Der Oxaläther macht eine Ausnahme, denn er enthält: 
1 Vol. Schwefelätherdampf. 
1 Vol. Säuredampf. 

Aber sie alle, verglichen mit dem Alkohol, weichen 
nur darin von diesem ab, dafs das Volumen des Säure- 
dampfs durch ein gleiches Volumen Wasserdampf er- 
setzt ist. 

Es giebt indefs einen anderen, weit allgemeineren 
Gesichtspunkt für die Zusammensetzung dieser Körper. 
Er besteht darin, dem Doppelt -Kohlenwasserstoff selbst 
einen alkalischen Charakter beizulegen; man ist dadurch 
im Stande, die verschiedenartigsten Verbindungen dieser 
Ordnung mit einem einzigen Blick zu übersehen. Wir legen 
einigen Werth auf diesen Gesichtspunkt, und sind ver'an- 
lal'st ihn wegen seiner Einfachheit dem bereits angegebe- 
nen vorzuziehen. 

Es fragt sich nun, ob das Doppelt-Kohlenwasser- 
stoffgas wirklich den alkalischen Charakter besitzt, den 
wir ihm beigelegt haben; indefs scheinen uns die folgen- 
den Beweise keinen Zweifel in dieser Beziehung übrig 
zu lassen. 

Das Salz, welches wir durch Behandlung des Oxal- 
äthers mit Ammoniak bekommen haben, enthält 2 Vol. 
Ammoniak und 2 Vol. Doppelt-Kohlenwasserstoffgas, wel- 
ches letztere die 2 Vol. Ammoniakgas ersetzen, die zur 
Vervollständigung des neutralen Oxalsäuren Ammoniaks er- 
forderlich sind. Der Doppelt-Kohlenwasserstoff besitzt also 
genau dieselbe Sättigungscapacität wie das Ammoniak. 

Im Chlorwasserstoff- und Jodwasserstoff- Aether ist 
ein Volumen Säuregas gesättigt durch ein Volumen Dop- 



453 

pelt- Kohlenwasserstoffgas, eben so wie in dem neutralen 
chlorwasserstoffsauren und jodwasserstoffsauren Ammo- 
niak, Säure und Base zu gleichem Volumen verbunden 
enthalten sind. Die Sättigungscapacität ist also auch hier 
dieselbe. 

Ein Atom der salpetrichten Säure, der Essig-, Benzoe- 
oder Oxalsäure sättigt 4 Volumina Ammoniak. Nun ist 
in den aus diesen Säuren gebildeten Aethern 1 Atom 
von jeder derselben durch 4 Volumina Doppelt -Kohlen- 
wasserstoff gesättigt. Also ist auch hier die Sättigungs- 
capacität dieselbe. 

Endlich findet man in den schwefelw einsauren Sal- 
zen, welche man beliebig, entweder aus Unterschwefel- 
säure, VVeinöl und einer Basis, oder aus Schwefelsäure, 
Doppelt- Kohlenwasserstoff und einer Basis zusammenge- 
setzt betrachten kann, nach der letzten Hypothese, dafs 
1 Atom Schwefelsäure genau durch 4 Volumina Doppelt- 
Kohlemvasserstoff gesättigt ist, wie dasselbe von 4 Vol. 
Ammoniakgas gesättigt sevn würde. Die Sättigungscapaci- 
tät wiederholt sich also auch hier genau auf gleiche Weise. 
Fährt man fort, den Doppelt -Kohlenwasserstoff mit 
dem Ammoniak zu vergleichen; so sieht man, dafs die 
letztere Base bei ihrer Verbindung mit Wasserstoffsäu- 
ren stets wasserfreie Salze giebt, während sie mit Sauer- 
stoffsäuren immer Salze mit Kiystallwasser liefert, von 
dem dieselben sehr schwer zu befreien sind, ohne dafs 
sie nicht eine anfangende Zersetzung erleiden. 

Dieselben Kennzeichen finden sich auch bei den Ver- 
bindungen des Doppelt -Kohlenwasserstoffs mit den Säu- 
ren. Die Wasserstoffsäuren bilden sämmtlich wasserfreie 
Aether, d. h. Verbindungen von reiner Säure und Dop- 
pelt -Kohlenwasserstoff. Das sind bis jetzt der Chlor- 
wasserstoff- und Jodwasserstoff- Aether. 

Die Sauerstoffsäuren dagegen bilden Aelher-Hydra'e, 
d. h. Verbindungen von Doppelt-Kohlenwasserstoff, Säure 
und Wasser. 



454 

Dieser letzte Gesichtspunkt umfafst, wie man sieht, 
anscheinend sehr unähnliche Verbindungen. Unglückli- 
cherweise hat man gegenwärtig keine Mittel, den Werth 
desselben direct zu bestimmen. Da das Doppelt -Koh- 
lenwasserstoffgas nicht löslich ist im Wasser, so kann es 
nicht auf das Lackmus- und Veilchen -Pigment wirken, 
welche gewöhnlich als Reagenzien für die Alkalien ge- 
braucht werden. Man könnte noch entgegnen, dafs die 
Aether, wenn sie Salze wären, mit den gewöhnlichen 
Salzen doppelte Zersetzungen geben müfsten, welche man 
doch nicht beobachtet hat; allein diese Erscheinungen sind 
in ihrem Detail zu wenig bekannt, als dafs sie einen ge- 
gründeten Einwurf abgeben können, da der Mangel an 
Wirkung Folge der Erzeugung von löslichen, den schwe- 
felweinsauren Salzen ähnlichen Verbindungen sevn kann. 

Allein dennoch schmeicheln wir uns der Hoffnung, 
dafs die hier erörterte Meinung angenommen werde; denn 
ist nicht das beste aller Kennzeichen einer Base die Eigen- 
schaft, den sauren Charakter eines damit begabten Kör- 
pers zu zerstören? und findet man wohl offenbar neutra- 
lere Salze als die Aether? Ueberdiefs kann ihre Flüs- 
sigkeit oder Gasförmigkeit bei dieser Frage nicht in Be- 
tracht kommen; denn es giebt Ammoniaksalze, die flüs- 
sig sind, und das cyanwasserstoffsaure Ammoniak ist nahe 
daran gasförmig zu sejn. 

Die von uns beobachteten sonderbaren Umwandlun- 
gen des Aethers in Alkohol und des Alkohols in Aether 
würden wahrscheinlich ohne Widerspruch angenommen 
werden, wenn wir sie durch ein schlagendes und unbe- 
streitbares Beispiel unterstützen könnten. Ein solches 
finden wir unter den merkwürdigen Untersuchungen des 
Hrn. Chevreul über die fetten Körper. 

Diese Körper scheinen uns die gröfste Aehnlichkeit 
mit den von ims untersuchten zusammengesetzten Aethern 
in besitzen. Wie diese, sind sie aus einer organischen 
Basis und einer Säure zusammengesetzt; wie diese, wer- 



455 

den sie durch Einwirkung der Alkalien zersetzt ; wie diese 
endlich, haben sie zur Basis einen Stoff, welcher, bei sei- 
ner Trennung von der Säure, Wasser absorbirr, welches 
man ihm dann nicht mehr entziehen kann. 

Diese Beziehungen sind dem Scharfblick des Hrn. 
Che vre ul nicht entgangen; aber sie erhalten durch un- 
sere Versuche einen hohen Grad von Evidenz und In- 
teresse, indem' die Bindung des Wassers, welche schon 
bei der Verseifung eintritt, sich hier unter denselben Um- 
ständen wieder findet. Wenn noch einige Zweifel über 
die Salz -Natur der Oele und Fette übrig geblieben wären, 
würde dieser Vergleich, wie uns scheint, hinreichend seyn, 
sie zu heben. Bis auf den Umstand, dafs die Synthese 
für jetzt die Oele mittelst der aus ihnen gezogenen Säu- 
ren und Basen nicht wieder zusammensetzen kann, ent- 
sprechen alle chemischen Kennzeichen derselben denen, 
welche wir bei unseren Aethern aufgefunden haben. Es 
ist in dieser Beziehung interessant, die Verseifung der 
Ceiine z. B. mit der Behandlung des Oxaläthers mit Kali 
zu vergleichen. Die fetten Säuren und die Oxalsäure ab- 
sorbiren bei ihrer Abscheidung Wasser, welches man 
ihnen nur" entziehen kann, wenn man sie mit einer Basis 
behandelt. Die Cetine enthält Doppeit-Kohlenwasserstoff, 
welcher bei der Verseifung sich mit Wasser zur Bildung 
des Ethals verbindet; der Oxaläther enthält Schwefel- 
äther, welcher bei der Einwirkung des Kali's sich mit 
Wasser zur Bildung von Alkohol vereinigt. Die Aehn- 
lichkeit läfst nichts zu wünschen übrig. 

Eidlich scheint der Gesichtspunkt, der aus unsern 
Resultaten hervorgeht, ein grofses Licht auf die Erschei- 
nungen der geistigen Gährung zu werfen. Jedermann 
weifs, wie viele Untersuchungen diese sonderbare Um- 
wandlung des Zuckers erregt hat, und Wenigen wird es 
imbekannt seyn, dafs es Hin. Gay-Lussac gelungen 
ist, die Producte derselben auf die einfachste und zier- 
lichste Weise darzustellen. Nach diesem berühmten Che- 



456 

miker wird der Zucker seiner Zusammensetzung nach durch 
Alkohol und Kohlensäure dargestellt. Die Gährung ver- 
setzt ihn in diesen neuen Zustand, indem sie seine Ele- 
mente unter dieser neuen Form vereinigt. Soll aber diese 
Hypothese annehmbar werden, so mufs man voraussetzen, 
dafs der Zucker 4 oder 5 Proc. Kohlenstoff enthält, die 
nicht wirken oder auf eine unbekannte Weise fortgeführt 
werden; denn es ist nicht denkbar, dafs ein Fehler in 
der Analyse des Zuckers vorhanden sey. Die Versuche 
der HH. Gay-Lussac und Thenard, Berzelius, 
Th. de Saussure und Eines von uns, stimmen zu gut 
mit einander überein, als dafs ein solcher Fehler im ge- 
ringsten wahrscheinlich seyn sollte. 

Die Theorie der Gährung, wie sie von Hrn. Gay- 
Lussac aufgestellt ist, läfst also einiges zu wünschen 
übrig; aber diefs ist nicht mehr der Fall, sobald man 
den Aether statt des Alkohols in der theoretischen Zu- 
sammensetzung des Zuckers annimmt. Dann wird die 
Uebereinstimmung zwischen der Theorie und der Erfah- 
rung vollkommen, wie man sich leicht überzeugen kann. 
Nach der Analyse des Hrn. Berzelius ist nämlich der 
wasserfreie Zucker gebildet aus: 

6 Vol. Kohlenstoffdampf. 

5 Vol. Wasserstoff. 

24 Vol. Sauerstoff. 
Der Schwefeläther enthält: 

4 Vol. Kohlenstoffdampf, 

5 Vol. Wasserstoff. 
4 Vol. Sauerstoff. 

Es bleiben also übrig: 

2 Vol. Kohlenstoffdampf. 

2 Vol. Sauerstoff. 

Das heifst, der Zucker kann betrachtet werden als 

bestehend aus einem Volumen Aetherdampf und zwei 

Volume Kohlensäure ; und daraus folgt, dafs bei seiner 

Gährung das Volumen Aetherdampf ein Volumen Was- 



457 

serdampf aufnimmt, um in Alkohol überzugehen. Wenn 
dem so ist, so mufs die Gewichtszunahme sehr beträcht- 
lich und bestimmbar seyn. Auch haben wir uns vorge- 
nommen, diese Erscheinung von Neuein mit der Aufmerk- 
samkeit, welche sie verdient, und mit Hülfe der analyti- 
schen Methoden zu untersuchen, welche Lavoisier und 
dem Hrn. The'nard fehlten, als sie sich hiermit beschäf- 
tigten. 

Es sej uns erlaubt bis dahin bemerklich zu machen, 
bis zu welchem Punkte unsere Erklärung mit den analy- 
tischen Datis übereinstimmt. Der einzige Unterschied, wel- 
cher zwischen den von uns angenommenen und den von 
Hrn. Berzelius gefundenen ist, betrifft den Wasserstoff. 
ISach ihm sind in dein Zucker 24 Vol. Kohlenstoffdampf, 
10 Yol. Sauerstoff und 21 Vol. Wasserstoff. Wir nah- 
men von letzterem nur 20 Vol. an , und wurden darin 
durch die Untersuchungen der HH. Gay-Lussac und 
Thenard, so wie durch die vieler anderen Chemiker 
unterstützt, welche den Sauerstoff und Wasserstoff in 
dem zur Bildung von Wasser erforderlichen Verhältnisse 
im Zucker gefunden haben. Bemerken wir überdiefs, 
dafs dieser Fehler von V T im Wasserstoff ungefähr dem- 
jenigen proportional ist, welchen dieser so genaue Chemiker 
bei seiner Analyse der Oxalsäure begangen hat. Diese 
Betrachtungen mögen die Correction rechtfertigen, welche 
wir uns erlaubt haben, und sind keinesweges übertrieben, 
wenn es sich um Analysen von Hrn. Berzelius handelt, 
Analysen, deren ungemeine Genauigkeit sich mit jedem 
Tage bestätigt, und die eine so wichtige Epoche in der 
Geschichte der Chemie ausmachen. 

Der Trauben- und Stärkmehlzucker scheinen vor 
allem darin vom Rohrzucker abzuweichen, dafs sie sich 
wirklich als aus Kohlensäure und Alkohol zusammenge- 
setzt betrachten lassen. 

Denn nach der Analyse des Hrn. Th. de Saussure 
enthalten diese Zucker C 6 H 7 3 -|, welche man auch so 



458 

darstellen kann: H 6 C 6 3 +HOJ, wobei das halbe Atom 
Wasser als Krjstallwasser angenommen ist. Es bleibt 
dann 

H G C 6 3 ==C 2 2 +(H 4 C 4 +H 2 0), 
d. h. der Stärkmehlzucker kann dargestellt als zusammen- 
gesetzt aus gleichen Volumen Kohlensäure und Alkohol. 

Unter diesem Gesichtspunkt lassen sich der Rohr- 
und Stärkmehlzucker als zwei Arten von kohlensaurem 
Kohlenwasserstoff ansehen, die nur darin von einander 
verschieden sind, dafs o*ie erste zwei Mal so viel Kry- 
stallwasser enthält als die letztere. 

Wir glauben und hoffen, dafs diese Betrachtungs- 
weise mehr wie irgend eine andere geeignet ist, die wesent- 
lichen Kennzeichen beider Zuckerarten zu erklären; auch 
scheint sie uns mehr als irgend eine andere als Richt- 
schnur pafslich, nicht blofs bei den Versuchen, durch wel- 
che man die chemischen Eigenschaften derselben kennen 
lehren könnte, sondern auch bei der Erklärung der dadurch 
erhaltenen Resultate. Wir hoffen übrigens dieses noch bes- 
ser zu belegen, wenn wir die Arbeit über die Zuckerarten 
und die Gährung, mit der wir uns gegenwärtig beschäfti- 
gen, der Academie vorlegen werden. 

Wir haben die sämmtlichen Thatsachen, welche diese 
Abhandlung einschliefst, in der folgenden Tafel zusam- 
mengestellt und zwar in Atomen -Formeln ausgedrückt, 
damit die Darstellung conciser sey. Man wird darin 
eine solche Aehnlichkeit zwischen dem Ammoniak und 
dem Doppelt -Kohlenwasserstoff bemerken, dafs wir zu 
der Hoffnung berechtigt sind, man werde unsere Mei- 
nungen als durch die Thatsachen vorgeschrieben anse- 
hen. Unser einziger Wunsch ist, den Chemikern bei 
der Erörterung dieser Thatsachen und den Folgerungen 
aus ihnen eine Richtschnur zu geben ; sollten wir uns 
irren, so wird die Zeit und die Erfahrung unsere Irrthü- 
mer berichtigen; beim gegenwärtigen Gesichtspunkte aber 
scheinen unsere Folgerungen fast abgedrungen zu seyn. 



459 



Vergleichimg der Verbindungen des Doppelt-Kohlen- 
wasserstoffs mit denen des Ammoniaks. 



Namen der Verbindungen. 

Chlorwasserstoffsaures Ammoniak 

Chlorwasserstoffsaurer Doppel t-Koh- 
Ienwasserstoff . ( Chlorwasserstoff- 
äther} 

Jodwasserstoffsaures Ammoniak . . . 

Jodwasserstoffsaurer Doppelt-Kohlen- 
■wasserstoff {Jodwasserstoffäther) 

Wasserhaltiges salpetrichtsaures Am- 
moniak . . . , 

Wasserhalt, salpetrichtsaurer Dop- 
pelt- Kohlenwasserstoff {Salpeter- 
äther) > • • • 

Wasserhalt, essigsaur. Ammoniak . . 

Wasserhalt, essigsaur. Doppelt-Koli- 
lenwasserstoff {Essigäther) . . . 

W^asserhalt. benzoes. Ammoniak . . 

Wasserhalt, benzoes. Doppelt-Koh- 
lenwasserstoff {Benzoeäther) . . 

Oxalsaures Ammoniak, krystallisirt 
und getrocknet 

Wasserhalt, oxalsaur. Doppelt-Koh- 
lenwasserstoff (Ojcalälher) . . . . 

Doppelt -schwefelsaures Ammoniak . 

Doppel t-schwefelsaur. Doppel t-Koh- 
lenwasserstoff {Schwefels einsäure) 

Doppelt -oxalsaures Ammoniak . . . . 

Doppelt-oxalsaurer Doppelt-Kohlen- 
wasserstoff {Oxalw einsäure) . . . 

Wasserhaltiges doppelt- kohlensaures 
Ammoniak . . - 

Wasserhalt. doppelt-kohlens.Doppelt- 
Kohlenwasserstoff {Rohrzucker) . 



Basis. 



AzH 3 



Säui 



4H 2 C 2 
2 AzH 3 

4H 2 C 2 
2 AzH 3 

4H 2 C 2 

2 AzH 3 

4H 2 C 2 
2 AzH 3 

4H 2 C 2 
2 AzH 3 

4H 2 C 2 

2 AzH 3 

4H 2 C 2 



2HCh 



2H 2 C 2 


2HC1 


AzH 3 


2HJ 


2H 2 C 2 


2HJ 


2 AzH 3 


Az Az 



Az Az 
H 6 C 4 3 

H 6 C 4 3 

H 12 C 30 O 3 
H 12 C 30 O 3 

C 4 3 

C 4 3 

2S 

2S 
2C 4 3 

2C 4 3 

4G 

4G 



Wassei 



HH 

HH 
HH 

HH 

HH 

HH 
HH 
HH 



HH 

IUI 



460 



Nanien der Verbindungen. 


Basis. 


Saure. 


Wasser 


Doppelt- wasserhalt, doppelt- kohlen- 








saurer Doppelt -Kohlenwasserstoff 










4H 2 C a 


4C 


2HH 


Achtel-Doppeltkohlen wasserstoff-Hy- 








drat (Ethal) 


16H 2 C 2 




HH 


Halb -Doppeltkohlenwasserstoff- Hy- 










4H 2 C 2 




HH 


Doppeltkohlenwasserstoff- Hydrat 










4H 2 C 2 




2HH 




AzH 3 




2HH 



Man sieht, dafs alle in dieser Tafel aufgeführten 
Verbindungen, mit Ausnahme der Hydrate, einander ge- 
nau entsprechen. 

Die Ammoniakflüssigkeit dagegen enthält doppelt so 
viel Wasser als das Alkohol; diefs läfst glauben, dafs 
man in dem mit Wasser verdünnten Alkohol irgend eine 
Eigenschaft entdecken werde, die zur Festsetzung einer 
der Ammoniakilüssigkeit entsprechenden Gränze geeig- 
net sey. 

Recht wünschenswerth wäre es, dafs die Chemiker 
die systematischen Namen annähmen, welche wir für die 
Aether vorgeschlagen haben. Es würde ein grofser Schritt 
zur Beförderung der organischen Chemie seyn. Freilich 
haben die Namen das Unbequeme, dafs sie ein weniger 
länger als die alten sind; allein sie machen es dadurch 
wieder gut, dafs sie ein getreues und niedliches Bild von 
den durch sie bezeichneten Verbindungen geben. Alle 
Personen, welche sich mit dem Studium der organischen 
Chemie beschäftigt, müssen eingesehen haben, wie be- 
schwerlich und lästig dieses Studium dadurch ist, dafs 
aller Zusammenhang zwischen der Zusammensetzung und 
dem Namen mangelt, wodurch man gehindert wird, den 
Verfolg einer Reihe von Erscheinungen mit Leichtigkeit 
zu übersehen. 



461 

Die Chemiker werden sich erinnern, dafs es Hrn. 
Faraday gelungen ist, den Doppelt-Kohlenwasserstoff 
direct mit concenlrirter Schwefelsäure zu verbinden. Sie 
werden sich auch erinnern, dafs derselbe Chemiker zu- 
erst die Meinung ausgesprochen hat, die Schwefelsäure 
werde von diesem oder den analogen Gasen gesättigt. 
Gerechterweise mufs man aber hinzusetzen, dafs diese 
Hypothese weniger die von Hin. Faraday beobachte- 
ten Thatsachen und gemachten Analysen erklärt, als die 
des Hrn. Gay-Lussac, in dem Grade, dafs wir noch 
heute die Resultate seiner Analysen als den triftigsten 
Einwand betrachten, den man gegen unsere Ideen machen 
könnte. Das heifst, wenn die letzteren angenommen wer- 
den, halten wir uns berechtigt, den Beweis von ihnen als 
in der That uns angehörend zu betrachten. 

Folgerungen. 

Aus den in dieser Abhandlung enthaltenen Thatsa- 
chen geht, wie uns scheint, hervor: 

1. Dafs der Doppelt Kohlenwasserstoff die Rolle 
eines sehr mächtigen Alkali's spielt, welches an Sättigungs- 
capacität dem Ammoniak gleich ist, und vielleicht die 
meisten Reactionen desselben zeigen würde, wenn es, 
wie dieses, im Wasser löslich wäre. 

2. Dafs der Schwefelälher und Alkohol Hydrate 
vom Doppelt-Kohlenwasserstoff sind. 

3. Dafs die zusammengesetzten Aetherarten Salze 
vom Doppelt-Kohlenwasserstoff sind, und zwar wasser- 
freie, wenn sie mit Wasserstoffsäuren, und dagegen was- 
serhaltige, wenn sie mit Sauerstoffsäuren gebildet sind. 

4. Dafs mehrere Säuren, wie es scheint, im Stande 
sind mit dem Doppelt-Kohlenwasserstoff saure Salze zu 
bilden, entsprechend der Schwefelweinsäure. Diese sau- 
ren Salze, mit Basen vereinigt, geben Doppelsalze, die 
den schwefelweinsauren Salzen ähnlich sind. 

5. Dafs der Aether im Momente seiner Freiwer- 



462 

düng sich oft in Alkohol verwandeln kann, unter ver- 
schiedenen Umständen, welche ihn Wasser absorbiren 
oder vielmehr Doppelt-Kohlenwasserstoff verlieren lassen. 

6. Dafs, wie schon Hr. Chevreul angedeutet hat, 
eine offenbare Beziehung zwischen der Zusammensetzung 
der Fette und der der Aether vorhanden ist. 

7. Und endlich, dafs alle Erscheinungen der Gäh- 
rnng mit den Analysen des Rohr- und Traubenzuckers 
in Uebereinstimmung kommen, wenn man diese Körper 
als Verbindungen von Kohlensäure, Doppelt-Kohlenwas- 
serstoff und Wasser ansieht; dafs auch der Rohrzucker 
als kohlensaurer Schwefeläther und der Traubenzucker 
als kohlensaurer Alkohol betrachtet werden kann. 



VIII. Octaedrischer Borax. 



Wie bekannt krystallisirt das neutrale borsaure Natron 
(der Borax) gewöhnlich in Krystallen, die hinsichtlich 
ihrer Form zum zwei- und eingliedrigen (Weifs) oder 
tetartoprismatischen (Mohs) Systeme gehören, 10 Atome 
Kryslallwasser enthalten und ein spec. Gewicht von 1,740 
besitzen. Nach Hrn. Payens Beobachtung (Journ. de 
chirn. thedic. 1828, iV. IV, p. 153.) ist es indefs auch 
fähig in einer andern Form, mit geringerem Wasserge- 
halte anzuschieisen. Löst man nämlich in Wasser von 
100° C. so viel Borax auf, dafs die Lösung eine Dichte 
von 1,246 bekommt, und läfst dieselbe langsam erkalten, 
so erhält man von 79° C. an, bis zu 56° C. , Krystalle 
von octaedrischer Form, welche nur 5 At. Krystallwas- 
ser enthalten, ein spec. Gewicht von 1,815 besitzen, här- 
ter sind wie gewöhnlicher Borax, und sich auch darin 
von diesem unterscheiden, dafs sie in Wasser oder feuch- 
ter Luft durch Absorption von Wasser trübe werden. 
Bei weiterer Erkaltung, unterhalb 56° C, giebt die Lö- 
sung wiederum die gewöhnlichen Krystalle. — Mehrere 
Beispiele von dem Einflüsse der Temperatur auf die Kry- 
stallisation der Salze findet man übrigens in dem Aufsatze 
des Prof. Mitscherlich, Bd. 87. S. 323. dies. Annalen. 



463 



IX. Beobachtungen über die Ausdehnung des 

Meerwassers zwischen -j-8° und — 3° R.; 

von G. A. Er man Juri. 



inige Beobachtungen, welche in den Polarregionen über 
die verhältnifsmäfsige Dichte und Temperatur des Meer- 
wassers, an der Oberfläche und in grofser Tiefe, gemacht 
worden sind, scheinen die Hypothese zu begünstigen, dafs 
die Gewässer in einer beständigen Strömung begriffen 
seyen, unten von dem Pole zum Aequator und oben um- 
gekehrt vom Aequator zu dem Pole. Es ist klar, dafs 
diese Hypothese oder jede andere, welche man an ihre 
Stelle .setzen könnte, nothwendig und ausschliefslich von 
der Lösung der Aufgabe ausgehen mufs: Ob das Meer- 
wasser, wie das süße Wasser, vor Erreichung seines 
Gefrierpunkts zu einem Maximum seiner Dichte ge- 
lange. 

I)e Luc, der Graf Rumford und Marcet haben 
diese Frage zuerst berührt. Die Zweifel, welche ihre 
Versuche übrig lassen, erklären sich leicht, wenn man 
ein Mifsverständniis beachtet, zu welchem ihre, Metho- 
den Anlafs gegeben haben. Sie mafsen nämlich die Aus- 
dehnung des Meerwassers in Thermometerröhren. So- 
bald nun in dem Behälter dieser Apparate die Bildung 
von Eis begann, wirkten die Ausdehnung dieses und die 
fortfahrende Zusammenziehung des noch flüssigen Theils 
in entgegengesetztem Sinne, und da hiedurch eine Com- 
pensation beider Wirkungen eintrat, so glaubte man, dafs 
bei dem Meerwasser wirklich ein Maximum, wenn gleich 
unterhalb 0° , vorhanden sey. Man hat sogar von die- 
sem Satze bereits einige Anwendungen auf die Physik 
der Meere gemacht. 

Es ist daher zweckmäfsig solche Methoden zu wäh- 
len, bei denen keine so verwickelte Wirkungen auftreten, 



464 

wie auch in der That hei dem freien Meerwasser, wel- 
ches den eigentlichen Gegenstand dieser Aufgabe aus- 
macht, nicht der Fall ist. 

Die ausführliche Auseinandersetzung der angewand- 
ten Methoden wird zeigen, dafs sie frei sind von den 
Einwürfen, welche man der thermometrischen Methode 
machen kann. 

Vielleicht haben diese Untersuchungen sich einer be- 
sonderen Aufmerksamkeit der Physiker zu erfreuen, da 
sie auf Aufforderung des Hrn. Alexander von Hum- 
boldt unternommen worden sind. 

Vier Methoden haben, abgerechnet einige geringe 
Unregelmäfsigkeiten, einstimmig das Resultat gegeben, dafs 
in der Zusammenziehung des Meerwassers zwischen +8° 
und — 3° R. keine Anomalie vorhanden ist. 

Diefs Resultat wurde erhalten: 

1) Durch Wägungen mittelst einer vortrefflichen 
hydrostatischen Wage. Die zu untersuchende Flüssigkeit 
war in einem kaum 4 Kubikzoll fassenden Gefäfse ent- 
halten und mit einer Kältemischung umgeben; durch öfte- 
res Umrühren wurde sie vollkommen auf eine gleichför- 
mige Temperatur gebracht. 

2) Mittelst eines Nicholson'schen Aräometers, wel- 
ches zur Controlle der Wägungen mit der Wage diente. 

3) ISach der Ho pe 'sehen Methode durch Beobach- 
tung der aufsteigenden Ströme. 

4) Durch eine Methode, die meines Wissens in die- 
ser Art noch nicht angewandt worden ist, und die mir 
eine grofse Genauigkeit mit der elegantesten Einfachheit 
zu vereinigen scheint. Sie erfordert nämlich blofs, dafs 
man das stufenweise Erkalten eines Thermometers beob- 
achte, welches entweder in reines Wasser oder in die 
zu untersuchende Lösimg eingetaucht ist. 



465 

I. Bestimmungen der hydrostatischen Wage. 

Der eingetauchte Körper war eine Glaskugel. 
Das absolute Gewicht derselben war .... 674s ran ,424 
Das G ew. im destillirten Wasser bei + 12 ° R. 400,200 
Das Gew. in einer Kochsalzauflös. bei + 12°R. 392,940 

Diei's giebt zunächst das specifische Gewicht der un- 
tersuchten Lösung == 1,0270, wenn das des Wassers zur 
Einheit angenommen wird. Da nach Hrn. Berzelius 
das specifische Gewicht des Meerwassers zwischen 1,028 
und 1,026 schwankt, so kann unsere Lösung als ein Meer- 
wasser von mittlerer Dichte angesehen werden. 

Die nachstehende Tafel enthält in der zweiten Ko- 
lumne die Gewichtsabnahmen der Glaskugel, welche den 
Temperaturen in der ersten Kolumne entsprechen. Die 
dritte Kolumne giebt die daraus hergeleiteten Dichten, 
berichtigt nach der von den HH. Dulong und Petit 
gegebenen kubischen Ausdehnung des Glases. 



Reanmur. 


Gewichts- 


Spec. Gewicht das 


Grad. 


abnahme. 


bei 0° R. = 1 gesetzt 


— 3,10 


284,36 


1,00002 


— 2,30 


284,36 


1,00002 


— 0,20 


281,34 


1,00000 


0,00 


284,34 


1,00000 


+ 0,88 


284,28 


0,99977 


+ 0,88 


284,28 


0,99977 


+ 1,50 


284,26 


0,99960 


+ 2,00 


284,26 


0,99960 


+ 2,20 


284,24 


0,99956 


+ 2,40 


284,18 


0,99928 


+ 2,60 


284,16 


0,99930 


+ 2,90 


284,16 


0,99926 


+ 3,10 


284,16 


0,99926 


+ 4,48 


284,16 


0,99922 


+ 6,22 


284,16 


0,99917 


+ 6,67 


284,06 


0,99880 


+ 7,11 


284,04 


0,99870 


+ 7,55 


283,96 


0,99844 


+ 8,00 


283,96 


0,99842 


+ 8,49 


283,90 


0,99818 


Annal. d. Physik. B. 88. St. 3. J. 1828. S 


,3. Gg 



466 

Wendet man die Methode der kleinsten Quadrate 
hierauf an, so findet man für die Dichten die Gleichung : 

d<v = 1 — 0,0001474. t — 0,000006026. t 2 
wo d^ die Dichte bezeichnet, welche der in Reau- 
mur 'sehen Graden ausgedruckten Temperatur t entspricht. 
Durch Differenziren der Gleichung überzeugt man sich, 
dafs zwischen den Glänzen der Beobachtung ( + 8° und 
— 3°) die Dichte kein Maximum erreichen kann. Die 
Gleichung giebt zwar ein Maximum für — 12° R. ; allein 
es ist klar, dafs für so weit aufserhalb der Beobachtung 
liegende Temperaturen der analytische Ausdruck nicht 
mehr genau seyn kann. 

Die obigen Gewichte und die aus ihnen abgeleiteten 
Dichten sind das Ergebniis mehrerer Reihen von Beob- 
achtungen, die hier ohne Unterschied und Ausnahme, 
nach den Temperaturen geordnet, zusammengestellt sind. 
Die Uebereinstimmung zwischen den Beobachtungen, wel- 
che gleichen Temperaturen entsprechen, kann zugleich 
die Vorzüglichkeit der Methode und die Zuverlässigkeit 
der erhaltenen Resultate beweisen. 

Es ist sehr wichtig zu bemerken, dafs bei der Beob- 
achtung, welche bei — 3 Ü ,00 gemacht wurde, sich nicht 
die geringste Spur von Eis gebildet haue, was nur da- 
durch möglich war, dafs man die Flüssigkeit in völliger 
Ruhe erhielt. Läfst man, nachdem einmal zwischen — 2°,3 
und 2°, 5 die Bildung von Eis an den Wänden- des Ge- 
fäfses begonnen hat, die Kältemischung anhaltend auf die 
Lösung wirken, so schreitet die Eisbildung am Boden 
fort, ohne dafs dadurch die Wägungen gestört werden; 
allein der flüssig gebliebene und über dem Eise befind- 
liche Theil der Lösung erreicht kein Maximum der Dichte, 
sondern verdichtet sich in's Unbestimmte, und die Incre- 
mente dieser Verdichtung sind sehr verschieden von denen, 
welche man zwischen -f-8° und — 2° beobachtet. Un- 
ter solchen Umständen habe ich gesehen: 



467 

.._. Gewichtsverlust Specifisches 

fhermometer. ^ Glaskugel> Gewicht. 

— 2°22 285,s r ,06 1,00380 

Das specifische Gewicht der Lösung bei 0° dabei 
als Einheit genommen. Diese anscheinend anomale Con- 
densation erklärt sich sehr genügend durch die Eisbil- 
dung, welche die Lösung concentrirt hat. 

II. Bestimmungen mittelst des Nie ho 1 son's chen 
Aräom et ers. 

Das angewandte Aräometer bestand aus einem Cylin- 
der von Weifsblech, welches zur Abhaltung der chemi- 
schen Wirkung der Lösung überfirnifst worden war. Das 
absolute Gewicht desselben betrug 2130 Gran. Nach La- 
voisier und Laplace beträgt die kubische Ausdehnung 
cles Weifsblechs für einen Grad Reaumur 0,000045 des 
Volumens bei 0° R. Mit diesen Angaben sind die rela- 
tiven Dichten der Kochsalzlösung aus den beobachteten 
Zulage - Gewichten berechnet, wie folgende Tafel zeigt: 

Temperatur. Zulage- Gewichte. Dichtigkeiten. 

— 1°,0 631,90 1,00010 
0,0 632,00 1,00000 

+ 1,0 631,43 0,99976 

2,0 630,75 0,99946 

3,0 630,55 0,99936 

4,0 630,40 0,99924 

5,0 629,80 0,99900 

6,0 629,25 0,99875 

7,0 628,90 0,99857 

8,0 628,25 0,99830 

9,0 627,27 0,99789 

10,0 626,89 0,99773 

11,0 626,62 0,99758 

+ 12,0 626,15 0,99716 

Wendet man die Methode der kleinsten Quadrate 

Gg* 



468 

zur Bestimmung der constanten Coeficienten an, so findet 
man für die Dichten die Gleichung 

d i ö = 1 — 0,0001841. t — 0,000004099. t 2 
welche eine etwas stärkere Ausdehnung als die Methode 
der Wägungen geben würde. Es ist indefs sehr wahr- 
scheinlich, dafs diese Verschiedenheit zwischen beiden 
Resultaten nur von den Temperaturen abhängt, welche 
man für die aräometrische Substanz vorausgesetzt hat. 
Wir haben nämlich, als wir das Aräometer wegen sei- 
ner Ausdehnung berichtigten, vorausgesetzt, dafs dasselbe 
gleiche Temperatur mit der Flüssigkeit hatte, obgleich 
es nicht sehr wahrscheinlich ist, dafs die Incremente der 
Temperatur, welche man der Flüssigkeit ertheilte, dem 
Aräometer augenblicklich mitgetheilt wurden. 

Giebt man der Annahme den Vorzug, dafs das Aräo- 
meter während der ganzen Dauer des Versuchs eine gleich- 
förmige Temperatur gehabt habe, so findet man die Glei- 
chung: 

d( ' )==;! — 0,0001391. t — 0,000004 109. t- 
welche, mit dem Resultate der hydrostatischen Wägung 
verglichen, nach der entgegengesetzten Seite neigt. Man 
sieht hieraus, dafs man in der Voraussetzung, das x\räo- 
meter sey bei steigender Temperatur um etwas gegen die 
Temperatur der Flüssigkeit zurückgeblieben, die Resul- 
tate beider Methoden vollkommen in Uebereinstiummng 
bringt. 

III. Bestimmungen nach der Hope'schen Methode. 

Obgleich zur Zeit der Anstellung dieser Versuche 
die Atmosphäre nicht kalt genug war, um alle die sinn- 
reichen Variationen, welche Hope angegeben hat, her- 
vorzubringen; so steht doch zu hoffen, dafs die Folge- 
rungen, welche sich aus den nachstehenden Beobachtun- 
gen ergeben, schon hinreichen werden, um die in Rede 
stehende Thatsache zu bestätigen. 

Erster Versuch. Ein cylindrisches Gefäfs, 21 Z. hoch 



469 

und 3,1 Zoll im Durchmesser, wurde mit einer Kochsalz- 
lösung gefüllt, die ein specifisches Gewicht von 1,027 und 
eine Temperatur von 6°,0 R. besafs. Man stellte drei 
Thermometer in das Gefäfs: No. I. am Boden, No. II. 
zehn Zoll oberhalb des Bodens und "No. III. zwanzig Zoll 
oberhalb des Bodens, und setzte es nun der erkaltenden 
Wirkung der Atmosphäre aus, deren Temperatur + 1 ü R. 
betrug. Die Thermometer No. I., IL, III. wurden zuvor 
mit einander verglichen, so dafs die unten stehenden 
Zahlen von den Fehlern der Instrumente befreit anzu- 
sehen sind. 

Th erm oraeter 

„ . . . No. I. No. II. No. III. 

Beobacfatungszeit. am Bodeu- 1 Z. üb. d.Boden. 20Z. üb.d.Boden. 

l h 25' 5°,25 5°,11 5°,30 



30 


5,75 


5,33 


5,16 


36 


4,70 


4,80 


5,12 


41 


4,25 


4,44 


4,50 


46 


4,20 


4,30 


4,50 


l h 57' 


3,60 


3,60 


3,90 


2 h 5' 


3,10 


3,40 


3,70 


15 


2,90 


3,11 


3,45 


23 


2,60 


3,11 


2,20 


30 


2,25 


2,84 


1,95 


40 


2,00 


2,75 


1,70 


2 h 52' 


1,70 


2 ; 22 


1,70 



Ungeachtet der Beobachtungsfehler, die von Able- 
sungen unter ziemlich ungünstigen Umständen herrühren, 
sieht man: 

dafs um 2 h 5' eine Schicht von 3°, 70 über einer von 3°, 10 
und um 2 h 15' - - - 3°,45 - - - 3°,10 

sich befand , so dafs ein Maximum der Dichtigkeit in der 
Nähe von 3°,50 sehr unwahrscheinlich wird; noch spre- 
chender aber ist der Umstand, dafs die Erkältung von 
3°, 6 bis zu 1°,7 am Boden des Gefäfses mit nahe glei- 
cher Schnelligkeit erfolgte, als die Erkältung von 5°,6 



470 

bis zu 3°,7. — Vorzüglich unter diesem letzteren Ge- 
sichtspunkt scheinen die zwei folgenden Beobachtungsrei- 
hen, welche eine unmittelbare Vergleichung des Verhal- 
tens von süfsem Wasser und Salzwasser gestatten, von 
einigem Werthe zu seyn. Der oben beschriebene Cylin- 
der wiederum mit den Thermometern in den früher an- 
gegebenen Höhen versehen,- wurde in einem Zimmer, des- 
sen Temperatur +12°,0 R. betrug, aufgestellt, und eine 
erkältende Mischung, bei — 15°0 R. erhalten, umgab den 
untern Theil des Gefäfses. 

Zweiter Versuch. Cylinder mit heißem Wasser. 

Temperatur 

Beobachtungszeit, am Boden, in 10 Zoll Höhe, in 20 Zoll Höhe. 

11°,90 11,80 

11,80 11,80 

11,90 11,90 

12,00 12,00 

nicht beobachtet 

10,00 12,00 

9,77 12,00 

6,18 12,00 

6,11 12,00 

6,00 — 

6,00 — 

Freilich war bei diesem Versuch die Temperatur der 
oberen Schicht zu hoch ( + 12°,0 R.), als dafs dieselbe 
unter das durch fortgesetzte Erkältung ausgedehnte Was- 
ser hätte sinken können, und daher winde denn auch 
der Stand des obern Thermometers durch keine aufstei- 
gende Strömimg geändert. — Aber die in 10" Höhe er- 
folgte Temperaturabnahme und die gänzliche Unbeweg- 
lichkeit des unteren Thermometers, welches in der Mitte 
eines Wassers von — 15°,5 auf -f- 1°,10 lange Zeit sich er- 
hielt, bezeugen so deutlich die Anwesenheit eines Maxi- 



4 h 20' 


6°,00 


28 


3,50 


43 


3,20 


46 


2,50 


49 


2,00 


59 


1,80 


5 h 12> 


1,75 


22 


1,50 


39 


1,10 


5 h 52' 


1,00 


6 h 30' 


1,20 



471 

iniims der Dichtigkeit, dafs die Empfindlichkeit des ange- 
wandten Apparates genugsam erwiesen ist. 

Nun gab unter vollkommen identischen Umständen 
eine Kochsalzauflösung von 1,027 specif. Gewicht fol- 
gende Resultate. 

Dritter Versuch. Cylinder mit Salzwasser von 1,027 
specißschem Gewicht angefüllt. 







Thermomete 


r 


jachtungszeit. 


am Boden. 


in 10 Zoll Höhe. 


in 20 Zoll Hol 


2h 40' 


+ 6°,5 


+ 11°,H 


+ 11°,30 


45 


5,0 


11,11 


11,40 


48 


4,0 


11,11 


11,40 


52 


3,0 


11,16 


11,40 


2 h 55' 


2,0 


11,16 


11,40 


3 h 2' 


+ 1,0 


11,21 


11,50 


8 


0,0 


11,16 


11,50 


19 


-1,5 


11,16 


11,50 


3 h 24' 


2,0 


11,16 


11,70 



Vollwichtigere Zeugnisse, als die Unbeweglichkeit 
des mittleren Thermometers und die schnelle Erkältung 
des Bodens, bleiben kaum zu wünschen übrig; unter voll- 
kommner Gleichheit der Umstände fiel die Temperatur 
am Boden des Salzwassers von + 2°,0 bis zu — 2°,0, 
in 29', während das Thermometer am Boden des süfsen 
Wassers während länger als einer Stunde zwischen +1°,5 
und +1°,1 beobachtet wurde. 

Nichtsdestoweniger konnte man verlangen, durch die 
Methode der Strömungen noch directere Beweise von der 
Nichtexistenz eines Maximums der Dichtigkeit zu erhalten, 
als die, welche bisher angeführt wurden. Es mufste zu 
diesem Ende ein solches Zusammentreffen von Umstän- 
den herbeigeführt werden, dafs im süfsen Wasser kältere 
Schichten über wärmeren längere Zeit im Gleichgewicht 
sich zeigten, und der Versuch mufste beweisen, dafs auch 



472 

unter diesen Verhältnissen das Salzwasser nichts Aehnli- 
ches zu zeigen im Stande sey. Auch in Ermanglung 
einer hinlänglich niedrigen Temperatur der Atmosphäre 
wurden bei folgendem Versuch dergleichen Umstände er- 
halten; ein cjlindrisches Glasgefäfs von 1" Durchmesser 
und 10" Höhe, mit zwei Thermometern (am Boden und 
in 9" Höhe befindlich) versehen, wurde von allen Sei- 
ten mit einer erkältenden Mischung umgeben. Süfses 
Wasser und Salzwasser, welche nach einander in das 
auf diese Art aufgestellte Gefäfs gefüllt wurden, zeigten 
den in folgender Tafel zusammengestellten Gang der Er- 
kältung: 

Vierter Versuch. 
Süfses Wasser. Salzwasser v. 1,027 sp. Gew. 





Thermometer. 




Thermometer. 


Beobach- 
tungszeit. 


Unteres. 


Oberes. 


Beobach- 
tungszeit 


Unteres. 


Oberes. 


9 h 25' 


+ 2°,70 + 2°,10 


10 h 56' 


— 1°,40 


— 5°00 


26 


+ 2,60 


+ 1,50 


ll h 0' 


— 1,60 


+ 3,50 


27 


+ 2,50 


+ 1,25 


1 


— 1,60 


+ 2,00 


28 


+ 2,30 


+ 0,80 


4 


— 1,60 


+ 0,50 


28,5 


+ 2,20 


+ 0,60 


5 


— 1,60 


0,00 


29 


+1,80 


+ 0,25 


6 


— 1,60 


— 0,50 


30 


+ 1,60 


+ 0,00 


7 


— 1,60 


— 1,00 


31 


+ M5 


— 0,25 


9 


— 1,60 


— 1,25 


32 


+ 1,18 


— 0,50 


ll h 12' 


— 1,60 


— 1,50 


32,5 


+ 0,80 


— 0,75 








33 


+0,50 


— 1,00 








33,5 


+ 0,20 


— 1,25 








9 h 35',0 


— 0,10 


— 1,50 









Während der ganzen Dauer des Versuches sieht man 
an der Oberfläche des silsfen Wassers Schichten, wel- 
che um ungefähr 1°,6 kälter sind, als die am Boden be- 
findlichen, und von einer ähnlichen Anomalie für das Salz- 



473 



wasser findet sich keine Spur; im Gegentheil beweist für 
die Salzlösung der Versuch, dafs zwischen +5° und 
— 1°,50 kein Grad der Temperatur sich befindet, bei wel- 
chem Salzwasser dichter wäre, als dasselbe bei — 1°,6 ist. 
Um Mißverständnisse zu vermeiden mufs erwähnt 
werden, ehe wir die Versuche durch Strömungen verlas- 
sen, dafs wir, Salzlösungen nach dieser Methode behan- 
delnd, den Versuch nie bis unter Temperaturen von 
— 2°,0 fortgesetzt haben, weil das Eis, welches bei die 
ser Temperatur sich zu bilden und gegen die Oberfläche 
aufzusteigen anfängt, das normale Gleichgewicht der Tem- 
peraturen nothwendig gestört haben würde. — 

IV. Versuche nach der Methode der Erkältungszeiten, 

Während einer Lufttemperatur von — 15 °,5R. tauchte 
ich einst die Kugel eines Thermometers in ein Glasgefäfs 
mit süfsem Wasser von 1",5 Höhe und l y/ ,0 Durchmes- 
ser; so dafs die Thermometerkugel eine Linie über dem 
Boden sich befand; das Thermometer und das daran be- 
festigte Glasgefäfs wurden in der kalten Atmosphäre frei 
aufgehängt, um die alimälige Erkältung des Wassers zu 
beobachten, dessen anfängliche Temperatur etwa + 7°,0R. 
war. Folgendes war das, man möchte sagen überraschende 
Resultat des Versuchs: 

Beohachtungszelt. Thermometer. Zeltintervalle. 



6 h 



5' 5" 
55 

6 50 

7 40 

8 45 
10 37 

13 55 

14 55 
16 5 



+ 6°,6 
5,5 
5,0 
4,5 
4,0 
3,5 
3,0 
2,5 

+ 2,0 



50" 
55 
50 
50 
65 
198 
60 
70 



Mit der gröfsten Klarheit spricht sich der Einflufs 
eines Maximums der Dichtigkeit bei dieser Art des Ver- 



474 

suches aus; die plötzlich verzögerte Erkältung zwischen 
4° und 3°, und vorzüglich zwischen 3°, 5 und 3°,0 wäre, 
ohne vorläufige Kenntnifs von der anomalen Ausdehnung 
des Wassers, ein unerklärliches Räthsel gewesen Sehr 
leicht müfste sogar der Calcul Mittel finden, die Tempe- 
ratur der gröfsten Dichtigkeit aus dieser Art des Versu- 
ches herzuleiten, da die blofse Anschauung der erhalte- 
nen Zahlen aufser Zweifel setzt, dafs das Maximum nur 
zwischen 4° und 3° , und sogar viel näher an 3 Ü ,5 als 
an 3,0 sich befinde (siehe dritte Spalte der obigen Tafel). 
Die Anwendung dieser Methode auf den Gegenstand der 
hier vorliegenden Versuche bot sich sehr natürlich dar. 
In Ermanglung sehr niedriger atmosphärischer Temperatu- 
ren braucht man nur ein, auf die eben beschriebene Art 
mit einem Thermometer versehenes Gefäfs, mit der zu 
untersuchenden Salzlösung angefüllt, in eine erkältende 
Mischung gänzlich einzutauchen. Die berührende kalte 
Masse mufs dann die Stelle einer erkältenden Atmosphäre 
vertreten, mit der einzigen Ausnahme, dafs hier das Lei- 
tungsvermögen die in der Atmosphäre statt findende Strah- 
lung ersetzen mufs, und dafs daher eine viel schleunigere 
Erkältung bedingt werden wird. 

Die Reihe dieser Versuche wurde mit einem vorläu- 
figen begonnen, bei welchem süfses Wasser in einer er- 
kältenden Mischling sich befand, um einen durchaus un- 
mittelbaren Vergleichungspunkt auf diese Art zu gewinnen. 

Kleiner Glascylinder mit süfsem Wasser in einem 
Gemenge von Schnee und Chlor calcium. 



)bachlungszcit. 


Thermometer. 


Zeitintervalle, 


6 0' 2',2 


+ 7°' 


. 12",4 
. 16,8 
. 40,8 

. 208,2 
. 17,0 
. 30,0 


15,2 

32,0 

1 12,8 

4 41,0 

58,0 

5 28,4 


-i-6 ' ' 
+ 5 

+ 4 * • 
+ 3 ' ' 
+ 2 ' • 
+ 1 



475 



Diese Reihe beweist, dafs die Stelle der Atmosphäre 
vollkommen durch eine erkältende Mischung ersetzt wird. 
— Die Bemerkung, dafs alle hier zu erwähnenden Er- 
kältungszeiten an einem vortrefflichen Kessel sehen Chro- 
nometer, welches 0",4 schlägt, beobachtet wurden, wird 
wenigstens von dieser Seite den Versuchen einiges Zu- 
trauen verschaffen. — 

Die nun folgende Reihe wurde mit Salzwasser von 
1,027 speeifischem Gewicht angestellt, und enthält also 
Alles, was diese vierte Methode in Bezug auf die vorlie- 
gende Frage geliefert hat. 

Dasselbe Gefäfs in derselben erhaltenden Mischung, 
Salzwasser von 1,027 Gew. enthaltend. 



Beobachtungszeit. Thermometer 



6 h 15' 28",0 

41,2 

56,8 

16' 10,8 

29,6 

52,8 

17' 20,1 

54,8 

18' 33,6 

19' 20,4 

20' 16,4 



+ 6 Ü ,0 

+ 5,0 

+ 4,0 

+ 3,0 

+ 2,0 

+ 1,0 

0,0 

-2,0 

2,0 

3,0 

-4,0 



Zeitintervalle. 

, . 13",2 

. 15,6 

. 14,0 

, . 18,8 

. 23,2 

, . 27,6 

. . 34,4 

, . 38,8 

. . 46,8 

. . 56,0 



Die Intervalle schreiten fort ohne jede Unterbrechung 
der Regelmäfsigkeit, und nur die zufälligen Beobachtungs- 
fehler bewirken einige Abweichungen von dem für die 
festen Körper geltenden Erkältungsgesetz. Die vierte 
Methode giebt uns hiemit einen sehr sicheren Beweis von 
der regelmäßigen Ausdehnung des Salzwassers zwischen 
den Graden +6°,0 und — 4,0 R. 

Für die Theorie der Erscheinung schien es von 
Wichtigkeit, zu untersuchen, bei welchem Grade des Salz- 



476 

gehaltes das Wasser die Eigenschaft ein Maximum zu er- 
reichen verliere. Die vierte Methode wurde zu diesem 
Ende von neuem angewendet: 

auf eine Lösung A. vom specif. Gewicht 1,020 
- -JB. vom specif. Gewicht 1,010. 

Es folgen hier die Resultate dieser Versuche: 



Lösung A. vom specif. Gewicht 1,020. 



Temperatur. 

4-7° 

6 

5 

1 

3 

2 
4-1° 


— 1° 



Zeiten. 

1 35' 26" 

33 

41,5 

35'51,ö 

36' 4,0 

19,5 

36' 40,0 

37' 4,0 

43,0 



Intervalle. 

7",0 

8,5 

9,5 
13,0 
15,5 
20,5 
24,0 
39,0 



Das Thermometer blieb darauf lange Zeit unbeweg- 
lich bei — 1°,25, und der Boden des Gefäfses fand sich 
mit Eis bedeckt. Ein zu diesem Behuf angestellter Ver- 
sach bewies, dafs — 1°,25 der Temperaturgrad der Eis- 
bildung in der untersuchten Lösung ist. Es leuchtet also 
ein, dafs eine Lösung von 1,020 specif. Gew. kein Maxi- 
mum der Dichtigkeit hat, welches höher als bei — 1°,0 
liegt, und dafs, wenn überhaupt ein Maximum vorhan- 
den ist, dasselbe dem Gefrierpunkte der Lösung so nahe 
liegt, dafs die Wirkungen der Liquefactionswärme und 
die des Maximums der Dichtigkeit für die Beobachtung 
zusammenflielsen. 



477 
Lösung B. vom specif. Gewicht 1,010 



13",0 

18,0 
16,5 
30,5 

133,5 



Zeiten. Intervalle. 

+ 6°,0 7 h 32'29",0 

5,0 42,0 * 

4,0 33' 0,0 * 

3,0 16,5 * 

2,0 33' 47,0 ' 

1 K CThermomet. stationair . 
~*~ ' ö< Jvon 34'22" bis 36' 0" 

Das Thermometer fiel darauf bis — 2°,0, ohne dais 
das Wasser der Flüssigkeit gefroren wäre ; erst nach die- 
ser Zeit bildete sich Eis, und das Thermometer stieg 
plötzlich bis zu — 0°,50. Dieses ist also der Gefrier- 
punkt der Lösung, und das lange Verweilen des Ther- 
mometers zwischen 2° und l ü ,5 kann nur einem Maxi- 
mum der Dichtigkeit zugeschrieben werden, welches bei 
diesem Grade der Temperatur eintritt. 

Die Ergebnisse der hier mitgetheilten Versuche wären 
also : 

1) Daß das Salzwasser von 1,027 spec. Gewicht 
kein Maximum der Dichtigkeit hat , so lange es flüssig 
ist, und daß, selbst wenn Eis sich darin bildet, der 
flüssig gebliebene Theil beständig und sehr stark an 

Dichtigkeit zunimmt. 

2) Daß Salzwasser von 1,020 spec. Gewicht eben- 
falls kein Maximum erreicht, oder doch keines, welches 
vom Gefrierpunkte der Lösung ( — 1°,25) merklich ent- 
fernt wäre. 

3) Endlich: daß eine Lösung von salzsaurern Na- 
tron von 1,010 spec. Gewicht ein Maximum erreicht, 
aber bei einer Temperatur, die niedriger ist als die der 
gröfsten Dichtigkeit für süßes Wasser; denn 

das Maximum des Salzwassers 
von 1,010 spec. Gewicht entspricht . . +1°,50 R. 



478 

Es scheint demnach, als ob eine Beimischung von 
salzsaurem Natron, je stärker sie wird, den Punkt des 
Maximum desto tiefer hinabrückt, am Ende aber ihn ganz 
verschwinden macht. Hier möchte man beinahe es für wahr- 
scheinlich halten, dafs die anscheinende Nichtexistenz des 
Maximum nichts Anderes ist, als ein bis in den Zustand 
der Festigkeit hinabgerücktes Maximum. Dieser Um- 
stand, der für das Rose 'sehe Metallgemisch erwiesen ist, 
würde vielleicht bei mehreren Körpern sich finden, wenn 
man ihre Volumveränderungen in der Nähe des Schmelz- 
punktes untersuchte. 



X. Ueber die Anziehung zwischen gleichartig und 
ungleichartig elektrisirten heitern. 



Die nachstehende Beobachtung macht keinen Anspruch 
darauf, über die Anziehung zwischen elektrisirten Leitern und 
der Vertheilung der Elektricität in ihnen etwas wesentlich 
Neues zu bringen; wohl aber kann sie dazu dienen, mehrere 
Sätze aus der Mechanik der Elektricität auf eine einfache Art 
zu erläutern. Aus diesem Grunde wird sie gewifs hier eine 
Stelle verdienen, selbst wenn sie auch vielleicht schon sonst 
von Jemand gemacht worden seyn sollte. Ich entlehne diese 
Beobachtung aus einem Schreiben des Hrn. Prof. Strehlke 
in Danzig an mich, worin sie folgendermafsen beschrieben 
wird. 

Zwei congruente Kreisscheibchen von Stanniol, von etwa 
\" im Durchmesser, hing ich an feine Fäden von roher Seide 
auf. Um die Scheiben einander zu nähern oder dieselben von 
einander zu entfernen, befestigte ich die Fäden, welche ich 
etwa 8 Zoll lang nahm, an den Spitzen eines Zirkels, dessen 
Charnier an einem vertical stehenden Gegenstand festgebunden 
wurde. Als nun beide Scheibchen mit gleichartiger oder ent- 
gegengesetzter Elektricität versehen wurden; so zeigte sich ein 
Gegensatz in der Stellung der verticalen Scheibchen. Bei 
gleichartiger Elektrisirung stellten sich dieselben nämlich paral- 
lel (senkrecht gegen die Linie, welche ihre Mittelpunkte ver- 
binden würde) und blieben in dieser Lage, bei ungleichartiger 
aber, stellten sie sich in dieselbe gerade Linie, in ihre gegen- 
seitige Verlängerung. 



479 



XL JJeber die Bereitung einer reinen Titansäure; 
von Heinrich Rose. 



enn man sich eine reine Tifansäure aus Titaneisen 
(titansauren Eisenoxydul) bereiten will, das man leichter 
in grofser Menge erhalten kann, als Rutil, so kann diefs 
auf folgende Weise geschehen. Das titansaure Eisenoxy- 
dul wird fein gepulvert, oder, was freilich besser ist, ge- 
schlämmt, und darauf in einem Porzellanrohre sehr stark 
geglüht, während ein Strom von Schwefelwasserstoffgas 
darüber geleitet wird, der vorher durch eine Röhre von 
Chlorcalcium geht. Das Eisenoxydul wird dadurch re- 
ducirt und in Schwefeleisen verwandelt, während die Ti- 
tansäure dabei nicht verändert wird. Es erzeugt sich 
Wasser, aber es entweicht auch mit demselben Schwefel, 
weil sich nicht gerade Schwefeleisen im Minimum von 
Schwefel, sondern auch künstlicher Schwefelkies bildet. 
Nach dem Erkalten digerirt man das erhaltene Product mit 
concentrirter Chlorwasserstoffsäure, wodurch eine starke 
Entwicklung von Schwefelwasserstoffgas entsteht, aber 
auch Schwefel sich abscheidet, der sich mit der durch's 
Glühen in der Säure ganz unauflöslich gewordenen Titan- 
säure mengt und dieselbe grau färbt. Wenn keine Ent- 
wicklung von Schwefelwasserstoffgas mehr statt findet, 
filtrirt man die Titansäure, süfst sie aus, trocknet und 
glüht sie, wodurch der mit ihr gemengte Schwefel ver- 
flüchtigt wird. 

Wenn man diese Operation nicht noch einmal wie- 
derholt, so ist die erhaltene Titansäure nicht frei von 
Eisenoxyd, und daher nach dem Glühen röthlich. Der 
Grund davon ist der, dafs die Menge des Eisenoxyduls 
im titansauren Eisenoxydul, und daher auch die Menge 
des gebildeten Schwefeleisens sehr bedeutend ist. Letz- 
teres schmilzt, sintert mit der Titansäure zusammen, und 



480 

verhindert, dafs der Kern der zusammengesinterten Masse 
vollständig zersetzt werde. Man braucht daher bei der 
ersten Operation die Masse nicht so lange in der Atmo- 
sphäre von Schwefelwasserstoffgas zu glühen, bis sich 
durchaus gar kein Wasser mehr erzeugt, was auch sehr 
lange dauern würde, sondern nur so lange, bis dasselbe 
aufhört sich in grösserer Menge zu entwickeln. Man be- 
handelt dann die zusammengesinterte Masse auf die be- 
schriebene Art, und unterwirft die erhaltene röthliche 
Titansäure einem zweiten Glühen, während Schwefelwas- 
serstoffgas darüber geleitet wird. Wird dann die erhal- 
tene Masse mit Chlorwasserstoffsäure behandelt, die Titan- 
säure sorgfältig ausgesüfst und geglüht, so ist sie nach dem 
Glühen ganz weifs und vollkommen rein. 

Es versteht sich, dafs man jede nicht ganz reine 
und etwas eisenhaltige Titansäure auf die beschriebene 
Weise leicht reinigen kann. Der Rutil könnte ebenfalls 
so behandelt werden, nur mufs er vorher geschlämmt wor- 
den seyn. 

Ich halte diese Methode, sich reine Titansäure zu 
verschaffen, für die kürzeste und wohlfeilste. Die Me- 
thode, die ich früher vorgeschlagen habe *), das titan- 
saure Eisenoxydul in Chlorwasserstoffsäure aufzulösen, 
Weinsteinsäure der Auflösung hinzuzufügen, und das 
Eisenoxydul durch wasserstoffschwefliges Schwefelammo- 
nium zu fällen, ist viel zu umständlich und kostbar, und 
liefert, da alle käufliche Weinsteinsäure, die ich Gele- 
genheit gehabt habe zu untersuchen, Kalkerde enthält, 
eine kalkhaltige Titansäure. 

Wenn das titansaure Eisenoxydul, während Schwe- 
felwasserstoffgas darüber geleitet wird, nicht heftig ge- 
glüht wird, so erhält man bei der nachherigen Behand- 
lung eine Titansäure, die, wenn sie mit Wasser ausge- 
süfst wird, zum Theil milchicht durch's Filtrum läuft, was 

nicht 

*) Poggendorff's Ann. Bd. III. S. 163. 



481 

nicht der Fall ist, wenn eine stärkere Hitze dabei ange- 
wandt worden ist. Man kann daher diese Operation nur 
in einer Porzellanröhre vornehmen, nicht aber in einer 
Glaskugel, die durch eine Spirituslampe mit doppeltem 
Luftzuge erhitzt wird. 

Statt des Schwefelwasserstoffgases kann man sich 
nicht mit gleichem Erfolge des Wasserstoffgases bedie- 
nen. Das Eisenoxydul wird zwar dadurch reducirt, und 
das redueirte Eisen löst sich in Chlorwasserstoffsäure auf, 
während die Titansäure ungelöst zurückbleibt; ich erhielt 
indessen auf diese Weise immer eine Titansäure, die etwas 
eisenhaltig und daher nach dem Glühen röthlich war. — 
Dasselbe ungünstige Resultat erhielt ich auch, wenn ich 
statt des Schwefelwasscrstoffgases Chlorwasserstoffgas an- 
wandte 

Aus titansaurem Eisenoxydul kann man sich noch 
auf eine leichtere Weise Titansäure, aber keine vollkom- 
men reine, bereiten. Man menge das geschlämmte Pul- 
ver desselben mit Schwefel und schmelze es damit in 
einem hessischen Tiegel. Die erhaltene Masse, die eine 
Mengung von Schwefeleisen und Titansäure ist, und auch 
Eisenoxyd enthalten kann, wenn der Zutritt der Luft 
nicht gehindert worden ist, wird mit Chlorwasserstoff- 
säure digerirt, die ungelöste Titansäure ausgesüfst, ge- 
trocknet und geglüht. Sie enthält indessen noch immer 
viel Eisen und sieht roth aus, doch ist die Menge des- 
selben ungefähr nur so grofs, wie im Rutil. Wenn man 
die so erhaltene Titansäure in einer Porzellanröhre auf 
die beschriebene Art glüht, während Schwefelwasserstoff- 
gas darüber geleitet wird, so erhält man sie nach Be- 
handlung mit Chlorwasserstoffsäure ganz rein. Diese 
Methode ist noch vortheilhafter, als das zweimalige Glü- 
hen des titansauren Eisenoxyduls in der Porzellanröhre 



Annal.d. Physik. B.88.St. 3. J. 1828. St. 3. Hh 



482 



XII. Neue Bereitungsart des Jodwasserstoff säur e- 

Gases. 



-Llie gewöhnliche Bereitungsart dieses Gases besteht darin, 
dafs man 1 Th. Phosphor mit 16 Th. Jod verbindet und 
den gebildeten Jodphosphor durch Wasser zersetzt. Diefs 
Verfahren ist aber nach Hrn. d'Arcet verwickelt, und 
wegen der bei der Bildung des Jodphosphors statt finden- 
den Wärmeentwicklung sogar gefährlich, da das Gemenge 
leicht verpufft. Er schlägt daher das nachstehende Ver- 
fahren vor, welches darauf beruht, dafs das Jod die Ei- 
genschaft besitzt, das Wasser der sogenannten Unterphos- 
phorsäure *) zu zersetzen, sich mit dem Wasserstoff des- 
selben zu verbinden und den abgeschiedenen Sauerstoff 
auf den Phosphor zu tibertragen. Zu dem Ende nimmt er 
Unterphosphorsäure und kocht sie so weit ein, bis sie Phos- 
phorwasserstoffgas entwickelt, wo sie dann nur das zu ihrer 
Verbindung nöthige Wasser enthält. So concentrirt, bringt 
er sie mii einer gleichen Gewichtsmenge Jod in einen 
schicklichen Apparat und erwärmt das Gemenge mäfsig. 
Das sich entwickelnde Gas wird dann auf die gewöhnli- 
che Art aufgefangen; man kann sogar Flaschen mit die- 
sem Gase über Quecksilber füllen, ohne befürchten zu 
dürfen, dafs es zersetzt und Jodquecksilber gebildet wird, 
sobald die Füllung etwas rasch geschieht. Der Rück- 
stand der Operation scheint nur Phosphorsäure zu seyn, 
überzogen mit der Substanz die Hr. Labillardiere jod- 
wasserstoffsauren Phosphorwasserstoff genannt hat. — Aus 
6 bis 7 Grm. Unterphosphorsäure erhielt Hr. A. 2 Liter 
des reinen Gases, das vollkommen von Wasser absorbirt 
wurde. Das genannte Verfahren kann auch nach Hrn. A. 
dazu dienen, die unterphosphorichte und phosphorichte 
Säure und Unterphosphorsäure zu analysiren. Auf glei- 
chem Wege läfst sich aus Unterphosphorsäure und Brom, 
Bromwasserstoffsäure-Gas bereiten, doch ist es nach Hrn. 
d'Arcet von keinem praktischen Nutzen {Ann. de chirn. 
et de phys. XXXV U. 220. Auszug). 

*) Die aeide liypo-phosphoriquc oder phusphatiqne der französi- 
schen Chemiker ist nach Berzelius nur ein Gemenge von phos- 
phorichter Säure und Phosphorsäiire in veränderlichen Verhält- 
nissen. Eine wirkliche Unterphosphorsäure, die mit Basen un- 
terphosphorsäure Salze gäbe, ist bis jetzt noch nicht aufgefunden. 

P. 



483 



XIII. lieber einige neue Formen des regulären 
Krystallis alionssy stems ; von ^Gustav Rose. 



1. Flufsspath. 

yJ nter den Mineralien, deren Formen zu dem regulären 
Krystallisationssysteme gehören, finden sich bei keinem 
so viel Sechs -mal- acht flächner oder Formen, die für sich 
gedacht mit 48 gleichen und ähnlichen Flächen begränzt 
sind, als beim Flufsspath. Man kennt zwar bis jetzt bei 
diesem Minerale mit Genauigkeit nur eine solche Form, 
die von Haüy beschrieben ist, dafs aber deren mehrere 
bei ihm vorkommen, ersieht man aus der Beschreibung 
des Flufsspathes von Phillips *), der hier 5 anführt, 
die er mit d l , d 2 , d 3 , d* , d s bezeichnet; aber nur bei 
d L und d 2 sind Winkel angegeben, und auch diese nur 
unvollständig und nicht mit der Genauigkeit, dafs man da- 
nac hdie Verhältnisse dieser Formen bestimmen könnte. 
Der Sechs-mal-achtflächner, den Haüy **) beim Flufs- 
spath beschrieben hat, ist der, welcher sich bei diesem Mi- 
nerale am häufigsten findet. Er ist Fig. 1. gezeichnet, doch 
kommt er für sich allein nicht vor, sondern erscheint ge- 
wöhnlich, wie bei Fig. 2., in Verbindung mit dem Wür- 
fel. Seine Flächen liegen je 6 um die Ecken desselben 
herum, je 2 immer nach einer Würfelkante gleich geneigt. 
Die 3 unter sich rechtwinkligen Axen werden von jeder 
Fläche des Sechs-mal-achtflächners in dem Verhältnifs von 
1:4 : t geschnitten, sein krystallographisches Zeichen ist 
daher (a:^a:^a). Die Neigungen seiner Flächen in den 
dreierlei Kanten, x, y, z (Fig. 1. Taf. IV), die in Ebenen 

*) Elementary introduction to the knowledge of mineralogy by 
W. Phillips, 3. ed. p. 170. 

**) Tratte de mineralogie par Haüy sec. ed. t. 1. p. 511. 

Hh2 



484 

liegen, die durch den Mittelpunkt und bei den Kanten x 
durch die Octaederkanten, bei den Kanten y durch die 
Würfelkanten, und bei den Kanten z durch die Granatoe- 
derkanten gelegt werden, sind folgende: 

Neigung in x =154° 47' 28" 

- y =144 2 58 

- z =162 14 50 
Flufsspathe mit diesen Flächen, wie Fig. 2. Taf. IV., 

finden sich auf den Bleigruben in der Gegend von Frei- 
burg in Baden (Teufelsgrund bei St. Truppert) *)_', zu 
Alienberg in Sachsen u. s. w. 

Unter den violblauen Flufsspäthen von Weardale 
in Cumberland, die sich in der Königlichen Mineralien- 
sammlung in Berlin befinden, kommen Würfel vor (siehe 
Fig. 3. Taf. IV.), deren Ecken auf eine ähnliche Weise 
durch 6 Flächen abgeändert sind, wie bei den Flufsspä- 
then von Freiburg. Die Flächen des Sechs-mal-achtfläch- 
ners sind glänzend, so dafs sie sich sehr gut messen las- 
sen. Ich fand hier die Neigung der Flächen in den Kan- 
ten / 136° 45' — 47', in den Kanten z 158° 47', was 
sehr gut mit den Winkeln eines Sechs - mal - achtflächners 
übereinstimmt, dessen Flächen die 3 rechtwinkligen Axen 
in dem Verhältnifs ven 1:4 : t schneiden, und dessen kry- 
stallographisches Zeichen daher (a;±a:la) ist. Seine 
Winkel sind folgende: 

Neigimg in x =165° 2' 20" 
- ' - y =136 47 15 

- z =158 46 49 

•) Merlan sagt (L c o n har d 's mineralogischen Taschenbuch 1823, 
1. Abtheilung S. 188.), dafs der Sechs - mal- achtflächner, der an 
den Flufsspäthen von diesem Fundort vorkomme , derselbe sey 
mit dem, dessen Hälflflächner Haüy beim Schwefelkies beschrie- 
ben und mit f bezeichnet hat. Diefs wäre der Sechs -mal - acht- 
flächner (a :\a:\a). Meine Messungen, die ich mit den Kri- 
stallen dieses Fundortes vorgenommen habe, und die ich der 
Güte des Herrn Apothekers Keller in Freiburg verdanke, stim- 
men hiermit nicht überein, und zeigen, dafs es der Sechs- mal - 
Achtflächner (a:\w.\a) sey. 



485 

In der Sammlung des Grafen v. Bournon, die mir 
bei meinem Aufenthalte in Paris durch die Güte ihres 
Besitzers auf die liberalste Weise zur Durchsicht offen 
stand, fan I ich Flufsspäthe aus England, Fig. 4. Taf. IV., 
die eine ähnliche Form hatten, wie die vorigen. Sie waren 
weifs, die Abänderungsflächen der Ecken des Würfels, 
wie bei Fig. 5. Taf. IV., die eine horizontale Protection 
einer Würfelecke dieser Krjstalle ist, gestreift, was in- 
dessen noch nicht verhinderte, dafs man ihre Winkel 
mit dem Reflexionsganometer messen konnte. Die Win- 
kel in den Kanten x fand ich von 152° 21'' — 23', in den 
Kanten y von 140° 41' — 43', in den Kanten z von 166° 
17 y — 22'. An einem andern Krystalle fand ich die Nei- 
gung in den Kanten y von 140° 14', und in der Kante z 
von 166 J 44' — 45 4-'- Diese Winkel stimmen mit de- 
nen eines Sechs -mal -achtflächners, dessen Zeichen ist 
(.|ö: Aß-.-rV«)* un d dessen Winkel in den dreierlei Kan- 
ten folgende sind. 

Neigung in x =152° 16' 41" 

- y =140 9 7 

- z =166 57 18 

Die Streifung auf den Flächen geht wahrscheinlich 
parallel den Kanten, worin die Flächen des Leucitoids 
(a-.a-.-^a) sie schneiden würden. 

Die Flächen des erstem und letzteren dieser Sechs- 
mal -achtflächner hatte ich Gelegenheit an einem engli- 
schen Flufsspathe zu beobachten, der sich in der Samm- 
lung des Herrn W. Phillips in London befindet, und 
den Herr Phillips die Güte hatte, mich näher untersu- 
chen zu lassen. Er ist durch sein Verhältnifs interessant, 
in welchem sich die Flächen der Sechs -mal -achtflächner 
zu den Flächen von andern bekanntern Formen des regu- 
lären Systems finden. Fig. 6. Tab. IV. ist die horizon- 
tale Protection einer seiner Würfelecken, h sind die 
Flächen des Würfels, g des Granatoeders, z des Leuci- 
toids (a:a-.±a) } o und n die Flächen der Sechs -mal- 



486 

achtflächner (4- a:\a-. T ' T ß) und (a-.^a-.^a), die hier 
als Abstumpfungsflächen der Kanten zwischen den Flä- 
chen des Granatoeders und des Leucitoids erscheinen, 
h die Flächen des Drei-mal-achtflächners (a-.a-.2a), da 
sie die Abstumpfungsflächen der Kanten y des Sechs-mal- 
achtflächners (a-.^a-.^a) sind. Die Flächen z sind 
glänzend, und ihre Winkel mit den Würfelflächen gut 
zu messen. Ich fand ihre Neigung sehr nahe 154° 46'. 
Die Flächen n und o sind weniger glänzend, besonders 
die Flächen o, doch konnten ihre Winkel noch mit dem 
Reflexionsganiometer bestimmt werden. Aufserdem fan- 
den sich noch kleine Abstumpfungsflächen der Kanten 
zwischen n und h, die aber zu matt waren, um sie mes- 
sen zu können. 

Die beiden zuletzt angeführten Sechs-mal-achtflächner 
(a-.-^a-.^-a) und (^a-.^a-.^a) sind auch bei andern 
Mineralien noch nicht beobachtet *). Die welche man 
bisher nur kannte, waren der vorhin angeführte Sechs- 

*) Vielleicht sind die beiden Sechs-mal-achtflächner d l und d 2 , ■von. 
denen Phillips beiru Flufsspath Messungen angiebt, dieselben die 
liier beschrieben sind, doch müfste man in diesem Falle Irrthümer 
in den Messungen von mehr als 1 Grade annehmen. Nach Phil- 
lips sind die Neigungen von d l und d 2 in den Kanten z von 
166° 50' und 160° 12', und die Neigungen gegen die Würfelflä- 
chen von 153° 10' und 155° 44'. Wären diefs die Sechs-mal- 
achtflächner (\a:\a-.Yia) und (a:^a:la) , so müfsten die erste- 
llen Winkel von 166° 57' und 158° 47', die letzteren von 152° 4' 
und 155° 41' seyn. — Auch würde die Lage von (a \\a:\a) =:r 
nicht eine solche seyn können, -wie Phillips die von d 1 an- 
giebt, zwischen d 1 und der Granatoederfläche; doch kann man 
sich auf die Zeichnungen von Krystallen, in welchen Phil- 
lips alle Flächen zusammengestellt hat, die er beobachtet hat, 
nicht verlassen, da sie nicht nach der Natur entworfen sind, und 
so also leichter sich Fehler haben einscbleichen können, liern- 
hardi meint (Beiträge zur nähern Kenntnils der regelmäfsigen 
Krystallformen, S. 20.), dafs die von Phillips mit d l und d 2 
bezeichneten Flächen wohl die Flächen (\a:\a:n^a) und (a:\a :\a) 
seyn könnten, doch würden dann die Winkel noch mehr ab- 
weichen, als nach meiner Annahme. 



487 

mal-achtfläclmer (a-.^a-.^a) und der auch von Haüy 
schon angegebene (a:?a:^a). Mohs *) führt femer 
noch den Sechs -mal -achtflächner (a-.^a-.^a) auf (seine 
zweite Varietät), doch weiis ich nicht, bei welchem Mine- 
rale er sich findet, und ist wahrscheinlich nur angenom- 
men, weil die Hälftflächner desselben, sowohl der Sechs- 
mal -vierflächner, als auch der Zwei -mal -zwölf flächner, 
der erstere beim Borazit, der letztere beim Schwefelkies 
vorkommen. Bei dem Sechs-mal-achtflächner (a-.^a-.^ä) 
fallen, Avie bekannt, seine Kanten z mit den Kanten des 
Granatoeders zusammen, und seine Flächen bilden da- 
her, wenn sie mit dem Granatoeder und Leucitoeder vor- 
kommen, die Abstumpfungsflächen der Kanten zwischen 
diesen beiden Formen. Auf solche Weise findet sich die- 
ser Sechs- mal -achtflächner beim Granat, und nach Cor- 
dier und Haüy auch beim Silberamalgam. 

Die interessanteste Eigenschaft dieser beiden neuen 
Formen (a-.fa-.j-a) und (\a-.\a-. T \a) ist die, dafs ihre 
Flächen den Diagonalen der Octaederflächen, d. i. den 
Linien auf den Octaederflächen, die wie CD, Fig. 7. 
Taf. IV., von den Ecken nach den Mitten der gegen- 
überliegenden Seiten gezogen werden, parallel gehn; eine 
Eigenschaft , die sie nicht allein mit den schon bekann- 
ten Sechs- mal -achtflächnern {a:\a-.\a) und (a-.^a-.^a), 
sondern auch mit {a-.\a:\ a) theilen. Dafs die Sechs- 
mal-achtflächner (iß:f ö: t 1 t ö) = o und (a:\a:\a)=.n 
diese Beschaffenheit haben, sieht man aus Fig. 6., wo 
die Flächen o und n als Abstumpfungsüächen der Kan- 
ten zwischen den Granatoederflächen und den Flächen 
des Leucitoids (a-.a-.j^a) erscheinen, denn diese letztere 
Kanten sind keine andere als solche, die den Diagona- 
len der Octaederflächen parallel gehn. Stellt Fig. 6. die 
Würfelecke dar, die der Mitte der Fläche AB C des 
Octaeders Fig. 7. entspricht, sind also g' g" g'" (Fig. 6.) 
die Abstumpfungsflächen der Kanten ar' x H x iU (Fig. 7.), 

*) Grundriis der Mineralogie von Mohs, Th. I. i>. 79. 



488 

so ist CD die Diagonale, die parallel liegt der Kante 
zwischen z ul und g" 1 , und parallel welcher also auch 
aufser z 1 " und g 1 " die Flächen o v und « v liegen. 

Noch besser übersieht man diese Eigenschaft der 
angegebenen Sechs- mal -achtflachner, wenn man die aus- 
führlicheren kiystallographischen Zeichen dieser Formen 
aufsucht, wie sie Herr Prof. Weifs angegeben hat*), 
imd in welchen nicht nur bezeichnet wird, wie die Flä- 
che eines Sechs -mal - achtflächners die 3 unter einander 
rechtwinkligen Axen a, sondern auch die auf den Octae- 
derkanten und Octaederflächen rechtwinklig stehenden 
Axen d und p des Octaeders schneidet. Diese ausführ- 
lichere Zeichen**) sind für die Flächen (a-.^a-.^ä) und 
(i«:f a: T l T a) Fig. 9. und 10. Taf. IV. angegeben. 

Man ersieht hier leicht aas der Gleichheit der Coef- 
fici enten der Axen a, d, p, wo sie sich findet, dais die 
bezeichneten Flächen eine Fläche des Octaeders in einer 
Linie schneiden, die eine ihrer Diagonalen parallel ist, 
und man erkennt leicht aus der Stellung der 3 gleichen 
Coefficienten, welches diese Diagonale des Octaeders ist. 
Bezeichnet man die 3 unter einander gleichen Axen a 
wie bei dem 1 - und - 1 axigen Krystallisationssystem ver- 
schieden und mit a, b, c, wie es Fig. 7. angegeben ist, 
so ist die Fläche, der das Zeichen (\ a:\b-.c) zukommt, 
n v (Fig. 1. Taf. IV.), und sucht man die Flächen, die 
einer und derselben Diagonale des Octaeders parallel lie- 
gen, z. B. der Diagonale CD (Fig. 7.), so sind diefs 
folgende : 

stii=(±a:b:fc) = (^a:2b:c) 
Vier-mal-sechsflächner = (ia:ccb:c) 

r"i=(±a:b:±c) = (- 3 T a:3b:c) 

z"<=(±a:b:c) 

O v =( T \a:lb:±c) = (/ T a:?b:c) 

n v =(±a:±b:c) 

P =(ia:±b:c) 

*) Abhandlungen der Königlichen Acaderaie der Wissenschaften 

in Berlin, aus den Jahren 1818 und 1819, S. 270. 
**) Sie sind durch eine in der angeführten Abhandlung angegebene 
Formel leicht aus den einfachem Zeichen zu entwickeln. 



489 

Diese Flächen schneiden die zwischen a und b (Fig. 8. 
Taf. IV.) liegende, auf der Octaederkante rechtwinklige 
Dimension d so, dafs sich die abgeschnittenen Stücke ver- 
halten wie 2, 1, ■§-, 4> ■§■> "5"9 tj so dafs, wenn man die 
Fläche des Vier-mal-sechsflächners (a:\a-. od#) die Flä- 
che mit einfachem Sinus in der Diagonalzone des Octae- 
ders nennt, die Flächen s, ?*, z, o, n, t die Flächen 
mit 2 fachen, \ fachen, halben, f fachen, \\ fachen, \ fa- 
chen Sinus bei gleichem Cosinus sind. 

2. Fahlerz. 

Auf einer Quarzdruse von Obersachsen bei lianz 
am Vorder -Rhein, die sich in der Königlichen Minera- 
liensammlung in Berlin befindet, kommen kleine Krystalie 
von Fahlerz vor, die interessante Abänderungen bilden, 
und in Fig. 11., 13., 14. Taf. IV. dargestellt sind. Sie 
zeigen hauptsächlich die Tetraederfiächen /, mit den Gra- 
natoederflächen g, und den Flächen des Drei -mal- vier- 
flächners /, der aus dem Leucitoeder durch Wegfallen 
der Hälfte seiner Flächen entsteht. Zwischen den Flä- 
chen g und / liegen aber noch andere Flächen, die auf 
g und / parallele Kanten bilden, und die Flächen eines 
Sechs- mal -vierüächners sind. Wie sich aus der Mes- 
sung ergab, waren sie die Flächen des Sechs- mal -vier- 
flächners, welcher der Hälftflächner des Sechs-mal-acht- 
flächners (a'-ia:^a) ist, und bei dem die Neigungen sei- 
ner Flachen in seinen dreierlei Kanten x, y, z (Fig. 12. 
Taf. IV., wodieser Sechs-mal-vierflächner für sich darge- 
stellt ist) folgende sind: 

Neigung in x =110° 55' 29" 

- y =158 12 48 

- z =158 12 48 

Die Neigung von / gegen s beträgt also 169° 6'2i /y 
und von s gegen g 160° 53' 36", welche Winkel auch 
sehr nahe übereinstimmen mit denen, die durch die Mes- 
sung gefunden worden sind. 



490 

Aufser diesen Flächen finden sich aber noch andere, 
die in Fig. 11. Taf. IV. fortgelassen, aber in Fig. 13. 
und 14. Taf. IV., welche 2 auf eine Tetraederfläche senk- 
rechte Projectionen darstellen, angegeben sind. Es fin- 
den sich hier noch die Flächen h, u, !'. h, die Ab- 
stumpfungsflächen der Tetraederkanten, sind die Flächen 
des Würfels ; /', die Abstumpfungsflächen der Kanten des 
Granatoeders , die an den Ecken des Tetraeders liegen, 
die Flächen des Drei- mal -vierflächners, der den erste- 
ren / zum Leucitoeder ergänzt. Seine Flächen unterschei- 
den sich von den Flächen /, aufser der Gröfse, durch eine 
Slreifung, die parallel den Kanten mit dem Granatoeder 
geht. Die Flächen u sind die Abstumpfungsflächen der 
Kanten zwischen den Würfel- und Granatoederflächen, 
wie auch Zuschärfungsflächen der Kanten x des sechs- 
mal -vierflächners s. Aus dem erstem Parallelismus folgt 
schon, dafs diese Flächen die eines Vier -mal- sechsfläch- 
ners sind, aus den letzteren, dafs sie die des Vier-mal- 
sechsflächners (a-.^a-.ooa) sind, der bei dem Fahlerze, 
wie bei dem von Dillcnburg, Gersdorf etc., gewöhnlich 
vorkommt. Die Neigung der Flächen u gegen einander 
beträgt 154° 9' 29", die von u gegen g 153° 26' 6". 

Der Sechs- mal - vierflä ebner (a-.^a-.-^a) ist bis jetzt 
noch bei keinem andern Minerale beobachtet worden. 
Es ist bis jetzt nur der Sechs-mal-vierflächner ia:^a:\d) 
bekannt gewesen, der beim Borazite vorkommt, und von 
Haidinger zuerst beschrieben ist. Bei dem Fahlerze 
aus Cornwall, das unter dem Namen Tcnnantit bekannt 
ist, findet sich noch ein anderer Sechs-mal-vierflächner. 
Die Königliche Mineraliensammlung in Berlin enthält da- 
von mehrere Stücke mit diesen Formen, doch waren die 
Flächen zu matt, um sie messen zu können, wahrschein- 
lich ist er derselbe, der beim Borazite vorkommt. 



491 



XIV. lieber den JBotryogen, oder den rothen 

Eisenvitriol von Fahlun; 

von JVilhelrn Hai ding er. 



B 



erzelius hat vor längerer Zeit ein rotlies Eisensalz 
besehrieben und die Analyse desselben gegeben, welches 
wohl als eigentümliche Species in dem Mineralsysteme 
aufgeführt zu werden verdient, von dem man aber bis 
jetzt zu wenig in Hinsicht auf die äufsern Verhältnisse 
kannte. Durch die Güte der Hin. B erzelius in Stock- 
holm und Pohlheim er in Fahlun, welche mir Stücke 
dieses merkwürdigen Körpers mittheilten, bin ich im Stande 
eine etwas genauere Beschreibung desselben, als die altern, 
zu liefern. Ich werde derselben einen Auszug aus der 
Abhandlung von Berzelius *) beifügen, die noch nicht 
in deutschen Journalen erschienen ist. . 

Die regelmäfsigen Formen des Bötryogens gehören 
in das hemiprismatische System. Die gewöhnlichsten Kry- 
stallisationen sind in den Figuren 2 und 3 Taf. III. vor- 
gestellt. Der Grundrifs der zweiten, auf der Basis in 
der Richtung der Axe entworfen, ist Fig. 4. Taf. III.; 
woraus man leicht den nothwendigen Parallelismus der 
verschiedenen Kanten erkennen kann. Aus der Messung 
der Kanten zwischen P und (J , P und g, und zwischen 
g und g erhielt ich folgende Winkel: 



n gegen 


n 


= 125° 22' 


9 ' 


9 


= 141 


P - 


8 


= 113 37 


8 " 


8 


= 119 56 


F - 


F 


= 81 44 


y - 


P 


= 125 31 



*) Analys af ett fossilt seilt fr an Fahlu grufca, och Insjö sänk- 
ning, af J. G. Gähn och J. £ erzelius. Afhundl'mgar i Fj- 
sik etc. IV. p. 307. 



492 

Wenn man die Pyramide, Fig. 5. Taf. III., als die 
Grundgestalt der Krystallreihe betrachtet, zu welcher die 
Combinationen gehören, so ist das Verhältnifs der vier 
Linien a-.b-.c: */= 1,98: 3,62: 5,59:1. Nach der krystal- 
lographischen Methode von Mohs gelten folgende Zei- 
chen: P — go für P, — — für ji, — - — für r , Pr 

2 2 

— 1 für q, P-I-gd fürg', (Pr-J-oo) 3 für F, und Pr+oc 
für u. 

Die Krystalle, obwohl sich ihre Gestalt im Ganzen 
genommen recht gut erkennen liel's, waren zu unvoll- 
kommen gebildet, als dafs die oben angeführten Winkel 
mehr als Annäherungen innerhalb zehn Minuten seyn könn- 
ten. Die Krystalle sind nicht über zwei Linien lang, und 
die Prismenflächen F und g parallel ihrer Axe gestreift; 
die geneigten Flächen sind vollkommener gebildet. 

Die Theilbarkeit parallel den Flächen g ist ziemlich 
deutlich, man findet auch Spuren parallel den Flächen/^ 

Der Botryogen besitzt Glasglanz und ist durchschei- 
nend. Die Farbe ist in Krystallen ein dunkles Hyazinth- 
roth, welches sich aber bei kleinkörnigen zusammenge- 
setzten und dichten Varietäten bis in's Ochergelbe ver- 
läu ft welches auch die Farbe des Strichs ist. 

Dieses Salz ist milde; es nimmt unter dem Messer 
etwas Glanz an. Seine Härte ist =2,25 . . . 2,5, fast 
so grofs wie die des Alauns; sein eigentümliches Ge- 
wicht fand ich =2,039. Es löst sich nur sehr langsam 
im Wasser auf, sein zusammenziehender Geschmack ist 
daher auch schwächer als der des Eisenvitriols. 

Die Krystalle sind gewöhnlich in nierförmigen und 
traubigen Gestalten, von an einander gewachsenen Ku- 
geln gruppirt. Ein kleines, sehr nettes Stück, etwa halb 
so grofs als Fig. 6. Taf. III. in der Sammlung des Hrn. 
Allan in Edinburg, sieht wirklich mehr als irgend etwas 



L ö , OXV.XJU ».U11XX..H «IUI! QIO U qV 



im ganzen Mineralreiche einer Weintraube ähnlich. Die 
einzelnen Kugeln, welche die Beeren vorstellen, haben 



493 

eine krystallinische, drüsige Oberfläche. Der Trivial- 
name Botryogen, Traubenbilder, bezieht sich auf die 
Neigung dieses Salzes, dergleichen Gestalten hervorzu- 
bringen. Er ist um so notwendiger, da man noch gar 
keine, nicht einmal eine chemische Benennung für das- 
selbe besitzt. 

Es findet sich in dem Mellanrums - Ort in der gro- 
fsen Kupfergrube zu Fahlun als Ueberzug auf Gyps oder 
Schwefelkies, mit Bittersalz, basischem schwefelsauren 
Eisenoxydul, und dem gewöhnlichen schwefelsauren Eisen- 
oxydul. Es beschlägt an feuchter Luft mit einem schmutzig- 
gelben Ueberzug, bleibt aber an trockner Luft unverändert. 

Der Botryogen bläht sich vor dem Löthrohr auf, und 
giebt in der Glasröhre Wasser, wobei eine rothgelbe Erde 
zurückbleibt. Diese verwandelt sich nach Maafsgabe der 
Flamme in Eisenoxyd oder Eisenoxydul. Mit Phosphor- 
salz geschmolzen, erhält man ein rothes Glas, welches 
im Abkühlen seine Farbe verliert. In kochendem Was- 
ser aufgelöst, bleibt ein gelber Ocher zurück, dieser ist 
daher ein integrirender Theil der Mischung. Die Auflö- 
sung, mit Salpetersäure versetzt, giebt einen Niederschlag 
mit salzsaurem Baryt, nicht aber mit salpetersaurem Sil- 
beroxyd. Wenn man das Salz mit kaustischem Ammo- 
niak übergiefst, und in einem zugestopften Glase dige- 
rirt, so wird die Säure ganz ausgezogen, und das Eisen 
bleibt als ein schwarzes, wenig grünliches Pulver zurück. 
Dieses Metall ist daher nicht als reines Oxyd, sondern 
als Oxydul -Oxyd in dem Salze enthalten, welches im 
freien Zustande schwarz und in der Auflösung roth ist. 

Das Resultat dreier Analysen war wie folgt: 

I. II. III. 

Basisches schwefelsaures Eisenoxyd .... 6,77 6,85 "i 

Doppeltschwefelsaures Eisenoxydul-Oxyd 35,85 39,92 J ' 

Schwefelsaure Talkerde 26,88 17,10 20,8 

Schwefelsaure Kalkerde 2,22 6,71 0,0 

Wasser und Verlust 28,28 31,42 30,9 



494 

Die zweite Analyse ist die sicherste für die Quanti- 
tät des Wassers. Berzelius nimmt an, dafs im Bitter- 
salz das Oxygen des Wassers fünfmal das der Base ist, 
und schliefst daraus, dafs im doppeltschwefelsauren Eisen- 
oxydul-Oxyd der Oxygengehalt des Wassers dreimal so 
grofs als der der Base sey. Uebrigens hält er in der 
Mischung alles, aufser diesem Eisensalz für fremdartig, 
selbst die schwefelsaure Talkerde, die in den drei Ana- 
lysen von 17 bis beinahe 27 vom Hundert beträgt. 

Einer der Begleiter des Botryogens ist ein schön 
schwefel- und citronengelbes Mineral, als krystallinisches 
Pulver, welches ich für das von Berzelius angeführte 
basisch schwefelsaure Eisenoxyd halte. Ein ähnliches 
Mineral kommt auch und zwar in ziemlich ansehnlicher 
Menge, ebenfalls als schwefelgelbes krystallinisches Pul- 
ver, zu Goslar am Harze vor. Man nennt es dort Misy; 
auch wird es unter diesem Namen von Hausmann*) 
mit aufgeführt. Es wird gut seyn den Trivialnamen Misy 
für das gelbe Salz aufzubewahren, wenn es einst besser 
beschrieben und als eigenthümliche Species im Mineral- 
reiche aufgeführt werden wird, nicht aber denselben auf 
das rothe Salz zu übertragen, wie dieses Leonhard **) 
thut. Misy ist ein alter plinischer Name, dessen ur- 
sprüngliche Bedeutung wohl dem verwitterten und mit 
verschiedenen Salzen geschwängerten Alaunschiefer gegol 
ten hat ***). 

*) Handbuch, S. 1058. 
-) Handbuch, S. 113. 
*••) Libr. XXXIV. Cap. 12. 



495 



XV. Leber die Krys tüllform des Dichroits; von 
F, Tarnnau. 



H; 



aüy, der zuerst die Krystallform des Dichroits be- 
stimmte, nahm die Gestalten desselben für rhomboedrisch 
(ögliedrig, nach Weif s) an, worin ilmiLeonhard, und 
in neuester Zeit Phillips folgten. Mohs war der Erste, 
der diese Formen als zu seinem prismatischen System (dem 
zwei und zweigliederigen, nach Weifs) gehörig erkannte, 
ohne jedoch Winkelmessungen anzugeben. Breithaupt 
endlich giebt in seiner neusten Ausgabe der Charakteri- 
stik des Mineralsysiems Messungen an, die fast ganz mit 
den hier zum Gmnde gelegten übereinstimmen, indem sie 
sich von Letzteren nur dadurch unterscheiden, dafs Hr. 
Professor Breithaupt die beiden verticalen Prismen zu 
120° 32' und 119° 28' annimmt, während sie mir voll- 
kommen 120° zu seyn schienen. Da indessen noch keine 
Winkelmessungen mit Hülfe des Reflexions -Ganiometers 
an Dichroitkrystallen gemacht werden konnten, indem die 
Flächen derselben nicht glänzend genug waren, so dürfte 
diese Annahme wohl durch spätere Beobachtungen Ver- 
änderungen erleiden. 

In den letzten Jahren sind zu Bodenmais in Baiern 
Dichroitkrystalle vorgekommen, die alle früher bekann- 
ten an Gröfse und Schönheit übertreffen. Besonders aus- 
gezeichnete Reihen davon befinden sich in der Königl. 
Mineraliensammlung zu Berlin, deren vollständige Be- 
nutzung ich der Güte der HH. Professoren Weifs und 
G. Rose verdanke. Auch in dem Cabinet des Herrn 
Medicinalraths Bergemann, welches sich überhaupt zu 
den ausgezeichnetsten Sammlungen zählen darf, so wie 
unter meinen eigenen Mineralien befinden sich sehr aus- 
gezeichnete Bodenmaiser Dichroitkrystalle. Leider fehlt 
es mir indessen ganz und gar an eben so guten Stücken 



496 

von Orijerfvi in Finnland, von Grenadille und Cabo de 
Gata in Spanien, und von Simiutack und Ujortlersoak 
in Grönland, so dafs es mir unmöglich war, die dort 
vorgekommenen Gestalten mit denen von Bodenmais zu 
vergleichen. An den übrigen Fundorten des Dichroits 
sind, soviel mir bekannt ist, nur derbe Varietäten vor- 
gekommen, und nur vom Laacher-See ist mir noch ein 
Krystall davon bekannt, der sich in der oben erwähnten 
Sammlung des Hrn. Medicinalrathes Berge mann be- 
findet. 

An mehreren sehr deutlichen Krystallen wurde mit 
möglichst 'grofser Genauigkeit die Neigung von T zu T 
über k (siehe Fig. 10. Taf. III.) zu 120° und die Nei- 
gung von P zu T zu 140° bestimmt, und diese Abmes- 
sungen den folgenden Berechnungen zum Grunde gelegt. 
Die ungleichschenkliche vierseitige Pyramide P (Fig. 7. 
Taf. III.) wurde als Grundgestalt angenommen. Nennt 
man die Axe derselben a, die grofse Diagonale b, die 
kleine c, so ist das Verhältnifs derselben nach obigen 
beiden Annahmen: 

«:Z»:c=l:l // 2,81635: ^0,93879 
und daraus ergeben sich als Abmessungen der Grund- 
gestalt: 

Die Axenkante aus b = 96° 52' 43" 
Die Axenkante aus c =134 57 28 
Die Kante an der Basis = 100 
Die beobachteten Flächen sind folgende: 
Bezeichnung 
nach Mohs nach Weifs *) in den Figuren 

P— x .... (oca:ODb:c) M. 

P — 1 .... (a:b:4c) s. 

P 

*) Hr. Profess. Weifs nennt stets die senkrecht stehende Dimen- 
sion c, die auf den Beobachter zulaufende a, und die mit dem- 
selben parallel gehende b; dagegen bezeichnet Hr. Prof. Mohs 
mit a stets seine Hauptaxe, die senkrecht stehende Dimension, 
und von den beiden andern die gröfsern mit b und die kleinern 
mit c, T. 



497 

Bezeichnung 
nach Mohs nach Weifs in den Figuren 

P (a:b:c) ....... P. 

Pr (<xa:b:c) n. 

(P) 3 . . (a4b:c) O. 

P+OD (a:b:ccc) T. 

(P+x) 3 . . . (abblase) d. 

ti 

Pr+co (a:ccb:aoc) . . . . k. 

Pr+cc (od a:b : co c) ;.'../. 

Aufser diesen Flächen tritt noch zuweilen eine Ab- 
stumpfung der Ecken zwischen k, P und Tauf. Da es 
indessen nicht möglich war, eine auch nur oberflächliche 
Messung einer Kante dieser Fläche zu nehmen, und da 
sich durchaus kein Parallelismus der Kanten sehen liefs, 
so war ich nicht im Stande deren krjstallographisches 
Zeichen zu bestimmen. Theils in der oben erwähnten 
Sammlung, theils während eines Aufenthaltes in Wien 
hatte ich Gelegenheit, folgende zahlreiche Combinationen 
zu beobachten: 



1. 


M.T.d.k 


. Fig. 


8. Taf. III. 


2. 


M.T.d.k.e 


. Fig. 


9. 


3. 


M.P.T.k 


. Fig. 


10. 


4. 


M.P.T.k.l 


. Fig. 


11. 


5. 


M.P.T.d.k 


. Fig. 


12. 


6. 


M.P.T.d.kJ 


. Fig. 


13. 


7. 


M.P.o.T.d 


.Fig. 


14. 


8. 


M.P.o.T.d.h 






9. 


M.P.o.l.d.L 






10. 


M.P.o.T.d.k.l . . . 


. Fig. 


15. 


11. 


M.s.P.o.T.d. 






12. 


M.s.P.o.T.d.k . . . 


. Fig. 


16. 


13. 


M.s.P.o.T.d.l . . . 


. Fig. 


17. 


14. 


M.s.P.o.T.d.LL 






15. 


M.P.n.T.d.l. 






Annal. d. 


Physik. B. 88 .St. 3. J. 1828. St 


.3. 


li 



498 

16. M.P.n.T.d.h.l 

17. M.s.P.n.T.d.l 

18. M.s.P.n.T.d.k.l . . . Fig. 18. 

19. M.P.n.o.T.d.l 

20. M.P.n.o.T.d.Ll . . . Fig. 19. 

21. M.s.P.n.o.T.d.l. 

22. M.s.P.n.o.T.d.Ll . . Fig. 20. 

Die Krystalle erscheinen häufig sehr in der Rich- 
tung der Hauptaxe verkürzt. — Zwillingskrystalle mit 
deutlich einspringenden Winkeln sind mir mehrere vor- 
gekommen, jedoch nicht deutlich genug, um das Gesetz 
ihrer Zusammensetzung zu bestimmen. 

Die vorzüglichsten Winkel, unter denen die oben 
angeführten Flächen sich gegen einander neigen, sind fol- 
gende: 



M:S 


= 149 ( 


> 12' 37" 


M.P 


= 130 





M-.n 


= 149 


12 37 


M-.o 


= 115 


50 53 


S:s 


= 150 


20 27 


s:s über n 


= 127 


22 6 


s.P 


= 160 


47 23 


P.P 


= 134 


57 28 


P.P über n 


= 96 


52 43 


P.o 


= 151 


19 1 


P.n 


= 138 


26 21 


P:k 


= 131 


33 38£ 


P.T 


= 140 





P.P über T 


= 100 





0:71 


= 153 


15 28 


o-.o über n 


= 126 


30 57 


o-.o über d 


= 128 


18 14 


o:d 


= 154 


9 7 


n.l 


= 120 


47 23 


n.n über / 


= 61 


34 46 


n.n über M 


= 118 


25 14 



499 



k:T 


= 150° 


0' 


0" 


T:d 


= 150 








d:l 


= 150 








T: T über k 


= 120 








d:d über / 


= 120 









Die blaue Färbung des Dichroits scheint keineswegs 
ein wesentliches Kennzeichen für ihn zu seyn, denn ich 
habe mehrere Krystalle davon gesehn, die sehr durch- 
scheinend und von fast vollkommen weifser Farbe waren, 
in welcher Richtung gegen die Axe man sie auch be- 
trachtete. Sie sind in diesem Zustande, wenn man ihre 
Flächen nur unvollkommen sieht, sehr schwer von den 
Quarzkrystallen zu unterscheiden, mit denen sie zusam- 
men im Magnetkies eingewachsen vorkommen. 



XVI. Zweiter Nachtrag zu dem Aufsatz über 
die Metallreductionen auf nassem Wege; 
von N. VF. Fischer. 

(Der erste Nachtrag findet sich in dies. Annal. ßd. 86. S. 603. 



D 



I. Wiederhers tel lung des Osmium. 



ieses Metall wird, wie bekannt, als Oxyd im Was- 
ser aufgelöst von allen Metallen bis zum Silber, und die- 
ses mit begriffen reducirt. 

Bei meinen Versuchen, und indem ich nur eine sehr 
verdünnte Auflösung dieses Oxyds im Wasser anwenden 
konnte, fand bei allen Metallen, selbst beim Zink, nur 
eine sehr schwache Reduction statt; hingegen mit einer 
Säure versetzt, erfolgt sie bei allen vollständig. Bei eini- 
gen Metallen, wie beim Zink, Eisen, Zinn und Kadmium, 
fällt das reducirte Osmium als ein bläulich- oder röth- 
lichschwarzes Pulver nieder, welches in der ganzen Flüs- 
sigkeit zertheilt und lange schwebend erhalten, ihr eine 
blaue Farbe mittheilt; beim Silber, Quecksilber, Kupfer, 

Ii 2 



500 

Antimon, Wismuth und Blei hingegen, legt sich das 
Osmium fest an diese Metalle an, besonders das Silber 
läuft daher mit verschiedenen Farben und zuletzt schwarz 
an, ohne dafs die Flüssigkeit selbst gefärbt wird. Beim 
Blei erfolgt die Reduction überhaupt sehr unvollständig, 
und nach einiger Zeit schlägt sich ein weifses Pulver 
nieder. 

Sehr auffallend ist die Empfindlichkeit des Silbers 
für die Gegenwart des Osmiurnoxyds , indem es in so 
verdünnte Auflösungen dieses Oxyds, dafs sie kaum Ge- 
ruch zeigen, dieses farbige Anlaufen zeigt. Der Grund 
beruht hier auf der starken Anziehung des Silbers zum 
Osmium, so wie die Reduction der selenigen Säure auf 
die Anziehung zum Selen. Die Verbindung des Silbers 
mit dem Osmium ist zugleich sehr innig, so, dafs sie 
durch blofses Erhitzen keinesweges getrennt werden kann; 
dabei stellt sich die merkwürdige Erscheinung dar, dafs 
beim starken Erhitzen das geschwärzte Silber allerdings 
weifs erscheint, beim schwachen Anblasen mit der Löth- 
rohrflamme hingegen, wieder regenbogenfarbig anläuft, 
wodurch dieses mit Osmium belegte Silber ein ähnliches 
Verhalten wie das Palladium zeigt, nur dafs bei diesem 
für beide Zustände eine höhere Temperatur nöthig ist. 
Und dieser Wechsel vom Verschwinden und Wiederer- 
scheinen der Farbe kann zu wiederholten Malen hervor- 
gebracht werden, nur mufs das Erhitzen nicht bis zum 
Glühen gehen, weil dann allerdings das Osmium getrennt 
und verflüchtigt wird. 

Berzelius Angabe, dafs das reducirte Osmium nicht 
rein metallisch seyn könne, weil eine Säure zur Auflö- 
sung des gebildeten Metalloxyds fehlt, und weil das so 
erhaltene Osmium von Salpetersäure aufgelöst wird, wel- 
ches das reine Metall nicht auflöst, scheint mir nicht be- 
gründet; denn, was den ersten Umstand betrifft, so habe 
ich bereits beim Silberoxyd gezeigt, dafs es ebenfalls blos 
im Wasser aufgelöst von mehreren Metallen reducirt wird. 



501 

Und dieses ist höchst wahrscheinlich bei allen Metall- 
oxyden, in sofern sie im Wasser auflüslich, und als 
Salze leicht reducirbar sind, der Fall; auch zeigte sich 
bei meinen Versuchen kein wesentlicher Unterschied bei 
der Reduction durch alle Metalle, ob die blofse wäfsrige 
Auflösung angewendet, oder ob sie mit Salpetersäure oder 
Salzsäure vermischt worden war, was doch nothwendig der 
Fall hätte seyn müssen, wenn, nach Berzelius Angabe, 
der bei Anwendung der blos wäfsrigen Auflösung erhal- 
tene Niederschlag eine Verbindung des gebildeten Metall- 
oxyds mit einer niedrigem Oxydationsstufe des Osmiums 
wäre. Ferner verhält sich auch das durch Metall redu- 
cirte Osmium ganz gleich mit dem durch Weingeist oder 
Aether aus der wäfsrigen Auflösung niedergeschlagenen; 
so z. B. zeigt auch dieses keinen Metallglanz, auch nicht 
beim Streichen des trockenen Pulvers; und auch dieses 
löst sich leicht in Salpetersäure auf. 

Was nun dieses Verhalten der Salpetersäure noch 
besonders betrifft, so ist der Grund: dafs sie dieses aus 
der wäfsrigen Auflösung präcipitirte Metall so leicht auf- 
löst, während sie das reine, wie Berzelius sich aus- 
drückt, nicht löst, was wohl nichts anders als das scharf 
getrocknete oder geglühete heifsen mufs, indem wir doch 
dieses Metall auf keinem andern Wege als eben auf die- 
sem nassen darzustellen vermögen; was also dieses Ver- 
halten der Salpetersäure betrifft, so beruht es offenbar 
auf dem verschiedenen Cohäsionszustand des Metalls, der 
in so vielen andern Fällen eine ähnliche und auch noch 
gröfsere Verschiedenheit hervorbringt *). Endlich mufs 

*) Berzelius selbst sagt kurz vor der angeführten Angabe über 
das reducirte Osmium wörtlich: (S. Lehrb. d. Chem. übers, von 
Wo hier, Bd. II. S. 143.) Osmium, welches einer höhern Tem- 
peratur ausgesetzt gewesen ist, wird nicht mehr aufgelöst, we- 
der von der Salpetersäure, noch vom Königswasser; aber das so 
eben gefällte Metall löst sich etwas darin auf, obgleich nur sehr 
langsam. 



502 

hier noch bemerkt werden, dafs man bei dieser Reduction 
das Osmium mit der eigenthümlichen röthlichgrauen Farbe 
und vollkommenem Metallglanz dann erhalten kann, wenn 
das reducirende Metall, z. B. Zink, in Verbindung mit 
Platin in die Osmiumoxydauflösung gebracht wird. Da 
wo die Spitze des Platins das Glas berührt, legt sich das 
Osmium vollkommen metallisch an, und ragt das zweite 
Ende des Platins aus der Flüssigkeit heraus, so legt es 
sich als Metallhäutchen auf die Oberfläche der Flüssig- 
keit an. 

II. Wiederherstellung des Tellurs. 

Dieses Metall wird aus seiner salpetersauren Auflö- 
sung durch Zink, Cadmium, Eisen, Zinn, Blei, Kupfer 
und Quecksilber reducirt, im Allgemeinen als schwarzes 
Pulver; beim Blei, welches überhaupt schnell und unter 
Luftentwicklung einwirkt, wird es in Dendriten abgeson- 
dert. Bei keinem erfolgt jedoch die Wiederherstellung 
alles Tellurs, sondern es wird nach Sättigung der Salpeter- 
säure entweder ein Theil Oxyd als basisches Salz oder 
verbunden mit dem Oxyd des fällenden Metalls, als tel- 
lursaures Salz präcipitirt, wie dieses im Allgemeinen bei 
der Reduction aller metallischen Säuren — zu welcher 
auch das Telluroxyd, besonders rücksichtlich dieses Ver- 
haltens, gehört — der Fall ist, und wie ich dieses bei 
den Säuren des Arseniks bereits nachgewiesen habe. Am 
vollkommensten erfolgt die Reduction durch Zink und 
Cadmium, beim Eisen scheidet sich nach einiger Zeit 
Telluroxyd aus; beim Blei tellursaures Bleioxyd; eben 
so beim Quecksilber tellursaures Quecksilberoxyd; das 
Zinn schlägt nach der anfänglichen Ausscheidung des re- 
ducirten Metalls ein schwarzes Pulver, eine Legirung bei- 
der Metalle oder eine Verbindung des Zinnoxyds mit 
Tellursuboxyd oder Oxydul nieder, ähnlich dem Product, 
welches das Zinn oder ein Zinnoxydulsalz mit der 
Gold-, Platin-, Silber- und Palladiiunauflösung hervor- 



503 

bringt. In manchen Fällen, bei viel freier Salpetersäure, 
wird auch hier nach einiger Zeit das weifse Telluroxyd 
präcipitirt, oder auch die angegebene Verbindung des Zinns 
in ein weifses Salz — tellursaures Zinnoxyd — umge- 
schaffen. Am Kupfer legen sich metallische grünlich ge- 
färbte Blättchen an, wahrscheinlich eine Legirung beider 
Metalle, oder eine Verbindung beider im niedrigem Oxy- 
dalionszustand. 

Als reducirendes Metall wirkt das Tellur nur auf 
Gold-, Platin-, Silber- und Palladiumauflösung, und zwar 
bei allen erfolgt die Reduction nur sehr langsam und un- 
vollständig. Am schnellsten ist die Wirkung auf Gold- 
auflösung; das Tellur überzieht sich mit Gold, dadurch 
hört aber alle fernere Wirkung auf, und zwar selbst bei 
höherer Wärme. 

Noch langsamer erfolgt die Reduction des salpeter- 
sauren Silbers. Das schwarze Pulver, welches nieder- 
fällt, ist jedoch nicht metallisches Silber, nimmt daher 
beim Glätten nicht Metallglanz an, sondern eine Verbin- 
dung beider Metalle im niedrigsten Oxydationszustande, 
wie das Verhalten zur Salpetersäure und zum Ammoniak 
darthut. Noch weit langsamer ist die Wirkung auf Platin- 
und Palladiumauflösung, und das ausgeschiedene Pulver 
scheint hier von derselben Art wie beim Silber zu seyn. 

III. "W iederherstellung der Metalle durch Legirungen. 

Es ist leicht vorauszusehen, dafs, so wie die Legi- 
rungen in Rücksicht ihrer physischen und zum Theil auch 
chemischen Eigenschaften ein ganz anderes Verhalten zei- 
gen, als das Mittel beider Bestandlheile vermuthen läfst, 
sie auch ganz verschieden in Rücksicht der Reduction 
wirken werden. Die hierüber angestellte Untersuchung, 
die auf den ersten Blick sehr weitläufig zu werden 
versprach, liefs jedoch bei näherer Ueberlegung eine 
bedeutende Beschränkung zu, wie aus Folgendem her- 
vorgeht: 



504 

Eine Legirung kann nur dann die Reduction eines 
aufgelösten Metalls bewirken, wenn entweder beide — 
und wie sich's von selbst verstellt, ist hier nur die Rede 
von Legirungen aus zwei Metallen — oder eines yon bei- 
den das Aufgelöste wieder herzustellen im Stande ist. Im 
letztern Falle wird die Reduction um so sicherer erfol- 
gen, je mehr dieses positivere Metall an Menge das ne- 
gative der Legirung übertrifft, oder je weniger innig oder 
chemisch die Verbindung ist. (Als Prüfstein dieses letz- 
tern Umstands kann das Verhalten zu denjenigen Säuren 
dienen, welche das positive leicht, das negative hinge- 
gen nicht auflösen. Ist die Verbindimg chemisch, so wer- 
den dann diese Säuren kaum oder schwach einwirken, 
ist sie hingegen blos mechanisch, so erfolgt die x\uflösung 
beinahe eben so leicht als bei Einwirkung auf das posi- 
tive Metall allein.) Dafs umgekehrt niemals eine Re- 
duction erfolgen wird, wenn keins der beiden Metalle 
sie zu bewirken im Stande ist, versteht sich von selbst. 
Folgende Ergebnisse dieser Versuche verdienen wohl einer 
besonderen Erwähnung: 

1 ) Messing, als Blech oder Draht, reducirt leicht Silber- 
und Quecksilbersalze, aber weder Kupfer-, noch 
Rlei-, noch Zinnsalze. 

2) Zink -Silber reducirt ebenfalls leicht und vollkom- 
men Silber- und Quecksilbersalze, aber keine eines 
mehr positiven Metalls, selbst nicht salpetersaures 
Kupfer, mit Ueberschufs an Säure. Aehnlieh ver- 
hält sich die Legirung des Silbers mit Zinn und Blei. 

3) Die Legirung des Silbers mit Kupfer reducirt nur 
die Quecksilbersalze, und zwar selbst bei Anwen- 
dimg von zwölflöthigem Silber, bei noch gröfserem 
Gehalt hört die Reduction auf. 

IV. Wiederh erstellung der Metalle durch nicht metal- 
lische Körp er. 

1) Phosphor reducirt Gold, Silber, Platin, Palladium, 
Osmium, Quecksilber und Kupfer. Bei allen ist 



505 

kein wesentlicher Unterschied, in welcher Säure das 
Metall aufgelöst ist; beim Silber und Gold erfolgt 
sogar die Reduction eben so gut aus den alkali- 
schen Auflösungen dieser Metalloxyde oder der Me- 
tallsalze; ausgenommen beim Kupfer, welches, in 
Salzsäure aufgelöst, aus dem Grunde nicht reducirt 
wird, weil es in salzsaures Kupferoxydul übergeht 
und aus der Auflösung niederfällt. 

2) Schwefel wirkt bei gewöhnlicher Temperatur gar 
nicht, bei erhöheter reducirt er das Gold. Der 
Schwefel erscheint dann an einzelnen Stellen wie 
mit Goldadern durchzogen. Beim Silber erfolgt 
ebenfalls die Reduction nur bei erhöheter Tempe- 
ratur, und der Schwefel überzieht sich mit Schwe- 
felsilber. Die übrigen Metalle werden nicht re- 
ducirt. 

3) Kohle reducirt, wie schon aus Rumford's Ver- 
suchen hervorgeht, bei gewöhnlicher Temperatur 
und ohne Einwirkung des Lichts nicht; bei erhö- 
heter Wärme, und zwar selbst noch unter dem 
Siedepunkte des Wassers, erfolgt auch beim Aus- 
schlufs des Lichts die Reduction des Goldes und 
Silbers. Das Erstere überzieht die Kohle als eine 
glatte metallische Fläche; das Silber hingegen legt 
sich an einzelnen Stellen in vollkommen metallisch 
glänzenden Dendriten an. 

4) Selen reducirt nur bei erhöheter Temperatur die 
Goldauflösung. Das Gold überzieht vollkommen 
metallisch das Selen, wodurch die fernere Reduction 
der Auflösung verhindert wird. Silber, Platin und 
die übrigen Metalle werden nicht reducirt. 



506 
XVII. VulcaniscJie Hebungen in den Molucken. 



nbezweifelt ist die Bildung neuer Inseln im Meere, 
das Entstehen neuer Berge des Festlandes durch vulca- 
nische Thätigkeit ein Gegenstand von der höchsten Be- 
deutung. , Der Einflufs, welchen Vorfälle dieser Art von 
Zeit zu Zeit auf die Vorstellungen von der Bildung 
der Erdrinde geübt haben, beweiset es deutlich. Die 
Erhebung des Troezenischen Hügels bei Methone, das 
unerwartete Erscheinen des Monte nuovo bei Pozzuoli, 
das mehrfach wiederholte Entstehen neuer Inseln in der 
ringförmigen Umwallung des Erhebungs-Craters von San- 
torin, und ähnliche Erscheinungen mehr, sind in alter 
und neuer Zeit die Quellen von fast eben so viel geolo- 
gischen Theorien geworden. Ansichten dagegen, welche 
den erhebenden und zerreifsenden Kräften des Innern 
einen kaum bemerkenswerthen Antheil an der Bildung 
der Massen, welche die Erdrinde zusammensetzen und 
an der Vertheilung der Höhen und Tiefen in ihrem ge- 
genwärtigen Zustande gestatteten, konnten sich nur in 
Ländern ausbilden, welche dem Schauplatze solcher Vor- 
gänge fern liegen. 

Wichtiger indefs noch und von dauerndem Einflufs 
auf die Gestaltung der Wissenschaft sind diese Ereignisse 
geworden, seit die Aufmerksamkeit der Gebirgsforscher 
sich den eigenthümlichen Verhältnissen ihres Auftretens 
in verschiedenen Gegenden der Erde mehr zugewendet 
hat. Die phlcgräischen Felder Campaniens und die Um- 
gebungen des Aetna konnten ihren Beobachtern nur das 
Beispiel neugebildeter Berge darbieten, welche mit den 
allgemein verbreiteten Gebirgen der Nachbarländer kei- 
nen Vergleich dulden. Die regelmäfsig geschichtete Kalk- 
steinkette der Apenninen und das ähnlich gebildete Kü- 
stengebirge Siciliens konnten weder durch die Substan- 



507 

zen, von denen sie gebildet werden, noch auch durch 
die Anordnung ihrer Bestandteile, nur im entferntesten 
an jene regellosen Anhäufungen lose ausgew orfner Mas- 
sen erinnern, aus welchen der Schlackenkegel von Poz- 
zuoli und der später entstandene monte rosso bei Nico- 
losi bestehn. Die Zeiten sind lange vorüber, in welchen 
man noch mit Lazzaro Moro voraussetzen durfte, dafs 
auch alle geschichteten und organische Reste umschlie- 
fsenden Gebirgsarten nur ein vom Wasser modificirtes 
Aggregat von vulcanischen Auswürflingen seyen; sehr neu 
dagegen ist die Belehrung, dafs nicht alle, ja die wenig- 
sten neu entstandenen Berge und Inseln vulcanischen 
Ursprungs den erwähnten Erhebungen gleich gebildet 
wurden. 

Die Beobachtungen Alexander von Humboldt's 
in den vulcanischen Districten von America, die Wahr- 
nehmungen, welche gleichzeitig Leopold von Buch 
an den Puys der Auvergne und später mit so grofsem 
Erfolg im Gebiete der canarischen Inseln anstellte, zeig- 
ten zuerst, dafs Quadratmeilen Landes durch vulcanische 
Kräfte gehoben, dafs die Schichten verschiedenartig ge- 
bildeter Gebirgsarten zerrissen und aufgerichtet werden, 
und dafs die Inseln, die dem Meere entsteigen, dem 
wesentlichsten Theil ihrer Masse nach, Theile des Mee- 
resgrundes selbst sind, durch dessen Zerreifsung und Er- 
hebung die unterirdischen Expansiv-Kräfte sich Bahn bra- 
chen. Schon eine aufmerksame Verfolgung des Ganges 
der Erscheinungen, die uns von der Bildung der letzten 
Insel bei Santorin berichtet werden, hätte dazu beitra- 
gen können, so folgenreiche Thatsachen wahrscheinlich 
zu machen. Denn erst lange, ja fast einen vollen Mo- 
nat später, als die Hauptmasse der neuen Insel unter hef- 
tigen Erschütterungen des benachbarten Landes an die 
Oberfläche getreten war, begann unmittelbar neben ihr 
ein vulcanischer Ausbruch. Da erst entstiegen dem Meere 
Rauch, Flammen und Asche Bimmsteine und Schlacken 



508 

•wurden herausgeschleudert, und bildeten eine lose auf- 
geschüttete Decke auf der zusammenhängenden Grund- 
lage *). — 

Das merkwürdige Beispiel der vulcanischen Hebung 
einer ansehnlichen Landstrecke an der Küste von Chili, 
welche successiv in verschiedenen Perioden erfolgte, und 
von welchem in diesen Annalen berichtet worden, mit 
ihm unleugbare Beweise für ähnliche Ereignisse, welche 
sich namentlich an mehreren Punkten der Küste Ita- 
liens **), an den hebridischen Inseln***) u/s. w. haben 
•wahrnehmen lassen, schliefsen sich unmittelbar an diese 

*) Die kurze Darstellung, welche wir von den wesentlichsten die- 
ser Vorgänge aus dem Berichte des Pater Bourignon an den 
Marquis de Ferriol genommen, in der Schrift eines deutschen 
Geologen finden, welcher zuerst die Erhebung neuer Berge und 
Inseln einer critischen Betrachtung unterwarf, ist in der That 
so musterhaft, dafs es vielleicht nicht ganz überflüssig erscheint, 
sie wörtlich hieher zu setzen. — Wir lesen in Raspe: spe- 
cialen etc. de novis e mure nutis insulis 1763. p. 48. 

Post terrae motum d. 23. Juri. 1707, absque ullo ulteriori 
fragorc, motu oculis sensibili, nonnunquam tarnen inaequali 
et remittente, ex immensi antea maris profunditate rupes 
antea non visa prodiit. Rupes Hin albi coloris et rotundae 
figurae. Terra quae inhaerebat levior , argillae similis. In- 
haerebant et ostreae saporis exquisitissimi. — — Tandem 
d. 16. Juli fumus supra mure cisus est, simulque prope hanc 
rupem jugum octodecirn aliarum , obscuri et adusti coloris. 
Ad diern 19. Juli ardere coeperunt etc. 
Merkwürdig ist es, dafs derselbe Naturforscher schon sehr wohl 
einsah, wie wichtig es seyn müsse, die innere Structur jener 
neu erhobenen Inseln kennen zu lernen, und durch Beobachtun- 
gen auszumitteln , was Buffon noch für sehr unwahrscheinlich 
hielt: An recens natarum insularum eadern sit interna struetura 
et stratorurn ordo, quam terrae continentis? Ein Bäthsel, des- 
sen Lösung er von der Zukunft hoffte: si itinere in unam ulte- 
ramve novarum insularum suseepto per vir um hujusmodi 
rerumperitum certiores ficrimus. — 
**) S. u. a. Brocchi in d. Bibl. italiana. 1821. Septbr. 
*** ) S. u. a. V e t c h in den Geolog ical Tr ansäet See. Series, Vol. I. 
part. IL 416. 



509 

Reihe von Thatsachen an, welche den geologischen An- 
sichten unserer Tage eine so veränderte Gestalt gegeben 
haben. Die lehrreiche Darstellung Leopold v. 15 u c h 's 
über die Natur der vulcanischen Erscheinungen, und die 
sorgsamen Arbeiten des Hrn. von Hoff in seinem wich- 
tigen Werke über die Veränderungen der Erdoberfläche, 
enthalten eine erfrische Aufzählung aller bis jetzt bekann- 
ten Fälle vom Entstehen neuer Berge und Inseln durch 
vulcanische Thätigkeit. Es wird daher unstreitig nicht 
unwillkommen seyn, den bestehenden noch einige Nach- 
richten ähnlicher Art hinzuzufügen , welche aus andern 
Gegenden der Erde neuerdings berichtet worden sind. 

Wh' entnehmen diese Nachrichten aus einer vor Kur- 
zem zu Leyden erschienenen Dissertation *), deren Ver- 
fasser, Herrn van der Boon Mesch, es gestattet war, 
die zahlreichen, bis jetzt nur noch handschriftlichen Nach- 
weisungen zu benutzen, welche Herr Rein war dt, Pro- 
fessor zu Leyden, während seines mehrjährigen Aufent- 
haltes auf Java und den moluckischen Inseln zu sam- 
meln Gelegenheit fand. — Es sind zwei Ereignisse der 
Erhebung neuen Landes in einem Gebiete, das um so 
merkwürdiger ist, weil es den Vereinigungspunkt von 
drei mächtigen vulcanischen Reihen, den Schaarungspunkt 
von eben so viel gigantischen Spalten bildet, welche die 
Massen der Continente von Asien und Australien begrän- 
zen. Das am ausführlichsten beschriebene trug sich neben 
dem thätigen Vulcan Gonung Api in der Gruppe der 
BaTida- Inseln zu, der, wie wir aus anderweitigen Nach- 
richten **■) wissen, im Julius 1820 seinen letzten sehr 
heftigen Ausbruch hatte. Auf der Westseite der Insel, 
die er bildet, befand sich damals noch eine weite vom 

*) Sie führt den Titel: De incendiis montium igni ardentium in- 
sulae Javae , eorumque lupidibus , disputatio geologica. Lug- 
duni Batav. 1826. 

**) Asiatic Journal and monthly Register XI. p. 201., XII. 

p. 488. 



510 

Meere erfüllte Bucht In dieser erhob sich eine mäch- 
tige Masse von schwarzem Gestein, welche gegenwärtig 
beträchtlich über dem Wasser hervorragt, und die Mee- 
resbucht ausfüllend sich mit dem Fufse des Berges ver- 
einigte. Herr Prof. Bein war dt besuchte diese merk- 
würdige Stelle im J. 1821. Er erfuhr dort, dafs die Er- 
hebung derselben ohne alles Geräusch erfolgte, und dafs 
die Bewohner der nächsten bewohnten Insel Neira, wel- 
che auf der entgegengesetzten Seite des Berges liegt, erst 
von dieser neuen Erscheinimg in Kenntnifs gesetzt win- 
den, als sie das Meer sich erhitzen sahen und als die 
Erhebung schon vollendet war. Herr Beinwardt fand 
den Ort noch sehr heifs, und die neu erhobne Masse 
sliefs siedendheifse Dämpfe aus. Er bemerkt ausdrück- 
lich, dafs es ein Felsen von basaltischer Natur und aus 
grofsen Massen bestehend war, ohne Vermischung mit 
Asche und Lapilli, deren Aufschüttung seiner Entstehungs- 
weise fremd ist. — An der Basis des Gonung Api selbst 
beobachtete er deutlich, dafs der gröfseste Theil dieser 
Masse aus dicken Schichten bestand, welche eine geneigte 
Lage hatten, und zwar so, dafs die Mitte derselben auf- 
gerichtet und gekrümmt war, und er folgert daraus, dafs 
sie während der Erhebung in einem erweichten Zustande 
gewesen sey *). — 

Wir finden ferner noch kurz erwähnt, dafs sich ein 
völlig gleichartiges Ereignifs an der Küste von Ternate 

*) Leider ist an der angeführten Stelle (p. 86.) die Eruption des 
Vulcanes ganz mit Stillschweigen übergangen, und wir wissen 
daher nicht, ob die Erhebung gleichzeitig, kurz vor oder nach- 
her statt fand; auch finden wir keine Nachricht von der unge- 
fähren Höhe, welche der neue Felsen über dem Meere erreichte. 
Aus einer späteren Bemerkung (p. 87.) müssen wir schliefsen, 
dafs der Berg gerade ruhig war, als die Erhebung erfolgte; indefs 
sind die Einzelnheiten dieser Beschreibung überhaupt sehr un- 
deutlich, und wir müssen daher sehr wünschen, dafs es Herrn 
Reinwar dt gefallen möge, recht bald seine wichtigen Beobach- 
tungen in einer eigenen Arbeit dem Publicum vorzulegen. — 



511 

zutrus. Die Masse des dort erhobenen Gesteines war 
völlig dieselbe wie auf Banda. Sie ragt am Abhänge des 
Berges dieser Insel aus dem Meere hervor, und ihr Um- 
fang ist noch gröfser. Die Zeit aber, in welcher diese 
Erhebung sich zutrug, ist nicht bemerkt. — 

F. H. 



XVIII. Notiz über die warmen Mineralquellen in 
den Alpen und Pyrenäen. 



In einer Mittheilung an die Herausgeber des Philoso- 
phical Magazine (January 1828, p. 14. sq.) finden wir 
einige bemerkenswerthe Nachweisungen über das häufige 
Vorkommen von heifsen Mineralquellen im Gebiete der 
penninischen Alpen von Herrn Rob. Bake well. Der 
Verf. bemerkt, dafs die meisten derselben erst seit Saus- 
sure 's Reisen in diesen Gebirgen entdeckt worden sind, 
und zählt deren folgende auf. — Zu Naters im obern 
Wallis mit 21° R. Temperat., zu Leuk mit 37,7—42° R., 
im Thal von Bagnes (verschüttet im J. 1545), im Cha- 
mouni (1821 entdeckt), St. Gervaise am Montblanc mit 
27,5 — 29,3° R. (1806 entdeckt), Aix les Bains in Sa- 
voyen 35,5 — 37,7° R. mit zahlreichen heifsen Quel- 
len in der Umgegend, Moutiers in der Tarentaise, Brida 
in Tarentaise (früher verschüttet und 1819 wieder her- 
vorgetreten) 27 — 29° R. , Saute de Pucelle zwischen 
Moutiers und St. Maurice, Courmayeur und St. Di- 
dier am südlichen Abstürze des Montblanc mit 27° R., 
einige bei Grenoble (im Jahre 1820 entdeckt). Die 
Austrittsorte aller dieser Quellen liegen, nach Hrn. B's 
Beobachtungen, theils im Urgebirge der Centralkette selbst, 
theils, und zwar am häufigsten am Rande derselben, an 
der Gränze des Urgebirges mit den Secundär-Formationen. 
Er glaubt daher, in Ermangelung aller neueren vulcani- 



512 

sehen Gebirgsarten in diesem von so gewaltigen Zerrei- 
fsungen heimgesuchten Theile der Alpen, das Erscheinen 
dieser Quellen, deren wahrscheinlich noch eine grofse 
Menge bis jetzt unbekannt geblieben ist, als einen hin- 
länglich begründeten Beweis ansehn zu dürfen, dafs sich 
unter der Urgebirgskette ein gemeinsamer Heerd der Er- 
hitzung befinde, dessen Wirkungen in früheren Perioden 
im Stande waren, ihre gegenwärtige Stellung zu erzeugen 
Dafs der Sitz dieser mineralischen Quellen übrigens in 
der That im Urgebirge selbst gesucht werden müsse, er- 
giebt sich unter andern auch noch aus der merkwürdigen 
Thatsache, dafs deren in der hohen Kette des Berner 
Oberlandes, welche von einer mächtigen Decke von Flöz- 
gebirgsmassen gebildet wird, so wenige und so unbedeu- 
tende gefunden werden. — Es erscheint wichtig, mit die- 
ser, fast allgemein in so vielen Theilen der Erde wie- 
der erkannten Erscheinung, welche die Theorie von Ent- 
stehung der Gebirge einen Schritt weiter geführt hat, eine 
noch wenig bekannt gewordene Nachweisung von Pal as- 
s o u über die zahlreichen warmen Mineralquellen der Py- 
renäen zu vergleichen. Wir ersehen nämlich aus den 
fleifsigen Zusammenstellungen dieses unermüdlichen Beob- 
achters (3Iem. pour servir ä Ihist. naturelle des Pjre'- 
ne'es 1815, p. 435. so.), dafs nicht nur die Hauptmasse 
der heifsen Quellen dieses Gebirges im Gebiete des gro- 
fsen Granit -Bezirks an der östlichen Seite (im Roussil- 
lon, zwischen den Thälern des Tech und der Teta) liegt, 
sondern dafs auch alle die andern nur in Schluchten des 
Jüngern Gebirges austreten, in welchen der Granit an der 
Basis der Abhänge aus der Tiefe hervortaucht; ja es ist 
merkwürdig, dafs sich auch nach der verschiedenen Offen- 
heit des Ursprunges aus der krystallinischen Axe des Ge- 
birges selbst die Höhe der Temperatur dieser Quellen 
auf eine auffallende Weise richtet; so zeigen die Quel- 
len im Roussillon bei Oletle 70° B. , die Bäder von 
Dax im Ländchen Foix 66° Reaum., die wärmsten von 

Sag- 



513 

Ragneres de Luchon weiter westlich 50°, die von Bar- 
reges 40°, die eaux bonnes und eaux chaudes im Thale 
von Ossau höchstens 30°, und endlich die von Carnbo, 
nicht fern von Bayonne und am fernsten von der Haupt- 
Granitmasse liegend nur 17°. 



XIX. lieber die Zusammendrückung des VFas- 
sers in Gefäjsen von verschiedener Zusam- 
rnendrückbarkeit; von J. C. Oer st ed. 



nter den Aufgaben, welche sich bei den Untersuchun- 
gen über die Zusammendrückbarkeit der Flüssigkeiten 
darbieten, ist, bei Gelegenheit einer von der Pariser Aca- 
demie der Wissenschaften aufgegebenen Preisfrage auch 
die zur Sprache gebracht: Welchen Einflufs die Zusam- 
mendrückbarkeit der Wände des Gefäfses, das den Ge- 
genstand des Versuches einschliefst, auf die Resultate 
haben würde. Dieser Einflufs kann unter zwei verschie- 
denen Gesichtspunkten betrachtet werden. Einige Phy- 
siker haben geglaubt, dafs die Wände des Gefäfses nach 
allen Richtungen zusammengedrückt werden, so dafs das 
Gefäfs durch den Druck, welcher ihm von der zusam- 
mengedrückten Flüssigkeit mitgetheilt wird, an Capacität 
verliere. Andere dagegen haben geglaubt, dafs dieser 
Druck nur die Wirkung auf das Gefäfs ausübe , dafs es 
seine Wände dünner mache. In diesem Falle wird die 
Capacität des Gefäfses durch den Druck ein wenig ver- 
gröfsert, aber um eine sehr unbeträchtliche Gröfse. Ich 
bin immer dieser letzteren Meinung gewesen. Die Gründe 
für die eine oder die andere dieser Meinungen sind zu 
bekannt, als dafs man sie hier zu wiederholen brauchte. 
Ich begnüge mich daher mit einem Berichte von Versu- 
chen, durch welche ich gesucht habe die Frage zu ent- 
scheiden. 

Annal. d. Physik. B. 88. St. 3. J. 1828. St. 3. K k 



514 

Ich habe die Zusammendrückung des Wassers in Ge- 
fäfsen von sehr verschiedener Zusammendrückbarkeit vor- 
genommen. Da die Zusammendrückbarkeit des Blei's 
mehr als 18 Mal gröfser ist, als die des Glases, so habe 
ich bei meinen neuen Versuchen hauptsächlich von die- 
sem Metalle Gebrauch gemacht Die HH. Colladon 
und Sturm haben, in ihrer schönen Arbeit über die 
Zusammendrückung der Flüssigkeiten, zuvor die Verlän- 
gerung, die ein Glasstab durch einen gewissen Zug er- 
leidet, gemessen, und nach diesem Versuch die Längen- 
zusammenziehung des Glases auf 11 Zehnmilliontel für 
den Druck von einer Atmosphäre festgesetzt. Da sie 
meinen, dafs die Wände des Gefäfses, worin die Flüs- 
sigkeit eingeschlossen ist, nach allen Richtungen zusam- 
mengedrückt werden; so folgern sie, dafs das Glasgefäfs, 
worin die Zusammendrückung des Glases beobachtet wird, 
33 Zehnmilliontel von seiner Capacität durch den Druck 
von einer Atmosphäre verliere, und dafs man diese 
Gröfse der scheinbaren Zusammendrückung des Wassers 
hinzufügen müsse, um die wahre Zusammendrückimg des- 
selben zu erhalten. — 

Nach den Versuchen des Hrn. Tredgold, welche 
derselbe in seinem vortrefflichen Werke über die Stärke 
des Gufseisens und anderer Metalle anführt, wird eine 
Bleistange, deren Querschnitt einen Quadratzoll englischen 
Maafses beträgt, um t |tt durch einen Zug von 1500 engl. 
Pfunden verlängert. Ein gleiches Gewicht würde die 
Stange um dieselbe Gröfse verkürzen. Ein Druck von 
1500 englischen Pfunden auf einen engl. Ouadratzoll ist 
gleich dem Drucke von 101,7 Atmosphären. Diefs macht 
für den Druck von einer Atmosphäre eine Längen -Ver- 
kürzung von 0,00002048. Eine Berechnung, nach dem 
von den HH. Colladon und Sturm angenommenen 
Satze, giebt für eine Flasche von Blei eine Gapacitäts- 
Verringerung von 0.0000614-1. Da, nach diesen beiden 
Physikern, die 'Zusammendrückung des Wassers, durch 



515 

eine Atmosphäre, nur 51 Milliontel und, nach meinen 
Versuchen, noch weniger beträgt; so mufs das Wasser, 
wenn es in bleiernen Gefäfsen zusammengedrückt wird, 
eine scheinbare Ausdehnung zeigen. Hätte auch der ge- 
schickte englische Baumeister bei seinen Versuchen eine 
zu grofse Gröfse gefunden, hätte er sich sogar um mehr 
als die Hälfte geirrt, welches zu glauben ich weit ent- 
fernt bin; so müfste dennoch der hier in Rede stehende 
Versach entscheidend sejn. 

Die bleierne Flasche, deren ich mich bediente, war 
an der Mündung mit einem messingenen Ringe eingefafst, 
worin ein hohler Glasstöpsel, in dem eine gut calibrirte 
Glasröhre steckte, vollkommen schlofs,. da er darin gut 
eingerieben war. Nachdem das Wasser von Luft befreit 
worden, wurde der Stöpsel mit seiner Röhre aufgesetzt, 
und zwar so, dafs keine Luft unter dem Stöpsel bleiben 
konnte und das Wasser in die Röhre steigen mufste. 
Die obere Oeffnung der Röhre war mit einer kleinen 
Glocke von kegelförmiger Gestalt bedeckt. Es versteht 
sich, dafs die Röhre mit einer Skale versehen war. Uebri- 
gens wurde der Versuch über die Zusammendrückung 
des Wassers mit dieser Flasche eben so angestellt, als 
ich ihn früher mit Glasflascheu angestellt habe. 

Die nämliche Röhre mit ihrem Stöpsel, welche ich 
zu dem Versuche mit der Bleiflasche gebrauchte, hatte 
ich sehr oft zu Versuchen mit einer Glasflasche ange- 
wandt, in deren Mündung der Stöpsel gleichfalls einge- 
schliffen worden war. Es war also leicht, die Versuche 
mit den beiden Flaschen mit einander zu vergleichen. 
Nach gemachter Reduction, wegen der Verschiedenheit 
ihrer Capacitäten, fand ich, dafs die scheinbare Zusam- 
mendrückung in der Bleiflasche ein wenig gröfser war, 
als in der Glasflasche. Dieser Unterschied überstieg, für 
den Druck von einer Atmosphäre, nicht 2 Milliontel vom 
Volumen des W 7 assers. Diefs Resultat stimmt vollkom- 

Kk 2 



516 

rnen mit meiner Meinung überein, und ist der von mir 
bestrittenen durchaus entgegen. 

Aehnliche Versuche habe ich mit Flaschen von Mes- 
sing und Zinn angestellt, und dabei ähnliche Resultate 
erhalten. Ausführlich werde ich meine sämmtlichen Ver- 
suche über die Zusammendrückung der Flüssigkeiten im 
4. Bande der Denkschriften der K. Gesellschaft der 
Wissenschaften zu Kopenhagen bekannt machen. Hier 
begnüge ich mich zu bemerken, dafs man bei den be- 
sprochenen Versuchen sich vor den Luftblasen in Acht 
zu nehmen habe, die oft bei fortgesetzter Berührung 
des Wassers mit dem Metalle gebildet werden. Wenn 
das Wasser einen Tag hindurch in der Bleiilasche ge- 
standen hat, linden sich fast beständig kleine Luftblasen. 
Ich glaube auch gefunden zu haben, dafs das Wasser 
eine gröfsere Zusammendrückbarkeit zeigt, wenn es nur 
kurze Zeit mit einer Fläche, sie sey von Glas oder von 
Metall, in Berührung gestanden hat. Ich bin noch mit 
Versuchen über diesen Gegenstand beschäftigt. 



XX. Leber die jLusziehung elastischer Druide 
und Platten; ron Herrn JPoisson. 

{Ann. de chim, et de phys. XXXVI. p. 384.) 



JLis sey a die Länge eines elastischen Drahtes, welcher 
überall dieselbe Dicke besitzt, b der Flächenraum eines 
Querschnitts senkrecht gegen die Länge des Drahts, und 
folglich ab sein Volumen. Man nehme an, dafs er um 
etwas ausgezogen werde, so dafs seine Länge a (\~{-a) 
wird, wo et ein sehr kleiner Bruch ist. Zugleich wird 
i Faden dünner werden. Wenn man nun mit b (1 — ß) 
das bezeichnet, was der Flächenraum des senkrechten 
Querschnitts wird, wo ß ebenfalls ein kleiner Bruch ist; 
so wird sein neues Volumen sehr nahe =.ab (l+# — ß). 



517 

Zufolge der Theorie elastischer Körper, die ich künftig 
in einer Abhandlung aus einander setzen werde, mufs 
man haben: 

woraus folgt, dafs ein elastischer Faden, durch die Ver- 
längerung cl, in dem Yerhältnifs (l + ^a):l an Vo- 
lumen zunimmt, und im umgekehrten Verhältnisse an 
Dichte abnimmt. 

I)iefs Resultat stimmt völlig mit einem Versuche 
überein, den Hr. Cagniard-Latoxir neuerlich der Aca- 
demie mitgetheilt hat. Er ist folgender. 

Hr. C. nahm einen Messingdraht und tauchte ihn in 
ein mit Wasser gefülltes Rohr. Bas so eingetauchte Stück 
des Drahts hatte eine Länge von 2 m ,03. Das untere 
Ende desselben berührte den Boden. Er zog den Draht, 
ohne ihn auszudehnen, in die Höhe, so dafs jenes Ende 
sich 6 IT,m über dem Roden befand; er bemerkte dabei, 
dafs das Wasser sich um 5 mm in dem Rohre gesenkt 
hatte. Er befestigte hierauf das Ende des Drahts am 
Roden des Gefäfses und verlängerte ihn hierauf durch 
einen Zug nach seiner Länge, um 6 mm ; seine Dicke nahm 
ab, und das Wasser in dem Rohr fiel um 2 mm ,5 oder 
um halb so viel als vorhin. Der Verfasser schlofs hieraus, 
dafs in Eolge dieser Verlängerung das Volumen des Drah- 
tes zugenommen habe. 

Um die Gröfse dieser Volumenszunahme zu erfahren, 
und sie mit der, die nach der Theorie statt finden soll, 
zu vergleichen, nehme ich wieder die vorherigen Bezeich- 
nungen an; überdiefs nenne ich h die Höhe, in welcher 
sich das Ende des Drahts, nachdem man diesen gehoben 
hat, sich über dem Boden der Röhre befindet, und c 
die Wassermeuge, welche unter das ursprüngliche Ni- 
veau gefallen ist. Diese Gröfse milfs das Volumen bh 
des Drahtes ersetzen, welches zwischen dem gehobenen 
Ende und dem Boden des Gefäfses befindlich ist. Man 
hat folglich: 

bh=zc 



518 

Bezeichnet man die Verlängerung des Drahts, wie 
vorhin, mit act, so hat man, da die Zunahme seiner 
Länge der Erhebung h gleich ist, 

act=h 

Das Volumen des in Wasser getauchten Theils wird, 
nach dieser Verlängerung, seyn ab(l — ß), wenn man 
immer mit b(l — ß) das bezeichnet, was der Querschnitt 
senkrecht gegen die Länge geworden ist, und dabei bei 
dem Versuch des Hrn. Cagniard, gegen diese Länge, 
die Mveaudifferenz des Wassers vernachlässigt, d. h. 2 mra ,5 
gegen 2 m ,03. Das Volumen des eingetauchten Theils, wel- 
ches ursprünglich gleich ab war, wird sich also um ab ß 
verringert haben; und da diese Volumendifferenz durch 
die Menge des nach der Verlängerung gesunkenen Was- 
sers ersetzt worden ist, so hat man, wenn diese Was- 
sermenge mit c 1 bezeichnet wird: 
abß = c' 

Elmiinirt man a und b zwischen diesen drei Glei- 
chungen, so kommt 

ß= C 'a 

' c 

und da Hr. Cagniard c 1 halb so grofs wie c gefunden 
hat, so erhält man ß = ^cL, was genau mit dem Resul- 
tate der Theorie übereinstimmt. 

Es sey b der Flächenraum einer Platte oder Mem- 
brane, deren Dicke constant und gleich a ist. Man nehme 
an, dafs diese Fläche nach allen Richtungen gleich stark 
ausgezogen werde, und dafs sie b(l-\-ß) werde, wo ß 
ein sehr kleiner Bruch ist. Zugleich wird die Dicke ab- 
nehmen. Wir bezeichnen mit a(l — et) das, was diese 
Dicke wird, wo et ebenfalls ein sehr kleiner Bruch ißt. 
Das Volumen, welches ab war, Avird sich sehr nahe in 
ab(l-+-ß — et) verwandeln. Nun hat man nach der oben 
angeführten Theorie 

*=f/3 



519 

folgl'ch nimmt das Volumen in dem Verhältnisse (l-\-fß):l 
zu. Diefs Resultat ist indefs schwieriger als das vorher- 
gehende durch einen Versuch zu bestätigen. 



XXI. yiuszug aus einer Arbeit über die bei der 

Verbrennung entwickelte Wärme; 

von Hrn. C. Despretz. 

(Annales de chimie et de physiaue XXXVII. p. 180.) 



Di 



iese Arbeit hat die Verbrennung des Kohlenstoffs, 
Wasserstoffs, Phosphors, mehrere Metalle u. s. w. zum 
Gegenstand. Der zu diesen Versuchen angewandte Ca- 
lorimeter hat den Vorzug, dafs mittelst seiner die Wärme, 
die bei der Verbrennung eines jeden Körpers, selbst bei 
der Verpuffung von Schiefspulver entwickelt wird, ge- 
messen werden kann. Er ist vorzüglicher als der von 
Rumford, der zu keiner genauen Messung tauglich war, 
und worin selbst Rumford niemals Kohle verbrennen 
konnte, geschweige denn, dafs er hätte Metalle verbren- 
nen können. Diefs ist, wie ich glaube, das erste Mal, 
dafs man die bei der Verbrennung der Metalle entwik- 
kelte Wärme mifst. 

Es geht aus dieser Arbeit hervor, dafs für ein Gramm 
Sauerstoff 

der Wasserstoff entwickelt 2578° 
der Kohlenstoff - - 2967 
das Eisen - - 5325. 

Phosphor, Zink und Zinn entwickeln Wärmemen- 
gen, die wenig von der vom Eisen entwickelten abwei 
chen. Die Zahlen sollen näher angegeben werden, sobald 
alle Versuche genugsam wiederholt worden sind, dafs 
man ihre Genauigkeit nicht mehr bezweifeln kann. 

Unter allen Körpern ist also der Wasserstoff der- 
jenige, welcher bei gleicher Menge von absorbirtem 



520 

Sauerstoff dje wenigste Wärme entwickelt. Die Metalle 
entwickeln dagegen am meisten. 

Es ist merkwürdig, dafs der Kohlenstoff, welcher 
das Volumen des Sauerstoffs ungeändert läfst, eine Wär- 
memenge entwickelt, die f- von der ausmacht, welche 
das Eisen und überhaupt die Metalle entwickeln. 



XXII. lieber die Verbrennung unter verschiede- 
nem Drucke; von Hrn. C. Despretz. 

(Ann. de chim. et de phys. XXXVIl. p. 182.) 



E 



s geht aus dieser Arbeit hervor, dafs die Wärme- 
menge, welche ein Körper entwickelt, der das Volumen 
des Sauerstoffgases nicht ändert, bei jeder Dichte dieses 
Gases die nämliche ist. 

Diefs Resultat ist bis jetzt nur mit dem Kohlenstoff 
erhalten, aber es ist ungemein wahrscheinlich, dafs der 
Schwefel und die Körper, welche das Volumen des ver- 
brennenden Gases nicht ändern, das nämliche Resultat 
geben werden. 

Ich glaube, dafs die Wärmemenge, welche ein Kör- 
per entwickelt, der den gesammten Sauerstoff in den Zu- 
stand der Starrheit versetzt, um so geringer ist, je grö- 
fser der Druck ist, und dafs der Unterschied die Wärme 
vorstellt, welche der Sauerstoff bei seiner Volumensver- 
ringerung verloren hat. Man hat also hicdurch ein Mit- 
tel, diese Wärme kennen zu lernen. Durch anderwei- 
tige Versuche, bei denen Wasserstoff, Kohlen o'xyd und 
Kohlensäure eine Rolle spielen, wird es möglich zu er- 
kennen, ob alle Gase bei gleicher Volumensverringerung 
dieselbe Wärmemenge abgeben oder nicht. 

Aus den Versuchen, die mit Kohlenstoff unter ver- 
schiedenem Drucke angestellt sind, kann man noch eine 
sehr wichtige Folgerung ziehen, nämlich die: dafs, unter 



521 

dem angewandten Drucke, der Sauerstoff und die Koh- 
lensäure durchaus gleiche Mengen von Wärme enthalten. 
Wenn die Versuche mit dem Schwefel auch unter ver- 
schiedenem Drucke eine gleiche Wärmemenge geben; so 
mufs man daraus schliefsen, dafs auch das Schwefligsäure- 
Gas und das Sauerstoffgas die nämliche Menge Wärme 
enthalten; und da die drei Gase, das Sauerstoff-, Koh- 
lensäure- und Schwefligsäure -Gas, in ihren Eigenschaf- 
ten sehr verschieden sind, so wird es erlaubt seyn, diese 
Folgerimg auf alle Gase auszudehnen. 



XXIII. Zerlegung eines pulvcrförmigen Minerah 
aus Nordamerica; 

vom Grafen Trolle- TV acht meist er. 

(Aus den K. reifnsL Acad. Handl- f. 1827, St. 1.) 



ei Hobohen und Slaten- Island, bei New -York in 
den vereinigten Staaten, kommt ein mächtiges Lager von 
Talkformation vor, welches in Verbindung mit den Gra- 
nitbergen stehen soll, die von New -York -Island ausge- 
hen. Hier, im Serpentin, hat Hr. Pierce, neben einer 
Menge von kohlensaurer Talkerde, ein weifses pulverför- 
miges Mineral gefunden, welches nur sparsam vorkommt 
und für Talkerdehydrat angesehen wurde. Von diesem, 
völlig wie Magnesia alba aussehendem Minerale, habe ich 
von Hrn. Torrey in New -York eine geringe Quantität 
erhalten, welches mir Anlafs zu einer Analyse gegeben 
hat, die ich die Ehre habe hier mitzutheilen. 

Eine Probe, welche zuerst durch gelinde Erwärmung 
und hernach unter der Luftpumpe vom hygroskopischen 
Wasser befreit worden war, wurde in einem Kolben ge- 
glüht, der in Verbindung stand mit einer Vorlage, die 
mit geglühtem, gröblich zerstofsenem Chlorcalcium gefüllt 
und am andern Ende zu einer fernen offenen Spitze aus- 



522 

gezogen war. Die Gewichtszunahme des letztgenannten 
Salzes winde für den angegebenen Wassergehalt des Mi- 
nerals angesehen, und was darüber erforderlich war, um 
den Glühverlus.t der Probe zu ersetzen, wurde als Koh- 
lensäure betrachtet. 

Das geglühte Mineral wurde mit Chlorwasserstoff- 
säure behandelt, wobei einige gröfsere Bröckchen unge- 
löst blieben, welche sich vor dem Löthrohr theils wie 
Serpentin, theils wie Kieselsäure verhielten, und für 
mechanische Einmengungen angesehen wurden. 

Die Lösung, eingetrocknet , hinterliefs einen kleinen 
Theii Kieselsäure. Aus der Flüssigkeit, in welcher Kalk- 
erde aufgesucht aber nicht gefunden wurde, liefs sich mit 
kohlensaurem Ammoniak eine geringe Menge von Eisen- 



oxyd fällen. Das übrige 


war 


Talkerde. 


Die Analyse gab: 






Talkerde 




42,41 


Kohlensäure 




36,82 


Wasser 




18,53 


Kieselsäure 




0,57 


Eisenoxyd 




0,27 


Fremde Beimischungen 1,39 



99,99. 
Wenn wir die Zusammensetzung der Magnesia alba 
(=MgAq 8 +3MgC 2 , deren Atomengewicht ist =4618,68), 
so finden wir für die Atomenge wichte der Bestandteile 
folgendes: 

Mg: 516,72x4=2066,86 = 44,75 Proc. 
C: 275,33x6 = 1651,98 = 35,77 
Aq: 112,48x8= 899,84 = 19,48 
4618,68 100,00. 

Vergleichen wir hiemit das durch die Analyse erhal- 
tene Resultat, so finden wir das procentische Verhältnifs 



523 

bei beiden sehr nahe übereinstimmend, und daraus er- 
giebt sich also, dafs das Mineral gleiche Zusammensetzung 
mit der Magnesia alba hat, und dafs es nur gemengt ist 
mit einer Spur von wasserhaltiger neutraler kohlensaurer 
und kieselsaurer Talkerde, so wie mit Bruchstücken der 
Bergarten, worin der untersuchte Stoff vorkommt. 

Bei Berechnung der Zusammensetzimg der Magnesia 
habe ich die älteren Atomengewichte angewandt. Bei 
Annahme der neueren, noch nicht allgemein bekannten, 
entsteht dasselbe Verhältnifs; aber die Formel mufs dann 
so ausgedrückt werden: MgH 4 +3MgC. 

XXIV. lieber ein Mittel zur Messimg mehrerer 
chemischen Actionen; voji Hrn. Hab in et. 

{Arm. de chim. et de physiq. XXXVII. p. 183.) 



-js giebt eine grofse Menge von chemischen Prozessen, 
bei denen eine Gasentwicklung statt findet. Bei den Pro- 
zessen der Salzbildungen z. B. werden oft Wasserstoff, 
salpetrige Säure, Stickstoffoxyd, Kohlensäure, Chlor und 
schweflige Säure entwickelt. 

Nimmt man sie in geschlossenen Gefäfsen vor, so 
halt die chemische Action ein, wenn das Gas eine hin- 
längliche Expansivkraft erreicht hat; sie ist aufgehoben 
bis zu dem Moment, wo man das comprimirte Gas ent- 
weichen läfst, dessen Expansivkraft gewissermafsen der 
chemischen Action, welche es zu entwickeln sucht, das 
Gleichgewicht hält. Diese Expansivkraft des Gases, im 
Moment wo sie die chemische Action unterbricht, scheint 
mir ein Maafs für die Stärke dieser Action bei verschie- 
denen Temperaturen und verschiedenen Substanzen ab- 
geben zu können, wenigstens ein nützliches Mittel zur 
ungefährigen Schätzung dieser noch so wenig bekannten 
Kräfte. 

Mein erster Versuch dieser Art schreibt sich aus dem 



524 

J. 1818 her. In der Absicht, Windbüchsen mit einem 
sehr zusammengedrückten Wasserstoffgase zu füllen, liefs 
ich versuchsweise eine kupferne Bombe mit einem Hahne 
zum Verschliefsen derselben verfertigen. Ich füllte sie 
mit Wasser, Zink und Schwefelsäure, und legte sie ( un- 
streitig, nachdem sie verschlossen worden war. P.) auf 
einen mit Schnee bedeckten Boden; allein zu meinem 
grofsen Erstaunen zerplatzte die Bombe nicht. 

Im folgenden Jahre liefs ich bei Hrn. Pixii ein star- 
kes Rohr aus Kupfer bohren; ein Schraubenbolzen ver- 
schlofs dieses Rohr. Nachdem ich es, wie die Bombe, 
gefüllt hatte, konnte ich die Entwicklung des Wasser- 
stoffgases nach Belieben abwechselnd unterbrechen und 
erneuen. Die Heftigkeit, mit welcher das Gas bei Ab- 
schraubung des Bolzens entwich, zeigte, dafs es eine 
grofse Expansivkraft besafs. 

Um diese Kraft zu messen, liefs ich einen Apparat 
verfertigen, welcher im Ganzen dem gewöhnlichen Pa- 
pin'schen Topfe ähnlich war, sich aber darin von ihm 
unterschied, dafs er statt des Hahnventils mit einer Baro- 
meterprobe versehen war, ähnlich der bei den Compres- 
sionspumpen. Das Rohr dieser Barometerprobe war sehr 
stark und am oberen Ende zugeschmolzen. Die Zusam- 
menziehung der im oberen Theil dieses Rohres einge- 
schlossenen Luft, nebst der Länge der gehobenen Queck- 
silbersäule, gab die Elasticität des Glases für den Augen- 
blick, wo sie die chemische Action aufhob und das Gleich- 
gewicht eintrat. 

Bei 25° C. betrug die Elasticität des Wasserstoff- 
gases, welches durch Wasser, Zink und Schwefelsäure 
entwickelt wurde, mehr als 33 Atomensphären. 

Das letzte Mittel, bei welchem ich stehen blieb, be- 
stand darin, dafs ich, statt der Barometerprobe, einen 
kleinen kupfernen Ballon, der durch einen Hahn zu ver- 
schliefsen war, an den Apparat schrob. Dieser Ballon 
füllte sich mit dem Gase, das um so mein- verdichtet war, 



525 

je lebhafter die Entwicklung gewesen war. Man nahm 
ihn fort und öffnete ihn unter einer graduirten Glocke. 
Als der Ballon, bei 10° C, der vorhergehenden Reaction 
entzogen wurde, fand sich, dafs er ungefähr 13 Mal so 
viel Gas, als unter dem gewöhnlichen Drucke der Atmo- 
sphäre, enthielt. Die Entwicklung war hier also bei einer 
Expansivkraft von 13 Atmosphären stehen geblieben. 

Bei 0° würde die Expansivkraft des Wasserstoffga- 
ses weit schwächer gewesen seyn, wenigstens läfst sich 
diefs aus der Langsamkeit abnehmen, mit welcher die Gas- 
entwicklung bei dieser Temperatur in unverschlossenen 
Gefäfsen vor sich geht. Wendet man Eisen statt des 
Zinkes an, so ist die Wirkung noch schwächer. Eben 
so hat das Chlor, welches bei gewöhnlicher Temperatur 
mittelst Manganoxyd aus Chlorwasserstoffsäure entwickelt 
wird, nur eine Elasticität von ungefähr 2 Atmosphären. 

Man kann diese Gase als mechanische Mittel ge- 
brauchen, um einen starken Druck ohne Stöfse hervorzu- 
bringen, um Windbüchsen zu laden, Wasser fortzuspritzen, 
Dampf zu ersetzen u. s. w. 

Die vorhergehenden Versuche hat man nur als jene 
vorläufigen zu betrachten, durch die man sich versichert, 
ob die Apparate ihre Dienste gehörig verrichten. Es 
würde *eine grofse Zahl sorgfältig angestellter Versuche 
erforderlich seyn, um die Stärke genau zu bestimmen, 
welche mehrere Klassen von chemischen Actionen nicht 
blofs zwischen verschiedenen Substanzen, sondern auch 
zwischen denselben Substanzen bei verschiedenen Tem- 
peraturen besitzen. Die Entwicklungen von Chlor und 
salpetriger Säure, welche weit schwächer sind als die von 
Wasserstoffgas, können ohne Gefahr in gewöhnlichen 
Röhren mittelst einer Quecksilbersäule unterbrochen wer- 
den. Da ich nicht beabsichtige, diese Arbeit zu verfol- 
gen, so halte ich es für nützlich, diese Gattung von Un- 
tersuchungen bekannt zu machen, indem sie für einige 
Beobachter vielleicht von Interesse sind. 



526 



XXV. Methode, Baryt von Strontian zu unter- 
scheiden. 



m schnell zu erfahren, ob man es mit kaustischem 
Baryt oder Strontian zu thun habe, rathen die HH. Ju- 
lia-Fontenelle und Quesneville (Journ. de chi- 
rnie med. Ann. IV. p. 129.) das fragliche Oxyd zu pul- 
vern und mit concentrirter Schwefelsäure zu übergiefsen 
Ist es Strontian, so findet blofs eine heftige Erhitzung 
statt, ist es aber Baryt, so tritt bekanntlich neben die- 
ser auch ein Erglühen ein, das einige Zeit anhält. Der 
Baryt mufs hiezu frisch gepulvert werden, damit er keine 
Feuchtigkeit enthalte. — Die gewöhnliche Scheidungs- 
methode beruht, wie bekannt, darauf, dafs Chlorstron- 
tium in absolutem Alkohol löslich ist, Chlorbaryum aber 
nicht oder sehr wenig. Ein anderes Verfahren, Baryt 
und Strontian, selbst quantitativ, mittelst kieselhalti- 
ger Flufssäure zu trennen, findet man von Berze- 
lius im Bd. 76. S. 195. dieser Annalen angegeben. — 
Uebrigens ist zu bemerken, dafs auch kaustische Talk- 
erde jenes Erglühen mit concentrirter Schwefelsäure zeigt. 



XXVI. Krystallform der Hämatine. 



JL^ie Krystallform der Hämatine scheint nach Hrn. Te- 
schem achers Messungen {Phil. Mag. et Ann. of Phil. 
III. p. 28.) zum viergliedrigen oder pyramidalen Systeme 
zu gehören. Er beschreibt sie als rechtwinklig viersei- 
tige Prismen, mit geraden Abstumpfungen der Seitenkan- 
ten, gerade angesetzter Endfläche, und drei Flächen, wel- 



527 

che die Kanten zwischen der Erdfläche und den Säulen- 
flächen ersetzen, und gegen die Endfläche respective um: 
122° 10'; 118° 15' und 116° 15' neigen. Die Substanz 
wurde kristallinisch gebildet in Campecheholz gefunden, 
und blofs mittelst Weingeistes umkrystallisirt. 



XXVII. Torläufige Erwiederung auf des Hrn. Dr, 
Grüner t Abhandlung in diesen jLnnalen 

1827 , Stück 7. No. VI.; vorn Bergcommis- 
sionsrathe von Busse zu Freyberg. 



^eite 463. in dieser Abhandlung heifst es, dafs man im 
Mittelpunkte der Erde die Untersuchung von neuem an- 
fangen müsse, wie es der Hr. Prof. Brandes in seiner 
Auflösung der Aufgabe schon ganz richtig bemerkt habe. 
Hieraus scheint mir zu erhellen, dafs dem Hrn. Verfas- 
ser mein Bedenken gegen diese Auflösung im Hesperus 
No. 18. des 27. Bandes, gedruckt zu Prag im Septem- 
ber 1820, nicht bekannt geworden ist. 

Da ich ferner in dieser Abhandlung die Kräfte in be- 
schleunigende und verzögernde mit Hrn. Francoeur 
abgetheilt, und überdiefs auch andere in Frankreich ge- 
wöhnliche Begriffe und Formeln der höhern Mechanik 
gebraucht sehe, so finde ich mich veranlafst hierüber ein 
Wort zu seiner Zeit gesprochen in einer andern Zeit- 
schrift drucken zu lassen, weil es für diese Annalen zu 
viele Mathematik enthalten möchte. 

Aus einer dortigen umständlicheren Erwiederung wird 
es auch abermals erhellen, dafs die stätige Durchfahrung 
der Erde durch eine auch calculatorisch stätige Formel, 
ohne Benutzung meines algebraisch -geometrischen Rich- 
tungs=p nicht erweisbar werden kann. 



528 

Wenn übrigens der Hr. Verfasser, der ja als den- 
kender Mathematiker schon bekannt ist, auch nur den 
ersten Bogen in Carnot's und meine Ansicht der Al- 
gebra durchlesen wollte, so dürfte es ihm einleuchtend 
werden, dafs es ein vergebenes Unternehmen seyn würde, 
Hrn. Klügel's Theorie gegen die meinige fernerhin in 
Schutz nehmen zu wollen, auch es mir nicht zu verdenken 
seyn möchte, falls ich darüber die Geduld verlieren sollte. 



Berichtigungen. 

Im Aufsatz des Prof. M i t s ch c rli ch , in Heft I. dies. Bandes : 
Seite 139. Zeile 9. statt 104° 18' lies 105° 42' 

- 12. - 134° 19' - 112° 9'£ 

- 13. - 125°19'i - 115° 19'^ 
- 16. - e:e' lies c:c" 

142. - 9. und 13. statt s lies d 

In Bezug auf den Aufsatz des Hrn. v. Humboldt, im Heft II., 
ist zu bemerken, dafs derselbe schon im J. 1825, früher als der 
erste des Hrn. Prof. Hällström, erschienen ist. 

In dem Aufsatz: Beob. einer Störung der Magnetnadel u. s. w.. 
im Hefte IL, ist S. 330. der Schlufs der Note: denn er sagt u. s. w. } 
bis zu Ende, auszustreichen. 

In dem Aufs, über den Isopyr , fehlen S. 333. nach Zeile 10. 
folgende Zeilen : 

Spröde. Schwache Wirkung auf die Magnetnadel. 

Härte =5,5 . . . 6,0. Specif. Gewicht =2,912 
S. 334. Zeile 17. mufs es heifsen : 

"Wacke am Saesebühl statt Grauwacke zu Saesebühl. 



Gedruckt bei A. "W. Schade in Berlin. 



ANNALEN 
DER PHYSIK UND CHEMIE. 



JAHRGANG 1828, VIERTES STÜCK. 



I. Ueber die bleichende Verbindung des Chlors 
mit den Rasen; von J. J. JBerzelius. 

(Uebersetzt aus dessen Jahresberichte für 1827 von G. Magnus.) 



ie bleichende und geruchzerstörende Flüssigkeit, wel- 
che Labarraque in Gebrauch gebracht hat, und welche 
man erhält, wenn 15 Th. krystallisirtes kohlensaures Na- 
tron in 40 Th. Wasser aufgelöst und mit so viel Chlor- 
gas gemischt werden, als man von 2 Th. Braunstein und 
6 Th. Salzsäure bekommt, ist der Gegenstand mehrerer 
Untersuchungen gewesen, um zu erfahren, in welcher 
Form das Chlor darin enthalten sey, oder, woraus die 
bleichende Flüssigkeit bestehe. Bekanntlich nehmen die 
französischen Chemiker an, dafs dieselbe eine Verbin- 
dung von Chlor und Natron sey, wonach die bleichende 
Eigenschaft derselben auf der Reduction des Natrons zu 
Natrium beruhen mufs, eben so wie dieselbe, beim Blei- 
chen mit Chlorwasser, auf der Reduction des Wassers 
zu Wasserstoff beruht. 

Da indefs die einfachen Körper sich sehr selten mit 
den Oxyden verbinden, so haben viele Anstand genom- 
men, diefs ohne alle weitere Untersuchung anzunehmen, 
wiewohl es scheint, als sey die Möglichkeit einer sol- 
chen Verbindung dadurch erwiesen, dafs das Jod sich 
mit der Kalk- und Talkerde zu braunen Verbindungen 
Annal.d. Physik. B. 88. St. 4. J.1828. St. 4. LI 



530 

vereinigt, wenn man Jodkalium mit jodsaurer Kalk- oder 
Talkerde mischt und abdampft. Es ist indefs bis jetzt 
noch nicht untersucht, ob diefs wirklich Verbindungen 
von Jod mit den oxydirten Metallen sind; sie können 
eben so gut Gemenge seyn von basisch jodsauren Sal- 
zen (zu deren Bildung die Jodsäure grofse Neigung hat) 
mit Jodmetallen, welche doppelt so viel Jod enthalten, 
als die gewöhnlichen, zumal da ähnliche Verbindungen 
schon sonst beim Kalium und Natrium bekannt sind. 
So lange also dieser Umstand nicht ausgemacht ist, kön- 
nen diese farbigen Verbindungen von Jod mit Kalkerde 
und Talkerde zu keinem Beweise dienen. 

Granville hat sich bemüht diese Frage durch Ver- 
suche zu beantworten *). Er übersättigte eine Natron- 
auflösung mit Chlor, und fand, dafs dieselbe die von 
Labarraque angegebenen Eigenschaften zeigte; als er 
sie aber abdunstete, fand er, dafs das Chlor fort ging, 
und dafs das zurückbleibende Salz ein Gemenge von 
chlorsaurem Natron und Kochsalz war. Hieraus schlofs 
er, dafs in der bleichenden Flüssigkeit nur der Ueber- 
schufs von Chlor, welchen sie auch ohne alle Gegen- 
wart von Natron enthalten könne, das Bleichende sey. 

Faraday hat späterhin bemerkt, Granville habe 
seinen Entzweck dadurch verfehlt, dafs er die Basis mit 
Chlor übersättigte und folglich chlorsaures Natron bil- 
dete, da doch Labarraque vorschreibe, dafs dieselbe 
nur mit dem aus einer gewissen Quantität Braunstein und 
Salzsäure entwickelten Chlor gemengt werden solle. Wenn 
man diefs befolgt, wird, nach Faraday, kein chlorsau- 
res Nation gebildet, und die Flüssigkeit hat ganz die 
bleichende Eigenschaft des Chlors. Wenn dieselbe schnell 
eingekocht wird, geht kein Chlor fort, und man erhält ein 
Salz, welches noch den eigentümlichen Geschmack und 
die bleichende Kraft der Flüssigkeit besitzt. Wenn man 
aber die Lösung in einem offenen Gefäfse sich selbst 

*) T/ie quarterly Journal of Science N. S. Tom. I. p. 371. 



531 

überläfst, so entweicht allmälig Chlor, und es schiefst 
nur kohlensaures Natron an, was nur davon herzurühren 
scheint, dafs in dieser Flüssigkeit doppelt kohlensaures 
Alkali während der Operation entstanden ist, welches, wenn 
die Flüssigkeit durch freiwillige Verdunstung concentrirt 
wird, unter Entweichung von Chlor wieder in gewöhnli- 
ches kohlensaures Alkali zurückgeht; beim Kochen da- 
gegen wird das Bicarbonat zersetzt und das Chlor bleibt 
in der Verbindung. Durch diese und einige andere Ver- 
suche hat Faraday zu zeigen gesucht, dafs diese Ver- 
bindung Aufmerksamkeit verdiene, ohne übrigens eine 
Vermuthung zu äufsern, wie man ihre Zusammensetzung 
anzusehen habe. 

Phillips *) hat hernach denselben Gegenstand un- 
tersucht, und dabei gefunden, dafs man diese neue Ver- 
bindung durch Abdunsten bis zur Salzhaut in feinen na- 
delförmigen Krystallen erhalten könne, welche, wenn sie 
an der Luft liegen, ihr Chlor verlieren. Er betrachtet 
diese Krystalle als aus Chlor und kohlensaurem Natron 
zusammengesetzt. 

Di n gier, der Sohn, hat in einer sehr weitläuftigen 
Abhandlung, mit weniger Erfahrung als die vorhergehen 
den Chemiker, und deshalb mit gröfserer Neigung, sich 
an eine gewisse Meinung festzuhalten, gesucht, den Kno- 
ten zu zerhauen, statt ihn aufzulösen **). Er fängt 
nämlich an, die Sache damit abzumachen: „Unter den 
einfachen nicht metallischen Körpern haben das Jod 
und das Chlor die Eigenschaft sich mit den Metalloxy- 
den zu vereinigen und damit salzartige Verbindungen 
darzustellen. Das Jod verbindet sich wie der Blaustoff 
geradezu mit den Metalloxyden ; diese Verbindungen des- 
selben sind aber noch sehr wenig untersucht. Das Chlor 
hingegen vereinigt sich mit den Metalloxyden nur dann, 
wann diese selbst zuvor eine chemische Verbindung mit 

*) Phil. Mag. and Ann. of Phil. I. p. 376. 

*•) Dingler's Polytechn. Journ. XXVI. p. 223. 

LI* 



532 

Wasser eingegangen haben, oder also im Zustande von 
Hydraten sind; es behält in seiner Vereinigung mit die- 
sen Körpern seine chemischen Eigenschaften bei u. s. w." 

Was die Jodverbindungen betrifft, so habe ich in 
dem Vorhergehenden die Möglichkeit gezeigt, dafs sie 
das, wofür man sie hält, nicht sind. Dafs sich Cyan 
mit den Metalloxyden verbinde, ist hingegen ein Irrthum, 
wenn damit nicht solche Verbindungen gemeint sind, in 
denen sich Cyan zersetzt, die hier indefs wohl nicht als 
Beweis angeführt werden können. 

Weiterhin äufsert Dingler folgendes: „Schwefel- 
säure, Salpetersäure, Salzsäure u. s. w. entbinden aus dem 
Chlorkalk reines Chlorgas, welches, wenn ihm keine 
atmosphärische Luft beigemengt ist, nicht nur vom Was- 
ser, sondern auch von Quecksilber und Kalilauge voll- 
kommen verschluckt wird, und daher weder salzsaures 
Gas noch Sauerstoff enthält. Das durch Säuren entbun- 
dene Gas explodirt auch nicht, wenn man es auf 
+ 150° R. erhitzt, und wird nach dem Erhitzen auch 
wie zuvor von Quecksilber und Kalilauge vollständig ab- 
sorbirt. Diefs beweist, dafs die Meinung von Berze- 
lius, der das Kalkchlorür für chlorichtsauren Kalk hält, 
unrichtig ist; denn wenn dem wirklich so wäre, müfste 
durch die Säuren aus dem Chlorkalk entweder Chlorgas 
und Sauerstoffgas entbunden werden, und dann könnte 
das Gas von Quecksilber und Kalilauge nur zum Theil 
absorbirt werden, oder es müfste sich chlorichtsaures Gas 
entwickeln, welches sich aber beim Erhitzen unter Explo- 
sion zersetzt. Auch müfste der Chlorkalk, wenn er ein 
chlorichtsaures Salz wäre, immer eine sehr beträchtliche 
Menge salzsauren Kalk enthalten, so dafs er wohl sehr 
bald an der Luft zerfliefsen würde; er kann aber, wie 
ich mich überzeugt habe, mehrere Wochen der Luft aus- 
gesetzt werden, ohne so viel Wasser anzuziehen, dafs 
er wirklich zerfliefst." 

Veranlafst durch die positive Widerlegung, die ich 



533 

hier von einem jungen Chemiker erhalten habe, der mit 
den Schwierigkeiten der Entscheidung dieser Sache nicht 
bekannt zu seyn scheint, will ich hier einige Worte über 
meine Ansichten und meine Gründe zu denselben sagen, 
obgleich sie schon in das Lärbok i Kernten, 1. Del- 
Andr. Upl. (Stockholm 1817) p. 489. 628. 631. einge- 
rückt sind, in Folge von Versuchen, die Behufs der Be- 
arbeitung dieses Buches angestellt wurden. 

Ich löste in reinem kohlensauren Kali so viel Chlor- 
kalium auf, als diefs aufnehmen wollte, und leitete durch 
eine am Ende trichterförmig erweiterte Röhre Chlor in 
die Flüssigkeit. Nach wenigen Augenblicken begann 
Chlorkalium niederzufallen, und als der Boden einen 
Zoll hoch damit bedeckt war, besafs die Flüssigkeit 
noch die Eigenschaft, geröthetes Lackmuspapier erst blau 
zu färben und dann zu bleichen. Ich schied das Salz 
ab. Es war Chlorkalium, das nur eine Spur von chlor- 
saurem Kali enthielt. Diefs letztere Salz ist indefs be- 
kanntlich so schwerlöslich, dafs es bei seiner Bildung 
gröfstentheils sich ausscheidet. Folglich hatte sich bei 
dieser Quantität Chlorkalium nicht mehr chlorsaures Kali 
gebildet, als in der Flüssigkeit aufgelöst bleiben konnte, 
w r as indefs so wenig war, dafs es kaum in Betracht kom- 
men konnte. Es hatte sich also hier an dessen Stelle 
eine andere Verbindung gebildet, die den Sauerstoff ent- 
hielt, welchen das Kalium des niedergefallenen Chlorka- 
liums hatte fahren lassen ; und sie mufste sich in der blei- 
chenden Flüssigkeit befinden, deren eigenthümlicher Ge- 
ruch, Geschmack und bleichende Eigenschaft an chlo- 
richte Säure erinnern, ganz so wie schweflichtsaure und 
phosphorichtsaure Salze nach der in ihnen enthaltenen 
Säure schmecken. 

Ich nahm nun die bleichende Flüssigkeit, welche 
vom Chlorkalium getrennt war, und sättigte sie vollstän- 
dig mit Chlor; jetzt wurde chlorsaures Kali gefällt, das 
ganz wenig Chlorkalium enthielt. 



534 

Hieraus zog ich den Schlufs : dafs wenn man Chlor in 
eine Auflösung von Kali leite, anfänglich chlorichtsaures Kali 
gebildet werde, das aufgelöst bleibe, und Chlorkalium, 
das, sobald die Flüssigkeit mit demselben gesättigt sey, sich 
ausscheide; dafs die Bildung der chlorichten Säure fort 
fahre, bis das Alkali zu einem gewissen Grade gesättigt 
sey, dafs aber, wenn man mehr Chlor hineinleite, um die 
Basis vollkommen zu sättigen, sich die in dem aufgelös- 
ten Salze enthaltene chlorichte Säure, mittelst des durch 
das Chlor von der Basis abgeschiedenen Sauerstoffs, zu 
Chlorsäure oxydire, und dafs deshalb in dem Salze, wel- 
ches sich ausscheide, weit mehr chlorsaures Kali als 
Chlorkalium enthalten sey. 

Da die bleichenden Flüssigkeiten, welche man durch 
unvollkommne Sättigimg von INatron oder Kalk mit Chlor 
erhält, im Geruch, Geschmack und an bleichender Kraft 
sich ganz wie das Kalisalz verhalten, dessen Natur ich als 
unzweideutig ansehe, so schlofs ich der Analogie nach, 
dafs diese Verbindungen gleichfalls chlorichtsaure seyen, 
die durch vollständige Sättigung der Basis in chlorsaure 
verwandelt würden. 

Ich komme nun zu Dingler's Widerlegung. Wir 
wollen voraussetzen, dafs meine Ansicht auch für den 
Chlorkalk richtig sey, und dafs das Chlor, welches von 
Kalkhydrat absorbirt wird, wirklich in Chlorcalcium und 
chlorichtsauren Kalk verhandelt werde; dann müfsen die 
Theilchen beider Salze gleichmäfsig vertheilt liegen, und, 
wenn man eine Säure hinzusetzt, mufs das Calcium in 
dem Chlorcalcium sich auf Kosten der chlorichten Säure 
oxydiren, um sich mit der Säure vereinigen zu können, 
und es mufs folglich Chlor frei werden, gerade so, wie 
wenn man Schwefelarsenik in kaustischem Kali auflöst 
und eine Säure hinzufügt, dasselbe sich wiederum nie- 
derschlägt, gleich als wenn es bei seiner Auflösung nicht 
theilweise zersetzt worden wäre. Was ferner den Um- 



535 

stand betrifft, dafs der Chlorkalk nicht an der Luft zer- 
lliefst, was derselbe nach Dingler 's Meinung thun müfste, 
wenn er Chlorcalcium enthielte, so ist diefs ganz unrich- 
tig; denn es ist ein basisches Salz, da bekanntlich Chlor- 
calcium sich mit Kalkhydrat zu einem festen Salze ver- 
einigt, welches schwerlöslich ist und erst zerfliefst, wenn 
es durch die Kohlensäure der Luft neutralisirt worden 
ist. Man braucht sich nur an das Verhalten der Masse 
zu erinnern, welche bei der Destillation des Ammoniaks 
aus Salmiak und kaustischem Kalk zurückbleibt, wenn, 
wie es gewöhnlich geschieht, der letztere in Ueberschufs 
zugesetzt worden ist. 

Dingler hat gefunden, dafs der Chlorkalk immer 
Chlorcalcium und dennoch keinen chlorsauren Kalk ent- 
halte; aber er hat nicht angegeben, wohin seiner Mei- 
nung nach der Sauerstoff gegangen sey, der doch noth- 
wendig bei der Bildung des Chlorcalciums abgeschieden 
worden seyn mufs. Er hat ferner gefunden, dafs der 
Chlorkalk, wenn er destillirt wird, erst Chlor und dann 
Sauerstoff, nebst ein wenig Chloroxyd liefere, und er 
schliefst daraus, dafs der Chlorkalk zuerst Chlor verliere 
und dann in Chlorcalcium und chlorsaurem Kalk ver- 
wandelt werde. Aber in diesem Falle läfst sich nicht 
einsehen, warum Chlor entweicht, da, wenn die Verbin- 
dung Chlorkalk gewesen wäre, kein Grind vorhanden 
ist, weshalb ein Theil Chlor entweichen und nicht Alles 
in Chlorcalcium und chlorsauren Kalk verwandelt wer- 
den sollte. Ist dagegen die Verbindung ein Gemenge 
aus basischem Chlorcalcium und chlorichlsauicm Kalk, 
so ist klar, dafs das letztgenannte Salz sich in ein chlor- 
saures verwandelt, und zwar dadurch, dafs ein Theil Chlor 
entweicht. 

Die Entscheidimg dieser Frage ist an sich leicht, so- 
bald sie nicht in einen Meinungsstreit übergeht. Ich habe 
gezeigt, dafs wenn man Chlor mit einer Lösung von Kali 
verbindet, worin zuvor Chlorkalium bis zur Sättigung 



536 

aufgelöst ist, die Flüssigkeit wenige Augenblicke hernach 
durch Absetzung von Chlorkalium trübe wird, und die- 
ses eine ganze Zeit lang fortfährt, ohne dafs chlorsaures 
Kali gebildet wird. Die bleichende Flüssigkeit, die man 
bekommt, enthält also aufser Kali und Chlor auch Sauer- 
stoff. Aber wie der Sauerstoff darin enthalten sey, läfst 
sich unmöglich auf eine solche Weise ausmachen, dafs 
darüber kein Streit entstehen könne. Sicher ist, dafs 
derselbe entweder mit dem Chlor, oder mit dem Kali, 
oder mit dem Wasser verbunden ist. Wäre in der Flüs- 
sigkeit Wassersuperoxyd mit Chlorkalium gemengt oder 
verbunden, so müfste diefs Superoxyd durch hineinge- 
brachtes Silber oder Platin leicht zersetzt werden, beson- 
ders so lauge ein Ueberschufs von Alkali in der Flüs- 
sigkeit befindlich ist; aber diefs geschieht nicht. Kalium- 
superoxyd geht, wenigstens so weit wir Avissen, unz er- 
setzt keine Verbindungen mit andern Körpern ein. Da- 
gegen hat das Chlor einen Oxydationsgrad, welcher ana- 
log der salpetrichten Säure, aus 2 Atomen Chlor und 
3 Atomen Sauerstoff besteht, und eine eigene Säure aus- 
macht ; denn diese Verbindung röthet erst Lackmuspapier 
und bleicht es dann, und aus ihrer analogen Zusammen- 
setzung mit der salpetrichten, phosphorichten und arse- 
nichten Säure läfst sich schliefsen, dafs sie auch Verbin- 
dungen mit Basen eingehen könne, wenn auch nicht direct, 
doch indirect, wie es auch der Fall mit der salpetrichten 
Säure ist. Man hat also zwischen den drei Verbindun- 
gen zu wählen: Chlorkalium mit Wasserstoffsuperoxyd, 
Chlor mit Kaliumsuperoxyd, und chlorichte Säure mit 
Kali, wovon die letzte offenbar die wahrscheinlichste ist. 
Damit stimmt auch die Thatsache überein, dafs diese 
Verbindimg, wenn man sie bei Ausschlufs der Luft vor- 
sichtig abdampft, ein eignes krystallisirtes Salz bildet, des- 
sen Auflösung bleichend wirkt. Wird die Lösung ge- 
kocht, so erhält man Sauerstoff, der entweicht, und Chlor- 
kalium mit chlorsaurem Kali, welches niederfällt. 



537 

Diese Erscheinungen zeigen, dafs die chlorichtsauren 
Salze unter gewissen Umständen auf zweierlei Art zer- 
setzt werden können, nämlich: a) dadurch, dafs sie ihren 
Sauerstoff abgeben, wie beim Bleichen, oder beim Ko- 
chen, wobei dann das Salz in Chlormetall verwandelt 
wird, und b) dadurch, dafs sich von 1 Atom des Sal- 
zes der Sauerstoff trennt und 2 Atome desselben in chlor- 
saures Salz verwandelt. Diese Sauerstoffentwicklung, wel- 
che schon Berthollet beobachtet hat, beweist deutlich, 
dafs bei der Bildung der bleichenden Flüssigkeit der 
Sauerstoff darin eine sehr lockere Verbindung eingeht, 
und dafs dieselbe also etwas anderes als eine blofse 
Verbindung von Chlor und Alkali ist. 

Bei der Vereinigung von Chlor mit Kalkhydrat kann 
man nicht mit gleicher Bestimmtheit, wie im vorigen Falle, 
zeigen, dafs Chlorcalcium gebildet werde, da die Masse 
in fester Form bleibt. Löst man dieselbe in Wasser, so 
erhält man, wie bekannt, eine alkalische bleichende Flüs- 
sigkeit. 

Gay-Lussac zeigte, dafs diese Flüssigkeit die Sil- 
berlösung fällt; da er aber annahm, dafs diese Verbin- 
dung nichts anderes als Chlorkalk sey, so glaubte er 
auch, diese Fällung entstehe dadurch, dafs in dem Au- 
genblick der Zersetzung, indem das Chlor den Kalk fah- 
ren lasse, Chlorsilber und chlorsaures Silberoxyd, wel- 
ches aufgelöst bleibt, gebildet werden. Die Gegenwart des 
letzteren zeigte er dadurch, dafs er die Flüssigkeit ab- 
dunstete und den Bückstand erhitzte , wobei Sauerstoff 
entwickelt wurde und Chlorsilber zurückblieb *). Diese 
Versuche, welche im J. 1819 bekannt gemacht wurden, 
sind nebst denen, welche ich vorhin anführte, die einzi- 
gen, welche, so viel ich weifs, angestellt worden sind, 
um die Frage zu entscheiden. Ich will nun einige Ver- 
suche anführen, die ich gelegentlich angestellt habe 

*) Annales de chirnie et de phys. XI. p. 109. 



538 

Aus dem, was Gay-Lussac angenommen hat, 
scheint zu folgen, dafs, wenn die Auflösung des Chlor- 
kalks mit salpetersaurem Silber in Ueberschul's versetzt 
worden ist, alles Chlor in Chlorsilber und chlorsaures 
Silberoxyd verwandelt seyn, und die Flüssigkeit ihr 
Bleichvermögen verloren haben müsse. Diefs zu unter- 
suchen, schien mir leicht zu seyn. Ich löste also Chlor- 
kalk in Wasser und fällte die Lösung mit neutralem sal- 
petersauren Silberoxyd. Der Niederschlag war schwarz, 
in dem die überschüssige Basis Silberoxyd gefällt hatte. 
In dem Maafse, als der Ueberschul's an Basis auf diese 
Weise abnahm, wurde die Flüssigkeit immer mehr und 
mehr bleichend, und zuletzt entstand in einem Augen- 
blick ein heftiges Aufbrausen, es entwickelte sich Sauer- 
stoffgas, und die bleichende Kraft war verschwunden. 

Es war also klar, dafs der erste Niederschlag Chlor- 
silber enthielt, das von dein Sauerstoff, welcher sich nun 
entwickelte, ausgeschieden war. Wiewohl diese Erschei- 
nung zu beweisen schien, dafs die Lösung etwas anderes 
als Chlorsilberoxyd enthielt, so liefs sich doch nicht leicht 
entscheiden, ob diefs ein Oxydationsgrad des Chlors oder 
Wasserstoffsuperoxyds war, auf welche beide das Silber- 
oxyd zersetzend wirken könnte. Wasserstoffsuperoxyd 
reducirt bei seiner Zersetzung das Silberoxyd; ich wusch 
daher den schwarzen Niederschlag gut aus und übergofs 
ihn dann mit Salzsäure, um hernach mit Ammoniak das 
Chlorsilber von dem reducirten Silber zu trennen; aber 
die Salzsäure verwandelte die schwarze Masse augenblick- 
lich in Chlorsilber, unter Entwicklung von ein wenig 
Chlor. Es war diefs also nicht reducirtes Silber, son- 
dern gerade im Gegentheil Silbersuperoxyd. 

Ich versuchte nun den Chlorkalk mit einer Auflö- 
sung von neutralem Salpetersäuren Bleioxyd zu fällen. 
Diefs fällte im Augenblick eine weifse Masse, die bald 
anfing gelb zu werden. Ich setzte sogleich das Bleisalz 
in Ueberschul's hinzu; die Masse wurde dick wie ein Brei 



539 

gefällt; sie war im ersten Augenblick weifs, fing aber 
schnell an gelb zu werden. Dieselbe wurde auf ein Fil- 
trum gebracht, und das Durchgegangene, das nun Blei- 
salz in Ueberschufs enthielt, bleichte eben so wie zuvor, 
nur schneller. Die Masse auf dem Filtrum wurde fort- 
während dunkler und zuletzt braun. Diese allmälige Oxy- 
dation des ausgefällten basischen Bleisalzes bliebe uner- 
klärlich, wenn die, Fällung von Chlorblci, die sogleich 
und in so grofser Menge geschieht, dadurch entstände, 
dafs das Chlor bei seiner Verbindung mit Bleioxyd so- 
gleich in Chlorblei und chlorsaures Bleioxyd verwandelt 
würde. 

Es ist klar, dafs, nachdem die Fällung von Chlorblei 
geschehen ist, die Lösung noch eine oxydirende Substanz 
enthält, welche ihre oxydirende Wirkung auf das Blei- 
oxyd fortwährend ausübt. Bei diesem Versuche entstand 
keine Entwicklung von Sauerstoffgas, aber die filtrirte, 
bleichende Flüssigkeit trübte sich allmälig, wurde sauer 
und setzte einen braunen Niederschlag ab, während Chlor , 
in derselben frei wurde. Diese Entbindung von Chlor 
in der Flüssigkeit, während Bleisuperoxyd ausgefällt wird, 
kann wohl schwerlich als eine Folge der anwesenden 
Salpetersäure erklärt werden, dafs nämlich das Bleioxyd 
(wenn man dasselbe als mit Chlor verbunden in der 
Flüssigkeit annimmt) etwa auf Kosten der Salpetersäure 
des überschüssig zugesetzten neutralen Bleisalzes sich zu 
Superoxyd oxydirt und das Chlor habe fahren • lassen ; 
auch kann man wohl nicht annehmen, dafs diefs auf 
Kosten des Wassers oder eines Theils des im salpeter- 
sauren Bleioxyd enthaltenen Bleioxyds geschehen sey; 
denn alsdann hätten Salzsäure und Chlorblei entstehen 
müssen. Dagegen kann diefs nur dadurch geschehen seyn, 
dafs das Bleioxyd, sowohl das des Salpetersäuren als des 
chlorichtsauren Salzes, die chlorichte Säure zu Chlor ie- 
ducirte, während es sich selbst überoxydirte. 

So weit ich gegenwärtig sehe, ist diese Thatsache 



540 

entscheidend. Da das Bleisuperoxyd kein Sauerstoffgas, 
sondern Chlor aus der Flüssigkeit enwickelte, so ist klar, 
dafs das, wodurch bei dem früheren Versuche das Sil- 
beroxyd in Superoxyd verwandelt wurde, kein Wasser- 
stoffsuperoxyd war. 

Ich mischte nun Chlorkalk mit Wasser und setzte 
darauf Salpetersäure zu, bis die Masse sich ganz aufgelöst 
hatte. Sie roch durchaus nicht nach Chlor, bleichte ein- 
getauchtes Lackmuspapier augenblicklich, und schmeckte 
vollkommen wie chlorichtsaures Kali. Auf die Haut ge- 
bracht, gab diese Flüssigkeit einen eigenen Geruch, ganz 
gleich mit dem, welchen Wasserstoffsuperoxyd entwickelt. 
Ich liefs deshalb einen Tropfen von derselben auf der 
Hand eintrocknen, aber derselbe erzeugte nicht den milch- 
weifsen Fleck, den Wasserstoffsuperoxyd hervorbringt. 
Es ist also ziemlich sicher, dafs die bleichende Substanz 
darin nicht Wasserstoffsuperoxyd ist, wiewohl diefs auf 
dieselbe Weise bleicht, nämlich vermöge einer Oxydation. 

Diese völlig neutrale Auflösung roch nicht im ge- 
ringsten nach Chlor. Ein Tropfen neutrales, salpeter- 
sanres Silberoxyd fiel darin als ein Aveifser Klumpen nie- 
der. Ich mischte sie darauf auf einmal mit einem Ueber- 
schufs des Silbersalzes (das Salz war eingetrocknet und 
wieder aufgelöst worden); es entstand ein farbloser Nie- 
derschlag, und die Flüssigkeit roch nicht im geringsten 
nach Chlor. Sie wurde schnell filtrirt; sie ging schnell 
durchs Filtrum, schmeckte zugleich nach Silber und chlo- 
riqhter Säure, und bleichte eben so schnell und vollkom- 
men, wie vor der Fällung*). Sie begann aber bald 
trübe zu werden, es fällte sich Chlorsilber, und es bil- 
dete sich chlorsaures Silberoxyd, in demselben Verhält- 
nisse als die bleichende Kraft abnahm ; zuletzt wurde sie 



*) Bei der 'Anstellung dieses Versuches kann man sich am besten 
der Silberlösung bedienen, um zu bestimmen, wann die Auflö- 
sung neutral sey; denn so lange der Silberniederschlag gefärbt 
ist, enthält die Flüssigkeit einen Ueberschufs von Kalk, und 
■wenn dieselbe nach geschehener Fällung nacli Chlor riecht, ent- 
hält sie Säure in Ueberschuls. 



541 

wieder klar, reagirte sauer auf Lackmus, ohne zu blei- 
chen und ohne nach Chlor zu riechen. 

Als die Flüssigkeit mit Silberoxyd gemischt war, zer- 
setzte sich also das chlorichtsaure Salz unter Entwicklung 
vom Sauerstoffgas; als dieselbe aber keinen Bestandteil 
enthielt, der desoxjdirend wirken konnte, zerfiel dieses 
Salz in ein Atom Chlorsilber, welches sich niederschlug, 
und in zwei Atome chlorsaures Silberoxyd, welche auf- 
gelöst blieben. 

Aus dem Angeführten ist folglich klar, dafs Gay- 
Lussac's Versuch in seinem Endresultat richtig ist, dafs 
aber derselbe keinesweges beweist, dafs das Chlorsilber, 
welches beim ersten Vermischen von Chlorkalk mit sal- 
petersaurem Silberoxyd niederfällt, nur von dem in der 
Flüssigkeit aufgelösten Chlorkalk und nicht von dem in 
ihr enthaltenen Chlorcalcium herrühre. 

Wenn vorsichtig mit Salpetersäure neutralisirte chlo- 
richtsaure Kalkerde mit salpetersaurem Bleioxyd in Ueber- 
schufs gefällt wird, so entsteht augenblicklich ein Magma 
von weifsem Chlorblei, das schnell sich überoxydirt, und 
die farblos durchgegangene bleichende Flüssigkeit wird 
schnell gelb, und fängt an nach Chlor zu riechen, sobald 
sie sich durch braunes Bleioxyd trübt. 

Ich glaube durch diese Versuche, so weit es für 
jetzt möglich ist, bewiesen zu haben, dafs, wenn Chlor 
auf nassem Wege mit einer oxydirten Basis vereinigt 
wird, dieselbe Zersetzung wie bei Verbindung des Schwe- 
fels mit einer Salzbasis entsteht, nur dafs, statt der Schwe- 
fel ünterschweflichte Säure und Schwefelmetalle bildet, 
das Chlor ein Chlormetall nud einen niederen Oxydations- 
grad als die Chlorsäure bildet, welcher sich mit dem Oxyde 
zu einem Salz verbindet. Diefs Salz besitzt eine grofse 
Neigung, Sauerstoff abzugeben, und dadurch hat es die 
ausgezeichnete Bleichkraft. Wenn dasselbe mit gewissen 
organischen Körpern zusammenkommt, so oxydirt und 
zerstört es dieselben, wodurch es selbst in Chlormetall 
verwandelt wird. Von einigen elektronegativen Metall- 



542 

oxyden, welche das Wasserstoffsuperoxyd unter Entwick- 
lung von Sauerstoff zersetzen, wird auch diefs Salz un- 
ter Sauerstoffentwicklung in Chlormetall verwandelt, und 
da die Cohäsion der Verbindungen zu Hülfe kommt, d. h. 
da der Unterschied in der Löslichkeit des Chlormetalls 
und des chlorsauren Salzes sehr grofs ist; so wird das- 
selbe allmälig von selbst in chlorsaures Salz und Chlor- 
metall zersetzt. 

Welcher Oxydationsgrad diefs sey, entscheiden die 
Versuche nicht; da aber das Chloroxyd nicht bleicht, Ver- 
bindungen von einem Atome Chlor sowohl mit einem 
Atome als mit zwei Atomen Sauerstoff bis jetzt nicht be- 
kannt sind, so bleibt, wiewohl ich die Möglichkeit nicht 
läugnen will, dafs die bleichenden Verbindungen ein 
solches Oxyd enthalten können, nur die Annahme übrig, 
dafs es die Verbindung von 2 Atomen Chlor mit 3 Ato- 
men Sauerstoff sey, welche, wegen ihrer analogen Zu- 
sammensetzung mit der salpetrichten und phosphorichten 
Säure, chlorichte Säure genannt werden kann, und von 
welcher man annehmen darf, dafs sie Verbindungen mit 
Basen einzugehen vermag. 

Eine Thatsache, die gegen diese Ansicht zu sprechen 
scheint, ist gewiis die, dafs die bleichenden Verbindun- 
gen, wie man weifs, sowohl durch die Kohlensäure der 
Luft, als auch durch einen Strom von kohlensaurem Gas 
sich vollständig zersetzen lassen, unter Entwicklung von 
Chlor, das langsam, aber vollständig entweicht. Man 
könnte glauben, dafs, wenn man auch die leichte Zer- 
setzbarkeit des chlorichtsauren Salzes zugäbe, doch das 
Chlormetall nicht zersetzt werden würde. Aber jedes 
frei werdende Atom der chlorichten Säure oxydirt einen 
Theil des Metalls im Chlormetall, und die Kohlensäure 
bildet so ein Bicarbonat , das . vom Chlor nicht zersetzt 
wird; sobald das auf diese Weise ausgeschiedene Chlor 
entweichen kann, geht die Zersetzung ununterbrochen 
fort. Auf gleiche Weise kann man ein auf nassem Wege 
in kaustischem Kali aufgelöstes Schwefelarsenik oder 
Schwefelzinn durch kohlensaures Gas ausfällen, wenn 
man dasselbe lange in die Flüssigkeit leitet, ohne dafs 
man die geringste Spur von der arsenichten Säure oder 
dem Zinnoxyd wahrnimmt, womit das Kali verbunden 
gewesen ist, weil diese die Basis oxydiren, mit der sich 
die Kohlensäure verbinden soll. 



543 



IL Ueber das Verhalten des Phosphors zu den 
Alkalien und alkalischen Erden; 

von Heinrich Rose. 



Nachdem Berzelius die Resultate seiner Arbeiten über 
die Schwefelalkalien bekannt gemacht hatte, mufste na- 
türlich die Frage entstehen, ob der Phosphor gegen die 
wasserfreien alkalischen Erden und Alkalien dieselbe Rolle 
spiele, wie der Schwefel. Aber aufser den Versuchen, 
die schon vor sehr langer Zeit Gay-Lussac darüber 
angestellt hat *), sind nur von Dumas vor Kurzem 
darüber Untersuchungen gemacht worden *.*')., die in- 
dessen den Gegenstand noch nicht völlig aufklären. 

Berzelius betrachtet die Verbindungen der trock- 
nen Baryt- und Kalkerde mit Phosphor als Gemenge von 
phosphorsaurer Baryt- und Kalkerde mit Phosphorbaryum 
und Phosphorcalcium **#). Derselben Ansicht sind auch 
Thenard und Leopold Gmelin in ihren Lehrbüchern. 
So wahrscheinlich diese aus der Analogie des Phosphors 
mit dem Schwefel hergenommene Ansicht auch ist, so 
liefse sich dagegen einwenden, dafs der Phosphor in 
wenigen Fällen dem Schwefel analoge Verbindungen 
bildet, und dafs, wenn man Verbindungen des Chlors 
mit Alkalien und alkalischen Erden annimmt, man auch 
ähnliche Verbindungen des Phosphors mit denselben an- 
nehmen kann. Da die Verbindung des Phosphors mit 
der Kalkerde durch eine etwas starke Hitze gänzlich ihren 
Phosphorgehalt verliert und reine Kalkerde zurückläfst, 
so scheint dadurch die Ansicht, dafs diese Verbindung 
wirklich aus Kalkerde und Phosphor bestehe, an Wahr- 

*) Annales de chimie et de physiaue , T. P*I. p. 328. 
**) Annales de chimie et de physique , T. XXXIII. p. 362. 
'**) Berzelius Lehrbuch der Chemie, Uebersetzung von "W ö li- 
ier, Bd. I. P . 810. u. 819. 



544 

scheinlichkeit zu gewinnen, denn sie ist in der That ein- 
facher, als die Annahme, dafs durch Erhitzung der Ver- 
bindung Phosphor nicht nur aus dem Phosphorcalcium ent- 
weiche, sondern auch aus der Phosphorsäure der phosphor- 
sauren Kalkerde, welche durch das Calcium reducirt werde. 
Ich habe mehrere Versuche angestellt, um zu ent- 
scheiden, welche von diesen beiden Ansichten die rich- 
tige sey. Die meisten derselben wurden mit dem Phos- 
phorkalke gemacht, nicht nur weil dieser in der gröfsten 
Menge am leichtesten zu bereiten ist, sondern auch, weil, 
wenn derselbe durch Wasser zersetzt wird, die phosphor- 
saure Kalkerde sehr leicht von der entstandenen unter- 
phosphorichten zu trennen ist. — Es ist indessen weit 
schwerer, durch Versuche hier entscheiden zu können, 
als bei den analogen Schwefelverbindungen. Die Schwe- 
felalkalien lösen sich ohne zersetzt zu werden in Was- 
ser auf; und da in dieser Auflösung die Schwefelsäure 
durch die gewöhnlichen Reagentien entdeckt werden kann, 
so wird man dadurch von der Gegenwart des schwefel- 
sauren Kali's in der gewöhnlichen Schwefelhepar über- 
zeugt. Die entsprechenden Phosphorverbindungen aber 
werden durch das Wasser zersetzt, und die Producte der 
Zersetzung des Phosphorkalks durchs Wasser sind, wenn 
man die Einwirkung desselben durch Erhitzung unter- 
stützt hat, selbstentzündliches Phosphorwasserstoffgas, un- 
terphosphorichtsaure und phosphorsaure Kalkerde, wie das 
schon vor längerer Zeit Dulong gezeigt hat *). Die 
phosphorsaure Kalkerde ist von ganz weifser Farbe, wenn 
Kalkerde im Ueberschufs vorhanden gewesen ist. Nimmt 
man nun an, der Phosphorkalk bestehe aus Phosphor 
imd Kalkerde, so mufs man annehmen, dafs der Phos- 
phor durch Gegenwart einer alkalischen Substanz das 
Wasser auf ähnliche Art zerlege, wie Zink oder Eisen 
durch Gegenwart einer Säure. — Nimmt man hingegen an, 
der Phosphorkalk bestehe aus Phosphorcalcium und phos- 

phor- 

•) Memoire* d'Arcueil, T. III. p. 411. u. 412. 



545 

phorsaurer Kalkerde, so drängt sich die Frage auf, ob 
die ganze Menge der durch Zersetzung mit Wasser erhal- 
tenen phosphorsauren Kalkerde schon im Phosphorkalke 
enthalten war, oder ob durch Zersetzung des Phosphor- 
calciums unterphosphorichtsanre und phosphorsaure Kalk- 
erde gebildet werde. Da kein unterphosphorichtsaures 
Salz ohne Wasser und in solcher Hitze bestehen kann, 
die zur Bereitung des Phosphorkalkes nöthig ist, so mufs 
die ganze Menge der unterphosphorichten Säure erst durch 
die Behandlung mit Wasser entstehn. 

Ich habe, um dieses zu entscheiden, mehrere Ver- 
suche angestellt, die mir indessen keine genügende Re- 
sultate gegeben haben. Ich behandelte Phosphorkalk mit 
Chlor, wie diefs auch Dumas gethan hat*), und habe 
dieselben Producte wie er erhallen. Es destillirte, wenn 
ein Ueberschufs von Chlor angewandt wurde, fester Chlor- 
phosphor über, und es blieb im Apparat ein Gemenge 
von Chlorcalcium und phosphorsaurer Kalkerde zurück, 
und auch noch freie Kalkerde, wenn der Phosphorkalk 
sie enthielt, diese nicht mit Chlor verbunden, da dasselbe 
auf wasserfreie Kalkerde nicht einwirkt. — Diese Er- 
scheinungen sprechen, obgleich sie durchaus nicht ent- 
scheidend sind, sehr für die Ansicht, dafs im Phosphor- 
kalke schon phosphorsaure Kalkerde enthalten sej, und 
dafs sich dabei Phosphorcalcium durch Chlor in Chlor- 
calcium verwandle. Denn, da Chlor auf trockne Kalk- 
erde nicht einwirkt, so ist es sehr wahrscheinlich, dafs, 
bestände der Phosphorkalk aus Kalkerde und Phosphor, 
durch Behandlung mit Chlor, nur Chlorphosphor und 
freie Kalkerde entstehen würde. Es wäre indessen auch 
möglich, dafs durch die Gegenwart des Phosphors die 
Kalkerde durch Chlor zum Theil desoxydirt würde, und 
so Chlorcalcium und phosphorsaure Kalkerde entstehen 
könnte. 

Statt des Chlors behandelte ich darauf Phosphorkalk 

*) Annales de Chimie et de Physique , T. XXXIII. p. 366. 

Annal. d. Physik. B. 88. St. 4. J. 1828. St. 4. Mm 



546 

mit einem Ueberschusse von Schwefel ; das Ganze wurde 
in einem kleinen Kolben so lange erhitzt, bis der Ueber- 
schufs von Schwefel abdestillirt worden war. Die Er- 
scheinungen waren aber fast dieselben wie die, die bei der 
Behandlung des Phosphorkalks mit Chlor statt fanden, 
indessen enthielt der Rückstand aufser phosphorsaurer 
Kalkerde und Schwefelcalcium noch schwefelsaure Kalk- 
erde, die offenbar indessen nur durch Einwirkung des 
Schwefels auf die freie Kalkerde des Phosphorkalkes ent- 
standen war. 

Denn es ist sehr schwer, den Phosphorkalk ganz 
frei von überschüssiger Kalkerde zu erhalten, da die 
Hitze, bei welcher er sich in Phosphor und Kalkerde 
zersetzt, nicht sehr stark zu sevn braucht. Ich habe da- 
her keine quantitative Analyse des Phosphorkalks ange- 
stellt, weil ich immer überzeugt war, dafs ich keine über- 
einstimmende Resultate erhalten würde, da der von mir 
bereitete Phosphorkalk selten ganz gleichförmig war. Ich 
bereitete ihn so, dafs ich sehr reinen gebrannten Marmor 
von Carrara in einer Porzellanröhre stark glühte, dar- 
über erst Wasserdämpfe streichen liefs, um gewifs zu 
seyn, dafs er keine Kohlensäure nachher mehr enthielt, 
und dann bei einer schwachem Hitze Phosphordämpfe. 
War der Marmor zu stark erhitzt worden, während die 
Phosphordämpfe darüber strichen, so enthielt er nachher 
keinen Phosphor. Der phosphorreichste Phosphorkalk, den 
ich erhielt, sah schwarz aus; enthielt er weniger Phos- 
phor, so war er braun; in beiden Fällen immer ohne 
metallischen Glanz. Durch nicht zu starkes Erhitzen in 
einer Retorte wurde der schwarze Phosphorkalk in brau- 
nen verwandelt, während sich Phosphor entwickelte ; diefs 
geschah bei einer noch geringeren Hitze, wenn Wasser- 
stoffgas über schwarzen Phosphorkalk geleitet wurde. 
Wenn zur Bereitung des Phosphorkalks sehr grofse Stücke 
von gebranntem Marmor genommen wurden, fand ich [sie 
fast immer so verwandelt, dafs sie eine weifse Rinde hat- 



547 

ten, die, wenn die atmosphärische Luft gut abgehalten 
worden war, aus reiner Kalkerde bestand, und keine phos- 
phorsaure Kalkerde enthielt; dann folgte eine Schicht von 
braunem Phosphorkalk, und der Kern enthielt schwar- 
zen Phosphorkalk. Manchmal war aber auch der Kern 
weifs, und das Aeufsere braun, aber nur in den Fällen, 
wenn während des Erkaltens Phosphordämpfe über Kalk- 
erde geleitet wurden. 

Da ich einsah, dafs keine Versuche mit dem Phos- 
phorkalke über die Art seiner Zusammensetzung entschei- 
den konnten, so untersuchte ich die Erscheinungen, wel- 
che statt finden, wenn eine Verbindung von Phosphor 
mit einem alkalischen Metalle durch Wasser zersetzt wird. 
Ich wählte dazu Kalium. Schmolz ich Kalium mit Phos- 
phor zusammen, und zersetzte die Verbindung, nachdem 
der überschüssige Phosphor davon abdestillirt worden 
war, mit Wasser, so entwickelte sich selbstentzündliches 
Phosphorwasserstoffgas, dem eine kleinere Menge eines 
nicht von selbst entzündlichen Gases beigemengt war; 
es setzte sich ein gelbes Pulver ab, das Phosphor war, 
und die Flüssigkeit enthielt unterphosphorichtsaures Kali, 
dem aber immer gröfsere oder geringere Spuren von phos- 
phorsaurem Kali beigemischt waren. Da aber bei diesen 
Versuchen der Zutritt der atmosphärischen Luft nicht 
sorgfältig abgehalten worden und das angewandte Ka- 
lium auch mit dünnen Rinden von Kali umgeben war, 
da ferner nur sehr geringe Mengen von Kaliimi genom- 
men wurden, weil es gefährlich war, gröfsere Mengen 
von Phosphorkalium mit Wasser in einem Gefäfse zu 
zersetzen, das mit einer Gasableitungsröhre versehen war, 
so stellte ich genauere Versuche auf folgende Art an: 
Es wurde ein ziemlich geräumiger Kolben mit langem 
Halse von dünnem Glase mit wasserfreiein W^asserstoff- 
gase angefüllt. Der Kolben war mit einem Korke luft- 
dicht versehen, durch den zwei Löcher gebohrt worden 
waren. Durch das eine Loch ging eine dünne Glasröhre, 

Mm 2 



548 

die fortwährend Wasserstoffgas zuführte, das vorher erst 
durch eine Röhre mit Chlorcalcium getrocknet wurde. 
Durch das andere Loch des Kolbens ging zur Ableitung 
des Gases ebenfalls eine dünne Glasröhre, die an allen 
Stellen leicht zugeschmolzen werden konnte. Es wurde 
dann schnell in den Kolben ein Stück Kalium, von der 
Gröfse einer grofsen Haselnufs, und ein entsprechendes 
Stück ganz trocknen Phosphors gebracht Das Kalium 
war aus der innern Masse einer gröfseren Menge heraus- 
geschnitten und mit dem benetzenden Steinöl in den Kol- 
ben gebracht worden. Auf diese Weise konnte sich durch- 
aus keine Spur einer Kruste von Kali bilden. Es wurde 
darauf der Kolben nach und nach erhitzt, während das 
Wasserstoffgas langsam darüber geleitet wurde. Das Ka- 
lium schwoll zuerst an, und vermehrte sich bedeutend an 
Volumen, während es Dämpfe von Phosphor absorbirte. 
Dann erfolgte eine Feuererscheinung, wodurch die Masse 
schmolz und der überflüssige Phosphor abdestillirte. Die 
Hitze wurde so lange verstärkt, bis aller überflüssige 
Phosphor sich aus dem Kolben durch die Gasableitungs- 
röhre verflüchtigt hatte, was durch den Strom des Was- 
serstoffgases sehr befördert wurde. Beim Erkalten er- 
starrte die Masse und wurde krystallinisch, aber bei dem 
Krjstallisiren warf sie Blasen, oder kochte doch wenig- 
stens auf. Diese Erscheinung konnte man so oft wie man 
wollte durch neues Erhitzen und Erkalten wiederholen. 
Nach dem völligen Erkalten war die Masse metallisch 
glänzend und hatte die Farbe des japanesischen Kupfers. 
Es wurden während neuer Erhitzung beide Röhren, die 
durch das Loch des Korkes gingen, zugeschmolzen, und 
der Kolben wurde vollständig erkaltet. — Da, wenn man 
die Masse des Phosphorkaliums mit einem Male mit Was- 
ser zersetzt hätte, eine Explosion entstanden wäre, so 
wurde der Kolben umgewandt, und die Spitze einer Glas- 
röhre unter Wasser abgebrochen. Das Wasser stieg nun 
in den Kolben, aber lange nicht so weit, dafs es die Masse 



549 

des Phosphorkaliums berührte. Durch die feuchte Atmo- 
sphäre wurde nach und nach nicht von selbst entzündliches 
Gas entwickelt, welches aber das Wasser aus dem Kolben 
nicht herausdrängen konnte , da die Glasröhre mit der 
abgebrochenen Spitze bis in die Mitte des Kolbens reichte. 
Nach längerer Zeit wurde dieser endlich umgekehrt, da- 
mit das Wasser das zerflossene und fast schon gänzlich 
zersetzte Phosphorkalium auflösen konnte. Es blieb ein 
gelbes Pulver ungelöst zurück, das durch Kochen der 
Flüssigkeit nach und nach gröfsteniheils. zu Phosphor- 
kügelchen sich vereinigte. Die Flüssigkeit enthielt eine 
grofse Menge von unterphosphorichtsaurem , aber keine 
Spur von phosphorsaurem Kali. Das Phosphorkalium war 
also durch das Wasser in Phosphorwasserstoffgas, das sich 
entwickelt, in unterphosphorichtsaures Kali, das sich auf- 
gelöst, und in Phosphor, der sich ungelöst abgeschieden 
hatte, verwandelt worden. — Dieser Versuch, mit den- 
selben Vorsichtsmafsregeln und denselben Quantitäten von 
Kalium drei Mal wiederholt, gab immer dasselbe Resultat. 
Da sich nun bei der Zersetzung des Phosphorkaliums 
durch Wasser kein phosphorsaures Salz bildet, so kann 
dasselbe eben so wenig bei der Zerseizung des Phos- 
phorcalciums entstehen. Da nun der Phosphorkalk bei 
der Zersetzung durch Wasser phosphorsaure Kalkerde 
liefert, so mufs diese in ihm schon vor der Zersetzung 
mit Wasser enthalten seyn. Der Phosphor zeigt daher 
gegen trockne alkalische Erden ein dem Schwefel analo- 
ges Verhalten. 

Wenn man eine Auflösung eines fixen Alkalfs oder 
einer alkalischen Erde oder eine Mengung letzterer mit 
Wasser mit Phosphor kocht, so zeigen sich ganz die- 
selben Erscheinungen, als wenn Phosphorkalk oder 
ihm analoge Verbindungen mit Wasser behandelt wer- 
den. Es bilden sich hiebei keine phosphorichtsaure, son- 
dern nur unterphosphorichtsaure und phosphorsaure Basen 
denn hat man Phosphor mit Kalkmilch gekocht, und 



550 

den Zutritt der atmosphärischen Luft während des Ko- 
chens sorgfältig abgehalten, so bringt die Auflösung der 
ausgewaschenen phosphorsauren Kalkerde in Chlorwas- 
serstoffsäure keinen Niederschlag von Quecksilberchlo- 
rür in Quecksilberchloridauflösung hervor. — Es ist in 
diesen Fällen daher wahrscheinlich, dafs hierbei immer im 
ersten Momente der Einwirkung des Phosphors Phosphor- 
metall und phosphorsaures Oxyd entstehe, wovon aber 
ersteres im Äugenblicke der Entstehung wieder durch 
Wasser zersetzt wird, und Phosphorwasserstoffgas und 
unterphosphorichtsaures Oxyd erzeugt. Wird dabei Phos- 
phor ausgeschieden, so erfolgt wiederum durch neues Al- 
kali eine ähnliche Zersetzung, so dafs zuletzt aller Phos- 
phor verschwindet, wenn genug Alkali vorhanden ist, und 
das Ganze immer in der Kochhitze erhalten wird. — Es 
scheint mir, dafs diese Erklärung der gewöhnlichen, die 
man in den chemischen Lehrbüchern angiebt, vorgezogen 
zu werden verdient. Nach dieser nimmt man an, dafs 
wenn Phosphor, Wasser und eine alkalische Substanz 
mit einander gekocht werden, durch Hülfe der letztern 
das Wasser durch den Phosphor zersetzt werde, und dafs 
sich ein Theil desselben oxydire, ein anderer Theil mit 
Wasserstoff verbände. Die Ansicht, die ich aufgestellt 
habe, ist vielleicht aus folgenden Gründen wahrscheinlicher: 
Aus den Versuchen, die ich so eben angeführt habe, 
geht hervor, dafs wenn Phosphor mit einer trocknen 
alkalischen Basis behandelt wird, er ein ähnliches Ver- 
halten wie der Schwefel gegen dasselbe zeigt ; diese Ana- 
logie zwischen Schwefel und Phosphor würde auch, wenn 
noch Wasser hinzukäme, statt finden, wenn man annähme, 
dafs Phosphormetall dadurch entstände. — Nach der ge- 
wöhnlichen Erklärungsart ist es ferner schwer zu erklä- 
ren, warum hierbei durch die Oxydation des Phosphors 
zwei Säuren entständen, während nach der andern Er- 
klärungsart die Phosphorsäure bei der Behandlung des 
Phosphors mit Kalkmilch durch Bildung des Phosphor- 



551 

kalks, die unterphosphorichte Säure hingegen durch Zer- 
setzung des Phosphorcalciums durch Wasser entsteht. 

Es kann aber gegen die Ansicht noch eine wichtige 
Einwendung gemacht werden. Da bei Gegenwart von 
kaustischen Basen unterphosphorichtsaure Salze, durch 
Zersetzung des Wassers, in phosphorsaure verwandelt wer- 
den *), so könnte man annehmen, dafs beim Kochen von 
Wasser mit Phosphor und starken Basen nur unterphos- 
phorichte Säure entstände, und nur durch Oxydation der- 
selben durch Gegenwart der Base die ganze Menge der 
Phosphorsäure erzeugt würde. Es ist indessen dazu noth- 
wendig, dafs die Auflösung der Base sehr concentrirt sey. 
Es entwickelt sich z. B. durch unterphosphorichtsaure 
Kalkerde nur dann erst Wasserstoffgas, wenn dieselbe 
mit Kalkmilch, die sehr viel Kalkerde gemengt enthält, 
gekocht wird; ist die Kalkmilch sehr verdünnt, so ist 
die Gasentwicklung nur sehr unbedeutend. Nun aber 
erzeugt sich schon Phosphorsäure wenn man Phosphor 
mit Kalkwasser kocht, denn so wie dasselbe in's Kochen 
kommt, so sind die aufsteigenden Blasen mit einer unlös- 
lichen Haut von phosphorsaurer Kalkerde umgeben. Das- 
selbe findet statt wenn Phosphor mit verdünntem Baryt- 
wasser gekocht wird. Man mufs daher annehmen, dafs 
in diesen Fällen Phosphorsäure und unterphosphorichte 
Same zugleich entstehen. 

Beim ferneren Kochen, vorzüglich wenn ein grofses 
Uebermaafs von freier Base vorhanden ist, vermindert sich 
indessen die Menge der unterphosphorichten Säure in dem- 
selben Verhältnisse, wie sich die der Phosphorsäure ver- 
mehrt. Es ist daher unmöglich, aus den Mengen der bei- 
den Säuren einen Schlufs auf die Zusammensetzung des 
Phosphorkalks machen zu können, der sich wahrschein- 
lich im ersten Augenblicke der Einwirkung des Phosphors 
auf eine Auflösung einer starken Base bildet. Ich hatte 
in frühern Zeiten, ehe es mir bekannt war, dafs die unter- 

') Poggendorff's Annalen, Bd. XII. p. 297. 



552 

phosphorichte Säure durch Basen oxydirt werden kann, 
einige Versuche darüber angestellt, die natürlich verschie- 
dene Resultate geben mufsten; ich werde indessen das 
Resultat derselben hier kürzlich angeben, weil daraus 
wenigstens hervorgeht, dafs die Menge des Phosphors in 
der gebildeten unterphosphorichten Säure weit bedeuten- 
der ist, als die in der entstandenen Phosphorsäure. 

Eine kleine Menge Phosphor wurde mit einer gro- 
fsen Menge reiner Kalkerde und Wasser in einem ge- 
räumigen Kolben gekocht, der mit einem Korke verse- 
hen war, durch den eine zwei Mal rechtwinklich gebo- 
gene Röhre ging, die sechs Fufs lang war. Das gebil- 
dete Phosphorwasserstoffgas ging mit Wasserdämpfen fort. 
Ich sah sehr darauf, dafs das condensirte Wasser, das 
an der Mündung der Röhre Phosphorsäure, durch Ver- 
brennung des Phosphorwasserstoffgases erzeugt, enthal- 
ten konnte, nicht in den Kolben zurückflofs. Hatte sich 
die Wassermenge im Kolben sehr verringert, so wurde 
ein ziemlich langes Stück der Röhre, die Phosphorsäure 
enthalten konnte, abgeschnitten, die Mündung unter Was- 
ser gehalten, worauf der Kolben erkalten mufste und sich 
mit Wasser wieder anfüllen konnte. Dann wurde von 
]Seuem gekocht, und diese Operation so lange wieder- 
holt, bis nur Wasserdämpfe, die gar nicht mehr nach 
Phosphorwasserstoffgas rochen, entwichen, und aller Phos- 
phor vollständig verschwunden war. Hiezu war nöthig, 
dafs das Ganze 30 bis 40 Stunden kochte. Das Aufge- 
löste wurde abfiltrirt, und der Rückstand, der aus phos- 
phorsaurer Kalkerde und vieler freier Kalkerde bestand, 
so lange ausgesüfst, bis er keine unterphosphorichtsaure 
Kalkerde mehr enthielt. Er wurde darauf in Chlorwas- 
serstoffsäure gelöst, abgedampft und in einer Platinschale 
mäfsig geglüht. Die trockne Masse wurde mit Wasser 
behandelt, das gelöste Chlorcalcium abfiltrirt, und die 
phosphorsaure Kalkerde geglüht. Sie wog 2,247 Grm. 
Sie wurde mit Schwefelsäure zersetzt; die erhaltene schwe- 



553 

feisaure Kalkerde, die mit Alkohol ausgesüfst wurde, 
wog nach dem Glühen 2,692 Grm. — Die Auflösung 
der unterphosphorichtsauren Kalkerde, die viel aufgelöste 
freie Kalkerde enthielt, wurde abgedampft und mit Sal- 
petersäure oxydirt. Die phosphorsaure Kalkerde wog 
nach dem Glühen 3,294 Grm. Mit Schwefelsäure be- 
handelt gab sie 4,298 Grm. schwefelsaure Kalkerde, die 
mit Alkohol ausgesüfst wurde. 

Eine andere Menge Phosphor wurde mit einem Ucber- 
schufs von Kalkmilch nur einige Stunden gekocht. Das 
Ungelöste, nachdem es so schnell wie möglich ausgesüfst 
worden war, wurde in Chlorwasserstoffsäure gelöst, wo- 
bei viel Phosphor ungelöst zurückblieb. Im Uebrigen 
wurde eben so verfahren wie im ersten Versuche. Ich 
erhielt aus dem unlöslichen Hockstände 1,995 Grm. phos- 
phorsaure Kalkerde, die mit Schwefelsäure zersetzt 2,323 
Gram, schwefelsaure Kalkerde gaben. — Das im Was- 
ser Aufgelöste gab nach der Oxydation mit Salpetersäure 
5,191 Grm. phosphorsaure Kalkerde, die mit Schwefel- 
säure behandelt 7,635 Grm. schwefelsaure Kalkerde gab. 

Der vorige Versuch wurde wiederholt. Das im Was- 
ser Ungelöste gab 0,799 Grm. phosphorsaure Kalkerde, 
und diese nach der Behandlung mit Schwefelsäure 0,874 
Gram, schwefelsaure Kalkerde. — Das im Wasser 
Aufgelöste gab nach der Oxydation mit Salpetersäure 
2,610 Grm. phosphorsaure Kalkerde, die nach der Be- 
handlung mit Schwefelsäure 4,004 Grm. schwefelsaure 
Kalkerde lieferte. 

Diese Versuche können keine Ansprüche auf grofse 
Genauigkeit machen. Wenn der im Wasser unlösliche 
Rückstand in Chlorwasserstoffsäure aufgelöst wurde, die 
Auflösung zur Trocknifs abgedampft, und zur Entfernung 
aller überschüssigen Chlorwasserstoffsäure schwach ge- 
glüht wTirde, so mufste die im Wasser unlösliche phos- 
phorsaure Kalkerde eine kleine Menge von Chlorcalcium 
enthalten, wie das aus den Versuchen hervorgeht, die 



554 

ich in diesen Annalen, Bd. VIII. p. 211., beschrieben 
habe. 

Wir sehen indessen deutlich, dafs die Resultate des 
ersten Versuches, bei welchem das entwichene Phosphor- 
wasserstoffgas mehr freies Wasserstoffgas enthalten mufste, 
sehr abweichen von denen der beiden letzteren Versuche, 
die unter sich, gewifs aber nur durch Zufall, ziemlich über- 
einstimmen. — Im ersten Versuche enthielt die gebildete 
Phosphorsäure 0,496 Grm. Phosphor, und die gebildete 
unterphosphorichte Säure 0,663 Grm. Phosphor; im zwei- 
ten Versuche die Phosphorsäirce 0,571 Grm. Phosphor, 
und die unterphosphorichte Säure 0,967 Grm.; im drit- 
ten Versuche die Phosphorsäure 0,192 Grm. Phosphor, 
und die unterphosphorichte Säure 0,316 Grm. — Die 
Phosphormengen der gebildeten Phosphorsäure verhalten 
sich daher in den beiden letzten Versuchen zu den Phos- 
phormengen in der gebildeten unterphosphorichten Säure 
wie nahe 3:5; in dem ersten hingegen, bei welchem kein 
überflüssiger Phosphor zugegen war ungefähr wie 3:4. 
Später habe ich diese Versuche mit sehr verdünnten Auf- 
lösungen von Baryfhydrat wiederholt; die Menge des 
Phosphors in der unterphosphorichten Säure gegen die in 
der Phosphorsäure aber noch bedeutender gefunden, als 
in den erwähnten Versuchen. 



555 



III. Verzeichnifs von Erdbeben, vulcanischen 
Ausbrüchen und merkwürdigen meteorischen 
Erscheinungen seit dem Jahre 1821; 

von K. von Hoff. 

(Dritte Abtheilung; die zweite findet sich in dies. Ann. Bd. 85. S. 589.) 



zu 1822. 



Nachträge 



Julius 23. ^3 urnatra, Sunda - Insel. Ausbruch des Vul- 
cans Gunong-Ber- Api {Eisen -Feuer -Berg) in der 
unteren Provinz Tana- Datar (12000 Fufs über der 
Meeresfläche). Der Ausbruch scheint nicht aus dem 
nahe am Gipfel befindlichen Krater, sondern an einer 
Seite des Berges erfolgt zu seyn. I)ie Nachricht da- 
von bestimmt die Stelle des Ausbruchs bei Pagar- 
Ujong, der Hauptstadt von Menang-Kabou, etliche 
Milles von der Basis des Gipfels. Es war ein von 
unterirdischem Getöse begleiteter Auswurf von Feuer 
und Steinen, der nur eine Viertelstunde dauerte. Ihm 
folgte eine Woche lang nur Ausstofsen von Dampf. 
Seit fünfzehn Jahren hatte der Berg nicht ausgeworfen. 

September (ohne Angabe der Tage). Sumatra. Erd- 
beben in der Provinz Menang - Kabou zwischen den 
beiden Vulcanen Gunong-Ber- Api und Gunong- Tal- 
lang (letzterer liegt in der Provinz Tiga-Blas). Die 
Erdstöfse wurden während 24 Stunden ungefähr alle 
Stunden gespürt, und waren von unterirdischem Ge- 
töse begleitet, das bald von dem einen, bald von dem 
andern Vulcan herzukommen schien. Der Tallang 
dampft nur zuweilen, aber man weifs seit langer Zeit 
von keinem Ausbruche desselben. — Ferussac, 
Bullet, des Scienc. natur. T. IX. p. 20. u. 21. aus 
Asiatic Journal 1826, Mai, p. 577. 



556 



Zu 1822. 



November 19. Von den heftigen und ausgebreiteten Wir- 
kungen des Erdbebens in Chili (s. diese Annal. Bd. 7. 
(83.) S. 299.) in den Gebirgen und Bergwerken, nament- 
lich in der Grube des Goldbergwerkes El Bronze, wo 
Alles erschüttert und Stücke von Felswänden abgeris- 
sen wurden, finden sich ausführliche Nachrichten in 
Capt He ad Rough Notes taken etc. ort the Pam- 
pas, und daraus in Froriep's Notizen No. 374. (1827) 
S. 344. 

Zu 1823. 

Febr. 9. Zu den an diesem Tage im Meere empfunde- 
nen Erdstöfsen (s. diese Annal. Bd. 9. (85.) S. 590.) 
gehört noch folgende Nachricht. 1 U. 10' Ab. unter 
1° 21' N. Br. und 85° 35' O. L. (wahrscheinlich v. 
Greenwich) empfand das englische Schiff Winchelsea 
einen Stofs, von dem der Berichterstatter (Lachlan) 
glaubte, dafs er mit einer vulcanischen Bewegung auf 
Sumatra in Verbindung gestanden habe. — Edinburgh 
Journal qf Science , 1826, Apr., S. 264. Fe'russac, 
Bulletin des scienc. naiur. T. IX. p. 21. 

März 5. Sicilien. Die oben (Ann. Bd. 9. S. 592 ) von 
dem Erdbeben dieses Tages gegebenen Nachrichten 
sind unvollständig und fehlerhaft. Da mir Ferrara's 
darüber mitgetheilte im Original nicht zu Gesichte ge- 
kommen sind, so gebe ich diesen Nachtrag aus einem 
Auszuge von Ferrara's Schrift, der sich in Brew- 
ster's Edinburgh Journal of Science. No. VII. S. 155. 
befindet. 

5 U. 26' Ab. erfolgte der erste Stofs, von unten 
herauf, darauf ein zweiter stärkerer- wellenförmig, ein 
dritter von ähnlicher Art, doch minder stark, ein vier- 
ter, wie der zweite, und ein fünfter, wie der erste. 
Ihre Dauer (eines jeden, oder Aller zusammen?) war 
16 bis 17 Secunden. Ihre Richtung von Nordost nach 
Südwest. So war es in Palermo. Westlich von Pa- 



557 

Zu 1823. 

lermo in den Bergen war das Erdbeben weniger stark ; 
stärker jedoch in der Nähe der Küste als tiefer im 
Lande. Weiter westlich, z. B. in Castelamare, wurde 
nur sehr wenig davon empfunden. An der Küste öst- 
lich von Palermo war die Erschütterung äufserst heftig. 
Altavilla, Trabia, Godiano , Termini litten fürchter- 
lich. Von dem Berge Bisambra unweit Godiano wur- 
den grofse Eelsenmassen abgerissen und herabgestürzt. 
Die warmen Quellen, sowohl in den Bädern, als 
die in der Nachbarschaft denselben Ursprung in den 

Bergen längs der Küste von Termini haben, flössen reich- 
en O ' 

licher, waren wärmer, und von dem Thone, aus dem 
sie quellen, stark gefärbt. Die Stöfse scheinen mit der 
zunehmenden Entfernung von Palermo gegen Osten stär- 
ker gewesen zu seyn. Achtundvierzig (ital.) Meilen da- 
von, in Cefalu, waren sie sehr zerstörend. Das Meer warf 
dort zwei ungeheuere Wellen nach einander mit gro- 
fser Gewalt auf den Strand. Polina und Finale lit- 
ten ebenfalls. 

Gegen das Innere des Landes nahm die Stärke 
der Stöfse ab. Ciminna (südlich von Termini) und 
Cerda empfanden sie noch heftig und mit Zerstörung. 
In Roccapalomba, Scillato , Gratteri, Colesano wur- 
den noch Gebäude zerstört und stark beschädigt. In 
der Nachbarschaft von Pozzillo und Sta. Agata und 
auf einem weiterstreckten Landstriche waren mehrere 
lange Spalten und Höhlen entstanden. Aehnliche Höh- 
len und Spalten hatten sich im Argillaceous Chalk 
(ich weifs nicht, welcher deutsche geognostische Kunst- 
ausdruck dieser Gebirgsart gebührt) bei der kleinen 
Stadt Ogliastro, 16 Meil. südl. von Palenno, geöffnet. 
Isnello am Fufse der Madonischen Berge, Geraci, Ca- 
stelbuono, St. Mauro, eben so gelegen, litten Schaden. 

Die Orte an der südwärts eingebogenen Küste 
zwischen Capo Orlando und Capo Calava, den Lipa- 



558 

rischen Inseln gegenüber, erlitten die heftigsten Stöfse. 
Darunter wurde Nato (nicht Noto, wie oben Bd. 9. 
S. 593. steht) fast ganz zerstört. Es entstand dort eine 
Erdspalte, und man fürchtete das Herabstürzen des gan- 
zen Hügels, auf dem der Ort steht. Sehr litt die Stadt 
Patti, die der Insel Volcano gerade gegenüber liegt 
Pozzodigotto , Meri und Barcellona litten nur wenig. 
Zu Milazzo auf der Küste und zu Sta. Lucia war 
der Stofs zwar stark, aber unschädlich,* In Messina 
litten einige Häuser. 

Im Innern der Insel wurden die Stöfse schwächer 
empfunden; nur schlechte schadhafte Gebäude litten 
dort davon etwas, wie in Caltaniuso und Alirnena; 
zu Catania empfand man ihn kaum. In Syracus und 
benachbarten Orten haben nur einige Personen etwas 
davon bemerkt. Eben so in der Gegend von Modica 
bei Cap Passaro. In den südlichen und westlichen 
Theilen der Insel geschah kein Schade? zu Alcamo 
fühlte man das Erdbeben ziemlich stark, zu Tropani 
sehr schwach. 

Eerrara bemerkt bei dieser Gelegenheit, da Pa- 
lermo zum Theil auf festem Kalkstein, zum Theil auf 
angeschwemmten Boden erbaut ist, dafs zwar in der 
Regel die letztere Art des Bodens die Erdstöfse weni- 
ger gut fortpflanze, als die erstere, dafs aber deshalb 
schlechte Gebäude auf diesem Boden doch weniger ge- 
gen die Zerstörung durch Erdbeben gesichert seyen, als 
die soliden Gebäude auf Felsengrund, wenn gleich die- 
ser von den Erdstöfsen am heftigsten erschüttert zu 
werden pflege. Er belegt diefs mit Beispielen von den 
Erdbeben v. J. 1726 zu Palermo und anderen zu Mes- 
sina und Catania. Zugleich äufsert er die Vemiuthung, 
dafs die Brunnen und Oeffnungen, welche von den 
Alten als Sicherungsmittel gegen die Erdbeben betrach- 
tet worden seyen, diese Eigenschaft wohl nicht dadurch, 
dafs sie unterirdischen Dämpfen und Gasarten den Aus- 



559 

gang gestatteten, sondern um deswillen besäfsen, weil 
sie die Fortpflanzung der Stöfse durch Unterbrechung 
des fortpflanzenden festen Mittels unterbrächen. Ich 
gestehe, dafs mir diese Erklärungsweise weniger ein- 
leuchtet, als die erste, weil solche Arten von Aushöh- 
lungen des Bodens, wie Brunnen und ähnliche denen 
man die erwähnte Eigenschaft zuschrieb, einem Erd- 
stofs, er komme von unten oder von der Seite, wohl 
zu wenig Fläche darbieten, um das Fortpflanzen des- 
selben im festen Gestein zu hemmen. 
Julius 1 — 15. Zufolge Nachrichten aus Island vom 14. 
März 1821, sollen, nachdem die in den vorgenann- 
ten Tagen erfolgten Ausbrüche des Koetlegiaa aufge- 
hört hatten, von diesem Vulcan auf's Neue so grofse 
Mengen von Wasser ausgeworfen worden seyn, dafs 
eine grofse Ueberschwemmung in der Gegend verur- 
sacht worden ist. — Revue encycloped. 1824, Nov. 
S. 514. — 



1824. 

Januar 2. Macao, China, 7 U. Ab. Eine Erderschüt- 
terung fünf Secunden dauernd. — Asiatic Journ. 1824, 
Nov. S. 488. Daraus in Ferussac Bull.des Scienc. 
natur. 1825. T. 1. p. 9. 

Januar 5. Trinidad, Insel, Südamerica. Zwischen 3 u. 
4 U. Morg. ein ziemlich starker Erdstofs. — Archives 
des de'couv. 1824. p. 212. 

Januar 6. Bergen, Norwegen. 5 \ U. Morg. starke Erd- 
erschütterungen in der Richtung von SW nach NO. 
Dabei unterirdisches Getöse, das länger als 1 Minute 
dauerte. — Arch. des decouv. 1824. p. 212. 

Januar 6 — 19. Erzgebirg und Ficht elgebirg. Eine merk- 
würdige Reihe von Erderschütterungen. (S. auch un- 
ten 2 — 5. Februar.) 

Schon am 1. Januar hatte man zu Hartenberg im 



560 

1824. 
Ellenbogener Kreise, bei grofser Kälte und Windstille, 
ein donnerähnliches Getöse gehört. Den 6. u. 7. in 
der Nacht empfand man daselbst Erdstöfse. Am 7. Mor- 
gens einen so starken, dafs in einem Zimmer des Schlos- 
ses die Tünche von der Decke fiel. Am 9. Morgens 
84- U. Erderschütterung im untern Theile des Landge- 
richts JVunsiedel am Fichtelgebirg, gegen die böhmi- 
sche Gränze zu ; zum Theil mit hörbarem unterirdischen 
Rollen. — An demselben Tage 3 U. 15' Ab. u. 11 XJ. 
Abends. Desgleichen am 10. 2 U. 45' Morg. ja. 3 ü. 
u. 5 U. Morg. Erschütterung zu Hartenberg, Gossen- 
grün , Silbergrün, Bleystadt, Annadorf, Schossenreut, 
Pirkles , Mar kies grün, JBulerbach und Heinrichs grün; 
sehr heftig in den Primiesser Bergwerken. Am 10. 
4 U. Abends ging, bei einem Thermometerstande von 
— 7° 1\. , das Eis (also nicht durch Wärme) auf der 
Zwoda bei Hartenberg auf, und man empfand 7 U. 
30' Ab., 9 U. u. 11 U. Ab. Erschütterungen, eben so 
am 11. und in der Nacht zum 12., in letzterer vor- 
züglich stark, und mit unterirdischem Getöse. 

Auch an den vorhin angeführten Orten am Fich- 
telgebirg empfand man am 10. 11^ IT. Ab., am 11. 
10 ;J U. Morg., und am 13. in der Mittagsstunde Er- 
schütterungen. 

Am 13. 1 U. Ab. war die Erschütterung wieder 
in den böhmisch - erzgebirgischen Orten sehr stark, be- 
sonders in Fribut und Bleystadt, am stärksten aber 
in den Dörfern Prinkles , Pernau und Leopoldham- 
mer. Quellen in der dortigen Gegend, welche seit 
Jahren versiegt gewesen waren, wurden plötzlich was- 
serreich, eine Erscheinung, die auch bei Adorf bemerkt 
wurde. 

Am 14. und einigen folgenden Tagen erfolgten schwa- 
che Erschütterungen mit unterirdischem Gelöse zu Har- 
tenberg. 

Am 



561 

1824. 
Am 15. 34-U. Morg. im Landgerichte Münchberg 
am Fichtelgebirge. 

Am 18. 8 U. Morg. nach vorhergegangenem un- 
terirdischen, donnerähnlichen Getöse zwei heftige Stöfse 
zu Hartenberg. Desgleichen mehrere 7 U. 45', 10 U., 
11 U. 45' Ab. bei starkem Westwind, Schneefall und 
geringem Sinken des Barometers. 

Am 19. 5 U. Morg. ein starker Erdstofs, desglei- 
chen 9 U., 9 U. 30', 11 U. 30' und 11 U. 35' zu 
Hartenberg. Dann 3 U. und 4 U. Ab. zu Graslitz. 
— 4 U. zu Eger. — 4 U. 30' zwei sehr heftige Stöfse 
nach starkem unterirdischen Rollen zu Hartenberg, diese 
beiden waren die heftigsten von Allen. Man fürchtete 
den Einsturz des Schlosses. Auch zu Heinrichsgrün 
empfand man den Stofs 4 U. Ab. sehr stark. Der Zug 
der Erschütterungen schien von Graslitz nach Eger 
und von da nach Hartenberg zu gehen. Sämmtlich 
aber schwach wurden diese Erdstöfse empfunden zu 
Falkenau und Ellenbogen; stärker zu Stolzenhayn, 
Holzbach, Böhmisch Wiesenthal u. s. w. 
— Allgem. Zeitg. 1824. No. 23. S. 91. — Preufs. 
Staatszeitg. 1824. No. 47. S. 211. — Hallaschka 
in Kastner 's Archiv. Bd. 1. S. 320. 

Januar 15. Zu Arenazzo, unweit Ferrara, ereignet sich 
ein Meteorsteinfall. — Chladniin Poggendorff's 
Annalen. Bd. 6. S. 27. 

Januar 23. Schnelles Fallen des Barometers und in der 
zweiten Hälfte dieses Tages aufserordenllich tiefer Stand ; 
am 24. eben so schnelles Steigen desselben in Deutsch- 
land, Frankreich, ganz Italien u. s. w. — Kastner's 
Archiv. Bd. 1. S. 125. — Bd. 2. S. 394. folg. 

Februar 2 — 5. Wiederholte Erdstöfse zwischen dem 
Erzgebirge und dem Fichtelgebirge, besonders bei 
Heinrichsgrün; am 2. 9 U. Morg. u. 11 U. Ab., das 
unterirdische Getöse dauert 1 Stunde lang. — Am 3. 
Annal. d. Physik. B. 88. St. 4. J. 1828. St. 4» N n 



562 

1824. 

2 und 6 U. Morg. schwache, 10 f U. Morg. stärkere 
Erschütterung. — Am 4. 7. U. Morg. zwei starke Stöfse. 

— Am 5. 54- U. Morg. — Preufs. Staatszeitg. 1824. 
No. 47. S. 211. 

Die Orte, an denen die Erdstöfse vom 6 — 19. Ja- 
nuar und vom 2 — 5. Febr. empfunden worden sind, 
liegen fast sämmtlich in einer von NO. nach SW. ge- 
richteten Linie, deren nordöstlichste Endpunkte Grafs- 
litz und Fribus sind, die südwestlichen aber Wun- 
siedel und Eger. Sie liegen auf dem südlichen Ab- 
hänge des Erzgebirges, und auf der von demselben 
nach dem EgerÜusse abfallenden Verflächung des Lan- 
des. Auf dem rechten (südlichen) Ufer der Eger sind 
keine Erschütterungen wahrgenommen worden. Die 
Richtimg der unterirdischen Bewegungen scheint von 
Nordost nach Südwest gegangen zu sevn; doch läfst 
sich dieses aus den oben angegebenen Zeitbestimmun- 
gen nicht mit völliger Gewifsheit schliefsen. In dem 
nördlichen Theile des beunruhigten Landstrichs schei- 
nen die Erschütterungen stärker gewesen zu seyn, als 
in dem südlichen; am stärksten aber zu und um Har- 
tenberg, welcher Ort ungefähr in der Mitte des gan- 
zen Striches liegt. Merkwürdig ist dabei die Seiten- 
richtung, nach welcher man auch zu Adorf und im 
Landgerichte Münchberg etwas von den Erschütterun- 
gen empfunden haben will. 
Februar 11. Irkutzk, Sibirien. Leichte Erderschütterung. 

— Archwes des decouvertes. 1824. p. 212. — Pog- 
gendorff's Ann. Bd. 2. p. 155. 

Februar 21. 8 U. Ab. Sta. Maura, Jonische Insel. 
Ein heftiger Erdstofs, der mehrere Gebäude beschä- 
digte. *— Arch. des decouv. 1824. p. 212. 

März 2. und 3. Tiefer Barometerstand in Deutschland, 
Frankreich, Italien. Orcan im mittelländischen Meere, 
vorzüglich um die Küsten von Italien; starker Schnee- 



563 

1S24. 

fall in Rom, Neapel u. s. w. — Kastner's Archiv. 
Bd. 1. p. 382., Bd. 2. p. 401. folg. 

April 10. Einige Minuten vor 10 U. Ab. Kingston, Ja- 
maica. Ein sehr heftiger Erdstofs, den man auch an 
mehreren Orten der Insel empfand; seit vielen Jahren 
der heftigste. Die Erschütterung, der ein starker Wind 
vorausging, dauerte ungefähr 30 Secunden, und war 
mit unterirdischem Getöse verbunden. Drei bis vier 
Häuser sind eingestürzt. 

Bis zum 15. erfolgten noch einige minder heftige 
Stöfse. Einige Häuser in Kingston und Liquinea ha- 
ben gelitten. Zu Spanischtown und Oldharbour waren 
die Erschütterungen sehr stark. 

Zu Yallahs fühlte man in der Nacht vom 13. um 
dieselbe Stunde wie Tags zuvor (?) eine neue Erschüt- 
terung, eben so wie die erste von unterirdischem Brül- 
len begleitet. Endlich am 14. zwischen 1 und 2 U. 
Morg. einen dritten Stofs, den schwächsten. 

Zu Port Royal und in seiner Umgegend empfand 
man in der Nacht vom 12. April, ungefähr 12 Minu- 
ten vor 10 U. , einen starken Erdstofs, der fast 1 Mi- 
nute dauerte, aber keinen Schaden that. Einen an- 
dern in der Nacht vom 13. um dieselbe Zeit; er war 
viel schwächer, dauerte aber länger. — Verneur, Jour- 
nal des Voyages. Vol. XXIII. p. 101. 

April 20. Gegen 3 U. Morg. St. Thomas, Westindi- 
sche Insel. Heftige Erderschütterung mit donnerähn- 
lichem Getöse. Viele Personen werden aus den Bet- 
ten geworfen. In der hier benutzten Nachricht wird 
hinzugesetzt: ,, un bäiiment sest englouti par suite de 
la commotion;" und es bleibt zweifelhaft, ob dabei 
vom Wasser oder vom Lande die Rede ist. — Arch. 
des decouv. 1824. p. 213. 

April 22. Erster Anfang des Ausbruchs des Goenong 
Apie auf Banda. — S. unten 9. Junius. 

Nn2 



564 

1824. 

Mai 31. 4 U. Morg, Bury (wo liegt dieser Ort?). Leichte 
Erderschüttermig. — Arch. des decouv. 1824. p. 213. 

Junius (ohne Angabe des Tages). Unweit Leeds auf 
den Grenzen von Lancashire, 9 engl. Meil. von Keigh- 
ley und 6 von Colne, liegt, bedeutend höher als das 
Niveau des Aire- Flusses bei Leeds, ein Morast. Aus 
demselben entspringen kleine Bäche, die dem Aire- 
Flusse durch eine tiefe Schlucht zufallen. Der natür- 
liche Damm, welcher diesen Morast hielt, brach im 
genannten Monate durch unbekannte Ursachen. Das 
abströmende Wasser bildete sich einen Canal von un- 
gefähr 12 Verges (vermuthlich im Originale Yards) 
Breite und 6 Verges Tiefe, und Alles, was ein Raum 
von 1200 V. im Umkreise enthielt, Festes und Flüs- 
siges, ging durch die Oeffnung fort, und stürzte sich 
in die Schlucht. Die Bewegung dieser Ungeheuern 
Masse, beschleunigt durch den Fall, rifs Alles mit 
sich fort. Wohin der Strom sich verbreitete bedeckte 
dicker Schlamm die Felder; Felsenstücke wurden mehr 
als eine engl. Meile weit fortgeführt. 

Einige Personen schrieben diese Begebenheit einem 
Erdbeben zu, aber man hat ringsum nirgends etwas 
von einem solchen empfunden. Da in dem Augen- 
blicke, als der Durchbruch erfolgte, eine dicke Gewit- 
terwolke den Himmel bedeckte, so hat man vermuthet, 
dafs eine Wasserhose auf unterirdische Wasser gewirkt 
habe. Aehnliche Ereignisse sind im 16. und 17. Jahr- 
hundert in der Umgegend von Lancaster vorgekom- 
men. — Revue Encyclope'd. 1821. Oct. p. 229., aus 
Leeds Mercury genommen. — Nach Anderen soll 
sich diese Begebenheit im September ereignet haben. 
S. Poggend. Ann. Bd. 3. p. 155., auch Phil. Magaz. 
No. 317. p. 229. 

Junius 2. Schiraz, Persien. An diesem Tage soll man 



565 

1824. 

dort zuerst, vor dem folgenden grofsen Erdbeben, einige 
Bewegungen empfunden haben. 

Junius 9. Banda, Sunda- Insel. Ausbruch des Vulcans 
(Gonung Api), an welchem sich schon am 22. April 
ein neuer Krater geöffnet hatte. Der Ausbruch dauerte 
bis zum 14., mit Ausstofsen grofser Dampf- und Aschen- 
wolken, Auswerfen glühender Steine u. s. w. Darauf 
ruhete der Berg bis zum 25., an welchem ein neuer 
Ausbruch mit Erderschütterungen erfolgte, die drei Mi- 
nuten lang anhielten. Das Ausstofsen von Steinen, 
Aschen- und Dampfwolken dauerte noch lange Zeit 
fort. — Hertha. Bd. 1. 1825. — Geograph. Zeitg. p. 92. 
und 226. 

Junius 23. oder 25. 5|- U. Morg. Persien. Heftige 
Erdstöfse, welchen 6 Tage und 6 Nächte hindurch 
mehrere minder heftige folgen. Die Stadt Schiraz lei- 
det dadurch am meisten, und zwar vorzüglich durch 
den ersten Stofs und drei andere, die demselben bis 
10 Uhr Morgens folgen. Ein Theil der Stadt wird 
fast ganz dadurch zerstört und versenkt, Nächst ihr 
leidet vornehmlich die Stadt Kazroun. In den Gegen- 
den dieser Städte sollen Berge geebnet worden seyn. 
Der Tag des heftigsten Erdbebens war nach dem Per- 
sischen Kalender der 27. des Monats Chaval, J. 1239. 
— Frick und Devilleneuve (sonst Verneur) 
Journal des voyages. Vol. XXV. p. 118.; aus dem 
Courier von Bombay. — Revue encyclopedique, 1825. 
März. p. 846. — Eine*' Nachricht, welche dieses Erd- 
beben in den April versetzt, beruht wohl auf einem 
Irrlhum. S. Allgem. Zeitung, 1824. No 313. S. 1372. 

Julius 9. Neu- Braunschweig, Bril tisch Nordamerika. 
Starke Erderschütterung mit einem Knall, wie von einer 
Kanone. — Ar eh. des decouv. 1824. p. 213. 

Julius 18. Zu Re'almont, 1| Lieue nördlich von Per- 



566 

1824. 

pignan, depart. des Pyrene'es orientales, beobachtete 
man am Morgen ungewöhnliche Wärme. Um Mittag 
stieg das Thermometer R. auf 27°, 1£ U. auf 29°. 
So blieb es bis 34- U. , da erhob sich auf einmal ein 
starker und so warmer Nordwestwind, dafs es noch 
auf 30°, 75 stieg. Abends 10 U. 8' erfolgte ein Erd- 
stofs mit Geräusch wie vom Rollen eines Wagens, 
Gläser klirrten u. s. w. Auch zu Perpignan und an 
anderen Orten empfand man diese Erschütterungen. 
Am Morgen des 21. stand das Thermometer nur 15°. 
— Fe'russac, Bullet, des Sc. mathe'm. 1824. T. II. 
p. 178. 

Zu Ptoussillon schien die Erschütterung von NO. 
nach SW. gerichtet. Sie dauerte 4 bis 5 Secun- 
den. Zu Collioures hörte man vor derselben ein un- 
terirdisches Getöse, das 4 bis 5 Secunden nach dersel- 
ben fortdauerte. Zu Montlouis war der Himmel den 
ganzen Tag rein und die Luft ruhig gewesen; aber 
gleich nach der Erschütterung erhob sich ein heftiger 
Orcan. Zu Perpig?ian war das Thermometer gegen 
Abend bis zu 35° Hundertth. Sc. (28° R.) gestiegen, 
die Atmosphäre schien mit brennenden Dünsten erfüllt, 
und man wurde von der Luft unangenehm afiicirt. Zu 
Carcassonne war die Erschütterung von einem hefti- 
gen Pfeifen des Windes begleitet, das die Einwohner 
mit dem Zischen einer Rakete verglichen. Alle Punkte 
des Horizontes waren den Tag über von Rlitzen durch- 
kreuzt worden, denen kein Bonner folgte. — Ar eh. 
des decouv. 1824. p. 213. 

Ohne dem Umstände nur irgend eine Bedeutung 
beilegen zu wollen, mag ich doch nicht unerwähnt las- 
sen, dafs zu Gotha, nachdem dort am 17. das Ther- 
mometer bis auf 21° R. gestiegen war, am 18. bei 18° 
zwischen 1 und 2 U. Ab. ein sehr heftiges Gewitter 
mit einem Hagelfall losbrach, bei welchem alle Körner 



567 

1824. 

die Gröfse von Büchsenkugeln, und manche die von 
Taubeneiern und darüber hatten. Der grofse Hagel 
ist in und nahe bei der Stadt Gotha eine so seltene 
Erscheinung, dafs man sich seit dem Jahre 17S3 eines 
eigentlichen Hagelwetters dort nicht erinnerte. — Der 
gewitterhafte Zustand der Atmosphäre mag an diesem 
Tage über einen grofsen Theil von Europa verbreitet 
gewesen sejn. 

Julius 19. 5 U. Morg. Lissabon. Ein sehr fühlbarer 
Erdstofs. Tags zuvor stieg die Wärme der Luft über 
36° R. bei einem Nordostwind, welcher die Trauben 
am Stocke auf der Stelle trocknete, auch Thiere und 
selbst Menschen auf der Stelle tödtete. — Journ. de 
Francfort. 1824. No. 226. 

Julius 19. (oder 29.?) ereignete sich im See von Mas- 
saciuccohy nahe bei dem Dorfe Vecc'aiano im Gebiete 
von Lucca, folgende Erscheinung. Morgens, nach einem 
kurzen, heftigen Regen und einigen ziemlich starken 
Donnerschlägen, wurde am westlichen Ende des See's 
das Wasser trüb, und färbte sich wie von Seife oder 
Kalk. Erst am 21. wurde es wieder hell. Darauf sah 
man eine grofse Menge grofscr und kleiner Fische todt 
auf dem W asser. Ihre Anzahl war so grofs, dafs poli- 
zeilich Anstalten getroffen wurden, das Verpesten der 
Luft zu verhüten. Während der Bewegung des Was- 
sers spürte man einen starken Schwefelgeruch, ver- 
mischt mit dem Gerüche von faulenden Pflanzenstof- 
fen. — Ferussac, Bullet, des Sc. naturelles. 1824. 
T. III. p. 164; aus der Antologia di Firenze. — 
Ann. de Chimie et de Phjs. T. 27. p. 386. — Den 
19. giebt an Kastner Archiv. Bd. 4. p. 383. 

Julius 27. Bei Voigtsbach in der Herrschaft Reichen- 
berg, Böhmen, Nachmittag gegen 4 U. eine zerstö- 
rende Windhose von SW. nach NO. ziehend in ab- 
wechselnder Breite von 60 bis 400 Schritten. Sie er- 



568 

1824. 

streckt ihre Verwüstungen auf 1 Meile in die Länge, 
zerbricht und entwurzelt über 6000 Bäume, hebt Ge- 
bäude auf, reifst Felsenstücke ab u. s. w. Zugleich 
ein heftiges Gewitter. — Kastner 's Archiv. Bd. 3. 
p. 449. 
Julius 29. Lanzerote, Canarische Insel. An diesem 
Tage wurden die Einwohner durch einzelne Erdstöfse 
beunruhigt. Bis zum 31. wurden solche immer hefti- 
ger, und an diesem Tage öffnete sich die Erde 1 Stunde 
westlich von der Hauptstadt ( Teguise) zwischen Tao 
und Tiangua. Der neu entstandene Krater warf in 
kurzer Zeit einen hohen Berg auf, indem Flammen 
und glühende Steine aus seinem Schlünde ausgestofsen 
wurden. Eine andere Nachricht giebt die Ortsbestim- 
mung für diesen Krater zu 1 Lieue vom Port du Recif 
und -z Lieue vom Berge Famia. Dieser Auswurf dauerte 
bis zum 1. August, an welchem Tage der Schlund sich 
geschlossen und nur Spalten offen gelassen zu haben 
schien, aus welchen dicke Dampfwolken hervordrangen, 
— Am 2. August, Morgens, bildeten sich drei grofse 
Dampfsäulen, jede von anderer Farbe, die eine weifs, 
die andere schwarz, die dritte entferntere schien roth 
zu seyn. Aus anderen Nachrichten folgt: — und da- 
mit mag die Beschreibung von den drei Rauchsäulen 
übereinstimmen — dafs die Erde an drei verschiede- 
nen Orten aufgebrochen ist, also drei neue Krater ge- 
bildet worden sind. Einer dieser Ausbrüche scheint 
am 22. August statt gefunden zu haben. Aus dem 
zuerst aufgebrochenen soll keine Lava geflossen seyn, 
hingegen soll er zwischen dem 22. und 24. Wasser 
ausgestofsen haben, welches einen Bach gebildet habe, 
von dem noch am 26. etwas (im filet d'eau) abgeflos- 
sen sey. Keiner von diesen drei Kratern war länger 
als acht. Tage in Thätigkeit, und der letzte, nachdem 
er 24 Stunden lang nur Lava ausgespieen hatte, warf 



569 

1824. 

mit aufserordentlicher Gewalt eine Säule von Salzwas- 
ser aus, von 4 Fufs Durchmesser, und 200 Fufs hoch, 
auf welche sodann ein dicker Dampf folgte. Die bei 
diesen Ausbrüchen ausgestofsene Lava ging sieben Mil- 
le s weit bis zum Meere, in welches sie sich unweit 
und unter dem Winde von Gariota ergofs, WNW. 
von Porto Naos (also an der diesem Hafen entgegen- 
gesetzten nordwestlichen Seite der Insel). Eine an- 
dere Nachricht sagt, dafs noch am 6. Oclober Lava 
ausgeflossen sey. — Diese nicht durchaus klaren und 
nicht mit Sicherheit zu vereinigenden Nachrichten sind 
genommen aus Moniteur. 1824. No. 298. p. 1405. (wo, 
wahrscheinlich irrig, der 29. August als Tag des ersten 
Ausbruchs angegeben ist). — Moniteur. 1825. No. 24. 
p. 94. — Journal de Francfort. 1825. No. 17. — 
Kastner's Archiv. Bd. 4. p. 246. — Leonhard's 
Zeitschr. 1825. ßd, 1. p. 71.; 1826. Bd. 1. p. 451. 

Nach den oben angegebenen Ortsbestimmungen hat 
sich dieser Ausbruch in einer Gegend der Insel ereignet, 
die ungefähr 1 geographische Meile mehr nördlich liegt 
als der Schauplatz der grofsen Ausbrüche vom Jahre 
1730 und folgenden, über welche Hr. von Buch so 
schätzbare Nachrichten gesammelt hat. (Abhandl. der 
physik. Classe der K. Preufs. Acad. v. d. J. 1818 und 
1819, und Beschreibung der canarischen Inseln.) Der 
Weg aber, welchen bei der neueren Eruption die Lava 
bis zum Meere genommen haben soll, bedarf einer nähe- 
ren Angabe, als man aus der vorstehenden Beschrei- 
bung entnehmen kann, wenn man sie mit der von Hrn. 
von Buch gegebenen Charte zu vergleichen sucht. 

August 1. mid 2. Granada, Andalusien. Acht Erd- 
stöfse. — Ar eh. des decouv. 1824. p. 214. 

August 4, Nieder-Wesseling, Dorf zwischen Kölln und 
Bonn. Wasserhose, die gegen 1 U, Ab. von SSW. 
nach NNO. streicht, und auf den Feldern, so wie an 



570 

1824. 

den Häusern des Dorfes, grofse Zerstörung anrichtet. 
Das Meteor ging über den Rhein, und seine Wirkun- 
gen hörten ungefähr 1 Stunde jenseits des rechten Ufers 
auf, bei der Langeiter Mühle. Einige wollen beim 
Verschwinden desselben eine feurige Erscheinimg wahr- 
genommen haben. — Nöggerath in Kastner's Ar- 
chiv. Bd. 3. p. 52. 

August 8. Comrie, Pertshire, Schottland. Morgens 
starke Erderschütterung mit einem Getöse, das die Ein- 
wohner mit dem von einem schweren auf dem Pflaster 
rollenden Wagen verglichen. — Arch. des decouv. 1824. 
p. 214. 

August 10. Kirchenstaat. Im Gebiete von Passerano, 
welches an das von Tivoli stöist, versank eine Strecke 
Landes. Aus der Tiefe drang so viel Wasser hervor, 
dafs es einen See bildete von 130 Palmen im Umfange 
und 27 Palmen Tiefe. Ein eigentlicher Erdfall. — 
Preufs. Staatszeitimg. 1824. No. 217. p. 954. 

August 12. und 13. San Pieiro di Bagnc und Saha- 
piana, Toscana. In den Morgenstunden gegen zwan- 
zig Erderschütterungen, unter denen doch nur drei so 
stark waren, dafs sie die Glocken anschlagen machten. 
Einige Schornsteine fielen ein. Den folgenden Tag 
und die folgende Nacht spürte man noch mehrere Stöfse, 
doch ohne bedeutende Wirkung. Vor Eintritt der Er- 
schütterungen hatte man in der Luft um die Sonne eine 
besondere Art von Nebel bemerkt. Die Sonne schien 
wie umschleiert und glich mehr dem Monde. In der 
Nacht vorher hatte ein Reisender eine Feuerkugel ge- 
sehen. — Preufs. Staatszeitung. 1824. No. 217. S. 954. 
Arch. des decouv. 1824. p. 214. 

August 18. llarderwyk, Niederlande an der Zuydersee. 
Erderschütterungen gegen SW. gerichtet, mit einem gro- 
l'sen Geräusche, nie von einem schnell über ungleiches 



571 

1824. 

Pflaster rollenden Wagen. — Arch. des decouv. 1824. 
p. 215. — Revue Encyclop. 1824. Oct. p. 244. 

August 25. Zu Mendoza am Plata-Slrow. fällt ein Staub- 
regen. — Chladni in Poggendorff's Annal. Bd. 6. 
p. 28. 

September 2. Nertschinsk , Sibirien. 5 Uhr Morgens 
wurde in der Grube Klintschkinks, in der Richtung 
von N. nach S., ein Getöse vernommen. Barauf folgte 
ein Erdstofs, von welchem alle Gebäude wankten. Im 
Jahr 1800 hatte man dort eine ähnliche Erscheinung 
gehabt. Das dortige Gebirge besteht aus Granit, und 
nicht weit davon sind warme Quellen. — Ferussac, 
Bulletin des Sc. natur. T. VIII. p. 20., aus dem Cou- 
rier von Sibirien (Sibirsfy Vestnick). 1824. JSo. 15. 
et 16. p. 97. 

September 7. In der Nacht zum 8. Guadeloupe, West- 
indische Insel. Heftiger Orcan mit einigen Erdstöfsen 
und Gewitter, und am folgenden Morgen heftigen Re- 
gengüssen. Zwischen 1 und 2 U. Morg., da der Orcan 
am stärksten wüthete, fiel das Barometer sieben Linien 
unter seinen gewöhnlichen Stand; dort ein unerhörtes 
Beispiel. — Journal de Francfort. 1824. No. 325. 

September 9. Basseterre bei Guadeloupe 10 U. Abends 
etliche Erdstöfse. — Arch. des decouv. 1824. p. 215. 
(wenn nicht vielleicht dieselbe in der vorhergehenden 
Angabe erwähnte Begebenheit durch Verwechselung der 
Tage auch hier bezeichnet ist). 

September 13. Plymouth, England. Aufserordentliche 
Bewegung im Meere. Irreguläres und schnell auf ein- 
ander folgendes Steigen und Fallen desselben, mit ge- 
waltsamen und zerstörenden Wirkungen auf die Ufer 
und Schiffe. Den folgenden Tag wurden die Erschei- 
nungen noch fürchterlicher. Erst Nachmittags 2 Uhr 
nahm Ebbe und Fluth ihren regelmäfsigen Gang wie- 



572 

1824. 

der an. Der Berichterstatter glaubt, es müsse in irgend 
einem Winkel der Erde eine Zuckung der Natur statt 
gefunden haben, weil im Jahr 1798, bei dem Erdbe- 
ben zu Siena, sich etwas Aehnliches ereignet habe. — 
Fe'russac, Bullet, des Scienc. Mathem, 1825. T. III. 
p. 176., aus Annais of Philos. 1824. Sept. p. 234. 

October 3. 1 U. Morg. Martinique, Westindische Insel. 
Zwei Erdstöfse, welche zwar die Menschen aus dem 
Schlafe wecken, aber keinen Schaden thun. — Ann. 
of Phil. 1824. Sept. p. 204., daraus in Revue encyclop. 
i825. Febr. p. 542. 

October 14. Jßerauner Kreis in Böhmen. Meteorstein- 
Fall. — Chladni in Poggendorff's Annal. Bd. 6. 
p. 28. — Kastner's Archiv. Bd. 3. p. 200. 

Octob. 20. Orenburger Gouvernement, Rußland. Hagel- 
fall, bei welchem die Hagelkörner Kerne von krystal- 
lisirtem Schwefelkies haben. — Chladni in Po gg en- 
do rff's Annal. Bd. 6. p. 30. 

October 26. Schon früher im Laufe dieses Monats hatte 
man auf der Insel Lugon einige leichte Erderschütte- 
rungen empfunden. Am genannten Tage erfolgte zu 
Manilla ein so heftiger Erdstofs (seit 1795 [1796?]| 
war kein so heftiger dort erfolgt), dafs einige Kirchen, 
eine der Brücken und mehrere Privathäuser einstürz- 
ten. Ungefähr vier (engl.?) Meilen von der Stadt, 
nahe am Flusse, brach die Erde mit lautem Krachen 
auf, und kurz darauf sah man eine Menge todter Fische 
auf der Oberfläche des Wassers schwimmen, die der 
Strom ins Meer führte. (Es ist nicht ausgedrückt: ob 
das Wasser mit diesen Fischen aus den Erdspalten 
kam, oder ob sie sich nur auf dem Flusse zeigten.) 
Die Einwohner flüchteten aus der Stadt auf das Land, 
so dafs jene fast verlassen blieb. Da die Casernen 
von Gnuad aus durch das Erdbeben zerstört waren, 
so wurde auf einer etwas entfernten Ebene ein Lager 



573 



1824. 



aufgeschlagen. Aber den 1. November brach ein Orcan 
los, der nicht nur alle Zelte wegführte, sondern auch 
an vielen Häusern die Dächer zerstörte, und sechs 
Schiffe im Hafen auf den Strand warf. — Aus Chro- 
nica of Singapore. 25. Nov. 1824. , in Asialic Jour- 
nal. 1825. Jim., und daraus in Fe'russac, Bulletin 
des Sc. natur. Vol. V. 1825. p. 323. 

October 28. Dubossar in der Krym. Ziemlich starke 
Erdstöfse. Am 1. November wüthete ein heftiger Orcan 
in der Krym. — Joum. de Franc/. 1825. No. 9. 

October 29. Charnbery, Savoyen, und Umgegend. 8 U. 
und einige Minuten Abends ein leichter Erdstofs. — 
Arch. des decouvertes. 1824. p. 215. 

Der grofsen Ueberschwemmungen, die in diesem und dem 
folgenden Monat Statt fanden, wird im Anhange zu 
diesem Artikel gedacht werden. 

October 29. in der Nacht zum 30. Braunschweig. Ei- 
nige Personen wollen während des Sturms von dieser 
Nacht einen Erdstofs empfunden haben. Die darüber 
vernommenen Thorwachen aber hatten nichts derglei- 
chen wahrgenommen. — Allg. Zeit. 1824. Beil. 241. 

November 3. Tracht, Bern, Schweiz. Ein Bergfall, der 
den Lauf des Trachtbaches hemmt. — Moniteur. 1824. 
No. 323. 

November 13. in der Nacht zum 14. Maynz. Eine Erd- 
erschütterung und eine Feuerkugel. — Allgem. Zeitg. 
1824. Beil. 225. p. 903. 

November 15. 5|U. Morg. Odensee, Dänemark. Ei- 
nige Personen wollen "während eines heftigen Sturmes 
auch eine Erderschütterung empfunden haben. — Preufs. 
Staatszeit. 1824. No. 282. p. 1219. *) 

*) Da in diesen Tagen sehr heftige Stürme und Windstöfse wüthe- 
ten , so mag man immer den meistens nur von einzelnen Perso- 
nen herrührenden Erzählungen von empfundenen ErdstÖfsen mifs- 
traucn. 

Um nicht blofs bewahrheitete Thatsachen zu berichten, son- 



574 

1824. 

November, in den letzten Tagen. Catanzaro und Co- 
senza, Calabrien. Einige Erdstöfse, die keinen Scha- 
den thaten. Darauf folgte am erstem dieser beiden 
Orte das heiterste Wetter, am letztern heftiger Regen. 
— Journal de Francfort. 1824. No. 359. 

November 30. 3 U. 3' Ab. Martinique, Westind. Ein 
starker Erdstofs von unterirdischem Getöse begleitet. 
Dieses schien anfangs sich in der mittleren Region der 
Atmosphäre fortzupflanzen und nicht aus dem erschüt- 
terten Roden zu kommen. Dem Erdbeben ging grofse 
Hitze voraus, nach demselben fiel die Temperatur; 
eine hohe Fluth warf zu St. Pierre mehrere Schiffe 
auf den Strand; es erfolgte ein heftiger Regen, der 
zehn Tage lang anhielt. — Revue encyclop. 1825. Febr. 
p. 542. — Ferussac, Bull, des Sc. maihem. T. III. 
p. 303. und T. VI p. 17. 

November. In diesem Monate soll auch wieder ein vul- 
canischer Ausbruch auf der Canarischen Insel lanze- 
rote Statt gefunden haben; nordwestlich von Puerto 
de Naos, und nicht weit vom Cap de los Ancones. 

dem auch dem Glauben an grundlosen Erfindungen entgegenzu- 
wirken, erwähne ich eines Gerüchtes von einer Erscheinung, die 
gleichfalls in dem Monat November 1824 sich ereignet haben 
sollte. 

Es wurde nämlich in öffentlichen Blättern erzählt: der Don- 
nersberg, südlich von 3Iaynz, habe wahrend vierzehn Tagen die 
Bewohner der Umgegend durch ein in seinem Innern hörbares 
Getöse erschreckt; darauf seyen Spalten an dem Berge entstan- 
den und Flammen aus demselben hervorgekommen. — ßloniteur. 
'1824. No. 345. p. 1595- — Hernach las man in Annales de 
Chimie et de Physique. 1824. Dec* p. 384., und daraus in Fe- 
russac Bulletin des Scienc. natur. Vol. IV. (\%2&) p. 167. 
und 296. , dafs das Factum von dem gehörten Getöse und Deto- 
nationen zwar richtig, aber die Nachricht von ausgebrochenen 
Flammen erdichtet sey. Endlich aber hat sich durch mehrere 
glaubhafte Nachrichten ergeben, dafs weder das Eine noch das 
Andere gegründet, sondern das ganze Gerücht aus einer scherz- 
haften Erfindung entstanden ist. 



575 

1824. 

— L. v. Buch Beschreib, der Canar. Inseln p. 325. 

— Da nähere Nachrichten hierüber mangeln, und Hr. 
v. B. denjenigen Ausbruch nicht besonders anführt, der 
vom Julius d. J. bis in den Herbst fortwüthete, so ist 
vielleicht hier nur von einem spätem Acte desselben 
Ausbruchs die Rede. 

Decemer 6. 2| U. Ab. Portsmoulh, Havant, Aldwick, 
BagJior, Ernsworth, Chichester {England). Erder- 
schütterung 3 bis 5 Secunden dauernd. Der Boden 
schien sich ein wenig zu heben, die Fenster klirrten, 
und hängende Dinge schwankten. Am Morgen war 
der Himmel voll von elektrischen Wolken; nach dem 
Stofs erhob sich ein SW.-Wind. Seit 1812, da man 
dort zu gleicher Zeit, als Caraccas zerstört wurde, eine 
stärkere Erschütterung als die gegenwärtige empfand, 
hatte man in der bezeichneten Gegend nichts derglei- 
chen gespürt. — Philos. Magaz. 1825. Jan. p. 70 — 
Ferussac, Bull, des Sc. natur. T. VI. p. 186. 

December 10. Corigniano und Langobucco, unweit Ros- 
sano in Calabria Citra, mehrere Erdstöfse, von denen 
die genannten beiden Orte sehr gelitten haben; es stürz- 
ten dabei Häuser ein, und drei Menschen kamen um. 
_ Journ. de Francfort. 1824. No. 364. — Preufs. 
Staatszeit. 1825. No. 3. p. 20. 

December 17. 6 4 U. Ab. Neuhaus, Böhmen. Herab 
fallen einer harzigen Masse aus der Luft mit einem 
Feuermeteor. — Chladni in Poggend. Ann. Bd. 6. 
p. 31. 

December 22. bis 23. in der Nacht. Harnburg. Wäh- 
rend eines heftigen Sturmes will man Erdstöfse empfun- 
den haben. — Journ. de Franc f. 1825. No. 2. 

— — in derselben Nacht. Alfter, Dorf, eine Stunde 
von Bonn am Rhein. Zweimalige starke Frderschüt- 
terung, von der die Betten geschwankt haben sollen. 

— Gothaische Zeitung. 1825. No. 4. 



576 

1824. 

December 30. Schiraz, Persien. Erdstöfse. — Journ. 
de Francfort. 1825. No. 50. 

Nachtrag von den Ueberschwemmimgen und Stiirmflu- 
then in den letzten Monaten des Jahres 1824. 

Schon im Jiinius hatten durch starke Gewitterregen 
in mehreren Gegenden grofse Ueberschwemmimgen statt 
gefunden. Am 25. durch die Moldau in Böhmen, die 
Eger, die Elbe (die namentlich bei Dresden grofse Zer- 
störimg anrichtete) u. s. w. Auch in einigen andern Ge- 
genden Deutschlands fielen heftige Gewitterregen, und 
hie und da Wolkenbrüche. Am 13. Junius fiel in Thü- 
ringen Schnee, der auf den höheren Bergen des Thürin- 
ger Waldes über 24 Stunden liegen blieb. In diesem 
Monate indessen sind dergleichen Erscheinungen nicht un- 
gewöhnlich. 

Auffallender und merkwürdiger aber waren die meteo- 
rischen Erscheinungen am Schlüsse des Jahres. Diese 
scheinen sich der Zeit und der Localität nach in drei 
Hauptabschnitte zu theilen: 1) die Ueberschwemmimgen 
an dem nördlichen und westlichen Abhänge der Alpen 
vom 26. October und folgenden Tagen. 2) Die Orcane 
und Sturmfluthen vom 18. November und folgenden Ta- 
gen. 3) Die Orcane und Sturmfluthen vom 20. Decem- 
ber und folgenden Tagen. 



Am 26. October verbreitete sich ein Zug von schwe- 
ren Gewittern mit stürmischen Westwinden aus dem süd- 
lichen Frankreich über und längs der Alpenkette durch 
das südliche und mittlere Deutschland. Bis in das nörd- 
liche Deutschland kamen die Gewitter nicht ; aber in Thü- 
ringen hatten wir an dem Abend desselben Tages star- 
ken Weststurm, und vom 25. bis 26. fiel in Gotha das 

Ba- 



577 

Barometer ungefähr 5 Lin. unter seinen mittlem Stand. 
Die Elektricität der Luft scheint in den Gegenden, durch 
welche diese Gewitter zogen, von äufserst starker Span- 
nung gewesen zu sejn. (Schübler in Po ggendorff's 
Annalen. Bd. 3. p. 148.) 

Auf diese Gewitter, die selbst hie und da von star- 
ken Platzregen begleitet waren , folgten drei Tage lang 
die heftigsten Regengüsse, merkwürdig dadurch, dafs sie 
so stark wie Gewitterregen, und wie Landregen verbrei- 
tet waren. Der Bereich derselben war die Kette der 
Alpen von Frankreich bis Tyrol, der Jura, der südliche 
Theil der Voghesen und der Schwarzwald. So wie in 
den niedrigeren Gegenden der Regen in ungewöhnlicher 
Menge fiel, so erfolgte auf den hohen Alpen ein unge- 
wöhnlich starker Schneefall, und der gefallene Schnee 
schmolz sehr schnell. 

Dadurch entstand ein ungewöhnliches und unbe- 
schreiblich schnelles Anschwellen aller Flüsse und Bäche, 
die in den genannten Gegenden entspringen. Es betraf 
die Saone, die Isere, die Loire, die Maas, die Mosel, 
und alle Bäche und Flüsse, die aus dem südlichen Theile 
der Voghesen, aus dem Schwarzwalde und den Alpen 
jenen Flüssen, dem Rhein und der Donau, zufallen. Am 
stärksten aber war dasselbe bei den vom Schwarzwalde 
kommenden Flüssen; daher der Neckar dadurch einen 
Ungeheuern Zuflufs von Wasser erhielt. Die Gegenden 
im Gebiete dieses Flusses litten in den Tagen vom 29. 
October bis 1 November die fürchterlichsten Verwüstun- 
gen und unsägliches Unglück. Der Bodensee trat aus 
seinen Ufern, die Hier, der Lech, die Isar, der Inn, 

die Donau richteten auch viele Zerstörung an. Sogar 
wurden dadurch einige Bergschlipfe verursacht, z. B. bei 

Wild, unweit Sargans in St. Gallen, bei Krinau in 

Toggenburg , an der Achalm bei Reutlingen, bei dem 

Dorfe Hör gen, unweit Zürich. 

An einigen Orten will man, kurz vor und während 

Annal. d. Physik. B. 88. St. 4. J. 1828. St. 4. Oo 



578 

dieser Erscheinungen, Erderschütterungen gespürt haben, 
wie am 22. und 25. October bei Hofstaat im würten- 
bergischen Theile des Schwarzwaldes, am 28. im JVild- 
bad zwischen Calw und Vaihingen, an demselben Tage 
an mehreren Orten in der Schweiz und im südlichen 
Frankreich, — ja nach einer Nachricht sogar in Leip- 
zig *), am 30. Morgens f Uhr nach Mitternacht bei Nie- 
derweiler und Mühlheim im Breisgau am Fufse des Blauen 
— wo in 10 bis 15 Secunden drei Erdstöfse auf einan- 
der gefolgt seyn sollen, dann eine Viertelstunde später 
(oder vielleicht zugleich, bei so unsicherer Zeitbestim- 
mung) bei Gutach in Baden, und zu Hornberg und 
Schramberg **), 

Die Erscheinungen dieser letztern Art, das ganz 
Ueberraschende einer so grofsen, für die Jahreszeit un- 
gewöhnlichen und weit verbreiteten Ueberschwemmung 
hat Mehreren Anlafs zu der Vermulhung gegeben, dafs 
dieselbe nicht blofs durch atmosphärisches Wasser, son- 
dern durch ein Emportreiben des Flüssigen aus der Erde 
vermittelst von innen wirkender Kräfte verursacht wor- 
den seyn möge. 

Hie und da will man wirklich das Wasser aus der 
Erde hervordringen, ja gleich Springbrunnen aus dersel- 
ben hervorspritzen gesehen ***) haben. Indessen scheinen 
nicht alle Nachrichten dieser Art auf sehr zuverlässigen 
Wahrnehmungen zu beruhen, oder es scheinen wenig- 
stens manche vielleicht richtige Wahrnehmungen nicht 

*) „Die grofsen Stürme und Ueberschwemmungen in Deutschland, 
England, Frankreich, Rufsland und anderen Ländern Europa's 
im J. 1824. Eine Erzählung der wichtigsten Thatsachen u. s. w. 
Leipzig, 1825. 8. p. 14." — Dieses Werkchen ist eine nicht 
sehr geordnete und eben so •wenig kritische Compilation von 
Nachrichten, die zwar viele Erzählungen von Zerstörung und 
Unglücksfällen, aber wenig Belehrendes über phvsische Verhält- 
nisse enthält. 

**) In derselben kleinen Schrift, p. 14. 15. und 35. 
*") Ebendaselbst, p. 13. 14. und 19. 



579 

ganz richtig gedeutet worden zu seyn. Man würde zwar, 
wie mir scheint, Unrecht thun, wenn man die Möglich- 
keit, dafs Wasser aus dem Innern der Erde hervorge- 
trieben werden könnte, bei diesen Ereignissen ganz in 
Abrede stellen wollte, da bei Erdbeben diese Erschei- 
nung allerdings vorgekommen ist, auch die in diesem 
Jahre so aufserordentlich häufigen und zum Theil sehr 
heftigen Erderschütterungen in vielen Gegenden der Erd- 
kugel auf aufserordentliche Bewegungen im Innern der- 
selben deuten. Ich kann daher hierin nicht unbedingt 
der Meinung beitreten, die Hr. Pr. Muncke — ohne 
nähere Rücksicht auf mehrere der wahrgenommenen ein- 
zelnen Erscheinungen zu nehmen — in dieser Hinsicht 
auf Voraussetzungen gegründet hat, welche wenigstens 
nicht die einzigen zu seyn scheinen, unter denen Was- 
ser dem Innern der Erde hervorgetrieben werden kann *). 
Aber Hr. Pr. Schübler hat in einem sehr lesenswer- 
then Aufsatze **) wenigstens die Möglichkeit dargethan, 
dafs die Ueberschwemmungen in den October- und No- 
vember-Tagen des Jahres 1824 auch ohne das Hervor- 
brechen unterirdischer Gewässer anzunehmen, blofs aus 
der Wirkung des atmosphärischen Wassers erklärt wer- 
den können. 

Was aber auch mit dafür spricht, ist, dafs in den 
Tagen dieser grofsen Ueberschwemmungen am Fufse des 
Schwarzwaldes u. s. w., doch auch in entfernteren Ge- 
genden, nach denen der Gewitterzug ging, Ueberschwem- 
mungen statt fanden, wenn sie gleich nicht so grofs und 
furchtbar waren wie jene. Diefs geschah z. B. bei meh- 
reren dem Mayn zufallenden Flüssen, bei der Fulda, 
der Saar, der Blies, der Orne, der Ourthe, Meurthe, 
Vezonze u. s. w. 

Einzelne ausführliche Nachrichten über diese Vor- 
fälle s. Allgemeine Zeitimg. 1824. No. 225. 349. 1825. 

*) Poggendorff's Annalen. Bd. 3. p. 129. 
*•) Ebendaselbst, p. 145. 

Oo 2 



580 

Beilage 67. — Preufsische Staatszeitung. 1824. No. 265. 
269. 271. 279. 282. 283. 301. — Moniteur. 1824 No. 
323. 324. 345 346, 



I)ie Stürme im Canal und im Deutschen Meere, 
welche ungewöhnlich hohe Fluthen hervorbrachten, fin- 
gen schon ungefähr um dieselbe Zeit an, in welche die 
zuletzt erwähnten Ueberschwemmungen fielen. Man kann 
vielleicht schon die oben angeführte Meeresbewegung vom 
13. September als einen von derselben Disposition der 
Atmosphäre und der Erde herrührenden Vorboten der 
folgenden Erscheinungen betrachten. Vom 3. bis 5. No- 
vember wütheten Stürme von den Küsten der Nieder- 
lande bis in's Cattegai. Am 3. November trieb eine 
hohe Fluth die Elbe zurück und setzte die Insel Neu- 
werk ganz unter "Wasser; bis nach Schweden wüthete 
der Sturm. Am 5. Abends wurde das Wasser im Lym- 
fiord in Jätland, das am Morgen desselben Tages seinen 
niedrigsten Stand gehabt hatte, auf den höchsten getrie- 
ben. In Thüringen hatten wir in der Nacht vom 2. zum 
3. einen fürchlerlichen, und am 4. gegen 7 Uhr Morgens 
einen sehr heftigen Weststurm. 

Gegen die Mitte des Monats erneuerte sich diese 
Erscheinung mit gröfserer Stärke. Auch damals hatten 
wir in Thüringen, besonders am 10. Abends, in der 
Nacht vom 12. zum 13., und am 14. den ganzen Tag 
die heftigsten Südweststürme; wobei das Barometer in- 
dessen kaum 5 Linien unter seinem mittlem Stande war, 
dagegen es in Stockholm am 13. den niedrigsten Stand 
hatte, von welchem dort Nachrichten vorhanden sind. 
In und um Herzogenbusch hatte man am 15. einen sehr 
hohen Wasserstand. Die Binnenländer von Orthern, 
Empel, Alem, Maren, Kessel u. s. w. wurden so schnell 
unter Wasser gesetzt, dafs die Bewohner nichts zu ber- 
gen vermochten. Das Y bei Amsterdam war so ange- 



581 

schwollen, däfs die Keller und niedrigen Theile der Stadt 
unter Wasser standen. Am Helder war das Meer in der 
Nacht vom 14. zum 15. so hoch angeschwollen, als seit 
Menschengedenken nicht geschehen war. Am 13., 14. und 
15. erfolgten an der Elbemündung (wo die Fluth 19 Fufs 
3 Zoll stieg) und an den Westküsten von Holstein und 
Schleswig sehr hohe Fluthen und Ueberschwemmungen. 

Am 18. und 19. aber — da wir in Thüringen nur 
frischen, doch mäfsigen Wind und beinahe mittlem Ba- 
rometerstand hatten — wütheten im Canal, im Deutschen 
und Baliischen Meere die furchtbarsten Stürme. 

Der Orcan, der sich am 18. erhob, ist eine der ge- 
waltigsten und merkwürdigsten Erscheinungen dieser Art, 
in Stärke, Geschwindigkeit und Wirkung. Seine Wir- 
kungen erstreckten sich vom Westende des Canals bis 
in das Ostende des Finnischen Busens, Er scheint un- 
gefähr folgende Richtung genommen zu haben. Durch 
den Canal und zwischen den Küsten von England und 
Holland hindurchstreichend, wühlte er das Deutsche 
Meer auf, verursachte zahlreiche Schiffbrüche an der 
Nordküste von Jütland, zog über Gothenburg und Stock- 
holm mit immer zunehmender Gewalt, warf in Schweden 
ganze Wälder nieder, und bliefs mit gröfster Heftigkeil 
über das Baltische Meer in den Finnischen Busen hin- 
ein. Die Linie, die er auf diese Weise beschrieb, scheint 
eine zweimal gekrümmte gewesen zu seyn, und wurde 
vermuthlich durch die Lage und Richtung der Küsten und 
Bergzüge bestimmt. Ihre Länge beträgt 370 bis 400 
Stunden. 

In wie viel Zeit der Sturm diesen grofsen Raum 
durchlaufen hat, ist schwer auszumilteln , besonders da 
er mehrere Stunden anhielt, anfangs zunehmend und her- 
nach abnehmend. Es ist behauptet worden, dafs er den 
ganzen Raum in wenigen Minuten durchlaufen habe ; doch 
diefs ist gewifs übertrieben. In Pljrnouth tobte er am 
18. gegen die Mitte des Tages, zerstörte viele Schiffe 



582 

und beschädigte stark den neuen riesenhaften Hafendamm, 
Breakwater genannt. An demselben Tage stieg bei Nyrn- 
wegen die Waal bis auf 21 Fufs 9 Zoll, und die Maas 
bei Grave 18 Fufs 1 ? Zoll. Abends 7 Uhr erreichte 
er in seiner gröfsten Kraft Christiania, zwischen 10 und 
11 Uhr Abends Stockholm (wo man vor 10 Uhr nur 
einen gewöhnlichen starken Wind gehabt hatte; und bei 
St. Petersburg kam das Wasser erst am 19. Morgens 
7 4- Uhr zum Steigen. 

Hier stieg die Fluth des durch den Orcan in den 
Finnischen Meerbusen zusammengetriebenen Meerwassers 
und des zurückgedrängten Wassers der Newa von dieser 
Stunde an bis 2 Uhr Nachmittags mit unglaublicher Kraft 
und Schnelle, und richtete dort die beklagenswerthen 
Zerstörungen an, die allgemein bekannt sind. Die Fluth 
stieg in der Newa zu -5"/. Petersburg in folgenden Ab- 
stufungen über den gewöhnlichen Stand. 
19. November 7^ Uhr Morg. 
8 
9 

10 

11 

12 

1 - Ab. 

2 - 
Von diesem Zeitpunkte 

an fiel das Wasser und 

stand 11 - - =3 

Noch am 23. und 24. erneuerten sich die Stürme 
und Fluthen im Canal, und thaten an den Brittischen 
Küsten von Devonshire und an den Französischen um 
Havre de Grace vielen Schaden. 

Auch diese Stürme und Fluthen hat man hie und da 
auf Rechnung von sogenannten Zuckungen der Natur, Erd- 
beben u. s. w. schreiben wollen; von Bewegungen die- 
ser Art ist indessen damals (aufser dem Erdbeben auf 



= 3' 


7" 


= 4 


1 


= 5 


4 


= 6 


6 


= 8 


7 


= 10 





= 10 


6 


= 11 


10 t 



583 

Lufon, 26. Oct.) nichts so Auffallendes wahrgenommen 
worden, dafs es sich mit einiger Wahrscheinlichkeit auf 
diese Begebenheiten beziehen liefse. Wenigstens ist bei 
uns nichts davon bekannt geworden. Wenn man daher 
die Meinung behaupten wollte, dafs die Orcane und Flu- 
then durchaus mit solchen Bewegungen in Verbindung 
gestanden haben müfsten, so würde man sich mit der 
vagen Vermulhung zu begnügen haben, dafs diese sich 
in Gegenden ereignet hätten, von denen keine Nachrich- 
ten zu uns gelangen. Aber, kann nicht allerdings eine 
Beziehung, oder wohl gar eine Analogie zwischen der 
Erscheinung aufserordentlicher Bewegungen in der Atmo- 
sphäre und der aufserordentlicher Bewegungen im Kör- 
per der Erde in der Art statt finden, dafs die eine Er- 
scheinung die andere vertritt oder vorstellt? und dafs 
gerade damals in dem Theile der Erde, in welchem die 
Orcane wütheten, eine andere Zuckung der Natur (wie 
man sagt) nicht statt gefunden hat, eben weil die erste 
Erscheinung eintrat? Immer liegt die Vermuthung nicht 
ganz fern, dafs besondere, vielleicht im Erdkörper selbst, 
und wo nicht allein, doch zugleich in seinen kosmischen 
Verhältnissen, gegründete Umstände die heftigen Bewe- 
gungen verursacht haben. Zu dieser Vermuthung wird 
man auch durch die, während auf einander folgenden 
fünf Monate, v. Sept. 1824 bis Ende Jan. 1825, statt 
gefundene fast periodische Wiederkehr dieser Erscheinun- 
gen geleitet. Wenigstens ist diese nicht durch die ge- 
wöhnliche periodische Wiederkehr der Meeresfluth allein 
zu erklären. Während des gesammten Zeitraums sollten 
die höchsten Flulhen der Syzygien im Canal, dem Deut- 
schen Meere u. s. w. fallen: auf 9. September gegen Mit- 
ternacht, 23. Oct ober gegen 8 U. Ab. , 22. November 
gegen 8 U. Morg., 21. Dec. gegen 11 U. Abends. Die 
Stürme und Sturmfluthen aber, an dem zuletztgenannten 
Tage allenfalls ausgenommen, trafen nicht mit diesen Zeit- 
punkten zusammen. 



584 

Ausführliches über diese Ereignisse siehe in Allgem, 
Zeitung. 1824. No. 351. 354. 357. 358. 364. — Preufs. 
Staatszeit. 1824. No. 269. 271. 275. 276. 281. 282. 284. 
289. 291. 295. — Momteur. 1824. No. 331. 342. 346. 351. 

3. 

In der Mitte des Decembers erneuerten sich die Stürme 
im Deutschen und Baltischen Meere, und in den diese 
Meere umgebenden Ländern. 

Schon am 13., 14. und 15. erhoben sich heftige 
Sturmwinde bei Königsberg und am frischen Haff, von 
Gewittern begleitet, und trieben das Wasser des Pregels 
über die Ufer. 

Weit heftiger aber wurden dieselben vom 20. De- 
cember an. Am Abende dieses Tages wurden z. B. Karls- 
crona und Nyborg davon heimgesucht. Um Mitternacht 
verursachte ein mächtiger Südweststurm bei Königsberg 
in Preufsen wieder ein sehr starkes Austreten des Flusses. 

Am 22. und 23. tobte der Südweststurm durch Nord- 
Deutschland in der Breite von Harnburg bis zum Thü- 
ringerwalde. In Gotha war derselbe in den eisten Mor- 
genstunden vom 23. wahrhaft fürchterlich. Er drückte 
im Schlosse Friedenstein mehrere Fenster ein, rifs einen 
Theil des Geländers an den nach diesem Schlosse von 
der Stadt führenden Auffahrten nieder, zerbrach an 
verschlossenen Thoren starke Balken, und verursachte 
grofse Windbrüche im Thüringerwalde. Das Barometer 
war dabei 1 k Uhr Morgens mehr als zehn Linien unter 
den mittlem Stand gefallen. 

Benierkenswerth ist, dafs dieser Sturm in Nordosten, 
wohin er wehete, früher gewesen zu seyn scheint, als in 
Südwesten, woher er kam; da es am 21. in Königsberg 
war, und erst in der Nacht vom 22. zum 23. in Ham- 
burg und Gotha. 

Das Gleichgewicht der Atmosphäre blieb aber noch 
länger gestört, da am 24. wieder ein heftiger Sturm in 
Stockholm, am 27. ein Sturm mit hoher Fluth bei Emden, 
und am 28. ein Orcan bei Gothenburg tobte. 

S. Allgem. Zeit. 1824. No. 365. 368. — Preufs. Staats- 
zeitung. 1824. No. 305. u. 308 ; 1825. No. 2. 3. 13. — 
Sommer in Kastner's Archiv. Bd. 5. p. 375. 



585 



IV. Heber einen merkwürdigen VFetterschlag auf 

den Lcuchlthurm zu Genua; 

vorn Prof. T. Kries in Gotha. 



in Januar- Stück von 1827 der in Mailand herauskom- 
menden Biblioteca italiana ertheilte der Professor Fer- 
dinando Elice in Genua von einem merkwürdigen 
Wetterschlage , der den mit einem Blitzableiter versehe- 
nen Leuchthurm in Genua, am 4. Januar 1827 um 6 .'- Uhr 
des Morgens, getroffen hatte, in einem Briefe Nachricht. 
Der Thurm steht auf einem kleinen isolirten Hügel, 
der sich auf 48 Meter aus dem Meere erhebt, ist vier- 
eckig, an der Basis auf jeder Seite 9 Meter breit, und 
hat eine Höhe von 76,6 Meter. Die Leuchte auf der 
Spitze, die 4 Meter im Durchmesser hält und von oben 
mit Blei gedeckt ist, endigt sich in ein eisernes Kreuz, 
das aufser der mittlem Spitze auf dem Qucerstabe noch 
zwei Spitzen trägt, alle drei vergoldet und von gleicher 
Höhe. Von dem Kreuze geht ein aus drei Kupferdräh- 
ten, jeder 4 mm dick, bestehendes Geflechte herab, wel- 
ches den eigentlichen Abieiter bildet, und daher oben 
mit der übrigen metallenen Bekleidung in Verbindung 
gesetzt, längs dem Thurme aber in einem Abstand von 
beinahe 2 Decim. von der Mauer herabgeführt ist, und 
sich mit einem Gewicht von 2 Kilogr. in einer Cisterne 
endigt, die 4 m lang, 2 ,n breit und 4 m tief ist, und auf 
2 ,n tief mit Wasser gefüllt ist. Der Abieiter ist vor etwa 
50 Jahren vom Mechaniker Rossi angelegt worden, und 
war durch die Länge der Zeit ganz oxydirt, die Spitzen 
aber sind seit der Zeit wohl 20 Mal erneuert worden, 
weil sie vom Blitz etwas geschmolzen waren; die mitt- 
lere aber immer mehr, als die andern. 

Als der Blitz an dem gedachten Tage in den Thurm 
eingeschlagen hatte, untersuchten die Wächter, die sich 



586 

in demselben befanden, sogleich den Abieiter, und be- 
merkten folgendes: 

1) Das Kreuz auf der Spitze war weg, bis auf die 
verticale Stange desselben, die, an ihrem Ende abgebro- 
chen, nicht geschmolzen war. 

2) Der Abieiter war etwa 14 m von dem untern Ende 
entzwei, ein Stück ungefähr 9 m lang herausgerissen, und 
dieses wieder in 6 Stücke zertheilt, von denen fünfe nahe 
an der Mauer des Thurmes lagen, das sechste aber, einen 
halben Meter lang, sich in einer Entfernung von 12 Me- 
ter, nicht weit von einer Mauer fand, in welcher ein 
Loch von 15 mm war, das nach der Meinung der Leute 
von dem Blitze herrührte. 

3) Die Enden aller dieser 6 Stücke waren mehr 
oder weniger geschmolzen, und eben so die beiden En- 
den des Abieiters selbst, zwischen welchen diese geses- 
sen hatten. Diefs sind also zusammen 14 Enden, und 
da jedes derselben aus 3 Drähten besteht, so hat man 
zusammen 42 Spitzen, die alle geschmolzen waren. 

4) Weder der obere noch der untere Theil des Ab- 
ieiters war weiter im geringsten beschädigt; beide Theile 
aber waren desoxydirt, mit Ausnahme desjenigen Stücks, 
welches über die Leuchte auf der Spitze weggeht und 
mit den oben erwähnten Metallen in Verbindung steht. 

5) Endlich war die Querstange des Kreuzes mit 
den darauf befindlichen beiden Spitzen auf mehr als 30 m 
weit von dem Thurme weggeschleudert, ohne ein Zeichen 
von Schmelzimg an sich zu tragen; die mittlere Spitze 
mufste noch weiter geflogen sejn, und hatte sich bei dem 
Abgange des Briefes noch nicht gefunden. 

Der Thuim selbst hatte nicht den geringsten Scha- 
den gelitten, und nur in der Cisterne waren die beiden 
Thürchen aufgebrochen und die Thürangeln losgerissen. 
Die 12 Menschen, welche zur Zeit des Einschiagens in 
dem Thuime waren, hatten einen flammenden Schein ge- 



587 

sehen, und nur einen einzigen Donnerschlag, wie der 
Knall einer Kanone, gehört. 

Weder an der Querstange des Kreuzes, noch an dem 
übrigen Eisen, war irgend eine Spur von Magnetismus 
wahrzunehmen, nur eine einzige Klammer fand sich, wel- 
che etwas Eisenfeile anzog. 

Der Verfasser dieser Nachricht glaubt, dafs, wenn 
der Abieiter nur eine Spitze und eine längere Querstange 
gehabt hätte, und wenn die Cisterne geräumiger gewe- 
sen wäre, die Elektricität der Wolke in gröfserer Ent- 
fernung angezogen und allmälig abgeleitet worden wäre. 
Noch besser scheint es ihm, wenn der Thurm in der Ge- 
gend, wo der Abieiter zerrissen war, an den vier Ecken 
mit vier horizontalen, etwa 2 m langen, Spitzen versehen 
gewesen wäre, die mit dem Abieiter in Verbindung ge- 
standen hätten; weil es ihm wahrscheinlich ist, dafs der 
Elitz den Abieiter nicht oben in der Spitze, sondern von 
der Seite an der zerrissenen Stelle getroffen habe; die 
horizontalen Spitzen würden daher die Heftigkeit des An- 
falls vermindert haben. 

Ich gestehe, dafs ich diesen Ansichten des Verfassers 
nicht beitreten kann. Zwar glaube ich auch, dafs eine 
einzige Spitze oben an dem Abieiter hinreichend gewe- 
sen wäre, weil drei Spitzen, die nur eine gemeinschaft- 
liche Ableitung haben, nicht mehr wirken können, als 
eine einzige. Ja es ist die Frage, ob sie nicht eher stö- 
rend auf einander wirken, und dadurch die Wirkung der 
einzelnen geschwächt wird. Denn wenn durch die Elek- 
tricität der Gewitterwolke in dem Abieiter die entgegen- 
gesetzte Elektricität hervorgerufen wird, und wir uns 
diese als eine elektrische Materie denken, die in dem 
Abieiter heraufgezogen wird, so wird diese durch die 
Vertheilung unter drei Spitzen mehr geschwächt, und kann 
auf die entgegengesetzte Elektricität weniger wirken, als 
wenn sie auf eine einzige Spitze concentrirt wird. Ueber- 
diefs wirken die drei gleichartig elektrisirten Spitzen ab- 



588 

stofsend auf einander, und schwächen dadurch ihre elek- 
trische Wirksamkeit. Auf alle Fälle hängt die Wirk- 
samkeit eines Abieiters, caeteris paribus, von seiner gan- 
zen Capacität ab, und diese kann durch den Ansatz von 
ein Paar Spitzen nicht sehr gewinnen. Ob aber in dem 
vorliegenden Falle der Ableiler bei einer einzigen Spitze, 
und wenn sie auch länger gewesen wäre, die Kraft er- 
langt hätte, wie der Verfasser meint, die Elektricität all- 
niälig aus den Wolken abzuleiten, ist eine andere Frage, 
worüber ich aus den weiter unten angeführten Gründen 
ihm nicht beistimmen kann. 

Eben so wenig scheint mir eine längere Querstange 
an dem Kreuz geeignet, die Kraft des Abieiters zu ver- 
stärken, denn was sind ein Paar Fufs mehr oder weni- 
ger gegen die Entfernung, aus welcher der Blitz herab- 
kommt? und findet der Blitz den Weg zu der längern 
Stange, so wird er auch die kürzere erreichen. Die 
Querstange überhaupt halte ich zur Ableitung für über- 
flüssig. Man hat sonst die Seitenspitzen an einem Abiei- 
ter für nöthig erachtet, um die von der Seite herkom- 
menden Strahlen aufzufangen. Aber man rechnete dabei 
auf die Kraft der Spitzen zu viel, und vielleicht auf die 
Heftigkeit des explodirenden Blitzes zu wenig. Es ist 
genug, dafs man ihm durch den Ableiler überhaupt einen 
Weg bahnt, auf welchem er zur Erde gelangen kann; 
ihm durch die Spitze auch das Pünktchen bezeichnen zu 
wollen, an welchem er den Weg treffen soll, heifst die 
Vorsicht zu weit getrieben. 

Was der Verfasser endlich durch eine Erweiterung 
der Cisterne für die Kraft des Abieiters zu gewinnen 
glaubt, ist mir am wenigsten verständlich. Reicht der 
Abieiter bis auf den Erdboden, so kann die eine Art 
der Elektricität durch ihn in die Erde abiliefsen, und die 
entgegengesetzte aus derselben herbeiströmen, in so gro- 
i'ser Menge, als nur immer durch den Einflufs des Ge- 
witters auf den Abieiter möglich ist. Die Cisterne giebt 



nicht die letztere her, so wenig als sie durch die erstere 
angefüllt wird, sondern der mit ihr in Verbindung ste- 
hende Erdboden. Bei einer geräumigem Cisterne würde 
man nur den Vorlheil haben, dafs nicht so leicht eine 
Aufsprengung der in ihr befindlichen Thüren statt finden 
könnte, die unstreitig durch den Stofs des Wassers und 
der Luft, die bei dem Durchfahren des Wetterstrahls 
plötzlich nach allen Seiten zurückgetrieben und ausge- 
dehnt wurden, bewirkt worden ist. Der Abieiter selbst 
aber kann dadurch nicht die Kraft erlangen in gröfserer 
Entfernung auf die Gewitterwolke zu wirken, 

Ueberhaupt ist es mir eben so unwahrscheinlich, dafs 
die Kraft eines Abieiters sich bis zu der Gewitterwolke 
erstrecke, und ihr nach und nach die Elektricität entziehe, 
als dafs der Blitz die Entladung einer allmählig in der 
Wolke angehäuften Elektricität sey. Man mufs die metal- 
lene Spitze dem Conductur einer Elektrisirmaschine schon 
ziemlich nahe bringen, wenn eine bedeutede Wirkung 
erfolgen soll; wie weit ist dagegen die Spitze des Abiei- 
ters noch von der Wolke entfernt! Die gröfsere Kraft 
der Gewitterwolke mag zwar in weiterer Entfernung auf 
den Abieiter wirken, als der Conductor auf die Spitze, 
aber der Abieiter kann ihr nach Verhältnifs nicht mehr 
entziehen, als diese dem Conductor. Ferner ist die Wir- 
kung des Abieiters, wenn sie sich auch bis zur Wolke 
erstreckt, zunächst nur auf einen einzigen ' Punkt dersel- 
ben gerichtet, und kann daher nur sehr gering seyn. 
Denn die Wolke ist keineswegs ein so leitender Körper, 
wie der Conductor einer Elektrisirmaschine; sie läfst da- 
her ihre Elektricität nicht so leicht fahren, und wenn sie 
auch an einer Stelle einigen Verlust erleidet, bleibt ihr 
elektrischer Zustand im übrigen ungeändert. Ist aber der 
Blitz nicht die Folge einer allmähligen x\nhäufung der 
Elektricität in der Wolke, sondern wird er, wie de Luc 
und Andere mit guten Gründen behauptet haben, durch 
irgend einen chemischen Prozefs plötzlich erzeugt, so kann 



590 

der Abieiter um so weniger ihn allmählig zur Erde füh- 
ren, und seiner Entstehung gleichsam vorbeugen. 

Ich stelle mir vor, dafs die Spitze eines Abieiters 
der sie umgebenden Luft beständig einen Theil ihrer freien 
Elektricität entzieht und zur Erde ableitet. Gewöhnlicher- 
weise ist nur die Elektricität so schwach, dafs keine Zei- 
chen derselben am Abieiter wahrzunehmen sind. Ist aber 
die Luftelektricität beträchtlich, so kann man an einein 
gehörig angebrachten Elektrometer die Kugeln aus ein- 
ander fahren, und an einem künstlich unterbrochenen 
Abieiter sogar Funken von einem Theil zum andern über- 
springen sehen, ohne dafs ein Gewitter am Himmel ist *). 
Diefs geschieht also auch bei einem vorhandenen Gewit- 
ter; und dadurch entsteht um die Spitze des Abieiters 
herum in der Luft der entgegengesetzt elektrische Zu- 
stand von dem der übrigen Luft und der Gewitterwolke; 
und dieser elektrische Wirkungskreis des Abieiters ist 
nach Verschiedenheit der Umstände — der Stärke der 
Luftelektricität, der Leitungsfähigkeit der Luft — gröfser 
oder kleiner, und trägt daher mit dazu bei, einen in 

*) Auf dem einen Thurm des hiesigen Herzogl. Schlosses ist der 
Blitzableiter, der aus starken eisernen Stäben besteht, durch das 
Fenster in ein Zimmer hineingeführt, und endigt sich hier in 
horizontaler Richtung in eine messingene Kugel. In einem klei- 
nen Abstände von dieser ist er weiter fort und zu demselben 
Fenster hinaus nach der Erde geleitet, das obere Ende aber ist 
mit einem verschiebbaren Messingstück, das sich gleichfalls in 
eine Kugel endigt, versehen, wodurch man es in seiner Gewalt 
hat, die beiden Kugeln einander so nahe zu bringen, als man 
will, oder auch auf etwa einen halben Fufs weit von einander 
zu entfernen. Hier hat man oft Gelegenheit, bei starker Luft- 
elektricität, ohne Gewitter, z. B. während eines Graupeln- Wet- 
ters, die Funken mit grofser Lebhaftigkeit überspringen zu sehen. 
Ist ein Gewitter in der Nähe, so sind die überspringenden Fun- 
ken, so oft es blitzt, auffallend stärker, als vorher und nachher 
— aus demselben Grunde, aus welchem bei der Entdeckung von 
Galvani die Froschpräparate zuckten, so oft ein Funken aus 
der Elektrisirmaschine gezogen wurde, und das anatomische Mes- 
ser gegen den Frosch gekehrt war. 



591 

der Nähe ausbrechenden Blitzstrahl auf den Abieiter zu 
führen. 

Der Vorschlag des Verfassers, den Thurm in der 
Mitte an seinen vier Ecken mit horizontalen Spitzen zu 
versehen, scheint mir von keiner praktischen Brauchbar- 
keit. Denn da man nicht vorher wissen kann, an wel- 
cher Stelle ein seitwärts auffallender Blitz den Abieiter 
treffen möchte, so läfst sich auch nicht bestimmen, wo 
die Spitzen am besten anzubringen wären; man müfste es 
also in verschiedenen Höhen thun, und dadurch würde 
der Abieiter nicht nur kostbarer, sondern auch zusam- 
mengesetzter werden, und ein seltsames Ansehen erhal- 
ten. Ja es jwäre die Frage, ob durch solche Spitzen, 
die doch ziemlich tief in der Mauer befestigt seyn müfs- 
ten, nicht ein Strahl oder ein Theil desselben in die 
Mauer selbst hineingeleitet werden könnte. 

Ich kann aber auch nicht der Meinung des Verfas- 
sers seyn, dafs der Blitz den Abieiter an der Seite ge- 
troffen habe. Zwei Umstände scheinen mir offenbar da- 
gegen zu sprechen: 1) dafs das Kreuz an der Spitze des 
Abieiters abgebrochen, und die mittlere Spitze desselben 
so weit weggeschleudert war, dafs man sie nicht wieder 
aufgefunden hat; 2) dafs der obere Theil des Abieiters 
so gut als der untere nach dem Wetterschlage desoxy- 
dirt war. Das Letztere ist doch wohl eine unmittelbare 
Wirkung des Blitzes? und wodurch konnte das Erstere 
anvers als durch den Blitz selbst bewirkt worden seyn? 
Die blofse Erschütterung durch einen Seitenschlag, noch 
obendrein in so beträchtlicher Entfernung von der Spitze, 
würde dazu nicht hinreichen; auch würde dann das ganze 
Kreuz wohl gerade heruntergefallen, nicht auf 30 Meter 
weit fortgeschleudert, und die mittlere Spitze nicht von 
den übrigen getrennt worden seyn. Einem Windstoß, 
den der Blitz verursacht hätte, bietet ein solches Kreuz 
so wenig Fläche dar, dafs es eben so unwahrscheinlich 
ist, dafs es dadurch abgebrochen seyn sollte. Dagegen 



592 

ist es gar nichts seltenes, dafs der Blitz bei seinem An- 
fall den obern Theil eines Gegenstandes abbricht und 
herabwirft. In „Reim am s neuern Bemerk, vom Blitze" 
kommen mehrere Beispiele vor, wo die Auffangestange 
eines Abieiters vom Blitze gebogen, oder auch wirklich 
abgebrochen wurde. Aber der Verfasser hat vielleicht 
einen Grand für seine Meinung darin gefunden, dafs an 
der abgebrochenen Stange keine Schmelzung sichtbar war, 
während da, wo der Abieiter zerrissen war, alle 42 En- 
den angeschmolzen waren. Diefs könnte allerdings be- 
fremden, da, nach van Marum's Versuchen, Eisen durch 
Elektricität leichter geschmolzen wird, als Kupfer. Allein 
die Dicke des Metalls macht hiebei einen grofsen Unter- 
schied, und man kann sich denken, dafs die eiserne Stange 
viel dicker war, als die kupfernen Drähte. Auch Rei- 
marus führt einen Fall an (§. 45.), wo drei eiserne 
Auffangspitzen durch den Blitz abgeschnellt wurden, und 
wo das zerschmetterte Eisen fast wie eine Bürste herab- 
gehangen hatte; also nicht geschmolzen war. 

Die Zerreifsung des Abieiters in so grofser Entfer- 
nung von der Spitze ist wohl nur ein Beweis, dafs der 
Blitz bei seinem Herunterfahren an demselben hier einen 
Widerstand fand, wodurch eine Platzung bewirkt winde, 
dergleichen ja so oft entsteht, wenn durch den Rost oder 
eine schlechte Verbindung zweier Metallstücke die Lei- 
tung unterbrochen wird. Hier konnte bei einem gefloch- 
tenen Abieiter, der überdiefs, wie ausdrücklich bemerkt 
wird, schon ganz oxydirt war, leicht durch dazwischen 
getretenes Wasser oder andere Unreinigkeiten eine Stok- 
kung entstehen. Vielleicht war selbst durch den Rost 
das Kupfer an dieser Stelle mürber, als an den übrigen. 
Es bedurfte also nicht erst des gewaltsamen Stofses beim 
Auffallen des Blitzes, sondern die blofse Platzung beim 
Durchgange desselben war, bei einem so heftigen Wet- 
terstrahl, als dieser gewesen seyn mufste, stark genug, 
um eine Zerreifsung zu bewirken. Eben dieses Beispiel 

aber 



593 

aber möchte ein Beweis seyn, dafs solide Abieiter den 
geflochtenen vorzuziehen sind. Auf der andern Seite lehrt 
es, dafs ein guter Abieiter, selbst bei einer so argen 
Verletzung, doch noch einen Blitz glücklich abzuleiten 
und ein Gebäude zu schützen vermag. 

Merkwürdig ist die Wirkung des Blitzes auf den 
Abieiter, ihn zu äesoxydiren. Sonst ist die Wirkung 
der Elektricität auf Metalle eher die entgegengesetzte : sie 
werden durch starke Schläge oxydirt. Doch hat auch 
van Mar um Metalloxyde durch Entladung einer starken 
Batterie zum Theil wieder hergestellt; und mit der Vol- 
taischen Säule lassen sich bekanntlich beide Wirkungen 
hervorbringen, je nachdem man das regulinische Metall 
mit dem positiven, oder das Metalloxyd mit dem negati- 
ven Pol verbindet. Hier, glaube ich jedoch, ist nicht 
das Kupferoxyd durch den Blitz reducirt, sondern ver- 
flüchtigt worden, worauf das darunter liegende reine Ku- 
pfer, das durch Elektricität nur sehr schwer oxydirt wird, 
zum Vorschein gekommen ist. 

Das Aufsprengen der Thürchen in der Cisterne ist 
ein Beweis, wie leicht durch den Blitz eine Platzung ver- 
ursacht wird, wenn er in einen eingeschlossenen Behäl- 
ter, imd eben so, wenn er in den Erdboden hineinge- 
leitet wird. Daher scheint es besser zu seyn, den Ab- 
ieiter nach dem Vorschlage von Reimarus, nur bis; an 
den Erdboden, als in denselben hineinzuführen. Ist der 
Blitz erst glücklich bis an die Erde gebracht, dann kann 
man ihn wohl füglich sich selbst überlassen. Er findet 
hier Pxaum genug, sich auszubreiten und mit der Erde zu 
verbinden, und es ist nicht abzusehen, wie er dem Ge- 
bäude weiter schädlich werden sollte. Ein anderes wäre 
es, wenn ein Gebäude in seinen Souterrains noch grofse 
Massen von Metall, oder Kohlen, oder andern vorzüg- 
lich leitenden Stoffen enthielte; dann möchte es rathsam 
seyn, dem Blitz auch noch unter der Erde eine bestimmte 
Pachtung zu geben. 

Annal. d. Physik. B. 88. St. 4. J. 1828. St. 4. P p 



594 

Noch ein Umstand, der bei diesem merkwürdigen 
Wetterschlage eine Aufmerksamkeit verdient, ist die eigen- 
tümliche Beschaffenheit des Donners, welchen die Leute 
im Thurme hörten: er war nicht von dem gewöhnlichen 
Geprassel und Rollen begleitet, sondern bestand in einem 
einzigen Schlage, gleich dem Knall einer Kanone. Eben 
so beschreiben auch andere Personen den Donnerschlag 
eines in der Nähe einschlagenden Blitzes, und ich habe 
dieselbe Erfahrung im vorigen Sommer zu machen Ge- 
legenheit gehabt, als ein Blitz den oben erwähnten Ab- 
ieiter auf dem hiesigen Schlosse traf, das nicht weit von 
meiner Wohnung entfernt ist. Denselben Donnerschlag 
aber hören entferntere Personen auf die gewöhnliche Art. 
Es entsteht also die Frage: woher diese Verschiedenheit? 

Mir scheint der Knall in der Nähe des Blitzes die 
unmittelbare Wirkimg von dem Durchfahren des Blitzes 
durch die Luft, und das im Grofsen zu seyn, was das 
Platzen bei dem Ueberspringen des elektrischen Funkens 
an unsern Maschinen im Kleinen ist. Die ungeheure Er- 
schütterung, die dadurch in der Luft in der Nähe des 
Blitzes entsteht, macht, dafs schwächere Bewegungen in 
ihr daselbst nicht verspürt werden. Der Donner aber 
ist, nach der Meinung mehrerer Physiker, nicht blos das 
Erzeugnifs des Blitzes, sondern dieselbe Ursache, die den 
Blitz erzeugt, die chemischen Zersetzungen in der Wolke, 
haben auch an der Entstehung des Donners Antheil. Die 
dadurch bewirkten schwächern Erschütterungen der Luft 
verbreiten sich in die Ferne, vermischen sich daselbst mit 
dem durch den Blitz hervorgebrachten, in der Ferne immer 
schwächer werdenden, auch durch vielfache Reflexe modi- 
ficirten, Erschütterungen, und bringen so das mannigfal- 
tige Getöse des Donners hervor. Es wäre der Mühe werth, 
wenü es möglich wäre, Beobachtungen darüber zu sam- 
meln, wie der Donner eines und eben desselben Wet- 
terschlages sich in verschiedenen Entfernungen ausnimmt. 
Schade nur, dafs man nicht, wie Lichtenberg sagt, 
den Donner auf Noten setzen kann, um seine Beschaf- 
fenheit mit der gehörigen Deutlichkeit zu bezeichnen. 



595 



V. Einige Bemerkungen über das Gesetz der 

elektrischen Abstofsung] 

von P. N. C. Egen in Soest. 



err Hofrath Muncke hat meine Untersuchungen über 
das elektrische Repulsionsgesetz sehr vollständig in der 
neuen Ausgabe des Gehler'schen physicalischen Wör- 
terbuchs aufgenommen , und sie mit wohlwollenden Be- 
merkungen begleitet. Ich fühle mich dadurch uni so mehr 
zum Danke verpflichtet, als ein Paar andere Physiker 
meinen Aufsatz über den Ursprung der Feuer -Meteore 
in anderm Sinne behandelt haben; man hat die dort aus- 
gesprochenen, mir eigenthümlichen, Ideen benutzt, ohne 
sich weiter die geringe Mühe zu geben, ihren Ursprung 
zu nennen. 

Im Novemberhefte der Göttingischen Gel. Anz. von 
1827 werden die drei ersten Bände des physicalischen 
Wörterbuchs angezeigt. Der Herr Refer. nimmt hier die 
Versuche des würdigen Herrn Hofrath Mayer über das 
elektrische Repulsionsgesetz gegen die meinigen in Schutz. 
Ich würde die Sache mit Stillschweigen übergangen haben, 
wenn ich nicht geglaubt hätte, einen Vorwurf entkräften 
zu müssen, der meinen Versuchen gemacht wird. 

Es wird behauptet, in meinen Versuchen seyen nicht 
allein die Kugeln elektrisirt gewesen, sondern die Elek- 
tricität habe sich auch den dünnen Stängelchen von Gum- 
milack, an welchen sie befestigt waren, mittheilen müs- 
sen. Ich mufs dieser Behauptung durchaus widerspre- 
chen. Ich habe mich während der Versuche zu wieder- 
holten Malen überzeugt, dafs die Stängelchen keine be- 
merkbare Spur von freier Elektricität zeigten. Ich erin- 
nere hier, dafs die Kugeln nur sehr schwach elektrisirt 
wurden. Wer so delicate Versuche machen will, darf 
nur mit geringer Menge von Elektricität operiren; diefs 
ist die erste Piücksicht, worin es viele verfehlen. Ich 

Pp* 



596 



besitze die elektrische Waage noch. Die Stängelchen 
haben 0,52 Linie Durchmesser. Noch heute, wo ich die- 
ses schreibe, stellte ich Versuche an, um zu sehen, ob 
sich die schwache Elektricität der Kugeln den Stängel- 
chen nicht in sehr schwachem, früher übersehenem Grade 
mittheile. Nochmals fand ich bei den schärfsten Proben 
keine Spur. 

Der Herr Referent behauptet, die den Stängelchen 
mitgetheilte Elektricität müsse mit in Rechnung genom- 
men werden. Hätten die Stängelchen Elektricität aufge- 
nommen, so wäre es der feinsten Analysis unmöglich 
gewesen, die Versuche zu berechnen, weil immerhin die 
Vertheilung der Elektricität in den Stängelchen unbekannt 
geblieben wäre. Wohl aber läfst sich sehr leicht zeigen, 
dafs in dem Falle meine Versuche nicht auf einen klei- 
nern, sondern auf einen gröfsern Exponenten hindeuten 
würden, als den ich berechnete. Der Einwurf des Herrn 
Referenten ist also gegen ihn selbst gerichtet, nicht ge- 
gen mich. 

Es seyen a und b die 
Mittelpunkte der Kugeln, 
c sey ein Punkt des Stän- 
gelchens , der ebenfalls 
freie Elektricität enthält. 
Rückt nun der Punkt b 
nach b l in eine doppelte 
Entfernung von a, so ist 
erstlich die Entfernung b'c 
nicht die doppelte von bc, 
und dann wirkt die Re- 
pulsionskraft in der Linie b'c unter einem weniger spitzen 
Winkel auf den Wagebalken, als in der Linie bc. 
Beide Umstände bewirken, dafs die Repulsionskraft, die 
vom Pimkte c abhängt, in geringerm Maafse abnimmt, 
als die Abstofsung, die sich auf a bezieht. Der unter 
Vernachlässigimg des Repulsionspunktes c berechnete Ab- 




597 

stofsungs- Exponent würde also vergröfsert werden müs- 
sen , wenn der Punkt c wirklich thätig wäre. 

Mit gutem Vorbedacht habe ich ferner die Beobach- 
tungspaare in der Ordnung angestellt, dafs ein Verlust 
der Elektricität den gesuchten Exponenten verkleinerte, 
damit meinen Versuchen nicht möchte der Vorwurf ge- 
macht werden, ein fehlerhaftes Verfahren habe die vor- 
gefafste Meinung bestätigt. Ich war versichert, dafs jener 
Verlust so unbedeutend war, dafs er den Exponenten 
nur unmerklich verringerte. Dafs ich einen etwas klei- 
nern Exponenten fand, als die Theorie es fordert, beruht 
fast lediglich auf dem schon früher angegebenen Grunde. 
Vielleicht werde ich später noch Gelegenheit haben> diefs 
nachzuweisen. 

Die Einwürfe, welche ich gegen die Gültigkeit der 
aus den Versuchen des Hrn. Hofr. Mayer gezogenen 
Pvesultate aufgestellt habe, sind sämmtlich unverwerflich. 
Ich werde mich wohl gehütet haben, einem so tüchtigen 
Physiker gegenüber, seichte Gründe aufzustellen. Hr. 
Hofr. Muncke fehlt darin, dafs er glaubt, die Elektri- 
cität vertheile sich in zwei Flaschen unter übrigens glei- 
chen Umständen, nach dem Verhältnisse der belegten Flä- 
che, in welchem Punkte er also einem meiner Einwürfe 
widerspricht. Nur auf der Oberfläche einer Kugel ist 
die Elektricität gleichförmig vertheilt, auf keiner andern 
begränzten (endlichen) Fläche. Nun sieht man leicht 
ein, dafs bei ungleicher Vertheilung der Elektricität sich 
nicht überall die Elektricitätsmassen wie die abgetheilten 
Flächen verhalten. Namentlich tritt dieser Fall bei un- 
gleich hohen, oder ungleich weiten Flaschen ein. Die 
Analysis weiset dieses mit aller Sicherheit nach. Es sollte, 
wie ich meine, überhaupt in Deutschland die Analysis 
mehr auf die Physik angewandt werden. Namentlich in 
der Lehre von der Elektricität würde bei solchem Vor- 
trage, der dennoch ziemlich elementar gehalten werden 
kann, kein Zweifel darüber entstehen, ob die freie Elek- 
tricität beim Gleichgewichte blofs an der Oberfläche der 



59H 

Körper verbreitet sey, oder auch in die Körper eindringe; 
man würde nicht solche Darstellungen des elektrischen 
Wirkungskreises finden, als bei uns, selbst in vortreffli- 
chen Lehrbüchern, vorkommen. 

Ich wünschte Mufse zu haben, die elektrische Re- 
pulsion und Attraction auf einem neuen Wege zu erfor- 
schen, der wahrscheinlich den wahren Exponenten noch 
genauer geben würde, als ich diesen bisher fand. Ich 
würde in einen rings umschlossenen Raum an einen ein- 
fachen Cocon- oder Spinnefaden ein dünnes Gummilack- 
Stängelchen horizontal aufhängen, das vorn eine Kugel, 
und an irgend einer andern Stelle, von der Kugel ent- 
fernt, ein Stückchen Kork trägt. In dieses Korkstück- 
chen würde ein magnetisches Dräthchen gesteckt. Da- 
durch erhielte das Stängelchen eine bestimmte Richtung, 
und die Kräfte, welche dasselbe aus dieser Richtimg lenk- 
ten, müfsten dem Sinus der Elongationswinkel propor- 
tional seyn. Man hat es bei dieser Einrichtung ganz in 
seiner Gewalt, die Drehungskraft durch ein gröfseres oder 
kleineres, stärker oder weniger stark magnetisirtes Dräth- 
chen zu bestimmen. Uebrigens würden die Versuche an- 
gestellt, wie bei der Coulomb'schen Drehwaage, nur 
dafs dort der ganze Apparat gedreht werden müfste, wäh- 
rend bei dieser nur der obere Zeiger fortgeführt wird. 
Bei sorgfältiger Entfernung aller störenden Einwirkungen 
der Umgebung, und bei Uebung im feinen Beobachten, 
müssen nach dieser Methode sehr zuverlässige und genaue 
Resultate gewonnen werden. 

Es ist mir hier nicht um das Verfechten einer Mei- 
nung zu tliun. Ich suche, ohne Vorurtheil und redlich, 
in meinen Arbeiten das Wahre zu erforschen, und ich 
werde mich durum gewifs aufrichtig freuen, wenn von 
Göttingen aus künftig überzeugende Versuche und Be- 
weise in der hier verhandelten Sache ausgehen, selbst 
dann noch, wenn das, was ich bis dahin für wahr halle, 
dadurch fallen müfste. 



599 



VI. lieber die Jirscheinung der Farbenringe; 
von Hrn. Fresnel *). 



Lan weifs, dafs durch die Interferenz zweier Reihen 
von Lichtwellen nur dann in den Punkten, wo ihre vibra- 
torischen Bewegungen entgegen gesetzt sind, eine voll- 
ständige Dunkelheit entstehen kann, wenn diese Bewe- 
gungen gleiche Stärke haben. Es scheint indefs im er- 
sten Augenblick, als könnten die Strahlen, die vom zwei- 
ten Glase rellectirt werden, nicht völlig gleiche Intensität 
mit den an der untern Fläche des ersten Glases reflectir- 
ten Strahlen besitzen, weil diese partielle Reflexion den auf 
das zweite Glas fallenden Strahl schon geschwächt hat. 
Deshalb glaubte ich, dafs bei den dunklen Ringen der beiden 
oder der drei ersten Ordnungen eines homogenen Lichts 
das dunkle Schwarz von der geringen Lichtmenge her- 
rührte, welche von dem Glase rellectirt würde. Ich weifs 
nicht, ob Hr. Young denselben Irrthum begangen hat; 
aber meinerseits ist er um so weniger zu entschuldigen, 
als ich Gelegenheit hatte, das dunkle Schwarz der dunk- 
len Ringe unter sehr schiefen Neigungen und fast unter 
der, bei welcher die Reflexion total wird, zu beobach- 
ten, und zwar durch Anwendung zweier Prismen, die mit 
ihren Grundflächen, von denen eine schwach gekrümmt 
war, gegen einander lagen, so dafs das Licht, welches 
an der Eintrittsfläche des oberen Prisma's rellectirt wurde, 
sich nicht mehr mit dem mischte, welches die Ringe er- 
zeugte. Dieser Versuch war mir nicht gegenwärtig, als 
ich die Erklärung der Farbenringe niederschrieb. Ich 

*) Diese Notiz ist von Hrn. Fresnel späterhin in den Annal, 
de chim. et de phys. T. XXIII. p. 129. bekannt gemacht; sie 
berichtigt einen Fehler in der Erklärung der Farbenringe, «uf 
den Hr. Fresnel durch Hrn. Foisspn aufmerksam gemacht 
wurde. P. 



600 

bin auch erstaunt, wie es mir nicht beigefallen ist, die 
Wirkung einer Unzahl von Reflexionen, die zwischen den 
beiden Flächen einer Luftschicht geschehen, in einem 
Augenblicke zu berechnen, wo ich eine ähnliche Rech- 
nung anstellte, um meine Formeln für die Intensität des 
unter schiefen Neigungen reflectirten Lichtes zu verglei- 
chen mit den Beobachtungen des Hrn. Arago über die 
totalen Lichtmengen, welche von einer Glasplatte zurück- 
geworfen imd durchgelassen werden *). 

Um durch diese Rechnung, wie es Hr. Poisson 
gethan, zu erweisen, dafs die Mitten der dunklen Ringe 
durchaus schwarz seyn müssen, brauchte ich nicht seine 
Formel (oder vielmehr Hrn. Young's Formel, weil die- 
ser sie zuerst gegeben hat) für die Intensität des unter 
senkrechter Incidenz reflectirten Lichtes zu kennen; denn 
das in Rede stehende Theorem ist unabhängig von die- 
ser Formel, wie von jenen, welche ich für schiefe Inci- 
denzen gefunden habe. Die einzigen, zum Beweise die- 
ses Satzes nöthigen Bedingungen sind: dafs die beiden 
durchsichtigen, sich berührenden Körper ein gleiches Re- 
flexionsvermögen haben, und, dafs das Licht, an der er- 
sten und zweiten Fläche einer imd derselben Glasplatte 
in gleichen Verhältnissen reflectirt werde. Diese zweite 
Bedingung ist aber bei der Reflexion des Lichts in durch- 
sichtigen Mittein ein allgemeines Gesetz. Hr. Arago 
hat sicli durch sehr genaue Versuche überzeugt, dafs, 
wenn man einen Lichtbündel auf eine Glasplatte mit pa- 
rallelen Flächen fallen läfst (unter welcher Neigimg es 
übrigens auch geschehen mag), eben so viel Licht an 

*) Annales de chim. et de phjs. Tom. XVII. Diese Rechnung 
weicht nur darin von der andern ab, dafs es die lebendi- 
gen Kräfte oder die Quadrate der absoluten Geschwindigkei- 
ten sind, welche man bei einer dicken Glasplatte hinzufügen mufs, 
und nicht die einfachen Geschwindigkeiten, wie bei der dünnen 
Luftschicht, welche die Farbenringe reflectirt; übrigens hat man 
in dem einen Falle, wie in dem andern, immer eine unendliche 
geometrische Reihe eu summiren. 



601 

der ersten Fläche, aufserhalb der Platte, refiectirt wird, 
wie an der zweiten Fläche, innerhalb der Platte. Aus 
dieser einzigen Thatsache läfst sich, ohne irgend eine 
Formel, leicht erklären, weshalb die dunklen Ringe, selbst 
bei sehr schiefen Incidenzen, ein so dunkles Schwarz dar- 
bieten. 

Uro die Rechnung zu vereinfachen, beziehe ich die 
absoluten Geschwindigkeiten, welche die Aethertheilchen 
durch die Lichtwellen, die sich in den beiden auf einan- 
der gelegten durchsichtigen Körpern und der zwischen 
ihnen eingeschlossenen Luftschicht fortpflanzen, erhalten 
haben, auf ein gemeinschaftliches Mittel, auf dasjenige 
z. B., worin die Interferenz aller reflectirten Lichtwellen 
vor sich geht; d. h. ich setze die absoluten Geschwin- 
digkeiten der Theilchen in den drei Mitteln als multipli- 
cirt durch einen solchen Factor voraus, dafs sie, in dem 
Mittel, auf welches man sie bezieht, lebendige Kräfte oder 
gleichwertige Lichtmengen darstellen; auf diese Weise 
ist es nicht mehr nöthig, die verschiedenen Dichten der 
drei sich berührenden Mittel auszudrücken, weil alle ab- 
soluten Geschwindigkeiten als in demselben Mittel gerech- 
net angesehen werden. Diefs vorausgesetzt, nehmen wir 
zur Einheit den gemeinschaftlichen Coefticienten der ab- 
soluten Geschwindigkeiten in den Lichtwellen, welche 
auf die erste Fläche der Luftschicht fallen; bezeichnen 
wir durch m den gemeinschaftlichen Coefficienten der 
absoluten Geschwindigkeiten in den reflektirten Wellen, 
und durch n den der durehgelassenen Wellen; dann haben 
wir, da wir voraussetzen, dafs kein Lichtverlust statt 
finde: 

m 2 +rc 2 =l 
denn, wenn die absoluten Geschwindigkeiten 1, m, n 
auf ein und dasselbe Mittel bezogen werden, sind die 
entsprechenden Lichtmengen proportional dem Quadraten 
dieser Geschwindigkeiten. 

Für das durch die Luftschicht gehende Licht wird 



602 

die Intensität n der absoluten Geschwindigkeiten, nach 
seiner Reflexion an der zweiten Flache dieser Schicht, 
rnn, weil wir beiden auf einander gelegten Gläsern glei- 
ches Reflexionsverniögen zuschreiben, und weil, wenn ein 
Strahl auf eine durchsichtige Platte fällt, gleiche Mengen 
von Licht innerhalb und aufserhalb der Platte reflectirt 
werden. Aber, wie Hr. Young zuerst bemerkt hat, müs- 
sen die absoluten Geschwindigkeiten entgegengesetzte Zei- 
chen erhalten, je nachdem die Reflexion aufserhalb oder 
innerhalb des dichteren Mittels geschieht. Wenn man 
also, für die Reflexion an der ersten Fläche der Luft- 
schicht, m positiv nimmt, wird der Coefficient mn, wel- 
cher der Reflexion an der zweiten Fläche entspricht, nega- 
tiv und zwar gleich — rnn' 1 , nachdem die Strahlen die 
obere Fläche zum zweiten Male durchdrungen haben. Ich 
nehme an, dai's der Weg, den sie in der Luftschicht, nach- 
dem sie dieselbe zwei Mal durchliefen, zurückgelegt ha- 
ben, gleich ist einer Undulation oder einer ganzen Zahl 
von Undulalionen, so dafs er weder an der Gröi'se noch 
an dem Zeichen der absoluten Geschwindigkeiten, die 
gleichzeitig zum Interferenzpunkt hingeführt werden, etwas 
ändert. Während ein Thcil dieser Strahlen zum Blätt- 
chen hinausgeht, wird ein anderer in das Innere reflectirt, 
darauf durch eine dritte Reflexion an der untern Fläche 
zu der oberen Fläche zurückgeführt, und endlich seiner- 
seits durchgelassen. Die absolute Geschwindigkeit, wel- 
che sie herbeiführt, wird folglich durch — m 3 .n 2 dar- 
gestellt; diejenige, welche die Wellen erhalten, die zwei 
Reflexionen erlitten haben, wird seyn — rn s .n- , und so 
fort. Die totale Summe der absoluten Geschwindigkei- 
ten, welche die an den beiden Flächen der Luftschicht 
reflectirten Wellen besitzen, wird also gleich seyn: 

m — mn 2 — m 3 n 2 — m b n 2 — u. s. w. 
oder: 

m(l— /2-(l4-m 2 H-ra 4 + ...)) oder m(l — - j 



603 

oder endlich: m — - r — ) 

\ 1 — m 2 / 

aber m 2 +72 2 = l: mithin wird die Summe der absolu- 
ten .Geschwindigkeiten, und folglich auch das reflectirte 
Licht, Null seyn. Folglich werden auch die refleclirlen 
Ringe ein vollkommnes Schwarz an den Punkten zeigen, 
wo der Unterschied in dem Gange zwischen den an der 
eisten und zweiten Fläche der Luftschicht reflectirten 
Strahlen gleich ist der Länge einer Undulation oder einer 
ganzen Zahl von Undulationen. 

Ich nehme hier an, dafs die Lichtmengen, welche 
zurückgeworfen und durchgelassen werden, für gleiche 
Incidenzen gleich bleiben, wie viele Reflexionen auch 
vorangegangen seyn mögen. Diefs ist nur dann genau, 
wenn das Licht parallel oder senkrecht gegen die Ein- 
fallsebene polarisirt ist, weil alsdann seine Vibrationen 
nach dieser Ebene oder nach einer auf ihr senkrechten 
Richtung geschehen, und sie also durch die successiven 
Reflexionen nur ihre Intensität und nicht mehr ihre Rich- 
tung ändern. Es sind also nur die gegen die Einfalls- 
ebene parallelen oder senkrechten Vibrationen, auf wel- 
che man den obigen Calcul anwenden darf; da man aber 
die Schwingungen der einfallenden Strahlen immer in pa- 
rallele imd senkrechte gegen die Einfallsebene zerlegen 
kann, wenn bei keinem dieser beiden componirenden Sy- 
stemen eine totale Reflexion statt findet, so giebt es in 
keinem Falle noch reflectirtes Licht. 

Die Rechnung, welche ich eben angestellt habe, setzt 
auch voraus, dafs die Flächen der Luftschicht vollkom- 
men parallel sind, so dafs der Zwischenraum, welcher 
sie trennt, für jede beliebige Zahl von schiefen Reflexio- 
nen constant bleibt. Diefs ist aber bei dem gewöhnli- 
chen Versuch mit den Farbenringen nicht mehr der Fall. 
Es ist daher möglich, dafs man, wenn die Incidenz sehr 
schief wäre, die Krümmung der in Rerührung stehenden 
Gläser in Rechnung ziehen müfste, eben so wie die Va- 



£04 

riationen, die daraus für die Bahn erfolgen, welche die 
nämlichen Strahlen zu durchlaufen haben, um von einer 
Fläche zur andern überzugehen. 



VII. Ijeber die Gewinnung des Jods. 



/uir Ausziehung des Jods aus der Mutterlauge von Kelp, 
sagt Berzelius in seinem 8. Jahresberichte, S. 82. d. O., 
hat Soubeiran {Journ. de pharm. XIII. p. 421.) eine, 
wie es scheint, ganz beachtungswcrthe Verbesserung an- 
gegeben, die selbst die Benutzung einer Mutterlange von 
sehr unbedeutendem Jodgehalt erlaubt. Sie besteht darin, 
dafs man das Jod mit schwefelsaurem Kupferoxyd fällt; 
da aber diefs Metall die Eigenschaft hat, dafs es kein 
Jodid sondern nur ein Jodür bildet, so wird dabei die 
Hälfte des Jods frei in der Flüssigkeit. Um auch diese 
zu fällen, vermischt er die Flüssigkeit mit Kupfersalz in 
Ueberschufs und mit Eisenfeilspähnen ; dadurch fällt, neben 
metallischem Kupfer, eine neue Portion Jodür nieder, die 
man von den überschüssigen Eisenspähnen leicht abschlem- 
men kann. — Ich habe gefunden, dafs sicli diese etwas 
zusammengesetzte Fällung mit gröfster Leichtigkeit in einer 
Operation ausführen läfst, wenn man 1 Th. krystallisir- 
ten Kupfervitriol und 2£ Th. gemeinen Eisenvitriol zu- 
sammen in Wasser löst, und diese Lösung so lange in die 
Mutlerlauge tröpfelt als noch ein Niederschlag entsteht. 
Das erhaltene Kupferjodür wird abfiltrirt, gewaschen und 
getrocknet. Es kann entweder durch Schwefelsäure und 
Braunstein zersetzt werden, wobei indeis mit dem Jod 
zugleich Wasser übergeht, oder, wie auch Soubeiran 
angiebt, durch Braunstein aliein, indem man es damit 
mischt und in einer Retorte mit A^orlage, die gewechselt 
werden kann, erhitzt. Zuerst geht Wasser über, und 
wenn dieses aufhört, wechselt man die Vorlage, und er- 
hitzt die Mischung bis zum vollen Weifsglühen. Das 
Kupfer oxydirt sich dabei auf Kosten des Braunsteins 
und das Jod wird subiimirt, Statt des Braunsteins kann 
man auch Eisenoxyd nehmen. 



605 



VIII. Bemerkwigen über die Vulcane der Insel 
. Java. 

(Hiezu die geognostische Skizze Taf. V. als Erläuterung.) 



D 



ie Uebersicht der Erscheinungen vulcanischer Thätig- 
keit im Innern von Java, welche sich in der schon neu- 
lich von uns erwähnten *) verdienstlichen Dissertation 
des Hin. van derBoonMesch befindet, enthält einige 
bemerkenswerthe , bisher nicht so vollkommen bekannt 
gewordene Thatsachen, welche als ein neuer Beitrag zur 
Geschichte dieses merkwürdigen Landes bewahrt zu wer- 
den verdienen. Bekannt und in vielen naturwissenschaft- 
lichen Zeitschriften wiedergegeben, sind die Schilderun- 
gen, welche namentlich Sir Stamford Raffle s, Tho- 
mas Horsfield, Prof. Reinwardt, Leschenaultu. a. 
theils von dieser Insel im Allgemeinen, theils von einzel- 
nen bedeutenderen Erscheinungen auf derselben entwor- 
fen haben **). Ausgezeichnete Naturforscher haben dar- 
aus bereits Alles das abgeleitet, was der physischen Geo- 
graphie der Yulcane und der geognostischen Kenntnifs 
der Erdrinde insbesondere aus diesen wichtigen Beobach- 
tungen Förderliches erwachsen ist ***). Es scheint uns 
daher nicht überflüssig, diesen Arbeiten, welche in der 
neuesten Zeit in so hohem Grade das Interesse der Leser 
in Anspruch genommen haben, hier Alles das nachzutra- 

*) Dieses Bandes der Annal. p. 509. 

") Die Arbeiten dieser Gelehrten finden sich fast sämmtlich in 
wörtlicher und treuer TJebersetzung zusammengestellt in: J. Noeg- 
gerath und J. P. Paul's Sammlung von Arbeiten ausländischer 
Naturforscher über Feuerberge und verwandte Phänomene. Th. II. 
Elberfeld, 1825. 

'**) Vorzugs-weise von Hoff: Veränderungen der Erdoberfläche. 
IL' 439. sq., und Leop. von Euch in diesen Annal. Bd. 10. 
p. 189. sq. 



606 

gen, was durch spätere Wahrnehmungen den vorhandenen 
Thatsachen hinzugefügt werden kann. 

Aus den Reise -Journalen des Hrn. Prof. Rein- 
hardt, deren freie Benutzung Hrn. van der Boon 
Mesch gestattet war, und aus der sorgfältigen Muste- 
rung der von diesem mitgebrachten und im Museum zu 
Leyden bewahrten Gesteine leitet der Verfasser die merk- 
würdige Wahrheit her, dafs die zahlreichen Vulcane die- 
ser Insel bei ihren häufigen verheerenden Ausbrüchen 
dennoch sehr selten die gewöhnlichste aller vulcanischen 
Erscheinungen: Auswürfe geschmolzener Substanzen in 
flüssiger Form, bandförmig gestalteter Lavaströme, gezeigt 
haben. Niemals sah Herr Rein war dt dort bei seinen 
zahlreichen Exemtionen auf die Gipfel der thätigen Vul- 
cane wahre Lava ausfliefsen, und nirgend überhaupt auch 
nur die Spuren alter Lavaströme von gröfserer Bedeutung. 
Und doch sind diefs dieselben Vulcane, deren Auswürf- 
linge Landstriche von Tagereisen weiter Ausdehnung so 
völlig bedecken, dafs sie die ganze organische Schöpfung 
auf ihrer Oberfläche zerstören, dieselben, deren unterirdi- 
sche Donner auf Strecken von mehr als 100 geogr. Mei- 
len Entfernung gehört werden, und deren Verheerungen 
alles übertreffen, was, vielleicht mit Ausnahme der Vul- 
cane Südamerica's, bisher uns von ähnlichen Erscheinun- 
gen bekannt geworden ist. Am Abhänge des Gunung 
Guntur, eines der beträchtlichsten unter diesen Berten, 
führt schon Horsfield*) als etwas besonderes Ausge- 
zeichnetes die Spuren von fünf in verschiedenen Perio- 
den geflossenen Lavaströmen an; der jüngste derselben 
war erst im J. 1800 ausgebrochen, die älteren aber waren 
nach Hrn. Reinwardt's Zeugnifs wieder mit Pflanzen 
bedeckt, und müssen daher aus viel älterer Zeit herrüh- 
ren. Andere Beispiele ähnlicher Art werden uns von 
Java nicht berichtet. — 

Wie so ganz anders gestaltet sich dagegen dasselbe 

*) S. Raffles History of Java. I. 15. note. 



607 

Verhältnifs bei so vielen andern Vulcanen der Erde. Am 
Vesuv allein kennen wir sieben bedeutende Lavaströme, 
welche seit seiner ersten uns bekannt gewordenen Erup- 
tion ihre Richtung durch die Strafsen von Torre del 
Greco nahmen *), eben so zahlreich war die Anzahl der 
über einander hergeflossenen Laven verschiedener Perio- 
den des Aetna, welche man in jenem tiefen Brunnen zu 
Jaci durchsunken hat, aus dessen Verhältnissen Recu- 
pero das Alter der Erde herzuleiten bemüht war**). 
Erst noch in ganz neuer Zeit (1794) hat ein einziger 
grösserer Ausbruch des Vesuv vor den Augen der Beob- 
achter fünf neue Eruptions -Kegel hervorgebracht ***), 
aus deren jedem nach einander die Lava in gesonderten 
Strömen hervorbrach, und erst neuerlich zählte ein aus- 
gezeichneter Beobachter, Hr. Poulett Scrope, von dem 
Gipfel des Aetna über 70 solcher vorübergehend thätigen 
Seiten - Cratern in seiner Umgebung f). 

Was die Vulcane von Java bei ihren Ausbrüchen 
hervorstofsen , sind dagegen vorherrschend lose Massen, 
Schlacken - Bruchstücke , Bimssteine , Sand und Asche, 
Theile der im Innern des Berges zurückbleibenden ge- 
schmolzenen Substanzen, die sich nicht zusammenhängend 
bis zum Rande der Cratere erheben können. Oder es 
sind dieselben Substanzen mit grofsentheils heifsem und 
salzigem Wasser verbünden, in Gestalt von verheeren- 
den Schlammströmen. Den vielen Beispielen der Art, 
welche uns die genannten früheren Beschreibungen der 
Insel berichten, ist gegenwärtig noch ein bisher weniger 
gekanntes hinzugefügt worden. Es ist ein gewaltiger Aus- 
bruch des Galung Gung, auf den Gränzen der Bezirke 
von Limbangan und Sumadang, im östlichen Theile der 

*) L. von Buch, geognostische Beobacht. II. p. 96. 

**) Brydone. A tour through Sicily and Malta. DeF deutschen 

TJebersetz. I. p. 124. 
• M ) L. von Buch, a. a. O. II. p. 105. 
"J") Considerations on F'olcanos. p. 153. 



608 

j?raz7?gv?r Regentschaften, welcher Hrn. Reinwardt durch 
den grade dort anwesenden Maler P a y e n berichtet ward. 
Man hatte von diesem Berge früher niemals eine 
Eruptions -Erscheinung gesehn, und es waren unter den 
Bewohnern an seinen reich bebauten Abhängen, wie zur 
Zeit der Zerstörung von Pompeji an den Abhängen des 
Vesuv, selbst alle Traditionen verschwunden, dafs er je- 
mals gebrannt habe. Im Junius 1822 indefs zeigten sich 
hier die ersten Spuren der wieder erwachenden Thätig-^- 
keit. Das Wasser des Flusses Chi-kunir, der von hier 
seinen Ursprung nimmt, wurde trübe, bekam einen sau- 
ren Geschmack und setzte in Menge weifses Pulver (Schwe- 
fel?) ab, indem es zugleich stark nach Schwefel roch. 
Bald darauf ward es zwar wieder klar, allein der Schwe- 
felgeruch erhielt sich. — Endlich am 8. October begann 
unerwartet, am Tage bei heiterem Himmel, der Ausbruch. 
Eine dicke schwarze Wolke verhüllte den Gipfel des 
Vulcanes und die benachbarten Thäler in Finsternifs. 
Heftige Detonationen wurden in seinem Innern vernom- 
men, und Erschütterungen des Bodens begleiteten sie. 
Man sah Flammen hervorbrechen. Der Berg begann er- 
hitztes Wasser, Schlamm und brennenden Schwefel aus- 
zuwerfen, und die hervorbrechenden Massen dieser Art 
verheerten die Aecker bis zu 10 englisch. Meilen Entfer- 
nung. Den fliehenden Einwohnern wurde der Weg durch 
die Flüsse versperrt, welche durch die hineinfliefsenden 
Schlammströme und überall herabregnenden heifsen Aus- 
würflinge erhitzt winden und über ihre Ufer traten; viele 
derselben wurden ertränkt oder jämmerlich verbrannt aus 
dein Schlamm hervorgezogen. Der Chi- tone, Chi-wulan 
und Chi-kunir waren mit Leichen bedeckt. Einige Dör- 
fer dagegen, näher am Berge, über welche die Auswürf- 
linge weggeschleudert winden, blieben ganz unversehrt. 
Man hörte das Getöse von diesem furchtbaren Ereignisse 
auf ganz Java, und überall glaubten die Bewohner, der 
ihnen zunächst liegende Vulcan sey aufgebrochen. Die 

Asche 



609 

Asche fiel am andern Tage in der Gegend von Ban- 
dimg (in einer Entfernung von etwa 20 geogr. Meilen 
gegen NW.), und die Felder um Limbangan wurden mit 
Schlamm bedeckt. — 

Doch mit dieser furchtbaren Aufregung waren die 
Kräfte des Berges noch nicht erschöpft. Am 12. Octo- 
ber erfolgte ein neuer, noch heftigerer Ausbruch, welcher 
die Erscheinungen des ersten wiederholte; er wüthete 
die Nacht hindurch, in welcher allein in der Landschaft 
Singapanna gegen 2000 Menschen ihren Tod fanden, 
imd in welcher die ausgetretenen Ströme Felsen, Wäl- 
der, ja ganze Hügel wegrissen und neue bildeten. Der 
Lauf von einigen dieser Gebirgsbäche, besonders der des 
Chi-b anjarang und des Chi-wulan, ward dadurch dauernd 
verändert. Die überlebenden Bewohner erkannten die 
Stellen ihrer Dörfer nicht wieder. Man sah am andern 
Tage die Gestalt des Berges beträchtlich verändert, und 
man konnte sich ihm selbst im November noch uichf 
nähern, denn die Wege waren zerrissen und mit Schlamm, 
Asche imd Basaltstücken bedeckt. Ja von letztern waren 
Massen von beträchtlicher Gröfse bis zu 7000 Schritt Ent- 
fernung geschleudert worden. 

Die Ursachen dieser zerstörenden Ereignisse sind 
zuerst durch Alexander von Humboldt umfassend 
beleuchtet worden. Auch unter den Vulcanen der Andes- 
Kette sind Ausbrüche wahrer Lavaströme im Allgemei- 
nen eine seltne Erschneinung. Der Pichincha, vielleicht 
der thätigste unter den Vulcanen, welche das Hoch-Thal 
von Quito bekränzen, und den Humboldt zum Ge- 
genstande seiner besondern Studien machte, hat niemals 
seit der Periode der Bildung der Thäler einen Lavastrom 
hervorgebracht*), eben so wenig der Capae-Urcu, der 
vor seinem Einstürzen höher als der Chimborago war, 
und so auch der Colopaxi, der höchste unter den ge- 
genwärtig thätigen Vulcanen dieser Gegend. Und den- 

*) Vergl. u. a. A. v. Humboldt, Essai geognostique, p. 312. 
Annal.d. Physik B. 88. St. 4. J.1828. St. 4. Qq 



610 

noch haben die Eruptionen dieser Berge so häufig die 
Bewohner des Hochlandes in Schreck*^ gesetzt, und die 
ungeheure Masse loser Substanzen, die sie dabei auswar- 
fen, verwandelte häufig weit umher die Helle des Tages 
in Dunkelheit. Auswürfe schlammiger Massen waren oft 
damit verbunden, und bekannt sind die ausgezeichnetesten 
Ereignisse dieser Art vom Carguairazo (1698), von Ibarra 
(1691), und von Pelileo (1797), welche an Grofsar- 
tigkeit jenen auf Java völlig gleich stehn, ja sie vielleicht 
noch übertreffen. A. v. Humboldt hat gezeigt, dafs 
die Wassermassen, welche sich bei solcher Gelegenheit 
mit den losen Auswürflingen der Yulcane verbinden, nicht 
allein, wie Du Carla*) zu erweisen bemüht war, von 
den durch die Eruptions- Erscheinungen um den Gipfel 
des Vulcans zusammengezogenen und niedergeschlagenen 
Wasserdämpfen herrühren; sondern dafs es sehr häufig 
ausbrechende Wasserbehälter aus dem Innern der Yul- 
cane selbst sind, welche durch die Erschütterungen und 
Zerreifsungcn des Berges einen Ausweg erhalten. Die 
schöne Beobachtung der grofsen Menge von Eischen, wel- 
che zu Zeiten mit diesen Schlammströmen hervorgetrie- 
ben wurden, liefert dafür den überzeugendsten Beweis. 

Auch im Innern der Vulcane von Java sind bedeu- 
tende Wasser -Ansammlungen häufig. Es zeugen dafür 
nicht nur die zahlreichen, so häufig mineralischen und 
hcifsen Quellen, welche an den Abhängen derselben aus- 
treten, sondern auch die oft nicht unbedeutenden Lagu- 
nen, welche innerhalb der Wände des Craters von meh- 
reren dieser Yulcane eingeschlossen gefunden weiden. Be- 
kannt ist vor Allem unter diesen der von L es che na ult 
schon vor mehr als 20 Jahren im Crater des Moni Idienne 
( F äschern der Charte) entdeckte See von mit Schwefel- 
säure und Salzsäure geschwängertem Wasser, welcher 
dem sauren Bache Songo-Pahete, einem Gegenstück zu 

* ) Mern. sur /es inondations ro/can/ques im Journ. de Physiijue. 
XX. p. 103. sq. 1782. 



611 

dem früher von A. v, Humboldt im Thale des Rio 
Cauca entdeckten Rio - vinagre, den Ursprung giebt. 
Aehnliche Seen beschreibt uns noch Horsfield im Cra- 
ter des Tankuban- Prahu*), und Reinwardt von be- 
trächtlichem Umfange im Talaga-Bodas **) imd im Pa» 
tacka ***), der vielleicht, wie von Hoff schon be- 
merkt f), mit dem Patuha oder Baduwa, von welchem 
derselbe Verfasser an einem andern Orte das Gleiche er- 
wähnt -j-f ), derselbe Berg ist. — Wir erfahren durch die 
Zusammenstellungen des Hrn. van d. B. M., dafs der 
erst genannte dieser Seen bereits im J. 1817 durch einen 
heftigen Ausbruch des Moni Idienne wirklich ausgeleert 
wurde. Hr. Reinwardt besuchte diesen Berg im J. 1821, 
und fand den Crater, welchen Leschenault beschrie- 
ben, leer und ausgefüllt. Neben ihm beobachtete er einen 
andern, wahrscheinlich neu entstandenen, welcher unter 
allen auf Java bekannten Crateren der gröfseste ist. Die- 
ser besafs gleichfalls auf seinem Boden einen schweflige 
Dämpfe ausstofsenden kleinen See, und war aufserdem 
grofsentheils mit einer feinen weifsen Erde bedeckt. Muth- 
mafslich dieselbe weifse Erde bemerkte Horsfield u. a. 
sehr ausgezeichnet als ein Product der Zersetzung vulca- 

*) Bei Raffles a. a. O. p. 14. note. 

**) Account of a Journey through the Preanger Regendes im 
Edinb. philosophic. Journ. 1822. VII. 38. sq. Der See, welchen 

. wir bei Hr. van d. B. M. abgebildet finden, ist von ovaler Form, 
und sein gröfsester Durchmesser beträgt 2000 Fufs rheinl. Sein 
gesäuertes und warmes Wasser hat die merkwürdige Eigenschaft, 
von den hineingefallenen und getödteten Thieren sehr schnell 
die Knochen zu verzehren , während die weichen Theile dage- 
gen lange mit dem vollkommnen Ansehn der Frische erhalten 
bleiben. 

"**) Edinb. philosoph. Journ. VII. p. 29. 

•J-) Verander. der Erdoberfläche. II. p. 442. 

■j**j*) Siehe aus den Verhandlingen van het Bataviaasch Genoot- 

schup etc. 1823. IX. p. 23. bei Noeggerath und Pauls 

a. a. O. p. 53, 

Qq2 



612 

irischen Gesteines durch saure Dämpfe in den Umgehun- 
gen des Crater-See's vom Tankuban-Prahu, und er 
führt dahei ausdrücklich an, dafs sie bei den Eruptionen 
mehrerer andern Vulcane (namentlich des Gede und Kluf) 
oft in sehr grofser Menge unter den Auswürflingen vor- 
kommt , und sich weit über die entfernteren Gegenden 
verbreitet. — Bei dem erwähnten Ausbruche des Moni 
Idienne im J. 1817 hatte das heifse saure Wasser des 
ausgestofsenen See's, besonders in dem Landstriche zwi- 
schen dem Berge und der Meeresküste, grofse Verwü- 
stungen angerichtet, und Hr. Rein war dt selbst sah noch 
die durch seine Berührung verdorrten Bäume und Pflan- 
zen in den angränzenden Wäldern. 

Wenn indefs der Umstand, dafs bei den Vulcanen 
der Andes- Kette so selten wahre Lavaströme hervortre- 
ten durch die ungewöhnliche Höhe dieser Berge, deren 
Wände überdiefs noch bis zur Hälfte ihrer Erhebung durch 
den Körper eines Hochlandes befestigt werden, genügend 
erklärt wird, so läfst sich dagegen dieselbe Ursache nicht 
füglich von der gleichen Erscheinung an den Vulcanen 
von Java angeben. Dort liegt höchst wahrscheinlich, wie 
Leop. von Buch schon erwähnt hat*), die vulcanische 
Werkstatt der Oberfläche sehr nahe, und überdiefs noch 
scheint keiner der javanischen Vidcane an Höhe den Aetna 
zu übertreffen, während viele, ja die thätigsten unter ihnen, 
noch um 5 — 600 Toisen darunter zurückbleiben. Und 
doch hat ein volles Dritlheil aller bekannten Lava-Er- 
giefsungen des Aetna, nach Spallanzani's Zeugnifs **)] 
noch aus seinem Gipfel-Crater selbst stattgefunden. Mög- 
lich daher wäre es wohl, dafs auf Java die mannigfache 
Durchlöcherung des Bodens, welche den zahlreichen Gas- 
Quellen und den auf dieser Insel so ausgezeichnet vor- 
kommenden Sahen oder Luft-Vulcanen ***) den Ur- 

*) S. diese Annalen, X. p. 189. 
••) Reisen in beide Sicilien, I. p. 252. 

***) Diese Phänomene, welche ja nicht mit den Schlamm -Aus- 
würfen der wahren Vulcane verwechselt werden dürfen , da sie 



613 

sprang giebt, die Erhebung der Lava bis zu den Aus- 
wurfs - Oeffnungen der Vulcane verhindert; eben so wie 
dieselben Durchbohrungen, nach dem Ausdruck eines 
wohl miterrichteten neueren Naturforschers, füglieh als 
Sicherheits -Klappen (safety valves) *) gegen die Wir- 
kungen der Erdbeben angesehn werden können, deren 
verhältnifsmäfsige Seltenheit auf Java schon von Hoff 
diesem Umstände zuzuschreiben geneigt ist **). 



Noch enthalten die von Hrn van der Boon Mesch 
unternommenen genaueren Beschreibungen der von Hrn. 
Professor Reinwardt aus Java mitgebrachten Gesteins- 
Proben einige bemerkenswerthe neue Thatsachen. 

Die häufigsten derselben waren Basalte, theils frisch, 
theils zersetzt durch die Wirkungen schwefligsaurer Dämpfe, 
Die frischen unter ihnen waren schwarz, durchaus dicht 
und sehr hart, die schwärzesten vom Berge Gede und 
aus der Nähe von Salak. Das specifische Gewicht der- 
selben fand der Verfasser nach einer nicht angegebenen 
Methode: 



Vom Talaga Bodas 


2,786 


Gede 


2,683 


Kramat 


2,723 


Malawar 


2,572 


Lontar 


2,790. 



gewöhnlich im Aufwallen eines thonigen Schlammes in Lagunen 
von salzigem, ol't warmem "Wasser bestehn, zeigen sich, nach 
llorsfield u. a. , auf Java sehr ausgezeichnet zwischen den 
Districten von Grohogan in "W. und von Blora und Jipang in O. 
(Raff /es, 1. p. 23. note. Ann. de Chimie. 1816. IL p. 392.) 
Hr. Reinwardt hat ein ebenfalls sehr bedeutendes dieser Art, 
das die Javanesen Kawa Kar aha nennen, am Berge Kiamis, in der 
Nähe des Gunung Guntur, beschrieben (van d. B. M. p. 41. 
Tsdinb. philos. Journ. VII, p. 32.) 

*) Poulett Scrope considerations on Volcanos , p, 189. 

-) A. a. O. II. P . 443. 



614 

Für wahren Basalt sehr gering *), und doch beun- 
ruhigten alle diese Basalte die Magnetnadel, ja der Ma- 
lawar enthielt selbst, wie Reinwardt schon früher be- 
merkte **), Magneteisen in sichtbaren Körnern einge- 
mengt, und zeigte deutlich magnetische Polarität. 

Von eingemengten Fossilien bemerkte der Verfasser 
in ihnen vorzüglich Körner von Augit (besonders in dem 
von Talaga Bodas und vom Berge Malawar), Olivin, 
von lebhaft grüner Farbe (vom Gede und Salak), Feld- 
spath, in Krystallen und kleinen Nadeln, die sich durch 
lebhaften Glasglanz unterscheiden (besonders ausgezeich- 
net aus den Säulenreihen vom Wasserfalle Lontar in der 
Landschaft Sading), und Hornblende (im Gestein von 
Tjanrassa ). 

Niemals sah der Verfasser bei diesen Basalten ein 
mandelsteinartiges Gefüge. 

Durch die corrodirenden Wirkungen der Säuren 
werden diese Gesteine weifs, weich und thonig, oder 
bekommen das Ansehn von gebranntem Kalk. Man sieht 
sie mit Schwefel impregnirt, und sie hauchen häufig einen 
Schwefelgeruch aus. Ihr specifisches Gewicht wird bis 
auf 1,8 vermindert, und es scheint ihnen vorzugsweise 
der Eisengehalt entzogen zu werden. Doch enthielt ein 
von Hrn. van d. B. M. analysirtes Exemplar aus dem 
Crater des Talaga Bodas noch 5,3 Proc. Eisenoxjd. 

Nächst den Basalten beschreibt der Verfasser aus- 
gezeichneten Dolerit, aus schön krystallisirtem Feldspath, 
der zuweilen porphyrartig darin ausgeschieden vorkommt 
und Augit gebildet, nächstdem noch schwarzgrünen Oli- 
vin, braunen Glimmer und Magneteisen (Titaneisen?) 
führend. Vom Gunimg-Guntur, Patuha und vom Bo- 
den des Flusses Nungnang in der Gegend von Tjihea ***), 

*) Vergl. Lcop. von Buch, -geognostische Briefe über das südl. 
Tyrol, p. 55. sq. und p. 242. 

**) Edinb. philos. Journ. VIL p. 30. 

***) Wir geben, diese Namen mit der Orthographie des Verfas- 
sers, ungeachtet es uns nicht möglich war, viele derselben auf 
der schönen Charte von Haffles -wiederzufinden. 



615 

Unter den durch sa«re Dämpfe zersetzten Bruchstücken 
dieser Gebirgsart, aus dem Crater des Patuha fanden sich 
einige, wie es bekanntlich häufig in den Klüften der Sol- 
fatara bei Neapel geschieht, mit einer Schwefelkies-Kruste 
bedeckt, deren Inneres mit Schwefelkiesen durchzogen 
war, unter welchen sich zuweilen deutlich octaedrische 
Krystalle fanden. 

Klingstein (Phonolit) erscheint hier ebenfalls nicht 
selten als ein gewöhnlicher Begleiter des Basalt. Herr 
van d. B. M. erwähnt vier Vorkommnisse desselben von 
gewöhnlicher Art, vom Berge Salak, von Tjililing, vom 
Berge Palissir bei dem Wasserfalle Tjiguerre, und vom 
Tankuban - Prahu. 

Unstreitig viel wichtiger aber, und bisher stets un- 
bemerkt geblieben , ist das Auftreten von Trachyt, die- 
ser charakteristischen Gebirgsart aller gröfseren Vulcane 
der Erde, deren bedeutungsvolles Auftreten Leop. von 
Buch und Alex, von Humboldt bekanntlich zuerst 
dargethan haben. Der Verfasser beschreibt dergleichen 
vom Berge Tilo (mehr als 6000 Fufs hoch), von Kra- 
wang und Tjiradjas, und aus der Landschaft Sading. Der 
Trachyt vom Tilo ist grau und von granitoidischer Tex- 
tur, aus Körnern und Krystallen von glasigem, weiisem, 
auch röthlichem und bläulichem Feldspath gebildet, und 
enthält nächstdem kleine Krystalle von Hornblende. Sein 
Gewicht ist 2,47 — 2,41. Die Abänderung von Sading 
hat ein porphyrartiges Gefüge, und enthält, aufser glasi- 
gem Feldspath, Augit und Magneteisenstein. Ihre Ei- 
genschwere fand der Verfasser =2,708, 

Wie sich erwarten liefs, so ist auch die stets mit 
trachytischen Gesteinen verbundene Bildung von Bims- 
stein, deren Daseyn auf Java dem Dr. Horsfield noch 
unbekannt zu seyn schien *), den Vulcanen dieser In- 
sel nicht fremd. Unter ihnen haben vorzugsweise Gede 
und Gunung Guntur beträchtliche Menden davon ausge- 

•) Vergl. diese Ann. X. p. 191. 



616 

worfen, und Herr Reinwardt sammelte an den Abhän- 
gen des letzteren Stücke von 1 — 3 Fufs Durchmesser. 
Herr van d. B. M. hat sie beschrieben. Er fand in ihnen 
häufig krystallinische Körner von glasigem Feldspath 
und, was merkwürdig ist, in der einen mehrfach Brocken 
von fettglänzendem Quarz. Interessant erscheint auch 
noch ein Stück Bimsstein voll glänzender Feldspathkry- 
stalle, das völlig auf dem Uebergange in Trachyt steht 
(Jrachytes pumiceus), aus der Landschaft Sading. 

So zeigt sich denn also hier schon auf Java deutli- 
cher, als bisher bekannt war, vorbereitet, was auf dem 
benachbarten Sumatra, näher dem Festlande von Asien, 
so vollkommen entwickelt auftritt, und wohl dürfen wir 
hier nahe unter der basaltischen Decke die primitiven 
Gesteine erwarten. 

Noch mögen wir vielleicht zunächst auf dieses Vor- 
kommen mit Recht das Erscheinen von vulcanischen Glä- 
sern, von wahren Obsidianen beziehn, die Herr Rein- 
wardt, einen eignen kleinen Hügel zusammensetzend, am 
Wege zwischen Lelles und Tjilalinka traf. Der Verfas- 
ser beschreibt sie: schwarz, glasglänzend, theils aus La- 
mellen gebildet, welche mit halb entglasten lichten Strei- 
fen wechseln, wie so häufig die Obsidiane von Lipari, 
theils voll rundlicher Höhlungen, worin oft kleine weifse, 
perlsteinartige Kügelchen. Beide gehören zu der Art des 
Obsidianes, welche vor dem Löthrohr zu weifsem Glase 
schmilzt, doch ist hier nicht davon die Rede, dafs sie 
sieh dabei aufblähen. Die letztgenannte Abart gab bei 
der Analyse folgendes Resultat: 

Kieselerde 79,40 



Thonerde 


11,25 


Kalkerde 


1,75 


Eisenoxyd 


4,30 


Natron 


3,03 


Verlust 


0,27 



100,00. 



617 

Die wahren steinartigen Laven endlich, von wel- 
chen Hr. van d. B. M. vier Abänderungen beschrieben, 
sind sämmtlich vom Gunung Guntur; sie scheinen alle 
zur Classe der basaltischen zu gehören. Denn sie schmel- 
zen vor dem Löthrohr zu dunkelm Glase und sind sämmt- 
lich von dunkler (schwarzer oder brauner) Farbe, dabei 
körnig und porös, und fast immer zugleich magnetisch. 
Ihre häufigsten Einmengungen sind: glasiger Feldspat h, 
nächstdem Körner von Olivin und etwas Glimmer. 

Herr van d. B. M. spricht den Vorsatz aus, eine 
genauere Untersuchung des Schwefels und der salinischen 
Producte der Vulcane von Java zum Gegenstande eines 
zweiten Theiles seiner Schrift zu machen. Wir wünschen 
sehr eine Fortsetzung seiner fleifsigen und erfolgreichen 

Arbeit. 

F. H. 



IX. Neue Untersuchungen über die Endosmose 
und Eacosmose. 



ie Erscheinungen, welche sich zeigen, wenn zwei ver- 
schiedene Flüssigkeiten durch einen porösen Körper ge- 
trennt sind, so wie die ähnlichen, welche Gasarten bei 
Aufbewahrung in gesprungenen Gläsern darbieten, wer- 
den den Lesern ohne Zweifel aus den im Bd. 84. S. 124., 
Bd. 86. S. 153. 481. und Bd. 87. S. 126. 134. 138. mit- 
getheilten Aufsätzen noch gegenwärtig seyn. Wie man 
aus denselben ersehen hat, sind die HH. D ob er ein er, 
Magnus, Poisson und Fischer der Meinung, dafs 
diese Erscheinungen von der Capillarität bedingt werden; 
während Hr. Dutrochet dieselben als Wirkungen der 
Elektricität betrachtet, und zugleich die beiden Ströme, 
welche durch die poröse Scheidewand von jeder der bei- 
den Flüssigkeiten zu der andern übergehen, mit den Na- 
men Endosmose und Exosmose belegt. In den Ann. de 



618 

chirn. et de pliyäq. T. XXXVII. p. 191. bringt derselbe 
mehrere neue Thatsaclien bei, durch welche er die Richtig- 
keit seiner Ansicht für vollends bewiesen ansieht ; nament- 
lich sind es folgende zwei, auf die er das meiste Gewicht 
zu lehren scheint. 

1) Flüssigkeiten, wie Wasser, Alkohol und mehrere 
andere, erheben heifs sich weniger in Haarröhrchen, als 
kalt. Temperaturerhöhung schwächt also die Haarröhr- 
chenkraft. Die Endosmose dagegen, wie Hr. IX durch 
oftmalige Versuche gefunden, nimmt mit der Temperatur 
an Stärke zu. 

2) Füllt man eine, am unteren Ende durch eine 
organische Membrane verschlossene Glasröhre mit deslil- 
liriem Wasser, und stellt sie in ein Gefäi's, welches gleich- 
falls destillirf es Wasser enthält; so wird, wenn man das 
Wasser in der Rohre mit dem negativen Pol einer Vol- 
taschen Säule und das in dem Gefäi'se mit dem positiven 
Pole verbindet, ein Steigen in der Röhre, oder, wie Hr. D. 
sich ausdrückt, eine Endosmose statt finden *). 

6 ) Unter einer etwas andern Form -wurde dieser Versuch schon 
im J. 1816 von Hrn. Porret jun. angestellt. Hr. P. schnitt 
nämlich einen kleinen Glashafen der Länge nach durch, spannte 
über den Schnitt der einen Hälfte eine Blase aus und kittete 
nun beide Hälften wiederum zusammen, so dafs das Gefäfs durch 
die Blase in zwei Zellen getheilt -war. Als er nun "Wasser in 
beide Zellen gofs , und diese mit den Polen eines Trogapparats 
in Verbindung setzte, fand er, dafs das Wasser in der negativen 
Zelle stieg, selbst über das Niveau in der positiven Zelle, ohne dafs 
dadurch die Wasserzersetzung an den Drähten gehindert wurde. 
Der Erfolg war der nämliche, als er, statt der tliierischen Blase, 
ein Stück Papier nahm, welches, nach der Angabe des Dr. Wil- 
son, erst mit Eiweifs bestrichen, und" dann in heifses Wasser 
gesteckt worden war. Hr. P. wirft auch die Frage auf, ob wohl 
diese „elektrische Filtration" in Verein mit den elektro - chemi- 
schen Wirkungen einen Einflijfs in den Poren und Gefäfscn des 
thierischeu Organismus ausüben könnte {Ann. of Philo s. T. flll. 
p. 74.). — Es mag übrigens einer weitern, mit Umsicht gelei- 
teten Untersuchung überlassen bleiben, zu entscheiden, in wie- 



Diefs möchten wohl die stärksten Gründe seyn, wel- 
che Hr. D. für seine Meinung beigebracht hat. Eine 
dritte Thatsache, die er gleichfalls für dieselbe gebraucht, 
nämlich, dafs Platten von porösen Sand- oder Kalkstein 
sich unwirksam bei diesen Erscheinungen erweisen, wäh- 
rend Platten von weifsen gebrannten Thon nach Art der 
thierischen Blase wirken, kann wohl nicht im Ernste als 
Beweis zugelassen werden, dafs man es hier mit Elek- 
tricität und nicht mit Capillarität zu thun habe. 

In dem übrigen Theil seines Aufsatzes setzt Hr. I). 
aus einander, dafs es in Bezug auf diese Erscheinungen 
wirksame und unwirksame Körper giebt, und diefs nicht 
nur unter den Flüssigkeiten, sondern auch unter den star- 
ren Körpern, die als Scheidewand zwischen den Flüssig- 
keiten gebraucht werden. Soll eine Endosmose oder ein 
Steigen in der Röhre statt finden, so müssen beide Flüs- 
sigkeiten nebst der Scheidewand zwischen ihnen zu den 
wirksamen Körpern gehören; die Erscheinung tritt nicht 
ein, sobald nur eins der Elemente unwirksam ist. 

Zu den unwirksamen Flüssigkeiten gehört nach Hrn. I). 
die Schwefelsäure. Bringt man sie, in verdünntem Zu- 
stande, in ein unten durch Blase verschlossenes Glasrohr, 
und stellt diefs Rohr in ein Gefäfs mit reinem Wasser, 
so sinkt die Säure; allein diefs Sinken ist nur eine mecha- 
nische Filtration, in Folge des höheren Niveaus der Säure ; 
denn umgekehrt fällt auch das Wasser, wenn man dieses 
in das Rohr und die Säure in das Gefäfs bringt*). Bei 

fern Hrn. D. Meinung richtig oder irrig sey. Mir scheint die- 
selbe durch die hier angeführten Thatsachen noch nicht erwie- 
sen; denn was namentlich die Erscheinung bei der Voltaschen 
Säule betrifft, so könnte dieselbe wohl eine secundäre Wirkung 
der Elcktricität seyn , woran die Elektricität an sich keinen An- 
theil hätte. - p. 

*) Um das Sinken oder Steigen einer Flüssigkeit sichtbarer zu 
machen, erweitert Hr. D. den untern Theil der Röhre, um wel- 



620 

einer wirklichen Exosmose, wie man z. B. mit einer ver- 
dünnten Gummilösung erhält, wemi sie im Rohre und 
eine concentrirte Gummilösung im Gefäfs enthalten ist, 
geht das Sinken bis unter das Niveau der äufseren Flüs- 
sigkeit, und bei Umkehrung des Versuchs, wenn man 
die concentrirte Lösung in das Rohr bringt, findet in 
diesem ein Steigen statt. Jene Unwirksamkeit theilt übri- 
gens die Schwefelsäure durch ihre Beimischung auch an- 
dern Flüssigkeiten mit. Gummilösung, die in einem mit 
Blase verschlossenen und im Wasser stehenden Rohre 
ansehnlich steigt, fällt dagegen, wenn ihr Schwefelsäure 
beigemischt worden ist. 

Nicht alle Säuren sind jedoch unwirksam. Essig, 
Salpetersäure und vorzüglich Chlorwasserstoffsäure stei- 
gen in einem mit Blase zugebundenen Rohre, wenn sich 
aufserhalb Wasser befindet. 

Zu den unwirksamen, starren Körpern gehören, wie 
schon gesagt, Platten von porösem Sand- oder Kalkstein. 
Weder für sich, als Scheidewand zwischen ungleicharti- 
gen Flüssigkeiten gebraucht, noch unter dem Einflufs der 
Voltaschen Säule, als Scheidewand zwischen gleichartigen 
Flüssigkeiten, verhalten sie sich der thierischen Blase 
gleich. Dagegen sind, nach Hrn. D,, Platten von wei- 
fsein gebrannten Thon sehr wirksam. Als derselbe näm- 
lich, bei dem vorhin erwähnten Versuche mit der Vol- 
taschen Säule, eine solche Platte von 9 Millimeter Dicke 
anwandte, stieg das Wasser am negativen Pole sehr rasch 
und so lange, als die Wirkimg der Säule anhielt. Auch 
ohne die Säule, mit heterogenen Flüssigkeiten, bekam 
Hr. D. mittelst einer solchen Thonplatte, von 1 Centi- 
meter Dicke, eine sehr starke Endosmose. 

Durch diese Erfahrungen belehrt, widerruft Hr. D. 
seine frühere Aussage, als sey aufserordentliche Dünn- 
chen die Blase gebunden wird, selir beträchtlich, und versieht 
den obern Theil mit einer Skale. Diefs trichterförmige Instru- 
ment nennt Hr. D. ein Eudosmoraeter. 



621 

heit der Scheidewand eine unumgänglich nothwendige Bc- 
dingiuig zum Auftreten dieser Erscheinungen. Er zeigt 
es an mehreren Beispielen, dafs zwar das Steigen um so 
schwächer ist, je dicker man die Scheidewand nimmt, dafs 
aber die chemische Natur dieser und der Flüssigkeiten 
von weit gröfserem Einflufs hiebci ist. 

Diefs wird gewissermafsen auch dadurch bestätigt, 
dafs, wie Hr. D. gefunden, wirksame Körper unwirksam 
werden können, thierische Membranen der Flüssigkeiten 
z. B. dann, wenn sie in Fäulnifs gerathen. 

Endlich stellt noch Hr. D. als allgemeines Erfahrungs- 
gesetz auf, dafs alle wirksamen, mit Wasser mischbaren 
Flüssigkeiten, sowohl die organischen wie die sogenann- 
ten chemischen, wenn sie durch eine durchdringliche Schei- 
dewand vom Wasser getrennt sind, sich als Flüssigkei- 
ten, die dichter als Wasser sind, verhalten, d. h. dafs 
sie alle eine Endosmose hervorbringen oder in dem Rohre 
steigen. Ueberdiefs nimmt er an, dafs die elektrischen 
Actionen, durch welche nach ihm diese Erscheinungen 
bewirkt werden, im Innern der als Scheidewand dienen- 
den porösen Substanz ihren Sitz haben, und dafs sie des- 
halb nicht am Galvanometer sichtbar sind. Diese Ca- 
pillar- oder Intracapillar-Elektricität, wie Hr. D. sie nennt, 
bringen die capillaren Räume auf zweierlei Art hervor: 
1) durch Wirkimg der beiden Pole einer Voltaschen 
Säule auf die gegenüberliegenden Seiten einer wirksamen 
Scheidewand, und 2) durch die Berührung zweier hete- 
rogenen wirksamen Flüssigkeiten mit den beiden Seiten 
einer solchen Scheidewand. Durch den Contact der Flüs- 
sigkeiten mit dem starren Körper wird diesem der capil- 
lar- elektrische Zustand mitgetheilt, und der so capillar- 
elektrisirte Körper ertheilt den Flüssigkeiten die Impulsion. 



622 



X. XJeber die magnetischen Actionen, die unter 
dem Einflüsse sehr starker Magnetstäbe in 
allen Körpern erregt werden; 

von Hrn. Becquerel. 

(Auszug aus den Ann. de chim. et de phys, XXXVI. p. 337.) 



ie Untersuchung, mit welcher sich der Hr. Verfasser 
in diesem Aufsatz beschäftigt, betrifft jenen magnetischen 
Zustand, der von ihm selbst vor einigen Jahren an Eisen- 
oxyd und Eisenfeilspähnen im Kreise der geschlossenen 
Kette beobachtet (d. Ann. Bd. 84. S. 367.), späterhin 
von Hrn. Prof. Muncke an Messingnadeln zwischen den 
Polen starker Magnetstäbe aufgefunden (d. Ann. Bd. 82. 
S. 361.), und neuerlich von Hrn. Dr. Seebeck unter glei- 
chen Umständen an einer beträchtlichen Anzahl von Kör- 
pern nachgewiesen worden ist (d. Ann. Bd. 86. S. 203.). 

Aus der Abhandlung des Letzteren geht hervor, dafs 
Körper, welche, wie z. B. eisen- und nickelhaltige Legi- 
rungen, dieses Zustandes fähig sind, nicht longitudinal 
magnetisirt werden, wie Eisen und Stahl, sondern trans- 
versal, gleichsam als wären die einzelnen magnetisch 
gewordenen Theilchen beweglich und durch den Magnet- 
stab in die Richtung gedreht, welche eine Magnetnadel 
für sich annehmen würde. Dasselbe zu erweisen, ist die 
Absicht des Hrn. Becquerel m diesem Aufsatz. 

Zu dem Ende vergleicht er die Lage, welche der 
Mittelpunkt einer Nadel von magnetisirtem Stahl oder 
weichem Eisen gegen einen kräftigen Magnetstab haben 
mufs, damit sie sich senkrecht gegen dessen Axe richte, 
mit der Stellung, welche unter ähnlichen Umständen eine 
mit Eisenoxyd gefüllte Patrone oder eine Nadel von Holz 
oder Schellack gegen einen Magnetstab annimmt. Und 
dieser Vergleich führt auch ihn zu dem Schlufs, dafs die 



623 

Magnetisirung, welche Eisen- und Stahlnadeln durch den 
Einflufs starker Magnetstäbe erleiden, darin wesentlich 
von der, welche schwach magnetisirbare Körper anneh- 
men, verschieden ist, dafs jene nach der Länge, diese 
nach der Breite polarisch werden. 

Die Verschiedenheit rührt nach ihm daher, dafs in 
den Körpern, die, wie Eisenoxyd, nur eines schwachen 
Magnetismus fähig sind, die Reaction des Körpers auf sich 
selbst unmerklich, dagegen die Einwirkung des Magnet- 
stabes sehr überwiegend ist. Doch reicht nach ihm die- 
ser Satz allein nicht aus, um die verschiedenen Stellun- 
gen, die ein solcher Körper in der Nähe eines Magnet- 
stabes annimmt, völlig zu erklären, und er verspricht 
daher diesen Gegenstand durch fernere Untersuchungen 
weiter aufzuhellen. Von den Einzelnheiten der gegen- 
wärtigen Arbeit mag hier folgendes ausgehoben seyn. 

Soll eine Nadel magnetisirten Stahls oder Eisens sich 
gegen einen in ihrer Ebene liegenden Magnetstab senk- 
recht stellen, so ist dazu erforderlich, dafs die gleichna- 
migen Pole einander genähert werden, bis zu einer ge- 
wissen Entfernung des Mittelpunkts der Nadel vom Stabe, 
die von dem gemeinschaftlichen Einflufs der Pole des 
Stabes und der Erde auf die Magnetnadel abhängig ist. 
Papierröhren dagegen, die mit Eisenoxyd oder einem Ge- 
menge aus 1 Th. von diesem und 3 Tb. Magneteisenstein 
gefüllt sind, stellen sich vor jedem der Pole des Stabes 
und dicht vor demselben senkrecht gegen ihn. Dasselbe 
ist auch der Fall mit einer Nadel von Holz oder Schel- 
lack, die man zwischen die ungleichnamigen Pole zweier 
starken Magnete gebracht hat. Sogar vor dem Pole eines 
einzigen Magnetstabes stellt sich eine Holznadel senkrecht, 
wenn sie ihm sehr nahe gebracht ist. 

Die mit dem Gemenge von Magneteisenstein gefüllte 
Röhre oscillirt sogar, wenn man sie aus der von ihr an- 
genommenen Lage bringt. Führt man längs derselben 
eine kleine Magnetnadel hin, so findet man, dafs sie 



624 

ihrer ganzen Länge nach auf der einen Seite den entge- 
gengesetzten Magnetismus von dem Pole des Stabes be- 
sitzt. Diefs Gemenge ist also bleibend eines solchen 
Magnetismus fähig. Eisenoxyd, aus salpetersaurem Ei- 
senoxyd bereitet, das für sich sehr wenig magnetisirbar ist, 
erhält schon durch eine Beimischung von -^ Magneteisen- 
stein die Eigenschaft, in der Nachbarschaft eines Poles 
Schwingungen zu machen. Magneteisenstein für sich wirkt 
wie eine Magnetnadel. 

Für eine Magnetnadel, die in der durch einen horizon- 
talenMagnetstab gehenden Verticalebene herumgeführt wird, 
giebt es für jede Höhe ihres Mittelpunktes über dem Stab 
immer einen Horizontalabstand von dessen Polen, bei dem 
sich dieselbe gegen die Axe des Stabes senkrecht stellt. Die 
Stellungen, die unter gleichen Bedingungen eine mit Ei- 
senoxyd oder einem Gemenge von diesem und Magnet- 
eisenstein gefüllte Papierröhre, oder eine Nadel von Holz 
annehmen, sind von denen der Magnetnadel verschieden, 
und nähern sich im Allgemeinen dem Parallelismus mit 
der Axe des Stabes. Doch hat Hr. B. bei der mit dem 
Gemenge gefüllten Röhre bei einer gewissen Lage des- 
selben eine Ablenkung von 82° erhalten, und er hofft 
mit starken Magnetstäben selbst mit Eisenoxyd unter die- 
sen Umständen eine senkrechte Stellung zu bekommen. 



XI. Bemerkungen über TVeinöl, Oxaläther und 
Kohlenwasserstoff; von Hrn. Serullas. 

(i/ourn. de chim. medicalc Ann. IV. p. 207.) *). 



Di 



'ieser Chemiker hat unter dem 31. März 1828 ein 
Schreiben an die Academie der Wissenschaften zu Paris 

ab- 

*) Diese vorläufigen Nachrichten dienen zum Theil zur Bestätigung 
dessen, was ich am Schlüsse der Ahhandlung der HH. Dumas 
und Boullay, S. 107. dies. Bandes, bemerkt habe. P. 



625 

abgesandt, worin er dieselbe von den Resultaten seiner 
Arbeiten über das Weinöl, den Oxaläther und den Koh- 
lenwasserstoff in Kenntnifs setzt. Folgendes sind die 
Hauptresultate dieser Arbeit. 

1. Durch die Einwirkung von Schwefelsäure auf 
Alkohol habe ich eine Flüssigkeit erhalten, die dadurch 
merkwürdig ist, dafs sie nach Reinigimg und Austrock- 
nung eine schöne grüne Farbe annimmt. 

2. Biese Flüssigkeit, welche von Allen bei der Be- 
reitung des Aethers gesehen, aber, mit Ausnahme des Hrn. 
Henne 11, der sie, unter dem Namen Weinöl, sehr wahr- 
scheinlich im Zustande der Unreinheit untersucht hat, ihrer 
Natur nach verkannt worden ist, besteht, wie auch die- 
ser Chemiker angegeben hat, aus Schwefelsäure und Koh- 
lenwasserstoffgas (neutralem schwefelsauren Kohlenwas- 
serstoff), und hält sich ohne Veränderung unter den Um- 
ständen, die ich angeben werde. 

3. Dieser Körper kann unter Umständen, die ich 
nach Belieben hervorbringe, in sauren schwefelsauren 
Kohlenwasserstoff (Schwefelweinsäure) und in leichtes 
Oel (Weinöl) zerfallen. Das letztere ist fähig eine kry- 
stallinische , aus Wasserstoff und Kohlenstoff bestehende 
Substanz (starren Kohlenwasserstoff) zu bilden, die bei 
110° C. schmilzt, sich bei 150° verflüchtigt, in langen 
durchsichtigen Prismen krystallisirt, in Aether löslich ist 
u. s. w. 

4. Das saure Sulfat zerfällt auch gänzlich in Schwe- 
felsäure und leichtes Oel, ohne Entwicklung von schwef- 
liger Säure. 

5. Der Oxaläther, nach dem von den HH. Dumas 
und Boullay in ihrer letzten Abhandlung (S. 436. dies. 
Bd.) gegebenen Verfahren bereitet, enthält eine gewisse 
Menge dieser aus Schwefelsäure und Kohlenwasserstoff 
bestehenden Verbindung, welche durch Sieden und Destil- 
liren über einen Ueberschufs von Bleiglätte nicht gänz- 
lich fortgenommen wird. 

Annal. d. Physik. B. 88. St. 4. J. 1828. St. 4. R r 



626 

6. Der Kohlenwasserstoff ist r was man, wie ich 
glaube, noch nicht angegeben hat, in Alkohol löslich; 
dieser absorbirt davon 1^ seines Volumens *). Man 
kann ihn unverändert daraus abscheiden, entweder durch 
Erwärmung oder augenblicklich durch Schütteln mit einem 
gleichen Volumen Wasser. 

XIL Ueher die Heduction des Arseniks aus 
Schwefelarsenik bei gerichtlich chemischen 
Unters uch im gen. 



B 



ei gerichtlich chemischen Prüfungen einer Substanz auf 
ihren etwaigen Arsenikgehalt, sagt Berzelius in seinem 
8. Jahresberichte S. 125. des Originals, ist bekanntlich 
die Fällung mit Schwcfelwasserstoffgas aus einer sauren 
Flüssigkeit das leichteste Mittel, um Arsenik von thieri- 
schen Stoffen abzuscheiden. Schon im Jahresberichte für 
1825 habe ich gezeigt, wie man das Arsenik aus dem 
Schwefelarsenik darstellen kann; allein da diese Methode 
noch mit einigen Umständlichkeiten verknüpft war, so 
habe ich im Jahresberichte für 1826 noch eine weit ein- 
fachere angeführt, welche darin besteht, dafs man das 
Schwefelarsenik in Dampfgestalt über einen dünnen glü- 
henden Eisendraht streichen läfst **).' Dieser Versuch hat 
indefs das Milsliche, dafs es von ganz unbedeutenden 
Umständen abhängt, ob das Arsenik ausgeschieden wird 
oder mit dem Schwefeleisen verbunden bleibt, und da 

*) Muthmafslich ist hier mit Kohlenwasserstoff das leichte Weinöl 
geraeint. Die Absorption des ölbildenden Gases hat schon T h. 
Saussure bestimmt. Nach ihm nehmen 100 Vol. Alkohol von 
0,84 spec. Gew. bei 18° C. 127 Vol. von diesem Gase auf (dies. 
Ann. Bd. 47. S. 167.). P. 

**) Eine dritte, späterhin von Berzelius angewandte, Methode 
ist den Lesern S. 159. dieses Bandes milgetheilt, wo man auch 
die Nachweisung zu den beiden frühern findet. P. 



627 

man diese Umstände nicht in seiner Gewalt hat, so rnifs- 
glückt die Probe oft, indem alles vom Eisen absorbirt 
wird. Zwar kann man dann die Gegenwart des Arseniks 
dadurch entdecken, dafs man den Stahldraht herausnimmt 
und an offner Luft erhitzt, wo sich dann der Arsenik- 
geruch zu erkennen giebt; allein auch dieses kann unsi- 
cher werden. 

Ich habe deshalb eine Menge Versuche gemacht, um 
zu finden, wie man auf eine sichere Art das Arsenik un- 
mittelbar und ohne Verlust aus dem Schwefelarsenik re- 
dlichen könne, und bin endlich auf folgende Weise zum 
Ziele gelaugt. 

In eine Röhre, die an einem Ende zur Dicke einer 
Stricknadel ausgezogen und an beiden Enden offen ist, 
bringe man das Schwefelarsenik, nachdem man es, wie 
gewöhnlich bei Löthrohrproben, mit einem Ueberschufs 
von kohlensaurem Natron und etwas Wasser zusammen- 
geknetet hat. Da es schwierig ist, dasselbe in der Röhre 
auf die rechte Stelle zu bringen, so streiche man die 
feuchte Masse von der Messerspitze, mittelst welcher das 
Mischen geschehen ist, auf ein kleines Stück einer aus- 
gezogenen Glasröhre, und schiebe dieses in die gröfsere 
Röhre, bis auf einen Zoll von deren ausgezogenem Ende. 
Nun erhitze man sie daselbst, so dafs das Schwefelarse- 
nik mit dem Natronsalz zusammenschmilzt. Hierauf leite 
man einen schwachen Strom von zuvor über Chlorcal- 
cium gegangenem Wasserstoff in die Röhre, und erhitze, 
sobald die Luft ausgetrieben ist, das arsenikschweflige 
Salz bis zum vollen Glühen, mittelst der Flamme einer 
Weingeistlampe, welche man noch gegen das Ende mit 
dem Löthrohre verstarken kann. Das Arsenik wird vom 
Wasserstoff reducirt (was wasserstoffschwefliges Schwe- 
felnatrium giebt), und in dem kalten Theile der Röhre 
abgesetzt, woraus es dann allmälig mittelst der Flamme, 
unter Gasentwicklung, in den verengerten Theil der Röhre 
getrieben werden kann, wo es spiegelnd wird. Auf diese 

Rr* 



628 

Weise kann das Arsenik metallisch und deutlich erkenn- 
bar aus einem unwägbaren Krümchen Schwefelarsenik 
dargestellt werden. 

Es versteht sich von selbst, dafs der Wasserstoff- 
gasstrom recht gemäfsigt gehen mufs, und dafs sowohl 
die Schwefelsäure, als auch das Zink kein Arsenik ent- 
halten darf. Am sichersten ist es, destillirte Schwefel- 
säure oder reine Salzsäure und Eisen zur Entwicklung 
des Gases anzuwenden. 



XIII. Vereinfachte Bereitungsart der phospho- 
richten Säure; von Hrn. Droquet. 

(Auszug aus dem Journ. de chim. medic. Armee IV. p. 220.) 



J^ie gebräuchliche Darstellungsart dieser Säure besteht 
darin, dafs man erst Chlorphosphor im Minimum berei- 
tet und diesen dann in Wasser bringt, wobei durch dop- 
pelte Zersetzung Chlorwasserstoffsäure und phosphorichte 
Säure gebildet werden. Das neue Verfahren vereinigt 
beide Operationen in eine, und erlaubt daher, nach Hrn. D., 
eine beträchtliche Menge der Säure »mit verhältnifsmäfsig 
geringen Kosten zu bereiten. Es ist nachstehendes. 

Man nehme ein 12 bis 15 Zoll langes und 9 bis 
12 Linien im Durchmesser haltendes Glasrohr oder Setz- 
glas (eprouvette ä pied), fülle den vierten oder fünften 
Theil desselben mit Phosphor, und das Uebrige mit destil- 
lirtem Wasser, worauf man das Ganze so weit erwärmt, 
dafs der Phosphor schmilzt. Nun leite man Chlorgas in 
den Apparat und zwar durch ein Rohr, welches bis zum 
Boden des flüssigen Phosphors reicht. Diese Bedingung 
ist unumgänglich , damit das Chlor nicht mit zu wenig 
Phosphor in Berührung komme und dadurch Chlorphos- 
phor in Maximo bilde, denn alsdann entsteht durch des- 
sen Zersetzung Phosphorsäure. Auch mufs man sorgfältig 



629 

alle Luft aus dein Gefäfse entfernen, damit der erhitzte 
Phosphor mit dieser keine Phosphorsäure bilde. Mit 
Beachtung dieser Vorsichtsmafsregeln, läfst man nun das 
Chlorgas in einem mäfsigen Strome so lange hin einstrei- 
chen, bis die Gasblasen aufhören sich in der Flüssigkeit 
zu lösen. Diefs beweist, dafs das Wasser mit der Säure 
gesättigt ist und es sich nicht mehr zersetzen kann, folg- 
lich, dafs auch keine phosphorichte Säure mehr gebildet 
wird. Man hebt alsdann die Säure mit einem Stechhe- 
ber ab, mufs aber darauf sehen, dafs der rückständige 
flüssige Phosphor nicht mit der Luft in Berührung kommt, 
weil er sich sonst entzündet. Will man die Operation 
fortsetzen, so bringt man auf's Neue die nöthige Menge 
Wasser und Phosphor in das Gefäfs, und verfährt wie 
vorhin. Das Einströmen des Chlorgases in den Phos- 
phor ist übrigens mit Entwicklung von Licht und so vie- 
ler W~ärme verbunden, dafs der Phosphor dadurch flüs- 
sig bleibt. 

Um die erhaltene phosphorichte Säure von der bei- 
gemischten Chlorwasserstoffsäure zu befreien, kann man 
sie entweder einsieden, bis sie die Lösung des salpeter- 
sauren Silberoxyds nicht mehr trübt, oder auch im Vacuo 
der Luftpumpe über einer concentrirten Lauge von Aetz- 
kali stehen lassen. Das letzte Verfahren ist nach Hrn. D. 
vorzuziehen, weil man dabei nicht zu befürchten braucht, 
dafs sich die Säure zersetzt. 



XIV. Verfahren um rothe und weiße Purpur 
säure zugleich zu erhalten; 

von Hrn. Quesneeille d. J. 

{Journ. de chim. medical. Ann. IV. p. 225.) 



V V enn man Harnsäure mit Salpetersäure behandelt, so 
bildet sich eine eigentümliche Säure, die nach einander 



630 

von Brugnatelli, Prout und Vauquelin untersucht 
worden ist. 

Prout hat sie nur in Verbindung mit einem Farb- 
stoff gekannt, und Vauquelin ist der erste, welcher 
sie durch ein sinnreiches und leichtes Verfahren gänzlich 
von diesem, nach der Meinung des Dr. Prout, ihr wesent- 
lichen Farbstoff befreit erhalten hat. Das Verfahren des 
Hrn. Quesneville dient den schönen Erfahrungen des 
Hrn. Vauquelin zur Bestätigung. 

Sein Verfahren ist folgendes. Ich nehme, wie er 
sagt, einen grofsen Glaskolben, bringe einen Theil Harn- 
säure hinein, und giefse nach und nach zwei Theile Sal- 
petersäure von 34° B., verdünnt mit 2 Th. Wasser, hinzu. 
Ich halte den Kolben sorgfällig in Eis, damit die Lösung 
sich nicht erhitze, denn dann bildet sich oft Oxalsäure, 
wodurch die Operation verwickelt wird. 

Nachdem die Lösung vollendet ist, sättige ich die 
Flüssigkeit mit Ammoniak, und fälle sie mit basisch essig- 
saurem Bleioxyd. Ich erhalle dadurch einen prächtig ro- 
senrothen Niederschlag, den ich mit vielem kalten Was- 
ser auswasche. Ich bringe ihn hierauf in destillirtes 
Wasser, und lasse einen Strom von Schwefelwasserstoff- 
gas hindr.rchstreichen. In dem Maafse als die Purpur- 
säure sich abscheidet, nimmt die Flüssigkeit eine gesät- 
tigte, sehr schöne Rosenfarbe an, welche sich hält, so- 
bald die Schwefel wasserstoffsäure nicht in Ueberschufs 
da ist. Wenn man also die Purpursäure mit ihrem Farb- 
stoff vereinigt erhalten will, so mufs man dafür sorgen, 
dafs kein Ueberschufs von Schwefelwasserstoff hinein- 
strömt. Will man sie aber weifs haben, so mufs man 
dagegen die Flüssigkeit mit demselben stark sättigen. 
Man iiltrirt alsdann, um das Schwefelblei abzusondern, 
und dampft die filtrirle Flüssigkeit ab, die nur die Pur- 
pursäure enthält. 

Mit ihrem Farbstoff vereinigt, ist diese Säure wenig 
löslich in Alkohol; sie erscheint als ein roscnrolhes Pul- 



631 

ver, welches, wenn man es erhitzt, eine sehr intensiv 
rothe Farbe annimmt, beim Erkalten sie aber wieder ver- 
liert und nur ein blasses Rosenroth behalt. Die weifse 
Säure, welche man auf diese Art erhält, besitzt alle Eigen- 
schaften, welche Hr. Vauquelin an ihr aufgefunden 
hat. Sie ist löslicher in Alkohol, als die erstere, bildet 
mit Ammoniak ein weifses krystallisirtes Salz, schmilzt bei 
einer gelinden Wärme, und macht dann wie Fett Flecke 
auf Papier. 

Die nach dem Verfahren des Hrn. Quesneville 
erhaltene Säure ist also, wie man sieht, identisch mit 
der aus dem purpursauren Kalk, allein diefs Verfahren 
ist schneller auszuführen, und hat überdiefs den Vortheil, 
dafs es sowohl weifse als rothe Purpursäure und beide 
in gröfserer Menge giebt. 



Berichtigungen zum Mineralsysteme von 
B e r z e 1 i u s. 

Seite 12. Zeile 1. lies: Eukairit statt Enkairit. 

— 12. Z. 2. 1. Selenblei-Quecksilber st. Selenkupfer-Queck- 

silber. 

— 13. Z. 2. v. u. ist einzuschalten: Arsenichtschwefliges 

Schwefelnickel mit unterantimonichtschwetligem Schwe- 
felnickel ? IV ickelspiesglanzerz. 

— 15. Z. 15. v. u. ist einzuschalten: Kieselerde, Quarz . . . Si 

— 16. Z. 14. heifst die Formel f. Neuntel-kieselsaures Man- 

ganoxyd . . . Mn s Si 

— 17. Z. 10. heifst die Form. f. d. Cyanit . . . AI 2 Si 

— 17. Z. 16. heifst d. F. f. d. Apophyllit: K Si 2 -f 8CaSi-j-16H 

— 17. Z. 18. heifst d. F. f. d. Mesotyp: NaSi+3AlSi-f 2H 

— 18. Z. 10. heifst d. F. f. d. Feldspath: KSi-fAlSi* 

— 18. Z. 20. lies zwei drittel statt halb 

K 3 "1 

— 19. Z. 16. heifst d. Formel f. d. Elaeolith • > Si-f 3 AlSi 

Na 3 J ' 

— 19. Z. 19. gehört die Form. Na J Si-f 3ALSi zum Nephelin 

— 19. Z. 20. lies: Kalkerde statt Talkerde 

— 20. Z. 18. 1. zwei drittel st. halb 



632 

Seite 20. Zeile 25. lies zwei drittel statt halb 

.... Mg 3 1 fSl 2 

— 21. Z. 14. heißt d. Formel CaSi+- ö >{.,,» 

Fe 3 J V_A1 5 

— 21. Z. 25. v. u. lies: zwei drittel statt halb 

— 22. Z. 5. 1. Silicat st. bisilicat 

— 22. Z. 12. 1. in der Formel AI st. A 

— 22. Z. 17. 1. Kalkerde st. Talkerde 

— 22. Z. 18. in der Formel 4Fe 3 Si statt 4FeSi 

— 24. Z. 5. in d. F. 1. -f 8[Mg 3 Si-j-ÄlSiJ statt + [MgSi-f AlSi] 

— 24. Z. 6. heifst d. F. f. d. Broddbo-Granat =Fe 3 Si a -f ÄlSi 

-f[Mg 3 Si-fÄlSi] 

— 24. Z. 1. v. u. lies: Karpholith statt Karpolith 

— 25. Z. 10. v. u. 1. sechstel -kieseis. Ceroxydul st. sechstel- 

kiesels. Uranoxydul 

— 28. Z. 3. v. u. heifst d. Form. f. Rothbleierz =PbCh 

— 29. Z. 2. heifst d. F. f. d. Vauquelinit = Cu 3 Ch+2Pb 3 Ch 

— 29. Z. 8. heifst d. F. f. d. Datolith =:CaRo-j-CaSi 2 -f H 

— 31. nach Z. 10. v. u. ist einzuschalten: Halb- phosphor- 

saures Manganoxydul- Eisenoxydul . . . Mn 4 P-}~F' e *P' 

— 32. Z. 9. lies: Ba 3 P statt Ba 3 P 

— 32. Z. 7. v. u. fehlt für Gyps d. Formel CaS'4-2B 

— 32. Z. 6. v. u. lies: 7H statt 6H 

— 33. Z. 5. 1. 7H st. 6H 

— 33. nach Z. 6. ist einzuschalten: Rother Vitriol, Bolryo- 

gen . . . Fe 3 S 2 +3F 8^+360 

— 33. nach Z. 11. ist einzuschalten: schwefelsaures Kupfer- 

oxyd, neutrales und basisches . . CuS-J-5H und Cu 3 S 

— 33. Z. 21. in d. F. f. Ammoniakalaun 1. AH 3 S statt AH 3 S 

— 34. Z. 10. heifst d. F. f. d. Pyrosmalith =Fe€l 3 +FeH 6 

+4[FeSi 2 -J-Mn 3 Si 2 ] 

— 34. Z. 1. v. u. heifst die Formel Pb€l-fPbC 

— 35. nach Z. 7. ist einzuschalten: Basisches Fluorcerium von 

Finbo, €eF 3 -f 3€eH 

— 35. Z. 14. in der Formel lies MnMnF statt MnMnF 3 



Im Aufsatze des Prof. Mit seh er lieh, S. 142. Z. 9. u. 13. 
lies d statt P 



Tafil. 



Fig. 2. 





Fig. 3. 



M M 



Fig. 4. 



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Arai . //. P/u/.r. a,. Ckern. .12. B. L-t't. 



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